Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Henry Mackay >

Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
Schließen

Navigation:

14

Mit schweren Füßen gehen wir über die schwere Erde. Ewig ist in uns die Sehnsucht, uns über sie erheben zu können, und noch im Tode bitten wir, sie möge uns leicht sein. Denn schwer ist sie uns, wie das Leben.

Aber wir können nicht fliegen. Neidvoll sehen wir den Vögeln nach, die sich in die Luft erheben, die für uns zu leicht ist.

Zu schwer die Erde, zu leicht die Luft.

Aber wir können schwimmen.

Zwischen Himmel und Erde wiegt uns das Wasser. Halb zieht es uns hinab, halb trägt es uns hinauf.

Wir sind noch nicht oben, aber wir sind nicht mehr unten. Es gibt uns das Vergessen: das Vergessen der Erde und die Ahnung, im Himmel zu sein, wenn es uns trägt.

Wir haben keine Flügel, aber wir fühlen die Schwere der Erde nicht mehr.

Wunderbares Element! – Warum haben wir uns aus dir, das unser aller Heimat und Wiege war, auf die Erde geflüchtet? – Warum sind wir nicht in deinen stillen, traumlosen, seligen Tiefen geblieben, statt in das Getöse, den Staub und den Kampf der Erde zu treten? – Warum keuchen wir aus schweren Lungen, statt mühelos aus leichten Kiemen zu atmen? –

Weil wir Wärme, Licht und Leben brauchten? – Ach, die Wärme der Erde ist sengende Glut, ihr Licht blendet unsere Augen, und unerträglich ist uns meisten das Leben.

Dort unten war Kühle, Dämmerung und Traum.

Aber wir wollten hinauf: aus den Tiefen hinauf auf die Erde. Und dann wollten wir höher und höher, von der Erde in den Himmel. Wir können es nicht. Und verzehren uns nun in der ewigen Sehnsucht, die nicht hinauf kann und nicht mehr hinab.

Wunderbares Element! – Die meisten haben dich vergessen. So fremd bist du ihnen geworden, daß sie Furcht vor dir haben. Und statt sich dir anzuvertrauen, blicken sie mit angstvollen Augen auf dich und zittern vor der Berührung mit dir. Mit dir! – Mit dir, das du sie trägst und wiegst und ihnen neues Leben geben möchtest, das du ihnen den Staub aus den Augen und die Qualen vom Herzen wäschest und sie nur sinken läßt, wenn sie, dumm und ungebärdig, dich mißhandeln mit plumpen Gebärden und ungeschickten Fäusten, und, das Unmögliche heischend, in dir den Himmel suchen. Sie alle, die vergessen, daß du nicht wie ein Sklave behandelt sein willst, und es dir verdenken, wenn der Freie sich im Zorn empört und die ungebetene Last von sich abschüttelt und begräbt.

Aber nicht alle haben dich vergessen.

In einigen lebe noch die Sehnsucht nach dir fort, wie das Verlangen nach der Reinheit aus dem Schmutze, und wenn sie zu dir kommen, so nimmst du sie in die Arme, wiegst sie, küssest sie und vergiltst tausendfach jede ihrer noch so ungeschickten Liebkosungen. Und wer sich dir einmal so zu eigen gab, der begehrt den Himmel nicht mehr und kehrt nur auf die Erde zurück, weil ihr Staub ihn gebar und ihn nährt, der kehrt zu dir zurück, wann immer er kann, der ist dein eigen geworden für Lebenszeit...

Einer von diesen wenigen war Franz Felder. Als sich kaum die kleinen, dicken Kinderfäuste von der Mutterbrustgelöst, hatte ihn das erste, selbständige Lebensverlangen nicht auf das weite Feld der Erde, sondern in die stummen Tiefen des Wassers gezogen. Und das Wasser hatte ihn empfangen wie sein eigenstes Kind, hatte ihn unterwiesen in der Kunst des Lebens, ihn verhätschelt, ihn auf alle Weise der gehaßten Erde zu entreißen versucht, die Sehnsucht nach sich auf alle Art genährt, bis er sein eigen geworden war mit Leib und Seele.

So war es sein erster Spielkamerad gewesen und sein einziger geblieben. So war es sein erster Freund geworden, und in der Stunde, als er, noch fast ein Kind, bei einem allzu hastigen Sprunge sich eine tiefe Fleischwunde an einem Nagel, den er streifte, in den Arm riß, und sein Blut sich mit dem Wasser mischte, das es trank, war zwischen ihnen die Blutsbrüderschaft entstanden, die sich erst lösen konnte mit seinem Leben. Die Wunde war geheilt, das Wasser heilte sie wie von selbst, aber die Freundschaft zwischen ihnen hatte gewissermaßen ihre Weihe erhalten, und alle seine kleinen Schmerzen und Wunden trug Franz fortab zu seinem Freunde und ließ sie von ihm heilen, die offenen und die verschwiegenen.

Nun war das Wasser sein Gegner geworden.

Sie rangen miteinander, doch es war nicht das kindliche Spiel mehr des Augenblicks, vergessen im nächsten. Aus der knabenhaften Balgerei war ein ernsthaftes Messen der Kräfte geworden. Aber es war noch immer der achtungsvolle Kampf zweier Gegner, die sich vor und nach ihm die Hand schütteln und voneinander gehen ohne jeden Groll.

Noch immer herrschte die volle Eintracht der Einigkeit zwischen ihnen.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.