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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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8

Er sah ganz klar.

Er begriff plötzlich alles. Er täuschte sich nicht mehr. Er erblickte alles in anderem Lichte, dem grellen, nüchternen Lichte der Wirklichkeit. –

Er war ein Narr gewesen.

Ein Narr, als er geglaubt, daß er die Welt erobern könne mit seinen Siegen. Ein Narr, als er wähnte, sie drehte sich forthin nur noch um ihn, nachdem er diese Siege errungen. Ein Narr, als er sich einbildete, er sei der allmächtige und unbezwingliche Sieger. Und der größte aller Narren, als er von diesem Tage eine unerhörte Wendung der Dinge erwartet.

Er kannte doch das Schwimmerleben und wußte, wie es in ihm zuging! – Wie im Leben des Tages, so auch dort überall gegenseitiger Neid und Haß! Hatte er ihn nicht in aller Blicken gelesen? – Nie würde man ihm diesen Sieg vergessen. Daß er gewagt, seine eigenen Wege zu gehen, war schon ein Vergehen gegen die Gewohnheit des Herkommens; daß er aber als einzelner Schwimmer den großen Preis an sich gerissen, der doch von Rechts wegen einem Klub gehören sollte, das war ein Verbrechen, das man ihm nie verzeihen würde.

Und wie hatte er auch nur eine Minute glauben können, daß sein alter Klub ihn wieder aufnehmen, ja zuerst zu ihm kommen und ihm gar noch die Ehrenmitgliedschaft antragen würden? – Gerade die 79er waren es doch, denen am wenigsten noch von allen Klubs an den Preisen lag – das wußte er doch am besten! – Er war von ihnen gegangen, und damit war alles zu Ende gewesen zwischen ihm und den Genossen seiner Jugend. Das war es gewesen, worunter er mehr gelitten, als er es sich jemals selbst zugestanden. An dem Schmerz, als er an ihnen vorbeiging und seine Blicke unerwidert geblieben waren, hatte er gefühlt, wieviel er in diesem letzten Jahre innerlich entbehrt. Er wußte es jetzt: nicht um die Ehre, nicht um die Preise, nicht um seinen Namen hatte er gekämpft, sondern um seinen alten Klub. Um seine alte Liebe, um die Wiederkehr jener glücklichen Stunden im Kreise der Freunde, um das trauliche und schöne Beisammensein mit ihnen in allen Stunden, um ihre Achtung und Freundschaft... Um alles, was seinem Leben jahrelang Wärme und Licht verliehen – um sein Leben hatte er gekämpft.

Dafür hatte er zu siegen gehofft.

Er hatte gesiegt.

Und er hatte verloren.

Sie würden ihn nicht wiedernehmen, auch wenn er selbst zu ihnen zurückkehren wollte; und wenn sie ihn aufnehmen würden, dann war alles anders geworden. –

Was nun aber? –

So ging es doch nicht weiter.

Er täuschte sich nicht mehr, und er wußte jetzt, wie furchtbar er gelitten in dieser letzten Zeit. So konnte er nicht weiterleben. Er konnte die Einsamkeit einfach nicht mehr ertragen.

Gewiß: es standen ihm andere, die besten Klubs offen. Nichts lag vor, was seinen Eintritt hinderte, und nach dem heutigen Siege würden sich gar bald die gehässigen in freundliche Mienen verwandeln und sich ihm überall die Hände entgegenstrecken, wo er sie nur ergreifen wollte. Aber es würde niemals wieder so werden, wie es gewesen war. Er würde so sein, wie im »Hecht«: ein Fremder unter Fremden.

Aber was sollte denn nun werden? – Ihm begann vor der Zukunft zu grauen, denn er sah jetzt in allem ganz klar.

Er erkannte, wie sehr er sich zunächst in bezug auf sich selbst getäuscht. Allmählich in diesen letzten Jahren, und immer mehr und mehr, hatte er sich daran gewöhnt, nur sich zu sehen, nur seine Siege, nur seine Triumphe. So war er dahin gekommen, den Erfolgen anderer keine Bedeutung beizulegen, sie zu übersehen, soweit es anging. Gewiß, darüber war kein Zweifel: sein Name war der berühmteste unter allen, sein Erfolg beispiellos, sein Ruhm weiter gedrungen, als der Ruhm irgendeines deutschen Schwimmers bisher...

Aber wieviel andere Namen wurden nicht auch neben, nicht mit dem seinen zusammen genannt, wenn man von den Meistern des Schwimmens sprach: alte Namen und neue, alle Tage neue... Er war nicht der einzige, der Meister hieß. Da gab es eine Menge von Meisterschaften, selbst in Deutschland, die in anderen Händen waren, an denen er sich nicht beteiligt hatte, gar nicht hatte beteiligen können, schon allein, weil Zeit und Raumentfernung und Satzungen es verboten. Da gab es ferner die Meisterschaften im Mehrkampf, unter denen er nur eine einzige, die bei seinem ersten und letzten Versuch errungene, sein eigen nannte. Dann endlich die Springmeisterschaften... Doch daran mochte er gar nicht mehr denken! – Also: nicht auf einer Brust wurden alle Ehren vereinigt. Genug, daß die seine die höchsten trug. Er hatte einen Namen, den besten und berühmtesten. Aber es war doch nur ein Name neben und mit anderen.

Noch immer der erste. Heute mehr als je der erste, und nach diesem letzten Siege lauter genannt, als jemals zuvor. – Aber wie lange noch? –

Denn auch darin sah Felder jetzt zum ersten Male klar: daß es eine Grenze gab, über die keiner hinauskam. Nie hatte er sich das selbst gegenüber eingestanden, nie daran auch nur denken wollen... Aber jetzt täuschte er sich auch hierin nicht mehr, und manches Wort fiel ihm ein, das Nagel und auch andere schon vor Jahren warnend zu ihm gesprochen.

Wie lange dauerte denn die Siegeslaufbahn einer Sportgroße? – So lange, wie seine beste Kraft. Eine Reihe von Jahren, ein paar weniger, ein paar mehr. Aber über ein gewisses Maß ging es nie hinaus.

Und im Schwimmen? – Wenn einer dieselben Meisterschaften und einige Wanderpreise drei Jahre hintereinander errang, so war das schon eine große Ausnahme. Meist kam irgendeine andere Kraft dazwischen und entriß sie ihm vor der Entscheidung. – Wenn ein Schwimmer ein paar Jahre lang die Meisterschaft über die kurze oder lange Strecke, oder in irgendeiner besonderen Art des Schwimmens, in der er es zur besonderen Fertigkeit gebracht, behauptete, so war das gerade genug. Sicher war kein Sieg, und je zahlreicher sie sich auf eine Person häuften, um so näher lag die Gefahr, daß diese bald von ihrem Platze verdrängt werden würde. War einer aber gar, wie Felder, jahrelang der überall Siegreiche, überall Gefürchtete und Beneidete gewesen, dann waren sie alle hinter ihm her, sie, die »auch etwas konnten«, und es galt, sich zu verteidigen nach links und rechts und keinen der Gegner aus den Augen zu lassen.

Das war nicht leicht. Jetzt erst fühlte Felder, wie schwer es war, wieviel schwerer es wurde von Jahr zu Jahr! –

Eine Zeitlang hatte er sich auch hierüber täuschen können. In stolze Sicherheit gewiegt, hatte er sich für unüberwindlich gehalten, bis ihm die Augen geöffnet wurden. In erster Bestürzung wollte er die Schuld einer Abnahme seiner Kraft und sich selbst zuschreiben. Längst wußte er, daß er sich auch darin geirrt. Sein eigener lässiger Hochmut und Dünkel, das waren die hauptsächlichsten Gründe, die alles verschuldet, was geschehen war.

Er besaß sie nicht mehr: nicht Hochmut, nicht Dünkel mehr. Er wußte seit langem wieder, was auf dem Spiele stand, und wie es zu ringen galt, um sich auf der neu gewonnenen Höhe zu behaupten. Er war bereit. Wie am ersten Tage der kleine Knabe bereit gewesen war, an seinen ersten kleinen Sieg seine ganze, kleine Kraft zu setzen – so war er willig, jetzt zu ringen um seine letzten Siege. Aber wozu? – Und für wen? –

Die Freude an Siegen war dahin, die er mit niemandem mehr teilen konnte. Nicht nur mehr gefürchtet und beneidet, gehaßt würden seine Siege werden, wenn er sie in dieser Weise weiter erfocht. Man würde sie ihm erschweren auf alle Weise. Hatte er nicht heute erlebt, wie man wie auf geheime Abmachung hin ihn überall auch dort ostentativ geschnitten, wo er nicht das geringste verschuldet? – Hatte nicht Feindseligkeit, ja Haß gegen den »Einzelschwimmer« in den Blicken gelegen? – Ruhiger geworden, sagte er sich, daß auch der Zufall, der Ausbruch des Regens und andere Umstände mitgewirkt hatten, um ihm diese furchtbare Enttäuschung zu bereiten. Sonst würden doch der eine oder andere von seinen älteren Bekannten aus irgendeinem der befreundeten Klubs und sicherlich auch die passiven Sportfreunde und die Kenner, wie zum Beispiel sein alter Bewunderer, der Berichterstatter des »Welt-Sport«, und andere zu ihm gekommen sein.

Aber die allgemeine Animosität gegen den »Einzelschwimmer« würde immer bestehen bleiben, und allgemeine Freude würden seine Siege nie mehr hervorrufen. Sollte er immer so stehen bleiben, er, der Einzelne, gegen die geschlossenen Mächte der Klubs?

Und die anderen Träume, in die er sich gewiegt in dieser letzten, einsamen Zeit – waren sie nicht ebenso haltlos und töricht? – Nach England wollte er gehen? – Ganz allein, ohne Kenntnis der Sprache in das fremde Land, um dort sich zu messen mit diesen unbekannten Kräften, von denen er nichts wußte, als daß sie die allerersten der Welt waren? Woher sollte er die Mittel zur Reise nehmen? Und selbst wenn er hinging, wenn er alle Schwierigkeiten überwand – was dann, wenn er unterlag und mit Hohn und Spott heimgeschickt wurde? – Dann war es endgültig aus...

Oder sollte er wirklich die wahnwitzige Idee zur Ausführung bringen und seine Kunst zum Beruf machen? Dem ganzen Sportwesen den Rücken kehren und als Professional die Welt durchreisen? Jede andere Arbeit aufgeben, sich auf einige Dinge bis zur Abnormität einüben und dann von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ziehen und sich als »Artist« anstaunen lassen? – Das war sicherlich die törichtste seiner Einbildungen gewesen, und er lachte sich selbst aus. Das konnte er einfach gar nicht! –

Alles, was also übrigblieb, war, sich noch ein paar Jahre, so lange, wie nur eben möglich, auf der wiedergewonnenen Höhe zu halten, den schmalen, schwindelnden Grat zu verteidigen, bis eines Tages der Abgrund des Vergessens auch ihn verschlang. Denn wie lange konnte die ganze Herrlichkeit noch dauern? – Im besten Falle ein paar Jahre. Dann war auch das vorbei. Dann waren die neuen, frischen, jungen Kräfte ins Feld gerückt, die jetzt bereits in der Stille heranreiften, mit flatternden Fahnen und klingendem Spiel; und wer ihnen nicht selbst klug genug zur rechten Zeit auswich, der wurde einfach überholt, zu Boden gerissen, niedergestampft. Dann würden die ersten wirklichen Niederlagen kommen, die, nach denen es kein Aufstehen mehr gab. Denn während er schon stillstand und über die eigene Kraft nicht mehr hinaus konnte, marschierten jene, und »Platz! – Platz endlich für uns!« war ihr Geschrei. Sie würden siegen, ganz einfach, weil sie jung waren. Ihre neuen Namen würden die alten verschlingen, und noch ein paar Jahre eines letzten, aussichtslosen, verzweifelnden Ringens, in denen der alte Glanz immer mehr und mehr erblaßte, – und alles war vorbei, sie alle miteinander vergessen; und während sie noch weiterlebten, waren sie in Wirklichkeit schon tot, und niemand kümmerte sich mehr um ihre verblaßten Bänder und Medaillen, diese letzten Zeugen einstiger Triumphe, von denen sie nur den geduldigsten ihrer Freunde noch erzählen durften, und auch das nicht, ohne bei ihnen das Gähnen der Langeweile oder das Lächeln des Mitleids hervorzurufen.

So war es bei allen.

So würde es auch bei ihm, bei Franz Felder, sein! –

Denn es gab keine Ausnahme, keine.

Bei den meisten bildete die Militärzeit die Grenze. Diese Jahre einer für den Sport brachgelegten Kraft überstanden nur wenige. Das Abschiedsfest, das der Klub alljährlich seinen einberufenen Mitgliedern gab, bedeutete für die meisten von ihnen auch den Abschied von ihrer sportlichen Laufbahn. Nur wenige hatten nach ihrer Rückkehr noch die Kraft und die Lust, die Ziele ihrer Jugend wieder aufzunehmen und sich in neuen Verhältnissen an neue Kämpfe zu wagen. Viele bewahrten der Sache wohl noch ihr Interesse, aber das Leben forderte sie ein, und wie der Student ins Philisterium, so gingen sie in ihren Beruf, und bald in ihm und der neugegründeten Familie auf.

Nicht alle. Durchaus nicht alle. Es gab manche, die selbst während dieser Militärzeit noch Energie und Lust gefunden hatten, die alte Fertigkeit nicht ganz einschlafen zu lassen und weiterzupflegen. Sie kehrten zurück und waren nach kurzer Zeit wieder auf der alten Höhe. Manche errangen erst jetzt ihre größten Erfolge; bei anderen wieder schien die Übung »in den Waffen« erst ihre ganze Leibeskraft herausgearbeitet zu haben.

Bei Felder traf das alles nicht zu. In seiner ausgesprochenen Einseitigkeit, die nie eine andere Betätigung, als diese eine, erlaubt hatte, die ihn scheitern ließ an jenem Versuch des Springens, graute ihm vor der Zeit, die doch schon so dicht vor ihm lag. Er wußte nicht, wie er sie überstehen sollte: in einer schmutzigen Kaserne ohne Wasser! –

Und wenn er sie überstand – was dann? –

Noch die paar Jahre. Noch eine Zeitlang neue, unerhörte Anstrengungen. Nochmals neue Erfolge, wie dieser heutige, die den verschollenen Namen noch einmal vor die Augen aller stellten, nochmals beneidet, gefürchtet, gehaßt – und dann der unerbittliche Absturz von der Höhe, entweder: schnelles Stürzen oder ein stetes, qualvolles Weichen Schritt für Schritt.

Er täuschte sich nicht mehr. Er sah ganz klar.

Er wußte, er würde es können: die zwei Dienstjahre überstehen, in neues Training treten und sich noch Jahre – länger als irgendeiner vor ihm – auf ehrenvoller Höhe halten. Er brauchte nicht zu verzweifeln. So groß war seine Liebe zur Sache – er hatte sie erprobt; sie würde ihm auch diesmal helfen.

Er wußte, er würde das fast Unmögliche können.

Aber so nicht. Nicht unter diesen Umständen.

Nicht allein, nicht so allein.

Es war vergeblich, es zu versuchen.

Denn die Freude fehlte, die Freude, die ihm Mut und Kraft verliehen, so hoch zu Steigen, die Freude der Hoffnung, die ihm geholfen, die letzte bittere Zeit zu überstehen: die mit anderen geteilte Freude. –

Aber was sollte denn nun werden? –

Er hatte sich rettungslos verstiegen und wußte nicht mehr, wohin.

Wie sollte er nun leben? –

Er fand. keine Antwort.

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