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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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4

An diesem Tage kam, was kommen mußte: seine erste Niederlage – der Anfang vom Ende.

Seit drei Tagen hatte er sie nicht gesehen, und als er das letztemal bei ihr gewesen war, hatte er sich ihren Umarmungen wortlos und entschieden entzogen, so daß ihr Zusammensein ein ganz kurzes war. Sie biß die Lippen aufeinander, aber sie sagte kein Wort.

Felder kleidete sich heute mit besonderer Sorgfalt an und ließ seine Brust an Bändern und Münzen tragen, was sie nur fassen konnte. Das Armband, bei der täglichen Arbeit so hoch wie möglich hinaufgeschoben und von dem wollenen Hemde so bedeckt, daß es noch von niemand in der Fabrik entdeckt worden war, wurde auf das Handgelenk heruntergezogen und abgerieben, so daß es glänzte und funkelte.

In diesem bei allen so verhaßten Zeichen wollte er heute siegen, und so wollte er siegen, daß nicht nur das letzte Lächeln über »das Armband« verstummen, sondern auch das andere Lachen, das, welches er noch immer in seinen Ohren fühlte, das Lachen jenes schrecklichen Tages, schweigen sollte auf immer, um nie mehr gehört zu werden.

Das erste Fest des »Norddeutschen Schwimmkartells« wollte zugleich das erste sein, das die neuerbaute Schwimmhalle der Stadt Charlottenburg erlebte, und man hoffte, es besonders glänzend zu gestalten, obwohl die größten und angesehensten Berliner Vereine, unter ihnen der S.-C. B. 1879, wie überhaupt alle dem »Verbande« angehörenden Vereine naturgemäß fehlten. Aber es stand von Anfang an unter keinem guten Zeichen. Obwohl die Stadt Charlottenburg ihre Vertreter geschickt hatte, war doch das große Publikum, das sich offenbar an den Winterfesten satt gesehen und die Sommerschwimmen erwarten wollte, nur schwach vertreten und füllte kaum die erste Reihe der weiten Galerien. Zudem war das Wetter miserabel: ein naßkalter, grauer Märztag, und mancher, der gekommen wäre, war noch in letzter Stunde zu Hause geblieben.

Felder war heute pünktlich und verlor sich mit der kleinen Mannschaft der Gelb-Schwarzen in einer Ecke der weiten, schönen Halle, in der bereits jetzt alle Bogenlampen brannten.

Das Programm wickelte sich langsam und ohne besondere Teilnahme von irgendeiner Seite ab. Nur gegen seine Mitte brachte ein unvorhergesehener Zwischenfall etwas Leben unter die Anwesenden. Es war beim Tauchen nach Tellern. Dreißig flache Emailleteller waren bereits dreimal sämtlich aus einer Tiefe von vier Metern hervorgeholt worden – eine hervorragende Leistung – und es schien auch dem Vierten gelingen zu wollen, so lange blieb er unter Wasser.

Felder stand bereits ausgekleidet dicht neben dem Starter und sah zu. Dann merkte er plötzlich mit seinem erfahrenen Blick, daß irgend etwas dort unten nicht in Ordnung war, und als er fragend den neben ihm Stehenden ansah, hörte er auch schon dessen halblaut hervorgepreßten bestimmten Befehl: »Hinunter!« –

Er ging sofort in die Tiefe und sah dort den Taucher bereits bewußtlos mit dem Gesicht nach unten über den zuzammengerafften Tellern liegen. Mit Felder war ein zweiter ins Wasser gegangen, und beide hoben den leblosen Körper bis zur Leiter und an ihr hinauf zum Wasserspiegel, wo er von vielen Händen sofort in die Höhe gezogen und nach hinten getragen wurde.

Als Felder, der erst nach dem nächsten Lauf an die Reihe kam, dorthin folgte, war der Bewußtlose bereits unter den Händen des Arztes wieder zu Atem gekommen, und Felder hörte, wie seine erste Frage der Tellerzahl galt, die er ans Land geschafft zu haben glaubte. Als er vernahm, was geschehen war, wurde er auch noch böse darüber, daß man ihn nicht länger drunten gelassen, denn er würde auch die letzten sicher noch bekommen haben!...

Die andern lachten und ärgerten sich, aber Felder war es nicht ums Lachen. Soweit war es also gekommen, daß diesen jungen Leuten ihr Leben schon nichts mehr galt, wenn es darauf ankam, ihren lächerlichen Ehrgeiz zu befriedigen – so hörte er neben sich einen alten Herrn zu einem anderen sagen; und er mußte sich unwillkürlich fragen: War es mit ihm anders? – Hätte er nicht auch sein Leben um einen Sieg gegeben? – –

Draußen hatte sich die Stimmung der Anwesenden nach dem peinlichen Vorfall nicht gebessert, und man beeilte sich mit der Abwicklung der nächsten Nummern, um die Aufmerksamkeit abzulenken.

Dann kam das große Rennen des Tages mit seinem unerwarteten, in seinen Resultaten geradezu verblüffenden Verlauf, das Hauptschwimmen über 175 Meter, in dem zwei der jüngsten Schwimmer aus dem Nachwuchs die Preise errangen, während nicht nur Wenzel vom »Poseidon«, und Karl Becker, der Meister Süddeutschlands, sondern auch Felder, Franz Felder, der vierfache Meister Berlins, der Meister Deutschlands, der »Champion der Welt«, nicht nur zurück-, sondern überhaupt unplaziert blieben! –

Wie es geschah, wie es geschehen konnte, das Unerhörte – keiner begriff es recht.

Felders Vorsatz ging auf einen glatten Sieg in gutem Stil ohne völlige Kraftausgabe. Er hielt ihn inne während der beiden ersten Längen, gab ihn auf bei der dritten und vergaß ihn völlig bei der vierten. Aber es nützte ihm alles nichts.

Er kam nicht vorwärts. Er sah immer die alten Gegner neben sich, die neuen sich voraus; diese beiden jungen Leute, von denen er den einen nur aus einem einzigen Schwimmen und den anderen überhaupt nicht kannte. Und als er zum letzten Male bei dem plötzlichen Aufhören der Musik wandte und mit seinem wahnsinnigen Seitenschlage den einen fast erreicht hatte, schlug der andere bereits an, und der Sieg war verloren.

Er ging erst ans Ziel gleich hinter dem zweiten.

Was geschehen war, begriff er erst recht, als er den jungen Seubert, keuchend, aber selig, die Glückwünsche in Empfang nehmen sah und in das junge, glückliche Gesicht blickte, das auch ihm zulächelte, als erwarte es auch von ihm ein freundliches Wort oder einen Händedruck.

So, ganz so, etwas verlegen, aber doch mit einer gewissen naiven Selbstverständlichkeit, als gehöre es sich so, hatte er seine ersten Triumphe entgegengenommen und seinen besiegten Gegnern ins Gesicht gesehen.

Er dachte natürlich nicht daran. Er fühlte einzig nur die Schmach, die er – seiner Ansicht nach – in diesem Augenblicke erlitt, wo er seinen Stern lautlos fallen und in den Tiefen verschwinden sah, und das harmlose Lächeln auf dem Gesicht dieses jungen Menschen schien ihm nur Spott und Hohn zu bedeuten, so daß er am liebsten hineingeschlagen hätte.

Kein Mensch kümmerte sich um ihn, keiner trat, wie sonst immer, zu ihm und sprach mit ihm. Mit hastiger Wendung kehrte er sich zu den anderen Schwimmern um, seinen alten Gegnern, mit denen er sich in dieser Minute fast verwandt fühlte. Denn sie erlitten das gleiche. Aber klüger als er waren sie am andern Ende des Bassins ans Land gegangen und so allen Erörterungen entflohen.

Da griff auch er nach seinem Tuch und eilte zu seinen Kleidern. Als er an der ganz bestürzten und heftig debattierenden Gruppe des »Hecht« vorbeikam, wehrte er mit ungeduldiger Gebärde jede Frage und Begleitung von sich.

Er fühlte jetzt nur, daß er allein sein mußte.

Er konnte niemanden um sich haben.

Ohne aufzusehen und ohne sich von einem Menschen zu verabschieden verließ er das Fest. –

Es war noch früh, aber auf den Straßen brannten bereits die gelben und weißen Lichter. Ein dichter und kühler Regen ging nieder wie Staub.

Felder ging die breite, gerade Straße bis zum Tiergarten, er durchschritt ihn auf kotigen, dunklen Wegen, bis er ans Brandenburger Tor kam, ging die Allee der Linden herunter, verlor sich in dem Straßengewühl des Zentrums, immer noch ohne zu wissen, wohin er wollte, und sah erst auf, als der Regen sein heißes Gesicht wie Schläge zu treffen begann. Er war zwei Stunden gegangen wie zwei Minuten. Er wußte es nicht einmal. Er befand sich in der Nähe des Moritzplatzes.

Er mußte allein sein, ganz allein... Schon die wenigen Menschen um ihn herum auf den Straßen störten ihn. Der Name einer alten Weinstube in der Nähe fiel ihm ein. Er war dort ein- oder zweimal früher gewesen, mit seinen Freunden. Vielleicht war das Hinterzimmer frei.

Er traf es so.

Erst als er eintrat und den Überzieher zurückschlug, wurde er gewahr, daß er sich im Schmucke seiner Ehrenzeichen befand, der hastig beim Ankleiden übergestreiften Bänder und der Münzenmenge auf seiner Brust. Schnell verdeckte er sie wieder, und während er seinen Rock auszog, streifte er alles ab und verbarg es in den Taschen, wie geraubtes Gut.

Er war ganz allein in seiner Ecke, nachdem ihm der Wirt den Wein gebracht. Sogar im Vorderzimmer spielten nur ein paar Stammgäste, die sein Eintreten überhaupt nicht bemerkt hatten, einen stillen Skat.

Er trank, sah vor sich hin und grübelte nach. Er konnte es noch immer nicht begreifen, was geschehen war! –

Dann zog er zögernd ein kleines, abgenütztes, in braunes Leder gebundenes Buch aus der Brusttasche, das er stets bei sich trug. Dieses Buch war ihm nach einem seiner ersten Aufsehen erregenden Siege – wie lange war es schon her! – von einem älteren Mitglied seines alten Klubs geschenkt worden, und der Geber hatte ihm dabei gesagt: »Immer können Sie nicht siegen, aber so viele Seiten dieses kleine Buch hat, so viel Siege wünsche ich Ihnen und uns...« Und Felder hatte wie zum Scherz die Seiten gezählt: 103. Koepke nahm das Buch mit nach Hause, und als er es Felder wiedergab, fand dieser in tadelloser Rundschrift und mit kaufmännischer Genauigkeit von Anfang an bis heute seine sämtlichen Beteiligungen an den Festen des Schwimmsports eingetragen: ihren Tag und Ort, ihre Veranstalter, die Art der Konkurrenz und wer an ihr teilnahm, ja die Stunden – alles war registriert und seine Siege schön unterliniert und mit roter Tinte prächtig hervorgehoben: ihre Art, die gemachten Zeiten, die errungenen Preise aufs genaueste verzeichnet... Und jedesmal nach einer neuen Beteiligung oder nach einer Reise erhielt Koepke das kleine, braune Buch, um es am nächsten Tage wieder zurückzugeben, bereichert um ein neues Blatt, das in nüchternen Worten und Zahlen, aber doch so beredt von herrlichen Mühen und herrlichen Siegen sprach.

Über kein Geschenk hatte Felder sich je so gefreut, wie über dieses.

Oft hatte er in stiller Stunde in dem Buche geblättert, aber noch nie hatte er so sorgfältig Blatt um Blatt gewandt, vom ersten bis zum letzten, wie heute. Selten erst, dann immer öfter, endlich fast auf jeder Seite zeigte sich die rote Linie unter seinem Namen, und immer öfter kehrten die Worte wieder: »Erster: Franz Felder...«

Da stand sein Name, immer und immer wieder als der Erste, der Erste..., der Erste! – – und unter ihm standen die Namen seiner Gegner – alle diese berühmten, gefürchteten Namen, die großen Kanonen der Schwimmkunst, aus allen Gegenden Deutschlands und so vielen Ländern Europas... Und immer wieder sein Name über allen als Sieger!...

Er blätterte und blätterte – jedes neue Blatt ein neuer Sieg: ein Lorbeerblattmehr in einem dichten Kranze! –

Fast keine Niederlagen, hier und da ein zweiter Preis, sonst immer nur erste, erste, erste...

Er fing von vorn an und zählte die beschriebenen Seiten: 82. Und er zählte die siegreichen: 73.

Bis zur letzten! – Bis – heute! –

Und auf diesem leeren Blatt, dem dreiundachtzigsten, sollte zum dritten Male nacheinander nicht nur der rote Strich, sondern sein Name überhaupt fehlen – oder es sollte leer bleiben, leer... Nein, das durfte nicht sein! –

Der Schrecken griff plötzlich wieder nach seinem Herzen, derselbe Schrecken, den er vorhin empfunden, als er seine Gegner vor sich sah und fühlte, wie seine Kraft versagte, sie noch zu erreichen; aber nicht die Furcht über die Gefahr einer Niederlage war es gewesen, sondern etwas anderes, ein Neues, ein Unbekanntes: das Erschrecken über etwas Unglaubliches, Unerhörtes – über die Unwillfährigkeit seiner Kraft! –

Was war das? – Was war das auf einmal, das so plötzlich gekommen? –

War er wirklich schon dort angelangt, wo es kein über sich selbst Hinausgehen mehr gab? – Dann konnte jeder ihn schlagen, der ihm nur gleich kam! – Dann war er schon am Ende.

Alle düsteren Prophezeiungen seiner Gegner fielen ihm ein: »Schneller Aufgang, schneller Abstieg...« Und ein Mahnwort Nagels: »Du hast früh angefangen, früh wirst du deshalb aufhören...«

Bis heute hatte er darüber gelacht. Aber jetzt lachte er nicht mehr. Es war ihm nicht mehr ums Lachen. Denn er war sich bewußt, in diesen letzten Wochen nichts versäumt zu haben. Es hatte ein totes Rennen gegeben, dann ein Aussetzen – aber beides war erklärlich, sogar natürlich bei der Nachlässigkeit, mit der er in den vergangenen Monaten seine Sache behandelt. Aber zu heute hatte er trainiert – trainiert wie immer sonst – was war das also?! –

Er saß und grübelte, und trank und grübelte, und grübelte...

Und wieder griff die Angst nach seinem Herzen, die furchtbare, die unbekannte Angst! –

War es etwa schon mehr? – War es schon eine Abnahme seiner Kraft? – War er schon nicht mehr derselbe? – Blieb er schon hinter sich selbst zurück? – Unmöglich! – Mit zwanzig Jahren? – Da, wo die Kraft noch wuchs von Tag zu Tag. –

Lächerlich! – Mit fünfundzwanzig wollte er anfangen, daran zu denken. – Aber bis dahin wollte er sie, seine Kraft, wachsen, wachsen und siegen sehen über alles, was sich ihr in den Weg stellte!

Es war eine Indisposition heute, was war das weiter! – Wer hatte die nicht zuweilen? Deshalb nützten auch die verdammten Sinnierereien nichts. Jetzt mußte geschwommen werden, darauf kam es an.

Er trank und klappte das Buch zu. Die Seite blieb nicht leer, das war sicher: die dreiundachtzigste. Auf der sollte ein Sieg stehen. Und zwar bald! –

Denn es konnte einfach schon deshalb nicht sein, weil es nicht sein durfte!

Wie Felder das Buch in die Rocktasche schieben wollte, stopfte es sich dort gegen knisternde Papiere. Er zog sie hervor und sah, daß es ihre Briefe waren. Der süßliche, fahle Duft eines seltsamen Parfüms stieg zu ihm aus den zerknitterten Blättern auf, und er fühlte, wie es plötzlich wieder aus war mit seinem neuen Mut und seiner Frische.

Dieser Duft machte ihn schwach, und es half ihm nichts, daß er die Blätter zusammenballte. Wie er sie losließ, legte sich das steife, englische Papier auseinander, und es entströmte ihm dieser Duft, den er so gut kannte, der allem anhaftete, was von ihr ausging: ihren Kleidern, ihren Handschuhen, ihrem Atem, diesem Papier – ihm selbst! – Ja, ihn selbst hatte dieser Duft förmlich durchtränkt in diesen letzten Monaten, so daß er ihn plötzlich verspürte, wenn er eines seiner Kleidungsstücke zur Hand nahm... Er wurde ihn nicht mehr los, diesen Duft, der ihn überall umgab, wo er ging und stand – lockend, begehrlich, geheimnisvoll und aufreizend wie sie selbst, so daß er an sie denken mußte ohne Aufhören.

Was nützte es, daß er diese Papiere von sich schob, diese Rufe nach ihm, die er nun schon Monate lang hörte: erst stürmisch und sehnsuchtsvoll, erst alle Tage, dann, je seltener sie wurden, immer herrischer und kürzer, bis sie nur noch der Befehl waren: »Heute abend um 9« – oder »Erst morgen!« – – –

Welche Macht sie über ihn gewonnen, diese Frau, von der er noch immer nicht einmal wußte, wer sie war! –

Und wie Felder saß und grübelte, und grübelte, wurde es ihm klar, warum er heute unterlegen war, warum er in der letzten Zeit nicht mehr die alte Kraft in sich fühlte, die unbesieglich gewesen war; und eine maßlose Wut kam über ihn gegen die, die ihm seine Kraft geraubt. Er ballte die Hand um den Rand des Tisches, daß er sich bog und das Glas klirrte.

Und dann kam, blitzgleich, auch die wahre Erkenntnis dieses Verhältnisses über ihn.

Was sie begehrt hatte, das war seine Jugend, seine Kraft und seine Frische gewesen. Und was sie begehrte, hatte sie ihm genommen: die Jugend, die Kraft und die Frische seines Körpers! – Stück für Stück, in unersättlicher Habgier war ihm, ohne daß er es fühlte und ahnte, eines nach dem anderen von ihr genommen, in unzähligen Umarmungen, mit Küssen und Schmeicheln, bis sie ihn zu dem gemacht, was er heute war!

Alles, was er besaß, das einzige, das er sein eigen nannte, hatte sie ihm geraubt: seinen Ruhm! – Sein Ruhm aber war sein Leben. Sie hatte es zerstört.

Er aber, er war so blind und so töricht gewesen, nicht zu merken, was sie eigentlich von ihm wollte. Wie ein dummes Tier war er in die Falle gegangen; wie ein Hund war er ihr nachgelaufen; wie ein ... nein, er vermochte nicht weiter zu denken.

Denn jetzt wußte er auf einmal auch, wer sie war.

Eine große Abenteuerin, irgendwo in einem Winkel von zusammengelaufenen Eltern erzeugt, früh verdorben, früh gelehrt, ihre Schönheit als erstes und einträglichstes Erwerbsmittel zu betrachten, sie gelehrig in unstetem Wanderleben durch alle Länder der Welt schleifend, und alles mitnehmend, was sich ihr bot: hier die Alten und dort die Jungen.

Die Alten, die sie begehrten und bezahlten, und die Jungen, die von ihr ausgesucht und bezahlt Wurden! – Und einer von diesen Jungen war er gewesen – er, Franz Felder! –

Nicht mit solchen Worten sagte er sich dies alles, aber er empfand es alles so und fühlte, daß es wahr war. Und er hätte schreien mögen, schreien vor Wut und vor Scham... Ihn, ihn hatte sie nicht bezahlt, nein, das hatte sie nicht gewagt! – Aber wie lange noch, und es wäre auch dahin gekommen. Wieviel versteckte Anerbietungen hatte sie ihm nicht schon gemacht, wie oft nicht versucht, mit ihm scherzhaft oder gleichgültig von Geld zu sprechen, diesem Gelde, das sie verachtete, weil sie es durch Arbeit nicht verdiente: damit er es nehmen solle von ihr als – Lohn...

War ihm selbst nicht eines Tages, wenn auch nur ganz flüchtig, der Gedanke gekommen, eines dieser Anerbietungen, nicht anzunehmen, o nein, aber als Darlehen zu benutzen, da es mit seinem Gelde zu Ende ging, als Darlehen für eine kurze Zeit, bis er sich in England durch neue Siege neues geholt? – Es war nicht dazu gekommen, es war bei dem flüchtigen Gedanken geblieben. Aber er hatte ihn doch gedacht...

Auch gegen Geschenke hatte er sich bis heute gewehrt. Das einzige, was er je angenommen, war das Band an seinem Handgelenk, die Kette von Gold.

Aber sie war nicht unzerbrechlich. Sie band ihn nicht an sie.

Er griff mit den Fingern der lenken Hand zwischen sie und das Fleisch und versuchte sie abzustreifen, obwohl er wußte, daß es nicht ging. Und seine Wut stieg, als er sah, wie vergeblich es war.

Aber das sollte ein Ende nehmen, jetzt gleich, noch heute abend!

Er riß sich aus dem Hinbrüten auf und rief nach dem Wirt. Er hatte vier Stunden auf diesem Fleck gesessen. Als er nach der Uhr sah, war es gegen Elf.

Der Regen draußen war stärker geworden. Felder fühlte ihn nicht. Er ging der Friedrichstadt zu.

Das Haus war offen. Natürlich: dieses Haus war nachts immer offen, und die Treppen lagen in ihrem ewigen Zwielicht. Weshalb war ihm das nie so aufgefallen, wie heute? –

Er klingelte an ihrer Tür. Er klingelte nochmals. Endlich hörte er die schlürfenden Schritte der Alten und ihre Stimme. Er schlug gegen die Tür und rief um Einlaß.

Als sie sich öffnete, schob er das Weib beiseite, das bei seinem Anblick wie erstarrt war. Es war das erstemal, daß er unerwartet kam. Er kümmerte sich nicht im geringsten um die Fragen und Beteuerungen, daß Madame nicht zu Hause sei. Er hörte nicht hin, er verstand das Kauderwelsch nicht. Er wollte Madame erwarten, sagte er kurz. Sie würde schon kommen.

Er riß die Tür zu dem großen Zimmer auf. Es war beleuchtet und warm, wie immer. Aber sie war nicht da. Sie war auch nicht im Schlafzimmer. »Ich werde Madame erwarten,« sagte er nochmals, und mit solchem Ausdruck in dem blassen Gesicht, daß sich die Alte endlich mit Jammern und Wimmern zurückzog. Felder merkte es nicht einmal.

Er lief im Zimmer umher und warf überall rücksichtslos die Gegenstände durcheinander. Er suchte den kleinen Schlüssel zu dem Armband. Als er nicht fand, was er suchte, begann er die Arbeit an seinem Handgelenk von neuem: er zerbrach eine goldene Hutnadel und eine Schere, er zerrte, bis seine Finger bluteten. Endlich gab er es auf, warf sich in einen Sessel und wartete.

Wie lange? – Er hatte keine Ahnung.

Das Licht der Ampel trieb das Dunkel in die Ecken des Gemaches und ein schwaches Rot auf seine Wangen, wie die Röte der Scham.

Ja, er schämte sich. O, wie er sich schämte! –

Er hätte weinen mögen und konnte es nicht. Die innere Wut erstickte seine Tränen.

Er lag wie in einem Halbschlummer.

Plötzlich führ er empor. Er hörte draußen Stimmen: das klagende Wimmern der Alten und ihren herrischen, empörten Aufschrei der Verwunderung. Die Tür wurde aufgestoßen, und sie stand vor ihm: hochaufgerichtet, in großer Toilette, die Arme und die herrlichen Schultern entblößt, Zorn in den Augen und auf den roten Lippen. »Wer ist hier? – Du? – Was willst du hier? – Wer hat dir erlaubt – »

Er ging auf sie zu. Die ganze Raserei dieser Nacht brach in ihm los. Als sie seine Augen sah, wußte sie alles. Aber sie hatte keine Angst. Sie kannte keine Furcht und ihre Lippen verzogen sich leise und spöttisch.

Wie er das sah, griff er sie bei den Armen. Er wußte nicht, was er mit ihr tun sollte, er wußte nur, daß er sich rächen wollte an diesem Geschöpf, das ihn beraubt.

Sie bog sich wie eine Katze unter dem Druck seiner rauhen Hände. Und auf diesem selben Platze, auf dem sie an jenem ersten Abend miteinander gerungen in begehrender Liebe, rangen sie nun in widerstrebendem Haß.

Von seinem mißhandelten Handgelenk floß Blut und befleckte die Seide ihres Kleides und ihre weiche, bräunliche Haut, während ihre Lippen unerhörte Beschimpfungen, die er nicht verstand, von sich schleuderten.

Immer wieder versuchte er, sie niederzuzwingen, und immer wieder flog ihr schlanker Körper empor wie eine Gerte unter seinen Händen.

Es war, als ob er seine Kraft an sie gegeben habe in diesen paar Monaten...

War es das, oder war es der Duft, der von ihr ausging und ihn betäubte, daß er sie nicht niederkriegen konnte? –

Kurz: er fühlte, daß er auch hier der Schwächere geworden war...

Da gab er sie frei und taumelte hinaus, verfolgt von ihrem höhnischen und triumphierenden Lachen.

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