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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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7

Eine gründliche Niederlage!

Und die erlebte er. –

Das erste große Schwimmfest Berlins in diesem Sommer – veranstaltet von dem Bund der Berliner Vereine – fiel zusammen mit der feierlichen Eröffnung der diesjährigen Kunstausstellung im großen Glaspalast, beides auf einen Sonntag, einen klaren, aber noch frischen Frühlingstag. –

Es sollte der Tag höchsten und beispiellosen Triumphes für ihn werden, so dachte Felder, der Tag, der allen anderen der letzten Jahre die Krone aufsetzen, seinen Ruhm vor den Augen einer Welt verkünden sollte, wie keiner vor ihm: hier in einem unvergleichlichen Siege, dort dieser Sieg bereits verkörpert in einem hohen Werke, das seinen Namen trug; der Tag, um den er gekämpft hatte, wie um keinen anderen, monatelang, mit zäher Ausdauer – nicht nur in der eisernen Arbeit eigener Übung, sondern fast noch mehr in der mühsamen und aufreibenden Hilfe beim Gelingen einer fremden.

Es kam alles anders, wie er es sich dachte. –

Der Morgen brachte die erste Enttäuschung.

Sie waren hinausgefahren nach dem Glashaus am Lehrter Bahnhof, er und zwei seiner Sportsfreunde, hatten mit der Karte des Bildhauers unbeanstandet Eintritt erhalten und drängten mit der festlich gekleideten Menge – allem, was Berlin an geistigem Leben besaß – der großen Eingangshalle zu. Sie fanden dort leicht, was sie suchten. Denn um den »Springer« herum stand bereits ein dichter Haufen von Menschen, alle ergriffen von der Schönheit und Kraft des Werkes, und in der ersten Stunde bereits seinen Ruhm mit ihrer einstimmigen Bewunderung besiegelnd.

Und es war ein herrliches Werk, das hier, fast in der Mitte der großen Halle, in dem leuchtenden Weiß seines Marmors vor dem sattgrünen Hintergrunde hoher Blattpflanzen stand:

Erst zum Sprunge sich anschickend, noch nicht ganz zu ihm bereit, erhob sich die jugendliche Gestalt des »Springers« in vollendet ebenmäßiger Schönheit leicht auf den Zehen empor, streckte wie flehend die schlanken Arme in die Höhe, um dem Körper Schwung zu verleihen, und hielt die Augen fest und entschlossen in die Ferne gerichtet – gewiß des Gelingens, sicher des nahen Sieges... Über der ganzen Gestalt aber lag zugleich bei aller Kraft eine solche Anmut, eine solche Frische, daß man den kühlen Duft dieses vielleicht eben erst dem Wasser entstiegenen Körpers zu spüren glaubte, der sich nun zu neuem und schwierigerem Sprunge anschickte, und den das Trikot nur wie ein dünner Schleier umschloß, hinter dessen zartem Gewebe jeder Muskel, ja die Adern erkennbar hervorzutreten schienen; und obwohl zum Teil mit diesem Schleier bekleidet, erschien auf den ersten Blick der ganze Körper wie nackt, bis man die unsäglich feine Arbeit des Meisters gewährte, für den die leichte Hülle kein Hindernis gewesen war, das nackte Leben in seiner Wärme zu bilden.

– »Klassisch schön und doch von modernem Geiste beseelt« – »raffiniert schlicht« – »einfach antik« – »wo kann er das Modell herhaben?« – »ein Meisterwerk, ganz ohne Zweifel« – das waren die Ausdrücke, die mit vielen anderen Namen und Vergleichen, von denen er nichts verstand, Felders Ohren umschwirrten, als er sich mit seinen Begleitern näher herangedrängt und nun fast vor der Statue stand. Er fühlte sich sehr unbehaglich. Alles war ihm hier fremd. Selbst dieses Werk, sein anderes Ich, das er doch so genau kannte, erschien ihm nicht mehr dasselbe. War er das? – So trat er doch nicht auf das Brett, wenn er sprang?

Er allein unter all den Anwesenden vielleicht stand der Schönheit des eigenen Körpers verständnislos gegenüber, er und seine Freunde. Sie, so sehr an den täglichen Anblick nackter Gestalten gewöhnt, hatten nie über deren Schönheit und Häßlichkeit nachgedacht, und von der Kunst, die hier zu ihnen redete, verstanden sie nichts. Felder selbst war zum ersten Male in einer Kunstausstellung, und der Blick auf die vielen anderen Marmorwerke in dieser hohen Halle, in die lange Flucht der Säle, von deren Wänden herab die Farben unzähliger Gemälde leuchteten, machte ihn wirr und beraubte ihn.

Zudem ärgerte er sich zu sehr, als daß er sich ruhig irgendeiner Betrachtung hätte hingeben können. Er hatte sich diesen Morgen ganz anders gedacht. Wie, das wußte er wohl selbst nicht, aber etwa so: daß er mit dem Künstler vor der Statue stehen würde, aller Augen auf sich gerichtet, als auf das Modell usw.... So aber geschah nichts dergleichen. Kein Mensch kümmerte sich um ihn, man drückte und stieß ihn von allen Seiten, und wenn ihn zufällig jemand ansah, so hatte er das Bewußtsein, mit diesem Blicke gefragt zu werden: Was wollen Sie denn hier?

Wie hätte aber auch irgend jemand in dem modisch gekleideten jungen Mann mit dem hohen Hemdkragen und dem steifen Hut, der aussah wie ein Kommis von Hertzog oder Wertheim, das Urbild dieses Hellenenjünglings erkennen sollen, dessen Schönheit die Gedanken der Beschauer weit zurückführte in die seligen Zeiten göttergleicher Menschen?

Unmutig forderte Felder seine Freunde zum Weitergehen auf; er wollte versuchen, den Bildhauer und Dr. König zu finden. Die beiden anderen waren gern bereit: der eine hatte Durst nach einem Frühschoppen, und der andere fand auch, daß er eine solche Stellung bei einem Springer noch nie gesehen habe.

Da – während sie sich hinausstießen – fühlte Felder plötzlich, wie er angesehen wurde. Der starke Duft eines seltsamen Parfüms, den er irgendwo und irgendwann schon einmal gespürt hatte, umwehte ihn, und aufschauend, erblickte er dicht vor sich jene Dame aus dem Café, die ihn den ganzen Abend so auffallend angesehen hatte und nun ihren Blick mit demselben festen Ausdruck forschenden Interesses auf seinem Gesicht ruhen ließ; wie an jenem Abend. Wieder war der alte Herr mit ihr, und wieder trug sie ein Kleid von heller Seide und einen auffallend großen Rembrandthut mit schwarzer Feder. Felder hatte kaum Zeit, sich nach ihr umzusehen; im nächsten Augenblick schon war sie weiter gegangen, und viele Menschen hatten sich zwischen sie und ihn geschoben. Er hätte zurückkehren müssen, um sie wiederzufinden.

Er dachte noch an sie im Weitergehen, als er am Ausgang auf den Bildhauer traf, der ebenfalls in einer dichten Menschenmenge stand. Er machte sich sofort los und kam auf Felder zu, als er ihn sah, und man ging durch den Garten in langem Zuge nach der Osteria. Dort wurde nun Felder genug und von allen Seiten angesehen, als die Künstler erfuhren, wer er war, aber er wurde nie das Gefühl los, daß alle diese fremden Menschen in ihm nur das Modell sahen, und keine Ahnung davon hatten, wer er eigentlich war... Nach Dr. König sah er sich vergebens um; er war wohl noch in den Sälen oder überhaupt noch nicht gekommen. Der Bildhauer, äußerlich borstig und wortkarg wie immer, war doch durch seinen großen Erfolg erregt und mußte sich immer von neuem frei machen, um ein paar Worte mit Felder zu sprechen. Dieser wollte gerne wissen, ob sein Name auch im Katalog stünde. Nein, dort stand nur »der Springer«, meinte der Künstler lächelnd, anders ginge es nicht, aber er wolle schon dafür sorgen, daß es in möglichst vielen Zeitungen zu lesen sei, wer ihm Modell gestanden – darauf könne sich Felder verlassen... »Und am Nachmittage komme ich zu Ihrem Siege!« – sagte er noch, als Felder sich mit seinem Freunde verabschiedete und, innerlich recht mißmutig, ging. – Dieser Nachmittag!

Wieder einmal erglänzte die weite Halle der Wasserfreunde in dem festlichen Schmuck der Fahnen und Fähnchen; wieder füllten ihre Galerien bis auf den letzten Platz die dichten Reihen einer bunten Zuschauermenge; wieder bot sie das bis in die Einzelheiten immer sich gleichende, unveränderte Bild eines »Schwimmfestes«...

Und in eintöniger Gleichförmigkeit verlief Nummer um Nummer des wiederum viel zu lang ausgesponnenen Programms. Das ganze Interesse der engeren Kreise konzentrierte sich heute nicht auf die Schwimmkonkurrenz – Felders Sieg war ganz sicher – sondern auf dessen Beteiligung am Springen. Längst hatte sich über die Grenzen des S.-C. B. 1879 hinaus herumgesprochen, wie gänzlich aussichtslos und vermessen sie war, und überall, in allen Ecken, lauerte das süßeste und reinste der menschlichen Gefühle, die Schadenfreude, auf seine Gelegenheit.

Nur Felder sah und hörte nichts von allem. Still und ernst wie immer stand er unter seinen Leuten, und seine Augen blickten so ruhig und siegesgewiß wie immer.

Heute, heute war sein großer Tag, und kein Zweifel durfte in ihm aufkommen; kein Zweifel der anderen das eigene, felsenfeste Vertrauen stören. Er fühlte nur instinktiv die Feindseligkeit um sich herum an der Art, wie man ihn allein ließ oder ihn dies oder jenes fragte. Was kümmerten sie ihn? – Nach einer Stunde würde er sie besiegt haben, und selbst die Widerstrebendsten lagen bezwungen zu seinen Füßen!...

Als er daher seinen Namen hörte und auf das Sprungbrett trat, um den ersten der für den Mehrmeisterkampf vorgeschriebenen Sprünge zu tun, hob er seinen Kopfhöher als je, sah zu der hohen Wölbung der schönen Halle empor, und in seinen Augen lag (für niemand erkennbar) das alte Leuchten, tiefer und siegesgewisser, als je zuvor.

Dann sprang er, und er sprang nicht schlecht. Ein Murmeln nur begleitete sein Aussteigen aus dem Wasser – Erstaunen bei jenen unter den Sportsgenossen, die ihn zum ersten Male springen sahen, halber Beifall bei denen, die den Sprung an seinen eigenen Leistungen, die sie seit einigen Wochen kannten, verglichen. Noch hatte die Schadenfreude keinen Grund, sich zu äußern und wagte sich noch nicht hervor. Weder besonders gut, aber ebenfalls nicht schlecht waren auch die nächsten Sprünge. Jeder Kenner sah indessen, daß sie einfach nur besser aussahen, als sie in Wirklichkeit waren, und daß Felder jede Hoffnung auf einen Sieg hätte begraben müssen, wäre es auf dieses Springen angekommen. So aber erledigte er nicht nur den zweiten Teil des Mehrkampfs, das Schwimmen mit einer Bahnlänge von 150 Metern, in seiner alten glänzenden Weise, so daß er hier die Höchstzahl der überhaupt erreichbaren Punkte erlangte, sondern er stellte sich auch im dritten Teile, dem Tauchen, ebenbürtig an die Seite seiner drei Gegner, indem er, wie sie, alle zwanzig Teller hervorholte, und zwar in einer Zeit, die sich nur unwesentlich von der ihren unterschied.

Keiner der Konkurrenten war vor Ablauf von 32 Sekunden aus dem Wasser gestiegen, Felder 45 unter ihm geblieben. Die Teller hatten bei ihm weit auseinander gelegen.

Der Mehrkampfpreis wurde daher trotz der im Springen erreichten geringen Punktzahl – nicht vergleichbar mit der der anderen – von ihm gewonnen. Seinem Verein fiel ein Ehrenpreis zu, ihm selbst ein Andenken, und das eine der gesetzten Ziele war somit von ihm erreicht: in seinen Lorbeerkranz ein neues Blatt geflochten. Der Meister im Schwimmen nannte die erste Mehrkampfmeisterschaft sein! –

Aber das stille und erwartungsvolle Lächeln, das von den Gesichtern so manches Kenners unter den Anwesenden nicht wich, zeigte, daß es noch nicht aller Tage Abend war. Vor allem das Lächeln Grafenbergers.

Denn das Ereignis des Tages, das Hauptspringen, sollte erst noch kommen. Und wenn Grafenberger so lächelte, dann hatte er seinen Grund dazu.

Heute mehr als je. Denn dieses Hauptspringen, das als dritte Konkurrenz nach der eben beendeten folgen sollte, hatte eine ganze, vielbesprochene Geschichte in den letzten Wochen gezeitigt. Als Felder brüsk und ungestüm seine plötzliche Meldung zu diesem Hauptspringen im Klub äußerte, und als nach endlosen privaten und internen Debatten die Furcht vor seiner Drohung die Schale zu seinen Gunsten neigen ließ, da erklärte Grafenberger ebenso brüsk und mit weit größerer Berechtigung natürlich: wenn sein Klub denn so unverhofft einen so großen Springer in seinem bisherigen Meisterschwimmer »entdeckt« habe und ihm denselben vorziehen wollte, so möge er das doch tun, und da selbstverständlich jeder Klub nur einen Konkurrenten zu den Kämpfen entsenden könne, so sei es doch das beste und einfachste, wenn er, Grafenberger, aus- und in einen anderen Verein eintrete. Dann könne er ja mit Leichtigkeit beweisen, wie lächerlich eine solche Bevorzugung sei. So sehr traf jedes seiner Worte den Nagel auf den Kopf, daß nur übrig blieb, dem Empörten klarzumachen, wie es sich ja nur darum handele, Felder ad absurdum zu führen, wie er, dem an dieser Beteiligung gar nichts gelegen sein könne, ja gerade durch Felders unvermeidliche Niederlage nur seinen, Grafenbergers, Ruhm als den des ersten Springers im S.-C. B. 1879 befestigen würde; und so sehr sah dieser selbst auch den Grund aller Einwendungen ein, daß die Sache in aller Ruhe verlaufen wäre, wenn nicht – wie immer bei solchen Gelegenheiten – so viel bisher Unausgesprochenes zutage getreten wäre, was dann endlich doch Grafenbergers Austritt zur unvermeidlichen Folge hatte. Er, eine weit weniger ernste und vornehme Natur als Felder, hatte einen Ton angeschlagen, den der Klub unter keinen Umständen dulden durfte, und so war er gegangen von dort, wo niemand gegen seinen Willen gehalten wurde.

Mit Jubel sofort in einen anderen, ebenfalls altangesehenen Verein, in die »Privat-Schwimmgesellschaft von 1885«, aufgenommen, noch in letzter Stunde von ihm zu heute gemeldet, erwartete der berühmte Springer nun im Kreise seiner neuen Klubgenossen das Hauptspringen mit innerlichster Freude; und schärfer und klarer als er hatte keiner Felders kümmerliche Sprünge beim Mehrkampf betrachtet und gewertet.

Vergebens suchte er dem Blick seines früheren Genossen zu begegnen, mit dem er so manche Jahre Schulter an Schulter um die Ehre des Klubs gekämpft, und dem er – wie oft nicht in denselben Stunden desselben Tages – gemeinsam mit ihm zu den höchsten verholfen.

Felder sah ihn nicht. Nicht sein Lächeln; nicht die boshafte Erwartung um sich her; nicht die ängstliche Sorge seiner wahren Freunde, Nagels und anderer. Er sah überhaupt nichts mehr von allem, was um ihn hervorging. Er fühlte nur die große Erwartung um sich herum, und als Koepke, der äußerlich Aufgeregteste wieder unter allen, ihm mit irgendeiner unnützen Frage zu nahe kam, wies er ihn mit einem barschen Wort zur Ruhe.

Als das Hauptspringen endlich begann, trat die atemlose Spannung der Stille ein, die allen Entscheidungen von Bedeutung vorausgeht, und teilte sich unwillkürlich auch dem Gleichgültigen unter den Zuschauern mit. Fünf Springer aus den ersten Berliner Klubs, unter ihnen drei mit bekannten Namen, waren gemeldet. Wie sie ausgelost waren, kamen sie an die Reihe. Felder hatte die vierte Nummer und die weiße Kappe erhalten.

Er sah seine Vorgänger auf das Brett treten, er hörte die Stimme des Starters, der Namen und Art des Sprunges verkündete, er sah die Sprünge, er hörte das Wasser klatschen und rauschen, das Murmeln und den Beifall der Zuschauer; er trat selbst hinter das Brett, sah vor sich hin, vernahm die gleichmäßige ruhige und klare Stimme des Starters neben sich, die rief: »Hechtsprung mit Anlegen der Arme und Anlauf, ein Meter. Herr Franz Felder...«, lief, sprang, tauchte unter und wieder auf, ging hinaus und hinauf zu dem hohen Brett, stellte sich auf seine äußerste Kante, hob den ganzen Körper auf den Fußspitzen in die Höhe, sah gradeaus, hörte wieder die Stimme, diesmal unter sich: »Doppelsalto, rücklings, sechs Meter, derselbe...«, sprang ab, drehte sich in der Luft um sich selbst, fühlte den Anprall des Wassers wie glühendes Feuer, kam in die Hohe und stieg hinaus – aber worauf er lauschte, die alten, ihm so vertrauten Laute des Beifalls vernahm er nicht.

Stumm und ohne zu wissen, wie er gesprungen, mischte er sich unter seine Freunde.

Nach den zwei vorgeschriebenen Pflichtsprüngen kamen die zwei Pfostensprünge an die Reihe, die, an demselben Tage aus den Schwierigkeitsgraden fünf und sechs ausgelost und jedem Bewerber vor einer Stunde mitgeteilt worden waren.

Auf Felder waren gefallen:

Als erster ein Seitlingssprung mit 1/4-Drehung um die Längsachse vorwärts, mit Hochheben beider Arme, bei einer Bretthöhe von drei Metern: nicht allzuschwer gut auszuführen, und als zweiter ein Schlußsprung mit ganzer Drehung um die Breitenachse, schwierig bei genauer Durchführung und der Sechsmeter-Höhe des Brettes. Den ersten machte er gut; daß ihm der zweite nicht so gelingen würde, wie er mußte, war ihm seit einer Stunde bereits ganz klar, und er sprang ihn infolgedessen völlig schlecht, so daß das Publikum zu lachen begann, während es dieselben beiden Sprünge der anderen des öfteren mit Beifall begleitete.

Felder sah und hörte noch immer nichts um sich her. Auch dieses Lachen nicht. Nur ein Zwischenfall erregte die allgemeine und damit auch seine Aufmerksamkeit. Als der Nachspringer Felders seine Sprünge ausführte, erscholl von allen Seiten her, wahrscheinlich mit infolge des vorhergegangenen, so augenscheinlich verunglückten Sprunges, lauter Beifall. Die Pause zwischen den Sprüngen dauerte etwas länger als sonst, und bevor der nächste, letzte Springer an die Reihe kam, trat der Starter vorn auf das Sprungbrett und sprach mit erhobener Stimme zu den Zuschauern gewendet: »Die Herren Schiedsrichter lassen die verehrlichen Anwesenden, Damen und Herren, bitten, bei den Sprüngen jedes Zeichen des Beifalls und des Mißfallens im Interesse der Springer selbst zu unterlassen, und den Herren Richtern in keiner Weise in ihrem Urteil vorzugreifen...«

Ein Zwischenfall solcher Art war eine Seltenheit und wurde daher gebührend bemerkt. Einstweilen aber schwieg der ganze Raum, und der dritte Teil des Hauptspringens, die beiden Kürspringe, begannen unter allgemeiner Stille. Die »Kürspringe«, vom Springer nach freier Wahl »gekürt«, bei denen er an keine Schwierigkeitsgrade und keine Art der Ausführung gebunden ist, und somit nur die Kraft und Fähigkeit, die er sich selbst zutraut, entscheidet, sind gewöhnlich lange vorher eingeübte und in vollendeter Sicherheit ausgeführte Sprünge, die das Können des Springers in hellstem Lichte zeigen. Da die Zuschauer ihrem Beifall keinen Ausdruck mehr geben konnten, verliefen die Sprünge der drei ersten Springer unter dem achtungsvollen Schweigen des Publikums, bis Felder an die Reihe kam. Statt daß dieser – wie es nach der ganzen Art und der Kürze der Zeit seines Trainings eigentlich selbstverständlich gewesen wäre – sich zwei der weniger komplizierten Sprünge ausgesucht, sie in guter Ausführung gezeigt und damit wenigstens in ihnen die höchste Wertungszahl erreicht hätte, erlaubte es ihm sein Ehrgeiz nicht, sein neuerworbenes, noch so unsicheres Können anders, als in Sprüngen ersten Ranges zu zeigen, und unter dem Kopfschütteln seiner Freunde, die indessen auf jede Einmischung verzichteten, hatte er zwei Sprünge gewählt, die ihm hier und da – wenigstens zur Zufriedenheit Koepkes – gelungen waren und die er in seiner grenzenlosen Verblendung auch heute vor den Augen aller ausführen zu dürfen glaubte. Kein anderer Klub hätte einem Mitgliede jemals etwas Ähnliches erlaubt. Aber der seine war eben übereingekommen, ihn gewähren zu lassen, und so kam, was unausbleiblich kommen mußte, und wozu es keines Propheten bedurfte, es vorherzusagen.

Gereizt, erregt und wie im Fieber verlor Felder bei diesen letzten Sprüngen jede Ruhe und jede Besinnung. Er sprang, wie er geschwommen hatte in den Augenblicken höchster Anstrengung, und vergaß vollkommen, daß, was dort noch zum Siege führen kann, hier, wo es einzig im gegebenen Moment auf Selbstbeherrschung und Ruhe ankommt, unrettbar zur Niederlage werden muß.

Er sprang, wie er schwamm: wie er zweimal, dreimal – es war schon lange her – geschwommen hatte, um den enteilenden Sieg noch zu ergreifen – : mit dem Mut der Verzweiflung. Aber was er bot, das waren schon keine regelrechten Sprünge mehr, das hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit den Aufgaben, die er selbst gewählt und sich vorgeschrieben, das waren krampfhafte Verzerrungen des Körpers, ein unschönes Sich-Überschlagen in der Luft ohne jede Haltung der Arme mehr, die um sich griffen, wie um sich zu halten, und endlich ein wüstes Aufklatschen auf die Oberfläche des Wassers...

Und während die Richter auf jede Wertung mit dem Niederlegen ihrer Bleistifte überhaupt verzichteten, während sich auf den Gesichtern der Umstehenden erst starres Erstaunen ob solcher, nie gesehener Leistungen malte, das allmählich in offene Fröhlichkeit überging, während Felders Freunde überlegten, ob sie ihn nicht lieber an dem letzten der Sprünge hindern und der Blamage ein Ende machen sollten, begann das Publikum, gereizt durch das Verbot des Beifalls, zu lachen. Es lachte erst leise, dann ganz laut beim zweiten Sprunge, und als Felder aus dem Wasser kam, da lachten selbst die Sportsleute um ihn her, ja die eigenen Genossen, so komisch war der Kontrast zwischen seiner siegesbewußten Miene und seinen kläglichen Leistungen gewesen...

Felder hörte das Lachen, jetzt hörte und sah er es, und er wurde totenblaß. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich auf den ersten besten der Nächststehenden stürzen, dann überzog eine dunkle Röte sein Gesicht, und wortlos verließ er die Reihen, die sich noch nicht beruhigen wollten, bis das nächste Rennen die Aufmerksamkeit von dem beendeten abzog.

Eine furchtbare Wut kochte in Felder, als er allein in einer Ecke des kleineren Damenschwimmbades, das heute als Auskleideraum für die Beteiligten galt, saß. Man hatte es gewagt und ihn ausgelacht – ihn, Franz Felder, den Meister Europas, ihn, ihn! –

Er ging auf und ab, auf und ab, aber er wurde nicht ruhiger. Er wurde das Lachen aus seinen Ohren nicht los. Er würde es nie vergessen können, das wußte er. Kein Beifall würde es jemals mehr ganz übertönen können.

Alles, was er tun konnte, war, die erlittene Wunde so unter neuen Lorbeeren zu verbergen, daß niemand sie mehr gewahren konnte.

Das aber wenigstens wollte er, und als er – nach einer halben Stunde – geholt wurde und er zum letzten Male an diesem Tage an den Start ging, nicht zum Springen mehr, sondern zum Hauptschwimmen über die 250 Meter, da waren die Nebel von seinen Augen gefallen, und mit seinem alten, klaren Blick sah er alles um sich her, die Freunde und die Feinde, und jetzt war er es, der lächelte.

Jetzt durfte er es allein, und wer es etwa noch wagen sollte außer ihm, dem würde er das Lachen von den Lippen vertreiben!

Nicht wie sonst, ruhig, stet und überlegen seine Bahn durchschneidend, nichts als das Ziel im Auge, nicht fair und vornehm, wie man es an ihm gewöhnt war selbst in den schwierigsten Kämpfen, sondern auf seine Gegner achtend, sie herankommen und voraufgehen lassend, sie durch die eigene Ungleichmäßigkeit störend, um sie dann zuletzt rücksichtslos, fast brutal zu schlagen, so schwamm er dieses Rennen, und als er den Jubel über seine Waghalsigkeit und Überlegenheit in seinen Ohren erklingen hörte, war er wieder ganz er selbst. Nie vorher hatte er so geschwommen, und erwußte es. Er wußte auch, daß er mit diesem Siege keinen Beifall unter seinen Freunden finden würde. Aber das war es gerade, was er wollte. Sie hatten ihn ausgelacht, das verzieh er ihnen nicht. Jetzt war ihm auch an ihrem Beifall nichts mehr gelegen.

Wie er zum letztenmal für heute sich so die Leiter emporschwang, bis zu der sich die erste Reihe der Zuschauer hinzog, da, wo die besten Plätze nahe dem Start waren, die man durch Auflegen von Leinentüchern gegen das Aufspritzen des Wassers zu schützen versucht hatte, war es ihm wieder, als stiege der Duft eines seltsamen Parfüms, den er schon einmal gespürt, zu ihm auf, und als er sich zur Seite wandte, sah er, daß der erste dieser Plätze, die er beim Hinaussteigen fast streifte, von der Dame besetzt war, die er an jenem Abend im Café und heute morgen erst wieder gesehen hatte. Für eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke: sie hielt ihr Kleid mit der Hand zusammen, damit es nicht naß werden sollte, und lächelte leise, wie heimlich mit ihm triumphierend über seinen Sieg. Ein neuer Ausdruck schien in ihrem Blicke zu liegen, etwa wie: wir kennen uns doch, nicht wahr? – Felder war ganz verwirrt und wandte sich ab.

Als er angekleidet wieder in die Halle trat, galt sein erster Blick dem Platze, wo sie gesessen. Aber er war leer, und die ihn innegehabt, war nirgends mehr zu finden. – Was bedeutete das nun wieder? – Wie kam sie hierher? – Und warum? – Warum nur? – Es war seltsam, sehr seltsam.

Doch er hatte nicht lange Zeit, an den Vorfall zu denken. Zuviel wogte noch in ihm, und immer von neuem kehrten seine Gedanken zu dem unverhofften Verlauf des Tages zurück.

Erst der Morgen. Dann der Nachmittag. Und der Bildhauer und Dr. König fielen ihm ein, die beide nicht gekommen oder schon wieder fortgegangen waren, da sie ihm doch nicht Glück wünschen konnten.

Eines wie das andere – alles war umsonst gewesen!

Umsonst die zähe, eiserne Mühe langer Monate; umsonst die inneren, bitteren Kämpfe und alles heiße Ringen; umsonst alle Kraft und Zeit, die er an diese Sache gesetzt!

Deutlich hatte er heute die Grenze seiner Kraft erkannt, über die er sich in unbegreiflicher Verblendung so sehr täuschen konnte.

Zum ersten und zum letzten Male in seinem Leben hatte er heute öffentlich gesprungen. Nie würde er von jetzt an wieder einen Fuß auf das Sprungbrett setzen. Sein Traum war zu Ende. – Er war ganz erwacht, und er war sich ganz klar.

Aber nicht, daß er mit seinem Plan gescheitert war, sondern, daß er sich lächerlich gemacht hatte – das war es, was Felder mit immer tiefer sich einbohrender, innerlicher Wut gegen sich selbst und gegen die andern erfüllte. Er war ausgelacht worden. Er – Franz Felder! – Und er haßte sie alle, die es gewagt hatten! –

Aber er durfte jetzt nur noch den einzigen Gedanken haben, nicht zu zeigen, wie sehr er sich ärgerte. Das beste war jetzt zu tun, als habe er selbst das Ganze als einen im Grunde nur scherzhaft gemeinten Versuch betrachtet, um zu beweisen, daß es möglich sei, in ganz kurzer Zeit fast sämtliche möglichen Sprünge zu erlernen, auch ohne jahrelange Übung.

Daher ging er nicht fort, wie er es am liebsten getan, sondern blieb den ganzen Abend und die halbe Nacht unter seinen Kameraden, war so lustig, wie es ihm überhaupt möglich war, nahm seinen ersten und auf immer einzigen Mehrkampfpreis ebenso überlegen lächelnd und gleichgültig entgegen, wie die Schwimmeisterschaft für Berlin für dieses vierte Jahr, und brachte es sogar fertig, die Witze, die über ihn als Springer gemacht wurden, anzuhören, ja, auf sie einzugehen.

Aber in ihm war etwas gebrochen an diesem Tage des großen Enttäuschungen.

Er hatte geglaubt, daß ihm, der so vieles erreicht, nun alles möglich sein müsse, woran er die Hand legte. Er hatte sich überzeugt, daß er sich schmählich getaucht – daß es nur ein Gebiet gab, auf dem er Meister war, und daß er nichts anderes zu tun hatte, als möglichst lange Meister auf ihm zu bleiben: ob es ihm nun gefiel oder nicht!

Alles andere war ihm verschlossen.

Und eine Ahnung dämmerte ihm auf, wie eng der Kreis seiner Welt war. Es gab andere, weitere Gebiete, von denen er nichts verstand, von denen er nicht einmal wußte. Ewig unerreichbar für ihn.

Wohin nun aber sollte er mit dieser ungestillten Sehnsucht seiner Wünsche, dieser begehrlichen Kraft, die nicht zufrieden war, wie ein Zirkuspferd im Kreise herum zu trotten? – Wohin mit ihr?! –

Es war nur erst eine Ahnung, die ihm gekommen war mit dem heutigen Tage. Aber schon begann sie ihn zu beunruhigen.

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