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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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7

In unsäglicher Spannung erwartete Felder seinen Tag. Er lebte nur noch in dem Gedanken an ihn. Nie vorher hatte er mit solcher Sorgfalt sich auf alles vorbereitet.

Seine Meldung war angenommen worden. Natürlich. Sie hätten sie gar nicht abweisen können. Es lag nicht das geringste gegen ihn vor.

Dann wurden die Teilnehmer bekannt gemacht. Felder verschlang die Namen, und er hätte aufschreien mögen vor Freude – das war, was er gewollt, und mehr, als er je zu hoffen gewagt: die allerersten Namen, nicht nur Deutschlands, sondern Europas! – Er kannte alle, vom ersten bis zum letzten! Da war zunächst Riesecker, der der Meister Deutschlands gewesen war bis zur Stunde, wo er ihn zurückgedrängt hatte – aha, jetzt wagte er sich wieder hervor, sein alter Gegner; dann Scarpetta, der Meister Italiens, dem wohl wieder einmal nach einer Niederlage gelüstete; Anton Riegler, der Meister Österreichs und Ungarns zu gleicher Zeit – der Europas würde er nie werden, so lange Felder lebte, Magelsdorffer, der im vorigen Jahre die große Rheinmeisterschaft über 7500 Meter erfochten – er sollte aber doch lieber in seinem heimatlichen Strom bleiben. Dann der junge Nachwuchs: vor allem der junge Magdeburger Seubert wieder – nun, nur nicht so eilig, junger Mann; und auch du nicht, Georg Bauer – ihr jungen Hähne kräht zu früh...

Sie wurden alle kommen, mit Ausnahme der Engländer wieder. Nun, mit denen würde er ja bei der nächsten Gelegenheit noch ein Wort reden...

Sie waren alle da, und Felders innere Freude kannte keine Grenzen. Jetzt erst war er wieder ganz ruhig.

Was für ein Schwimmen sollte das werden! – Langsam, viel zu langsam kam endlich der Tag für den Einsamen heran.

Felder lag im Bett bis gegen Mittag. Mit offenen Augen starrte er die Kränze und Bilder an den Wänden an. Endlich hielt er es nicht mehr aus.

Früh am Nachmittag fuhr er hinaus nach Grünau. In dem kleinen Paket in der Hand trug er sein Trikot. Der Zug war überfüllt mit Ausflüglern.

In Grünau ging er gleich zum Sportplatz und dort hinter den Reihen der Zuschauer entlang zu den ihm so wohlbekannten Auskleidestellen, wo bereits überall Kleider hingen. Er suchte sich die entlegenste freie Ecke und zog sich langsam aus.

Es war vier Uhr. Vor fünf konnte das 600-Meter-Rennen kaum beginnen. Als er das Trikot über seine glühenden Glieder zog, war er noch immer ganz allein in dieser Ecke hier oben. Dieses Trikot hatte er sich für sein heutiges Schwimmen als Einzelschwimmer machen lassen, und wochenlang hatte er darüber nachgedacht, was er wählen sollte und durfte. Endlich hatte er sich entschieden: ganz weiß, nur am Rande mit einem goldenen Streifen; und ebenso die Badehose: ganz weiß, mit goldenen, schmalen Streifen und vorn mit einem einfachen goldenen Stern. Das waren die Farben keines Klubs, das war kein Abzeichen, das war noch von niemand jemals gewählt worden – es sollten die selbstgewählten Farben sein, unter denen er heute für sich ganz allein siegen wollte, heute, dies eine Mal, bevor – – bevor er wieder für andere kämpfen wollte. Leicht und straff legte sich der dünne, fast durchsichtige Stoff um seinen Körper, nur Arme und Beine frei lassend, nirgends beengend, jeder Bewegung nachgebend, wie die Trikots der Akrobaten und Athleten. Felder hätte keine einfacheren und bescheideneren und doch herausfordernd-bedeutungsvolleren Farben wählen können als diese beiden: Weiß und Gold! – -

Noch immer kam niemand, und er stand bereits fertig. Von diesem Fleck aus konnte er nicht nur den ganzen Sportplatz unter sich, sondern weithin die ganze Gegend überblicken. Vor ihm unter den Bäumen fielen die langen Bankreihen stufenförmig bis zum Wasserspiegel nieder, dicht besetzt mit den Zuschauern, um so dichter, je näher der Kampfplatz, alle es sich so bequem wie möglich machend, die Frauen in luftigen Sommerkleidern, die Männer oft in Hemdsärmeln, trinkend, lachend, sich den Schweiß abtrocknend und immer wieder die Aufmerksamkeit den Spielen zuwendend... Kinder, die sich langweilten und balgten, zwischen sich... Weiter unten die Farben der Klubs, die schwarzen Röcke und Fräcke der offiziell Beteiligten, der geladenen Gäste, der Richter, der Veranstalter... dann die nackten, hellen Gestalten der Kämpfer... endlich der abgesteckte Platz mit seinen fahnengeschmückten Gerüsten, die auf Tonnen schwammen... auf dem Sprungbrett die schnell sich ablösenden Gestalten, in seltsamen Formen die Luft durchschneidend und in dem aufspritzenden Wasser verschwindend... Leben, Bewegung überall, überall Kommen und Gehen: der erregte und doch verhaltene Ernst, die gespannte Aufmerksamkeit dieses Festes, nur unterbrochen durch den zeitweiligen, tosenden Jubel der Zuschauer, aber alles gebannt, etwas gelähmt durch die drohende Schwüle dieses Julitages...

Und darüber hinaus die ganze, weite Landschaft, das leuchtende Wasserbecken, hier sich zum See verbreiternd, dort, gegen Westen, sich in trägem Flusse verengernd, an seinen Ufern die menschenüberfüllten Sommergärten, von denen Musik herüberschallte, besät mit Booten und Fahrzeugen, aufweichen die sonntagsfreudigen und arbeitsmüden Großstadtmenschen sich dahintreiben ließen; dann dort drüben das einfache und in seiner Einförmigkeit doch so tiefe Bild dunkler Kiefern und des weißen, märkischen Sandes: die sanften Linien der Müggelberge, gebrochen am Horizonte durch den scharfen Strich eines Aussichtsturmes, aber sonst leise und wellig dahingleitend, in ihrer milden Freundlichkeit mehr geschaffen für den stillen Ernst des Herbstes, als für diese grelle Sonne, der die geraden Stämme regungslos, ohne Erzittern, wie betäubt, standhielten...

Felder wußte nichts von der Schönheit und von der Einförmigkeit dieser Gegend. Er hatte nie etwas anderes gekannt, als sie, und die Bilder seiner Reisen hatte er gesehen, wie andere sie für zehn Pfennig im Automaten sahen. Er sah nur das Wasser. Und es glitzerte und glänzte und lockte und rief; und ungeduldig griff er nach seinem Tuch.

Dies Wasser war seine Heimat; dies Wasser war sein Land. –

Genau war mit Koepke der Zeitpunkt verabredet, an dem dieser ihn abholen sollte: bei Beendigung der sechsten Konkurrenz, des Hindernisschwimmens; spätestens aber vor Beginn der siebenten: des Springens um die Deutschland-Meisterschaft, der als achte dann das große Hauptschwimmen folgen sollte. Zeit genug also. Und Felder war schon fertig. Er wußte, daß Koepke kommen würde. Hierher. Die Ungeduld ergriff ihn. Wurde denn das Sprungbrett dort unten niemals leer? – Immer von neuem erschienen die Springer. Und mit der Ungeduld kam die Angst über ihn, jene Angst, die er nur ein einziges Mal in seinem Leben gespürt: damals, vor seinem ersten großen Siege, an jenem grauen Wintertage, in der trüben Ecke des Winterbades der Wasserfreunde, als er so wie heute darauf wartete, daß man ihn holen sollte.

Aber wie durfte er heute Angst haben! – Und doch fühlte er sie, wie eine Drohung, über sich, und er atmete erleichtert auf, als dort unten eine Bewegung durch die Reihen ging, die das Ende eines Rennens andeutete. Dann stürzten nasse Gestalten herauf, ohne sich um ihn zu kümmern, rissen sich, lachend und lärmend und noch schweratmend von der Arbeit, die Trikots vom Leibe, nach Hemd und Hose greifend, und sogleich er schien auch – pünktlich zur Sekunde – Koepke.

Da fiel die Unruhe von Felders Brust, und hocherhobenen Hauptes, das Badetuch lässig um die Schultern geschlagen, stieg er langsam und ohne sich umzusehen, durch die Reihen der Zuschauer hernieder und schritt auf die Bahn zu. Auch dort vermied er, irgend jemand mit dem Blicke zu streifen, sondern lehnte sich ruhig an das Geländer, das nächste Rennen erwartend, und als es begann, ihm aufmerksam mit den Augen folgend. Aber er fühlte, wie man ihn ansah von allen Seiten; er wußte, daß in diesem Augenblicke aller Augen auf ihm ruhten. Nicht jetzt wollte er ihnen begegnen. Nach dem Siege – dann! – Nur einmal sah er auf und maß mit dem Blicke die lange Bahn, die man für das 6oo-Meter-Rennen besonders abgesteckt hatte. Welche der sieben Nummern war wohl die seine? – Würde er in der Mitte oder an der Seite liegen? –

Die Hitze wurde immer drückender; der Himmel war nicht mehr so rein, wie am Mittag, sondern färbte sich ins Graue, und leichte Wolken lagerten sich hier und da. Er war wie geladen mit Spannung, und ein Gewitter konnte jede Minute losbrechen. Luft und Wasser lagen starr, und die Blätter der Bäume hingen schlaff hernieder. Es war unerträglich, aber alle hielt die Erwartung auf das Kommende aufrecht.

Dann war auch dieses Rennen zu Ende, und irgend jemand, den er nicht kannte, sagte etwas zu Felder, was dieser nicht recht verstand. Ach so, es sollte vor dem Beginne des Wettkampfes das übliche Bild aufgenommen werden. Und er stellte sich auf den bezeichneten Platz, aber erwußte nicht, wer neben ihm stand. War es Scarpetta oder der junge Seubert? Er sah nur immer gerade aus, seine Augen hatten einen ganz starren Ausdruck angenommen, und in diesem Moment sah jeder, der ihn früher gekannt und ihn nun zum ersten Male seit Monaten wiedersah, wie sehr er sich verändert hatte.

Das war nicht mehr das weiche, runde, gutmütige Gesicht Franz Felders, wie man es kannte von früheren Zeiten her und so vielen Bildern, das unbekümmerte Gesicht des Knaben und des glückstrahlenden Jünglings; das war nicht mehr der vertrauende, freundliche Blick, der diesen Zügen auch dann noch geblieben war, als die letzten Jahre schon die Linie der Entschlossenheit bis zur Härte vertieft hatten: das war das frühalte, herbe Gesicht eines Mannes, in dem die Leidenschaften ihre Spuren hinterlassen haben; und in diesen Augen, die über alles hinweg in eine weite Ferne blickten, brannte nur noch das Feuer eines düsteren Willens, der entschlossen war, sich durchzusetzen, und sei es über Leichen... Und wie sein Gesicht, so hatte auch Felders Gestalt alle Weichheit verloren; jetzt sah man deutlich, welche Kraft in dieser hageren Sehnigkeit und in diesen straffen, eisernen Muskeln lag.

Das Bild war aufgenommen. Irgendein anderer, dessen Stimme ihm bekannt in die Ohren schlug, gab Felder die schwarze Mütze und nannte ihm die Nummer seines Platzes – den zweiten links. Aber Felder sah und hörte überhaupt nichts mehr, als nur diese eine Zahl; und während er sich zu ihr durchdrängte, verschwammen alle diese Gesichter um ihn her völlig in ein großes Ganzes – die Starter, die Festteilnehmer, die Sportsleute, die Zuschauer – und erst, als er im Wasser mit der Hand an seiner Nummer lag, kam er wieder zur Besinnung. Jetzt schaute er sich um: links neben ihm als Nummer eins lag der junge Georg Bauer mit seinem lachenden Gesicht, als sei dies Schwimmen ein Spiel; rechts neben ihm, totenblaß und mit aufeinandergebissenen Zähnen Riesecker; dann, als er den Kopf nach hinten bog und empor sah, ob das Zeichen noch nicht gegeben wurde, erkannte er unter den Gesichtern dort oben über ihm, wie im Fluge, aber ganz deutlich vier, fünf Gesichter seiner alten Freunde aus dem S.-C. B. 1879, unter ihnen das ernste Gesicht Nagels.

Aber er durfte jetzt nur noch eines denken; und als er, wie um nichts mehr zu sehen, sein heißes Gesicht für eine kurze Sekunde in das Wasser tauchte, wurde über ihm das Zeichen gegeben. Die anderen hatten bereits abgestoßen.

Mit einem Schlage war er unter ihnen...

Die ersten Längen schwamm er unter dem Bann des einzigen Gedankens, seinen Stil möglichst innezuhalten und sich nicht unnütz auszugeben. Er mußte sich zügeln, so groß war das Übermaß von Kraft in ihm. Über die kurze Strecke – eigentlich immer sein Favoritgebiet – hätte er bereits gewinnen können. Dann kamen ihm in der dritten Länge gegen den Strom zu beiden Seiten die Gegner wieder nach. Er hielt indessen seinen Stil inne, ohne sich zu überhasten, und erst in einer der nächsten – es mußte nach seiner Berechnung die fünfte sein – ergriff ihn die Unruhe, ihn aufgeben zu müssen, da er glaubte, sich sonst nicht behaupten zu können. Eine Länge, die mit dem Strom, wenigstens wollte er es indessen noch versuchen, bevor er dann mit seinem Endspurt etwa Verlorenes wieder einbringen mußte. Er sah sich jetzt nicht mehr um.

Er schwamm, und er wußte, wie gut und sicher er schwamm...

Jetzt noch eine Länge, und dann noch eine. Und während dieser einen, die er für die vorletzte hielt, wurde er die Gegner nicht los. Er fühlte, es war unmöglich auf diese Weise. Er mußte seinen Stil aufgeben und sich durchs Ziel arbeiten, so gut es ging.

Er schlug an.

Und nochmals stieß er ab.

Und jetzt – er fühlte es, wie er am Ende seiner Kraft war. Er würde auch diese Länge noch zu Ende bringen, die wie endlos vor ihm lag, aber so wie die anderen nicht mehr. Wer war denn noch neben ihm?... Er sah zur Seite. Niemand? – Das gab ihm neuen Mut, und er holte zu neuen Stößen aus. Zugleich aber war es ihm, als ob man ihm zurief, und als er nochmals unwillkürlich den Blick erhob, sah er, wie auf dem Seitensteg ein Herr neben ihm herlief, mit den Händen fuchtelte und ihm fortwährend zuschrie: – Genug! – genug! – es ist ja zu Ende! –

Zu Ende? – Was? – Darum lag niemand mehr neben ihm. Er wandte sich um und stieg ans Land.

Die Musik blies immer von neuem Tusch; die ganze Zuschauermenge hatte sich wie ein Mann erhoben und schrie und winkte mit Tüchern und Hüten, und Felder trat in ein wirres Gewühl von durcheinander redenden und durcheinander laufenden Menschen.

Aber wer war es denn, dem man zujubelte? – Wem galt all diese Erregung? – Wer war der Sieger? – Einer konnte es doch nur sein.

Niemand schien es zu wissen.

Nur daß er es nicht war, das sah er! – Niemand kam zu ihm, niemand kümmerte sich um ihn.

Da ging er langsam an dem Ufer entlang und an der Seite der Umzäunung empor zu seinem Platze. Mechanisch kleidete er sich an, und seine Augen hatten wieder den starren, abwesenden Ausdruck. Er war wie zerschlagen. Er begriff noch nichts. Nichts, als das eine; daß er unterlegen war! – Mechanisch streifte er sich das breite Band der Ehrenmitgliedschaft der »Life Saving Society« um den Hals, die höchste Ehrung, die ihm je zuteil geworden war, und die einzige, die er neben den großen goldenen Medaillen seiner Europa-Meisterschaft an diesem bedeutungsvollen Tage angelegt hatte.

Er strich es noch unter dem Rock glatt, als Koepke in höchster Aufregung heraufstürmte.

– Mensch, rief er ihm schon von weitem zu, was wartest du denn nicht! – Na, da unten geht es schön zu!... Aber was wollen sie denn machen! – Du warst es doch nun einmal...

Felder starrte ihn an. Der Kleine wiederholte nur immer in einem fort: – Großartig! – aber wirklich großartig! – Ah, was die sich ärgern dort unten, das ist ja ein Schauspiel für Götter!

Felder begriff noch immer nichts. Er packte ihn am Arme. Er wollte wenigstens wissen, gegen wen er unterlegen war.

– Wer hat gesiegt? – stieß er hervor.

– Wer gesiegt hat.? – schrie da der andere. – Wer gesiegt hat, fragt er, und ist es selbst!

Mit einem Ruck zog Felder die Jacke fest, fuhr mit der Hand durch die Haare und richtete sich auf. Mit einem Blicke übersah er, wie vorhin, das Bild zu seinen Füßen. Es hatte sich völlig geändert.

Vom Himmel fielen, jede Minute dichter, die ersten Tropfen, und ein Teil der Zuschauer hatte bereits die Plätze verlassen. Die übrigen schickten sich an, zu flüchten; die Frauen rafften ihre Kleider zusammen, und die Männer schlüpften in ihre Röcke. Nur dort unten beim Kampfplatz standen dicht zusammen die erregten Gruppen. Selbst von hier oben aus konnte man erkennen, daß etwas Außergewöhnliches geschehen sein mußte.

Langsam von seinem Freunde gefolgt, den Strohhut in der Hand, stieg Felder den Abhang hinunter. Er war wie verwandelt. Er lächelte.

Denn jetzt war seine Stunde gekommen!... Und er hatte nur noch einen Gedanken: möglichst ruhig zu erscheinen, die wilde, unbändige Freude, die ihn wie neugeschenktes Leben durchrann, nicht zu sehr merken zulassen. Aber ganz konnte er sie nicht verbergen: sie lag auf seinen Lippen, sie schien aus seinen Augen, und sein verhärmtes Gesicht bedeckte eine schwache Röte.

Er kam zu der ersten Gruppe, wo heftig durcheinander geschrieen wurde – es war Felder, als ob einige ihn erkannten, schwiegen und ihm Platz machten, als er an ihnen vorbei ging.

Die nächste war die der »Borussia«. Er sah den ihm bekannten Schwimmwart des Vereins an: der wandte sich ab, und die anderen machten ihm Platz.

Er zögerte einen Augenblick. Dann ging er an der Wasserseite entlang auf den Platz zu, wo der Tisch der Veranstalter stand und das Komitee der Richter saß. Sie waren alle beschäftigt, und niemand kümmerte sich um ihn. Er stand vor der großen Tafel, auf der soeben der letzte der drei Sieger angekreidet wurde. Er las zunächst seinen eigenen Namen:

l. Felder . . . . . 10:48

dann weiter:

2. Bauer . . . . . 11:12 2/5

3. Riegler . . . . . 11:20

Der Schreibende wandte sich um, als er seine Arbeit getan, lächelte, als er Felder erkannte, und ging fort, ohne ihn anzusprechen.

Felder atmete schwer. Er fühlte die feuchten Tropfen nicht, die dichter und dichter fielen; er fühlte die drückende Hitze dieses Tages wie nie.

Also Bauer und Riegler! – Welcher Sieg: er hatte den berühmten Meister Österreich-Ungarns gleichermaßen geschlagen, wie die hoffnungsvollste Kraft der Jugend. Er wußte, daß er vorzüglich geschwommen hatte. Wenn die erreichten Zeiten sich so nah lagen – eine Außergewöhnlichkeit bei einem Rennen über eine so lange Strecke – so lag das bei ihm nur daran, weil er durchaus seinen Stil beibehalten hatte. Ohne diese überflüssige Zugabe hätte er leicht heute noch den Weltrekord über 600 Meter – 10:05 1/2 – verbessern können.

Es war ein Sieg wie keiner. Vielleicht sein größter. Weshalb schien man das nicht zu begreifen? – Was sollte das alles überhaupt heißen? – Warum kam man denn nicht zu ihm? –

Auf der linken Seite, der Wasserseite, dem Ufer gegenüber, lagen die für die Klubs und die geladenen Gäste reservierten Plätze. Man saß dort nicht mehr, sondern alles stand dicht durcheinander, kam und ging. Nur die Klubmannschaften bildeten noch einzelne Gruppen.

Dort sah Felder die blau-weißen Farben. Und mit plötzlichem Entschluß drängte er sich durch die Menschen und Stühle, ohne daß ihn jemand beachtete. In seinen Augen war alles Licht erloschen und er lächelte nicht mehr.

Nach ein paar Schritten stand er still. Er konnte nicht weiter. Er wartete. Er stand jetzt der Gruppe so nah, daß man ihn von dort aus sehen mußte.

Jetzt würden sie zu ihm kommen...

Er stand da und wartete, und Koepke, der ihm gefolgt war, ohne zu wissen, wohin Felder wollte, stand neben ihm.

Er hörte die Stimmen, bekannte Stimmen, und er wußte, wer sprach. Das war der Vorsitzende, und das, das – war Nagels ruhige, sichere Stimme.

Niemand kam. Niemand schien nach ihm hinzusehen. Niemand sprach ihn an. Was sollte es bedeuten! – Was konnte das bedeuten? –

Er ertrug es nicht mehr. Und er ging weiter, und dicht an den Mitgliedern des S.-C. B. 1879 vorüber. Er sah sie an und sie sahen ihn an.

Aber keiner grüßte ihn; keiner machte eine Bewegung zu ihm hin.

Er ging weiter. Er begriff noch immer nichts. Aber er fühlte einen Schmerz, wie er ihn noch nie in seinem Leben gefühlt.

Er ging weiter und blieb irgendwo am Geländer stehen, mitten unter den Mitgliedern des »Neptun«, von denen er fast keinen kannte.

Das große Hechttauchen war im Gange. Es regnete schon stark. Ein Kämpfer nach dem anderen erschien am Start: ging ins Wasser, erschien dort halb mit seinem Rücken, aber das Gesicht noch immer unter Wasser, verschwamm sich, fühlte es am Anstoßen, schwamm geradeaus, ging ans Land, wurde beklatscht – Felder sah immer auf das Wasser vor sich und begriff noch immer nichts. Er wartete und wartete und wußte selbst nicht, worauf eigentlich noch....

Dann war auch das Hechttauchen zu Ende, und in die Umstehenden, die – ebenso wie er – ihre Blicke nur auf die unbewegte Wasserfläche geheftet hatten, unter der der Sieg erfochten wurde, kam neue Bewegung.

Da führ auch Felder auf.

Irgend etwas mußte geschehen.

Er mußte Gewißheit haben.

Was ging hier vor um ihn? – Entweder war etwas gegen ihn im Gange, von dem er nichts wußte, oder ein unbegreifliches Mißverständnis – vielleicht auf seiner eigenen Seite – täuschte und verwirrte ihn.

Jedenfalls mußte ein Ende gemacht werden.

Und wieder ging er an seinem alten Klub vorüber. Aber diesmal blickte er nicht vor sich hin, sondern fest und entschlossen sah er von Mann zu Mann – ohne zuerst zu grüßen, den Hut noch immer in der Hand – aber wartend – wartend ... worauf? – Und überall, wohin er auch sah, wich man seinem Blick aus, nicht brüsk und unfreundlich, aber hier in offenbarer Verlegenheit, dort in bewußter Absichtlichkeit, und meistens wie erstaunt. Seine Füße wurden schwer und schwerer. Aber er ging weiter.

An der nächsten Gruppe, der des »Poseidon«, wurden seine Blicke von einzelnen erwidert. Aber nicht freundlich, sondern herausfordernd, mit offenbarer Feindseligkeit, wie er es kaum anders erwartet. Er konnte sich nicht täuschen. Die Worte: »Größenwahn!« – »Verrückt!« – »Der Meisterspringer« – und mehrfach das höhnisch betönte »Einzelschwimmer« klangen zu vernehmlich an sein Ohr. Er hörte es und ging weiter.

Weiter und weiter, den Steg entlang. Und wohin er kam, erkannte und beachtete man ihn entweder gar nicht, oder man machte ihm Platz. Nur als er den »Hechten« näher kam, schien es, als ob der eine oder andere von dort Miene machte, ihm entgegen zu kommen. Aber da wendete er sich ab und schritt schnell zu den nun fast völlig geleerten Sitzreihen.

Außer den Vereinen war nun fast niemand mehr anwesend.

Er suchte die Vertreter der Zeitungen, aber sie mußten bereits gegangen sein.

Nur Koepke war plötzlich wieder neben ihm. Da führ er ihn an: »Was willst du denn noch? – Was läufst du mir denn immer nach? – So laß mich doch endlich einmal in Ruhe!«

Das war selbst für den kleinen Kaufmann zuviel. Mit gekränkter Miene und ohne Antwort ging er von dannen. Felder war jetzt ganz allein.

Noch einmal übersah er das ganze Gelände. Es war fast ganz leer und der dichte Regen schlag durch die Blätter der Bäume. Jedes Interesse schien erlahmt und man trieb zum Biere und zu anderer Unterhaltung.

Dort unten gingen die letzten Wettkämpfe zu Ende. Die Richter saßen unter Regenschirmen, und nur die Buntbemützten harrten bis zu Ende aus.

Da wandte sich Felder zum Gehen.

Er dachte nicht daran, seinen Preis in Empfang zu nehmen.

Er kämpfte nicht mehr um Preise.

Um seinen Namen, um seine Ehre kämpfte er.

Nein, auch das nicht.

Um sein Leben hatte er heute gekämpft, um sein ganzes vergangenes und zukünftiges Leben.

Nie hatte er so gesiegt wie heute.

Und doch war er unterlegen!

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