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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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10

Es war nichts Besonderes, daß sich im Briefkasten des Klubs Sendungen für Felder befanden. Glückwünsche, Einladungen zur Beteiligung an Schwimmfesten, Anliegen aller Art, um Photographien, Lebenslauf und Autograph kamen alle Woche, und es war nicht das erstemal, daß sich unter all diesen geschäftlichen Dingen, die sämtlich von Koepke mit rührender Sorgfalt und komischer Wichtigtuerei erledigt wurden, so daß Felder nur seinen Namen unter die Antworten zu setzen brauchte – es war nicht das erstemal, daß sich unter den Eingängen Schreiben von zarter Hand befanden, auf die der Empfänger zwar nie reagierte und die er meistens dem Gelächter seiner Freunde preisgab, Briefe, die ihn aber doch dazu veranlaßt hatten, seine Korrespondenz erst selbst durchzusehen, ehe er sie seinem getreuen Sekretär auslieferte. Eines Abends wurde ihm nur ein Brief gegeben, und kaum hatte ihn Felder in der Hand, als er wußte, von wem er kam. Er spürte einen schwachen, unvergessenen Duft und schob ihn hastig in die Tasche. Sobald er allein war, öffnete er ihn. Erst schien er ihm in einer fremden Sprache geschrieben zu sein, so fremd und seltsam kamen ihm die schlanken, eckigen Buchstaben vor. Dann entzifferte er ihn nach und nach. Keine Anrede, keine Unterschrift. Was er las, waren nur diese Zeilen:

» – Ich bitte Sie, mich zu besuchen. Ich weiß, Sie werden kommen. Jeden Freitag abend um 8 Uhr wird man sie an der Ecke der Charlotten- und Taubenstraße, der südwestlichen Ecke des Gendarmenmarkts, dort, wo die Litfaßsäule steht, erwarten, um Sie zu mir zu führen. Ich weiß, Sie werden kommen!...«

Felder war ganz verblüfft. Er nahm das Kuvert in die Hand: der Brief war an ihn. Er trug die Adresse des S.-C. B. 1879 und war durch dessen Schriftführer, wie schon so mancher andere, einfach an den »Hecht« weitergesandt worden. Es war kein Zweifel möglich.

Und plötzlich, während er noch das Papier in der Hand hielt und nicht wußte, was erdenken sollte, stieg von ihm wieder der starke, seltsame Duft eines bestimmten Parfüms auf und mit ihm die hohe, schlanke Gestalt in grauer Seide mit dem kühnen und festen Blick.

Das war sie, die ihn damals im Café so unverwandt angeblickt, die er in der Kunstausstellung zum zweiten und an dem Nachmittag desselben Tages – er biß die Zähne zusammen, wenn er an diesen Tag dachte – zum dritten Male gesehen hatte, und dann nie wieder...

Sie mußte es sein, die dies schrieb. Es konnte niemand anders sein. Der Brief war von ihr.

Aber was fiel dieser Person denn ein? – Das war ja der reine Wahnsinn, einem so zu schreiben: ohne Anrede, ohne Namen und in diesem Ton! Aber sie irrte sich, diese »Dame«. Er war keiner von denen... Sie konnte lange warten. Er zerknitterte das rauhe, englische Papier in einen unförmlichen Klumpen und warf ihn fort. Dann bückte er sich, las die Zeilen noch einmal und zerriß den Brief in lauter kleine Stücke, die er fallen ließ.

Also das wollte sie von ihm! –

Aber sie konnte lange warten. Einstweilen würde sie sich schon mit ihrem Alten begnügen müssen.

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