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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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6

Eines Tages hielt er seine Stunde für gekommen.

Er erschien – seit langer Zeit zum ersten Male wieder – auf dem Übungsabend des Klubs. Die enorme Halle der Wasserfreunde war noch hell erleuchtet, aber außer den Mitgliedern des S.-C. B. 1879 waren fast keine fremden Gäste mehr anwesend. Die letzten kleideten sich eben an; die Kasse war bereits geschlossen und niemand wurde mehr zugelassen.

Überall sah man die weißblauen Farben. Das Bassin gehörte für den Rest des Abends ausschließlich dem Klub, der es zweimal wöchentlich für seine Mitglieder mietete.

Felder zog sich aus und trat an das eine der kleinen Bretter, wo Grafenberger, der Meisterspringer Deutschlands, eben übte.

Eine Weile sah er ihm stillschweigend zu. Grafenberger machte einen Salto rückwärts mit halber Drehung.

– Das kann ich auch, sagte Felder.

Der andere lachte:

– So leichte nu nich! –

Aber Felder ließ langsam das Tuch von seinen Schultern gleiten und trat an die äußerste Kante des Brettes. Er stand mit dem Rücken dem Wasser zu. Leicht hob sich sein Körper auf den Zehen in die Höhe, fest legten sich die Arme an die Schenkel, und sich tief hintenüberneigend, tat er den Sprung.

Als er aus dem Wasser stieg, sah er in lauter erstaunte und verblüffte Gesichter. Am erstauntesten war Grafenberger selbst.

Und nun ging dieser eine Reihe mehr oder minder schwieriger Sprünge durch, und jedesmal, wenn er aus dem Wasser stieg, stand Felder bereits auf dem Brett und machte den Sprung nach, einen nach dem andern. Das Erstaunen wurde immer größer und die meisten wollten gar nicht glauben, was sie sahen.

Von dem kleinen Sprungbrett ging man zu dem großen über, und alle stiegen die Treppe zu der Galerie empor. Dort stand bald der ganze Klub bis auf den letzten Mann um seine berühmten Mitglieder herum und verfolgte in atemloser Spannung Sprung auf Sprung. Und es gab nicht einen unter allen, den der Schwimmer dem Springer nicht nachgemacht hätte. Freilich dachte in dieser Stunde keiner an die Wertung der Leistungen, und nur wenige machten sich klar, wie sich die äußerlich gleichenden Sprünge der beiden doch in Sicherheit und Exaktheit himmelweit voneinander unterschieden. Man wollte jetzt nur sehen, ob Felder überhaupt imstande war, die Sprünge auszuführen, und man geriet bei jedem neuen in immer größere Aufregung, die sich bald in Lachen, Zurufen und lauten, wie leisen Bemerkungen jeder Art Luft zu machen suchte.

Felder genoß das Vorgefühl kommender Triumphe und setzte allen Fragen sein geheimnisvolles Schweigen entgegen. Aber als der Springer meinte:

– Na, dann kann ich ja nächstens an zu schwimmen fangen! – lächelte er bedeutsam. Nur Nagel äußerte wieder kein Wort. Als jedoch Felder an ihm vorbeiging und vor ihm stehen blieb, sagte er kurz:

– Du kannst sie alle. Wo du sie gelernt hast, weiß ich nicht, und es geht mich ja auch nichts an. Aber glaube nur nicht, daß du auch nur einen ordentlich kannst, wie er sein soll... – worauf Felder blaß wurde und weiterging.

Er vermochte nur noch zu erwidern:

– Das werden wir sehen! –

Seine Freude war dahin für diesen Abend und er begann seinen alten Freund und Lehrer zu hassen. Schon auf der nächsten Sitzung trat er mit seiner Forderung hervor, bei der nächsten Gelegenheit im Springen um eine bedeutende Meisterschaft gemeldet zu werden. Man hielt sie erst für Scherz; dann erhoben sich von allen Seiten Proteste. So viel hatte man schon gesehen, um zu wissen, daß ein solches Vorhaben ganz aussichtslos war. War es auch erstaunlich, was er bei seinem geheimen Training – man wußte jetzt ganz genau, wo und wie er dazu gekommen war – in so kurzer Zeit zustande gebracht hatte, so reichte das alles doch noch lange nicht aus, um mit ersten Meistern in Konkurrenz zu treten. Dazu gehörte vor allem eine jahrelange, stetige, sorgsame Ausbildung unter den Augen von Kennern – das sollte er, der Sportsmann, doch wohl am besten wissen... Von allen Seiten redete man auf ihn ein, suchte ihn zu überzeugen, aber es war alles vergebens. Man sprach zu Ohren, die überhaupt nicht mehr zuhörten.

Felder bestand hartnäckig auf seiner Forderung. Wenn er gefragt wurde, zu welcher Schwimmnummer er gemeldet werden wollte, antwortete er: zum Springen um die Meisterschaft... und je dringender die Frage wurde, um so mehr klang diese Antwort als Drohung: entweder – oder...

Man lachte nicht mehr. Dazu war die Sache zu ernst. Zuviel stand in diesem Sommer im Schwimmen auf dem Spiel: die Meisterschaft Deutschlands sollte behauptet, die größte über Europa zum zweiten Male gewonnen werden; der große Staatspreis Sachsens und der Stadtpreis Breslaus, zum dritten Male durch Felder erobert, in den endgültigen Besitz des Klubs übergehen; unzählige Anforderungen von allen Seiten nach des jungen Meisters Teilnahme an den diesjährigen Schwimmkämpfen mußten beantwortet werden – und dieser Mensch, was tat er? –

Statt in diesem Sommer seine glorreichen Siege zu erneuern, mühelos und ehrenvoll, verbohrte er sich in eine Idee, auf die noch kein anderer vor ihm gekommen war und auf die auch nur er verfallen konnte. Je mehr man auf ihn eindrang, von seinem aussichtslosen Vorhaben abzustehen, desto erbitterter wurde er. Da er die Gründe gegen seine Meldung nicht verstand, da er sie nicht begreifen wollte, sah er in ihnen nur den Ausfluß einer feindseligen Stimmung gegen sich und ganz allmählich in den guten, alten Kameraden und treuen Freunden seines Klubs Gegner seiner Person und damit der Sache.

Denn daß er der Sache mit seinem Vorhaben schaden könne, daran dachte er nicht einmal. Er – und der Sache schaden! –

Man begriff, daß nicht mit ihm zu reden war, als er an einem anderen Abend nach langer, vergeblicher Debatte einfach das Zimmer verließ.

Dann sprach Nagel, und was er sagte, wurde als das richtige empfunden. Er schloß seine Ausführungen, in denen er ein kurzes und klares Bild von Felders Entwickelung gab, mit den Worten: »Tun wir ihm seinen Willen; denn was er nötig hat, um ihn zur Besinnung zu bringen, sind nicht neue Siege, sondern es ist eine gründliche Niederlage.« –

So wurde der Meisterschwimmer von Europa von seinem Klub auf dem ersten diesjährigen Eröffnungsschwimmen der vereinigten Berliner Klubs nicht nur zu seiner alten Meisterschaft Berlins über die kurze Strecke, sondern auch zu dem Haupt-Mehrkampf im Schwimmen, Springen und Tauchen, sowie zum Hauptspringen gemeldet, und diese Meldungen wurden mit grenzenlosem Erstaunen, aber unbeanstandet angenommen.

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