Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Groddeck >

Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

9. Kapitel.

Der Lumpenwilhelm und Agathes Uhr.

»Guten Morgen auch,« tönte es neben ihm. Das Weltlein fuhr sehr rasch herum, öffnete den Mund, um den Gruß zu erwidern und ach, der Fittich der Tat sank langsam flatternd zu Boden. Der arme Thomas aber starrte verwundert auf die krumme Gestalt eines alten Fuhrknechtes, der seinen Wagen führend, ihm gegenüber stand, die Peitsche zwischen die langen Beine geklemmt, deren eines seltsam steif gehalten wurde. Mit den hohlen Händen schützte er das schwälende Streichholz, mit dem er eben die Pfeife anzünden wollte.

Thomas suchte mit dem Blick nach seiner Feder. Sie lag vom Morgenwind verweht im Schmutz der Straße neben dem struppigen Gaul, der mit dem dicken Kopf nickend tiefsinnig das Symbol des Höhenfluges betrachtete. Weltlein hob wehmütig sein Heiligtum hoch. Kaum gefunden, schon verloren. Was sagt, Ihr Götter, dies Zeichen? Lähmt Ihr die Schwinge schon jetzt, noch ehe sie entfaltet war? So fahre dahin und harre des, der dich würdiger führt.

Eben wollte er die Feder fliegen lassen, da griff der Fuhrmann danach, nahm sie und stach mit dem spitzen Kiel in die Pfeife, den Tabak zu lockern. »Die mußt du mir schenken, hörst du. Die kann ich für den Pfeifenschmirgel brauchen.« Der Kerl hob seinen langen blauen Kittel hoch und versenkte seine Eroberung in eine riesige alte Ledertasche, aus der eine abgebrauchte Wichsbürste und ein zerrissener Straußenfächer hervorragten. Dann sah er mit seinen kleinen schlauen Augen sein Gegenüber an.

»Du denkst wohl auch, der Baum da ist die Penne zum roten Apfel, wo sie dich heute Nacht herausgeschmissen haben. Aber wenn du 'nen Schnaps brauchst, bist du bei mir besser aufgehoben. Willst du mitfahren?«

Weltlein war im ersten Moment von der vertraulichen Anrede ganz überrascht und, die Wahrheit zu sagen, sogar empört, aber noch ehe er dazu kam, seine Würde zu offenbaren, fiel ihm ein, daß eine Schicksalsfügung vor ihm stehen könne. Er beschloß, sie auf sich zu nehmen. »Wenn da Platz ist,« sagte er, »ganz gern.«

41 »Dann steige nur auf! Platz ist schon, ich fahre nach Griesbach Lumpen holen, kann auch einen mitbringen; das geht in einem hin.«

Thomas stand schon mit einem Beine auf dem Rade. Die neue Dreistigkeit brachte jedoch seine Geduld ins Wanken. »Wofür halten Sie mich,« fragte er sehr von oben herab.

»Na, na, machen Sie sich man nicht dicke. Was Sauberes sind Sie schon mal nicht. So 'ne Hosen, wie diese Hosen lägen besser hinten im Lumpensack, als daß Sie Ihre schönen Beine zeigen, und das Gesicht, das Sie machen, könnten Sie auch erst waschen, ehe Sie hier Freundlichkeiten mit Grobigkeiten und Siezereien gut machen. Und nun runter hier mit dem Bein, sonst –« Er hob drohend die Peitsche.

Also kräftig gemahnt prüfte Herr Weltlein zum ersten Male seit seiner Verwandlung seinen äußeren Menschen. Wahrhaftig er sah aus wie ein echter Stromer. Er hatte sein Jagdkleid an, das in manchem Kampf durch Schwefelsäure und Petroleum arg verwüstet war, und zum Überfluß hatten Agathes Spalierstangen noch ein großes Dreieck aus den schadhaften Beinen herausgerissen. Es sah schon arg aus, das mußte wahr sein, und wenn sein Gesicht auch einige Schattierungen lichter sein mochte als seine Hände, schmutzig war es gewiß. Rasch gefaßt streckte er die schmierige Hand dem Lumpensammler entgegen und lachte.

»Recht hast du, Bruder,« sagte er. »Ein echter Lump bin ich und gehöre zu dir. Müde bin ich auch, so nimm mich mit; sollst auch etwas dafür zum Lohn haben.« Er suchte in den Hosentaschen herum, fand jedoch nichts als das Sein und Werden und seine goldene Uhr, die er wie gewöhnlich ohne Kette mit sich trug. Diese gänzliche Armut erschreckte ihn, und jetzt erschien es ihm plötzlich dringend nötig, so rasch als möglich in die Kreisstadt zu kommen, um dort bei seinem Bankier und Freunde Geld zu erheben. Der Lumpenkarren mußte ihn mitnehmen. Das war beschlossene Sache.

Er zog die Uhr hervor und sagte: »Siehst du, hier habe ich etwas, das ist gut für die Fahrt, nicht wahr? Die versetze ich in Griesbach, und wenn du mich bis dorthin mitnimmst, bekommst du dein Teil.«

42 Der Lumpensammler kniff das rechte Auge zu und pfiff schneidend zwischen den Zähnen. »Man rauf,« sagte er, »mir ist's recht«.

Die Beiden nahmen nebeneinander Platz und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Seit die Uhr zum Vorschein gekommen war, fühlte der Lumpensammler eine merkwürdige, stets wachsende Freundschaft zu seinem Kameraden. »Nun wollen wir es uns bequem machen,« sagte er. Aus der Tiefe seiner Ledertasche brachte er den versprochenen Schnaps hervor, dazu ein Stück Brot und eine Knackwurst, die er brüderlich mit Thomas teilte.

Der saß vergnügt, gleichzeitig seinen Hunger und sein Verlangen nach der Weltanschauung eines Lumpensammlers zu stillen, auf einem alten Sack, ließ die Beine auf die Deichsel hinabbaumeln und hieb wacker ein. Ihm war so froh zumute, als ob er niemals etwas anderes gekannt hätte als dieses gemächliche Vagabundenleben. Schon war die Wurst verschwunden. Bevor er jedoch den letzten Bissen Brot in den Mund steckte, hielt Thomas tiefsinnig inne.

»Wie wenig bedarf doch der Mensch,« sagte er, »wie glücklich ist er, wenn er nichts besitzt! Glaube mir, Freund: das Schlimmste, was dem Menschen begegnen kann, ist, etwas sein eigen zu nennen. Wo das Gold zum Tore hineinzieht, da kriecht die Sorge hinterdrein durch das Schlüsselloch. Verschenke, was du hast, das ist die tiefste Lebensweisheit. Gewiß, man muß seine Blöße decken und dem Magen etwas zu tun geben. Aber eine zerrissene Hose genügt, und ich muß sagen, dieses Stück Brot hat mir so gut geschmeckt wie –«

»Wie ein fetter Hammel,« fiel der Gefährte. ein. »Aber ein Schnaps ist auch nicht zu verachten; trink aus, alter Onkel!« und damit reichte er dem Redner die Flasche.

Thomas ließ sich nicht aus seiner feierlichen Stimmung bringen, beide Hände auf die Knie gestützt, in der einen die Brotrinde, in der anderen den Schnaps, saß er da und blickte ernst in das Land. »In solchen Augenblicken,« fuhr er fort, »empfinde ich ganz die Wahrheit der göttlichen Lehre: Selig sind die Armen. Wenn ich bedenke, welch ein Gefühl der Zufriedenheit mich jetzt durchströmt, hier mitten zwischen den Lumpen, die die Menschen achtlos auf den Kehricht werfen, so danke ich dem Himmel, der mich so weise 43 geführt hat. Ich habe da vorhin in deiner herrlichen Tasche, die mir jetzt wie die Quelle aller menschlichen Einsicht erscheint, eine Wichsbürste gesehen. Welch ein Haufen Sorge steckt selbst in einem so einfachen Werkzeug. Da gibt es Menschen, die ihr Leben damit zubringen, als Bürstenbinder oder Arbeiter in irgend einer Fabrik Borsten in Holz zu kleben, bloß damit Wichse auf Stiefel geschmiert werden kann. Ich bitte dich, hat dazu der liebe Gott Menschen geschaffen, damit sie Tag ein Tag aus nichts anderes denken und empfinden als Borsten? Nimm nur die vielen Flüche, die feine Herren gen Himmel schleudern, weil ihnen der Hausknecht die Stiefel nicht blank genug putzte. Nimm den ehelichen Zwist, der schon am frühen Morgen den heiteren Frieden häuslichen Glückes stört, weil die Magd nicht rechtzeitig das Schuhzeug brachte. Betrachte die Damen auf der Straße, mit welcher Sorgfalt sie um die Pfützen herum gehen, damit ihre glänzende Fußbekleidung ja kein Fleckchen treffe. Mit der Hälfte dieser Mühe, auf edle Zwecke gerichtet, könnte eine solche Frau ein Geschlecht erziehen, dem nichts unmöglich wäre. Bedenke nur, welch ein Troß dazu gehört, um wirklich reine Schuhe zu haben. Wer das will, der muß Wagen und Pferde besitzen, ein Kutscher muß herbei, und wo ein Kutscher ist, da ist auch eine Köchin und ein Stubenmädchen, da wird denn bald selbst bei den Besten das Wichtigste im Leben, was man essen soll, damit die Köchin doch beschäftigt sei, wie man dem Mädchen es angewöhnt, zierlich Tassen zu reichen, wie man das gute Porzellan vor ihren mörderischen Händen schützt. Der Blick der Mutter, der die Seele des Kindes ist, fliegt in alle Ecken um Staub zu suchen, das Auge des Vaters, das den Kindern voranleuchten sollte, späht gierig nach Gelegenheiten, Verdienst zu schaffen. Warum? Weil es Wichsbürsten in der Welt gibt. Ist es nicht viel besser, wie wir es haben, du und ich, wir mit unseren schmutzigen Stiefeln? Auf den Kehrichthaufen gehört die Bürste; da erst ist ihr Platz. Glaube mir, das größte Unglück des Menschen ist der Besitz.« Er hielt inne und steckte die Brotrinde in den Mund.

Der Lumpensammler rückte ihm näher. »Wenn es dir gar so arg ist, etwas zu haben, kannst du mir die Uhr geben.«

Thomas drehte ihm das Gesicht zu. »Nein,« sagte er ruhig, 44 »die brauche ich. Aber störe mich nicht! Ich habe früher den Satz nicht begriffen: Eigentum ist Diebstahl; habe ihn sogar lächerlich gefunden. Aber jetzt begreife ich ihn. Jawohl es ist Diebstahl, Diebstahl am Gut des Nächsten, an der edlen Seele des Menschen, an dem wahrhaft Göttlichen, an den hohen Aufgaben, für die ein jeder geboren ist. Ja ich gehe noch weiter. Eigentum ist Diebstahl, das ist richtig; das andere ist aber ebenso wahr und weit wichtiger: man soll dem, der Geld hat, es nehmen. Nur so befreit man ihn von der Last, der Angst und Sorge, macht ihn zum wahren Menschen, wie ihn Gott gewollt hat. Ja, in diesem Sinne kann man sagen: der Diebstahl ist eine Pflicht jedes anständigen Menschen.«

Wieder rückte der blaue Fuhrmann auf seinem Sitz. »Wo hast du eigentlich die Uhr her?« fragte er.

»Die Uhr? Sie gehört mir. Sie ist ein Geschenk meiner Schwester. Die gute Agathe.« Thomas griff in die Tasche, holte die Uhr heraus und betrachtete sie zärtlich.

Sein neuer Freund griff danach. »Zeig' sie mal,« sagte er. Thomas hielt sie ihm hin, ließ sie aber nicht aus den Fingern.

»Die ist gut ihre 300 Mark wert,« sagte der Kittelmann und tippte mit dem Finger darauf.

Thomas empfand diese Berührung unangenehm. Mit einer Bewegung des Ekels steckte er die Uhr wieder ein.

»Wohl möglich,« sagte er, »aber ich bin müde. Hier hinten ist Platz zum Liegen. Weck mich, wenn die Stadt kommt.« Er erhob sich und streckte sich lang in dem Wagen aus.

Der Fuhrmann starrte lange vor sich hin, plötzlich gab er dem Pferde einen Schlag, spuckte aus und drehte sich nach seinem Gast um. »Wenn du die Uhr da versetzt, was gibst du mir ab?« fragte er.

Thomas blinzelte gen Himmel. Ihm war wohl zu Mut und behaglich sagte er: »Nun auf ein, zwei Thaler soll es mir nicht ankommen,« dann schloß er die Augen und schlief ein.

Der Kutscher saß wieder regungslos, dem Pferde zwischen die Ohren schauend, dann spuckte er noch einmal und murmelte: »Hättest du Halbpart gemacht, wäre es gegangen. So aber – Gerechtigkeit nimm deinen Lauf.« 45

 


 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.