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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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8

Alles ging wieder seinen alten Gang.

Äußerlich veränderte sich zunächst nichts im Leben des Vereins.

Die Springerei Felders betrachtete man als eine Laune, einen verrückten Einfall, wert höchstens noch eines schlechten Witzes, hätte man nicht seine unbeschreibliche Aufregung und plötzlich hervorbrechende Wut gesehen, wenn jemand ihn gelegentlich zu machen versuchte. So rührte man nicht mehr daran.

Innerlich aber war zwischen Franz Felder und seinem Klub ein Riß entstanden, den keine Aussprache heilte und der sich fast täglich mehr verschärfte.

Entstanden war er durch Felders eigenmächtige Handlungsweise. Wann war es je dagewesen, daß das Mitglied eines Klubs auf eigene Faust zu trainieren begann und daraus sogar vor seinen eigenen Klubbrüdern ein Geheimnis machte? – Wenn man das wollte, brauchte man keinem Klub anzugehören. Wäre es nicht Felder und zudem die Idee nicht gar so absurd gewesen, so würde man ja der Sache noch auf andere Weise näher getreten sein. So aber... Außerdem würde er wohl jetzt eingesehen haben, was er davon gehabt hatte!...

Man sprach mit ihm nicht mehr darüber, aber Felder fühlte wohl, wieviel an Unmut und Mißtrauen gegen ihn zurückgeblieben war.

Schlimmer aber war, daß er in den Zeitungen, die in diesen Wochen so laut den Ruhm des Künstlers, der nach ihm seinen »Springer« gebildet, verkündeten, als der »Meisterspringer von Europa« bezeichnet wurde. Es war Felders ehrgeiziger Wunsch gewesen, daß sein Name genannt werden sollte; und der Bildhauer, von Dankbarkeit gegen seinen selbstlosen und treuen Helfer getrieben, hatte alles getan, was in seinen Kräften stand, um ihn zu erfüllen. Daß dabei der Irrtum unterlaufen war, war zwar nicht seine Schuld, da er wohl wußte, daß Felder nur Schwimmer war, und da er ja selbst seinem verunglückten Debüt als Springer beigewohnt hatte; aber immerhin entschuldbar bei den Kunstschreibern, die wenig von solchen Unterschieden wußten und sich beim Beschauen der Statue wohl gedacht haben mochten, daß der, der als Springer dargestellt worden war, auch als solcher sich seinen Meisternamen erworben haben müßte.

Wer Felder kannte, wußte, daß ihm am wenigsten an diesem Irrtum irgendwelche Schuld beizumessen war. Er hätte sich lieber die Hand abhauen lassen, als einen Erfolg für sich in Anspruch zu nehmen, den er nicht voll verdient zu haben sich bewußt war.

Er war außer sich über das Versehen. Er ließ sich von dem Künstler – noch einmal führ er zu diesem Zweck den langen Weg nach Wilmersdorf hinaus und betrat das staubige, nüchterne Atelier wieder, in dem bereits an einem neuen, großen Werk gearbeitet wurde – eine schriftliche Erklärung geben, daß er sich ihm nie gegenüber als etwas anderes ausgegeben habe, als was er wirklich war, und nahm zudem das Versprechen mit sich, daß alles getan werden würde, um den bedauerlichen Irrtum wieder gutzumachen. Das Papier stellte er zur Verfügung des Klubs und dieser betrachtete natürlich die Angelegenheit als seine eigene. Aber was half das alles! Felder hätte keine Feinde haben müssen, so zahlreich wie seine Erfolge, als daß das Versehen nicht gegen ihn ausgenützt worden wäre; und wenn man ihn auch nicht öffentlich als den Urheber desselben bezeichnete, so gab es doch genug Stimmen in den feindlichen Lagern, die der Behauptung nicht widersprachen, daß er geduldet habe, was er so gerne als Wirklichkeit gesehen hätte...

Für die immerwährenden Streitigkeiten und Eifersüchteleien zwischen den Klubs war die ganze Sache Öl ins Feuer, und sie entbrannten zu Beginn dieses Sommers öffentlich und heimlich heißer als je. Felder, der so stolz darauf gewesen war, daß seine Person nie den Anlaß zu irgend solchen gehässigen und die Sache schädigenden Fehden gegeben, erlebte, daß sie und sein Name in sie hineingerissen wurden und fürs erste überhaupt von ihnen nicht mehr zu trennen waren.

Immer wieder kehrte der Gedanke zurück, der an jenem Abend, als er, äußerlich ruhig und lächelnd, aber innerlich aufs tiefste erbittert über seine Niederlage, unter seinen Genossen saß und sich zum ersten Male unter ihnen wieder fremd fühlte, zuerst in ihm aufgetaucht war: der Gedanke des Austritts. Ein Austritt aus dem einen und der Übergang in einen anderen Verein war nichts Außergewöhnliches. Es kam alle Tage vor, daß Träger bekannter Namen aus irgendwelchen, oft ganz geringfügigen Ursachen ihren angestammten Klub verließen und in einen anderen übergingen, gewöhnlich eine Anzahl anderer Mitglieder mit sich ziehend und nicht selten eine Spaltung herbeiführend, die die Gründung eines neuen Vereins zur Folge hatte. Eine ganze Reihe der wie Pilze aus der Erde schießenden Klubs war auf diese Weise entstanden und hatte das Eingehen anderer, älterer, verursacht. Ja, es geschah, daß manche die Gründung solcher neuen Vereins geradezu als Sport betrachteten, und es war vorgekommen, daß Träger von Namen, die zu den allerersten in der Schwimmerwelt zählten, im Laufe weniger Jahre drei, vier Vereinen angehörten und sie ganz nach ihrem Belieben wechselten.

Aber Felder konnte sich doch noch nicht mit dem Gedanken eines Austritts vertraut machen. Es erschien ihm noch immer als etwas Undenkbares, daß er den S.-C. B. 1879 verlassen sollte, mit dem er verwachsen war mit jeder Faser, dem er die glücklichen Jahre seiner Entwicklung verdankte, und den er durch seine Siege wieder zum ersten und meistgenannten unter allen gemacht hatte.

Noch liebte er ihn und alles, was mit ihm zusammenhing. Noch konnte er nicht von ihm lassen... Er wehrte sich gegen seine Gedanken.

Aber dann kam ein Tag, der gewissermaßen die Entscheidung über ihn hinwegnahm.

Felder reiste nach Hamburg, um zum zweiten Male die Elbmeisterschaft sich zu eigen zu machen.

Ein älteres Mitglied, ein Kaufmann, der gerade in Hamburg Geschäfte hatte, schloß sich ihm an, und Felder konnte es nicht hindern, daß während der Fahrt die Rede auf die Vorgänge und allen Klatsch und Tratsch der letzten Zeit kam. So erführ er die Äußerung Nagels bei Beratung seiner Meldung zum Springen: »daß er ihm eine Niederlage wünsche, eine gründliche Niederlage«... Das Wort traf ihn wie ein Schlag. Er ließ es sich zweimal wiederholen, ehe er es glaubte. Dann wurde er ganz still.

Er sprach kaum ein Wort mehr an diesem Tage: nicht während der Fahrt, nicht während der Begrüßung in Hamburg, nicht während des Festes... Man glaubte dort, er müsse krank sein; aber man sah ihn schwimmen, mit einer solchen verbissenen Wut und Kraft, daß die bloße Vermutung lächerlich schien. Sofort nach seinem Siege – und was für ein Sieg war es wieder! – ging er allein zum Bahnhof, ohne sich von einem Menschen zu verabschieden, und fuhr mit dem Schnellzug nach Berlin zurück.

Er ging sofort in das Restaurant des Klublokals, wo er gewiß war, seine Leute zu treffen. Er fand einige von ihnen beim Billard. Auch Nagel. Er wartete, bis die Partie zu Ende war, ohne auf irgendwelche Fragen Antwort zu geben.

Dann gingen er und sein alter Schwimmwart in das noch leere Klubzimmer, und hier, in dem Räume, der die Spuren jeder Etappe in Felders Laufbahn in irgendeinem Preisstück, von dem einfachsten bis zu dem kostbarsten, aufwies, hier erfolgte die Auseinandersetzung zwischen den alten Freunden.

Felder war maßlos erregt; Nagel blieb ruhig wie immer. Und nichts reizte den anderen so sehr, wie diese kühle Ruhe.

– Ist es wahr, daß du mir eine Niederlage, eine Niederlage gewünscht hast? – begann Felder, und die Antwort, die er bekam, brachte ihn außer sich:

– Ich habe sie dir nicht gewünscht; aber ich habe gesagt, eine gründliche Niederlage sei das einzige, was dich noch zur Besinnung bringen könne...

– Er sei also nicht bei Besinnung?

– Er sei seit einem halben Jahre so völlig von Ehrgeiz und Ruhmsucht verblendet, das er jede Direktive verloren habe und nach dem Unmöglichen strebe.

Und nun sprach Nagel ruhig und lange, und wenn manches auch wahr war, was er sagte, so war anderes doch auch einseitig und unverständig, und alles war hart und scharf und unfreundlich. Felder hörte es bis zum letzten Worte an.

Er möge sich doch nicht einbilden, setzte Nagel auseinander, daß man die Wandlung in seinem Wesen nicht schon seit langem und mit immer größerem Mißfallen beobachtet habe. Daß er der Entwicklung in dem Ausbau des Klubs nie das nötige Interesse entgegengebracht habe, darüber war man sich ja schon lange klar gewesen. Wann habe er sich wohl jemals um den inneren Fortschritt des Vereins gekümmert? – Habe er zum Beispiel jemals der Jugendabteilung in ihrer Ausbildung geholfen? – Sei er auch nur ein einziges Mal einem der Jüngeren mit Rat und Hilfe zu Seite gestanden? – Sei er nicht immer nur mit Widerstreben an die Beteiligung bei dem Wasserpolo gegangen, und nur dann, wenn es unumgänglich nötig gewesen war? – Habe er nicht noch letzthin seine Beteiligung am Staffettenschwimmen aus reinem Hochmut einfach abgelehnt? – Immer habe er nur an sich gedacht, schon als kleiner Junge, immer nur an sich, und alles andere sei ihm schnuppe gewesen. Auch mit den Kämpfen des Vereins um seine Existenz innerhalb der Bewegung (damit meinte Nagel die Streitigkeiten mit anderen Vereinen) habe er sich nie befaßt, sondern sei immer gleichgültig und mürrisch nebenher gegangen, und wenn er sich in letzter Zeit beteiligt habe, so sei es nur geschehen, um seine Person auch hier in den Vordergrund zu drängen. Denn im Vordergrunde müsse er jetzt natürlich überall stehen. Nicht zufrieden mit seinen unvergleichlichen Erfolgen in Deutschland und im Auslande als Schwimmer, habe er dann endlich sogar seine Hände nach den Lorbeeren anderer gestreckt und sie an sich zu reißen versucht. Das sei ihm zwar nun nicht gelungen, und darüber freue er sich, er, Nagel, der ihn immer gewarnt habe, seinem Ehrgeiz allzusehr nachzugeben...

Denn wohin könne ihn dieser jetzt noch führen? – Höchstens noch zur Spezialität, zum Berufsschwimmer. Dann aber sei es mit seiner Entwickelung zu Ende, dann sei er kein Sportschwimmer mehr, sondern nur noch eine Abnormität. Ein Professional, der seine Kunst für Geld zeige. Aber es sei nie der Zweck des Klubs gewesen, dem anzugehören sie beide die Ehre hatten, solche hors-concours-Größen heranzuzüchten; sein Ziel und einziger Zweck sei die gedeihliche Pflege des Schwimmsportes, und nichts anderes...

So redete Nagel, und er sprach noch in seiner weitschweifigen und langsamen Art, als die anderen von ihrem Billard aus dem Nebenzimmer und immer mehr Mitglieder, ältere und jüngere, hereinkamen, sich um den Tisch setzten und gespannt zuhörten.

Leider war Brüning nicht unter ihnen, Brüning, der einzige, der mit seiner Gemütlichkeit, Erfahrung und seiner Lebenskenntnis, mit seiner Zuneigung für Felder und seiner allgemeinen Beliebtheit im Klub die Sache noch hätte ins rechte Geleise bringen können. Er war nicht in Berlin, sondern wieder einmal auf einer seiner plötzlichen Reisen. Felder saß stumm und blaß da. Jedes der Worte Nagels ließ den Groll und die Bitterkeit in seinem Herzen höher und höher steigen. Das war ja alles falsch und unrecht, was er da vorbrachte, und jeden der Vorwürfe wies er im Innern von sich, sowie er fiel. Er hätte sich nicht um das Gedeihen des Klubs gekümmert, er, der nur für ihn, nur in ihm all diese Jahre gelebt hatte? – Zwar mit der Jugendabteilung hatte er sich wenig befaßt, das war richtig; aber er verstand nun einmal nicht, Anordnungen zu geben und zu lehren. Er war doch nicht der Schwimmwart. Aber war es nicht weit wichtiger gewesen, daß er selbst in unermüdlichem Eifer sich ausgebildet hatte? – Wie hätte er es denn sonst zum ersten Schwimmer der Welt bringen können? Wie hätte er sich dankbarer erweisen können, als dadurch, daß er alle Erfolge mit seinem Verein teilte und dessen halbvergessenen Namen wieder zu Ehren brachte? – Er habe sich früher nicht an den Debatten beteiligt. – Auch das sei wahr, aber diese kleinlichen Streitigkeiten ekelten ihn nun einmal an. Dafür habe er geschwommen, geschwommen, siegreich geschwommen!... War das nicht mehr wert, als alle Worte? –

So wies er innerlich jeden der Vorwürfe, einen nach dem anderen, zurück, und nur auf den letzten: den des Ehrgeizes nach einem fremden Ziele, fand er nicht die richtige Antwort, so daß er, als Nagel endlich geendet und er blaß und verwirrt aufstand, um zu antworten, fast alles vergessen hatte, was er, der Schwerfällige, dem Redegewandten entgegnen wollte.

Er brach los, aber was er vorbrachte, waren nur unzusammenhängende Worte und halbe Sätze. Er hatte nie verstanden, sich auszudrücken – und auch in dieser Stunde, wo sein Herz so voll war, gingen seine Augen nur unruhig von einem der bekannten Gesichter zum anderen, als suchten sie bei ihnen Hilfe gegen diese unerhörten Beleidigungen und Anklagen, bis sie auf der Statuette des Springers hafteten, die dicht vor ihm auf dem Tische stand und die er in seiner Erregung erst jetzt sah. Sie war heute gekommen, während er nach Hamburg gefahren war. Der Bildhauer hatte seiner Dankbarkeit und Erkenntlichkeit für Felder einen Ausdruck geben wollen, und da dieser so oft und mit solcher Liebe von seinem Klub gesprochen, hatte er gedacht, ihm eine Freude zu machen, wenn er diesem eine kleine Nachbildung seines inzwischen so berühmt gewordenen Werkes für das Vereinszimmer stiftete... Nun stand das wertvolle Geschenk auf dem Tische vor Felder.

Als dieser begriff, was es war, stockte er von neuem, und abermals wallte ein mächtiger Groll in ihm auf. Immer und immer wiederholte er ohne Zusammenhang das Wort von der Niederlage, und fast sinnlos vor Zorn schrie er endlich, als er in keinem der Gesichter um sich her auch nur eine Spur von Verständnis für seine Gefühle fand, über den ganzen Tisch hinweg:

– Ja, Niederlagen wünscht ihr mir, aber meine Preise nehmt ihr gern!

Das hätte er nicht sagen dürfen, und er merkte es sofort an der Stille, die diesen Worten folgte. Dann unterbrach sie eine scharfe, höhnische Stimme vom Tischende her, die eines alten Gegners:

– Sogar von dem Meisterspringer...

Vor Felders Augen wurde es dunkel. Er wußte nicht mehr, was er tat. Er griff nach der Statuette, zog sie so heftig zu sich heran, daß ein Arm abbrach, faßte sie und schleuderte sie zu Boden, wo sie in tausend Splitter zerbrach.

Ohne sich umzusehen, ging er hinaus. Niemand hielt ihn, niemand ging ihm nach.

Als er im Torwege des Hauses an der Straße stand, fühlte er plötzlich, daß seine Augen naß waren. Er sah nichts mehr und fuhr mit dem Handrücken über sie hin. Dann merkte er, daß es Tränen waren. Er wunderte sich.

Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben, daß er weinte.

Dann lachte er laut auf, trotzig und verächtlich.

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