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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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7

So kam der Sonntag des Festes heran. Franz hatte in der letzten Woche nach der Arbeit des Tages noch allabendlich trainiert. Gestern war er früh zu Bett gegangen, aber er hatte wenig schlafen können.

Am liebsten hätte er am Morgen noch einmal die Strecke geschwommen – nur einmal ... aber das wurde ihm natürlich nicht erlaubt. So verging der Vormittag in untätiger Ungeduld. Er aß mäßig und trank fast nichts.

Man hatte in dem Restaurant des Klublokals in der Lindenstraße gegessen und spielte nun gemütlich im Sitzungszimmer einen Kaffeeskat an verschiedenen Tischen. Franz, der keine Karte anrührte, sah wie gewöhnlich zu, aber es wurde ihm diesmal nicht leicht, ruhig zu bleiben. Er ging von Tisch zu Tisch, bis ihn eine plötzliche Müdigkeit überfiel und er vor sich hindruselte.

– Leg’ dich doch hin, wir wollen dich schon wecken, wenn es Zeit ist! rief Brüning ihm zu und Franz rollte sich hinter dem großen Tisch auf dem alten, knarrenden Sofa zusammen, auf dem sonst bei den feierlichen Beratungen der Vorsitzende saß. Nach zwei Minuten schlief er wie ein Toter.

Allmählich leerten sich die Tische; man ging zum Fest. Der, an dem Nagel und Brüning saßen, spielte ruhig weiter.

Um halb vier warf Brüning die Karten zusammen und zog seine goldene Uhr:

Massenhaft Zeit noch! – Aber wollen doch lieber gehen...

Er und Nagel standen vor dem Sofa, auf dem Franz noch immer schlief. Er lag da wie ein Kind, und sein Atem ging still und friedlich durch die etwas geöffneten Lippen. Sicherlich träumte er jetzt von keiner Niederlage.

Brüning betrachtete ihn mit fast zärtlichem Lächeln.

– Wie ein junger Gott, was? – Und noch das reine Kind! – Aber wecken wir unseren jungen Sieger!

– Er ist es noch nicht, sagte Nagel und rührte den Schlafenden bei der Schulter.

Franz führ in die Höhe, und sein erster Griff war nach der Uhr.

– Aber wir versäumen das Schwimmen, rief er außer sich, als er sah, daß sie bereits über halb vier zeigte.

Die anderen lachten ihn aus, packten ihn in eine Droschke und fuhren mit ihm zum Fest. –

Die enorme Halle des großen Schwimmbassins der Wasserfreunde war festlich geschmückt. Der weite Raum mit den hohen, gotischen Wölbungen war bis in den letzten Winkel durch die großen, elektrischen Bogenlampen erleuchtet, denn durch die bunten Fensterdrang nur noch das trübe Licht eines frühdunklen Wintertages. Die sonst so kahle Halle war nicht wiederzuerkennen. An der Rückwand hingen von der Decke bis zur Galerie die langen Fahnen der veranstaltenden Vereine herab und verhüllten die weiße Fläche der Mauern mit ihren bunten Farben. An den Langseiten zogen sich von Pfeiler zu Pfeiler in langen Reihen hunderte von winzigen, auf Seile gezogenen Fähnchen in buntem Farbengemisch, und hoch von der Wölbung der Decke hernieder schwebte regungslos über der Mitte des Bassins die mächtige weiße Fahne des »S.-C. B. 1879« mit dem blauen Rande und dem blauen Namenszuge in der linken Ecke. An der Eingangsseite bei dem großen, sechs Meter hohen Sprungbrett spielte – hinter grünem Blattwerk verborgen – die Musik.

Die Seiten des Bassins und die breiten Galerien waren dicht mit Zuschauern besetzt, die sich gespannt vornüber beugten, um besser die Wasserfläche unter sich überschauen zu können, in der die Wettkämpfe stattfanden. Die engen Reihen boten ein buntes Bild: jung und alt – alles saß hier durcheinander, und unter die dunklen Röcke der Herren mischten sich die festlichen Toiletten der Damen und gruppenweise die weißen, buntgeränderten Mützen der zahllosen Sportgenossen. Alle Schwimmvereine Berlins waren vertreten und scharten sich ihrer Zusammengehörigkeit nach hier und dort zusammen.

In den Pausen und zu Beginn jedes neuen Rennens waren alle Augen auf die Eingangswand gerichtet. Dort saß unter der Galerie an einem mit Papieren bedeckten Tische der Ausschuß des Festes: die Preis- und Zielrichter, die beiden Schiedsrichter und in ihrer Nähe einige hervorragende Gäste, Vertreter der Stadt Berlin und einiger Behörden. Hier befanden sich auch die reservierten Plätze für die Vorstände der Vereine, denn hier nahmen die Rennen ihren Anfang.

Als Felder und seine Begleiter ankamen, mußten sie sich an der Aufgangstreppe, wo an der Kasse die üblichen fünfzig Pfennig als Entree erhoben und von Sportkameraden die Programme verkauft und die Besucher empfangen wurden, bereits durch dichte Menschenmassen arbeiten und hatten Mühe, sich durchzudrängen, um zu den Auskleideräumen zu gelangen.

Es war gerade eine Pause, und die Wölbung hallte wider von dem erregten Sprechen und Lachen der vielen Menschen. Es war bereits erstickend heiß. Über der noch vom letzten Rennen her leise bewegten Wasserfläche zogen sich leichte, weiße Streifen, und die ganze Halle dampfte von dem Dunst des Wassers und der Menschen.

Die Uhr wies über die vierte Stunde hinaus. Man näherte sich den großen Wettkämpfen. Längst war die stereotype Eröffnungsrede des Vorsitzenden des Berliner Schwimmerbundes, eines redegewandten und liebenswürdigen Herrn, in seiner bekannten eleganten Weise gehalten und der Eröffnungsreigen geschwommen. Bereits war das Schwimmen der Knaben und Junioren, der Kleinen bis zum vierzehnten und der Knaben bis zum siebzehnten Lebensjahre vorbei, und künftige Meister hatten den ersten Anhauch ihrer Erfolge auf der heißen Stirn gespürt. – Auch die älteren Herren, die über dreißig, hatten geschwommen und vielleicht zum letzten Male die Hand nach dem Siegeskranze gestreckt. Endlich war bereits ein interessanter Mehrkampf ausgefochten worden, über dessen unerwartetes Resultat noch hin und her geredet wurde.

Nun kam ein Brustschwimmen und ein großes Tellertauchen mit unzähligen Konkurrenzen an die Reihe. Es konnte also noch lange dauern, bevor die Meisterschaft Berlins ausgefochten werden sollte – für alle Kenner der Clou des Tages.

Felder wollte sich ausziehen, aber Nagel riet ihm ab. Wozu? – Man hatte noch lange Zeit. Man gesellte sich also noch zu den Klubgenossen, die eine ausgezeichnete Ecke am Anfang der Galerie erobert hatten und besetzt hielten. Hier war man unter sich, unter lauter Bekannten und Freunden, denn auch die Damen, die heute mitgekommen waren, waren von so vielen geselligen Veranstaltungen des Vereins her alte Bekannte. Es war wie eine große Familie, diese Ecke. Koepke empfing Franz mit der gewohnten Lebhaftigkeit. Er war so erregt, als solle er selbst um den Preis schwimmen. Er war natürlich wieder voll von Neuigkeiten, von denen kein Mensch etwas wußte. Georgy vom S.-C. »Spree« sollte nicht mitschwimmen infolge eines Zerwürfnisses mit seinem Klub. Aber Wenzel war da; und Hoffmann, der gefürchtete vom »Triton«, auch. Hatte Franz ihn schon gesehen? – Dort unten stand er, der lange mit der Hakennase und den mächtig vielen Bändern über der Brust. – Und Riesecker war da, der heute zum ersten Male seit zwei Jahren wieder mitschwamm. Aber es würde ihm wohl nichts helfen...

Felder hörte kaum auf das Geschwätz. Er hatte seinem Freunde das Programm aus der Hand genommen, und instinktiv suchte er seinen eigenen Namen. Er brauchte in dem kleinen Heft nicht lange zu blättern. Da stand es:

IX. Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin

Offen für alle Mitglieder. Bahnlänge 100 Meter gleich 4 Längen.

1. B. Riesecker ...... (1. Berliner Amateur-S.-C.) schwarze Kappe

2. K. Wenzel ...... (S.-C. »Poseidon«) gelbe Kappe

3. W. Georgy ...... (S.-C. »Spree«) rot-weiße Kappe

4. F. Felder ...... (S.-C. Berlin 1879) blaue Kappe

5. P. Hoffmann ...... (S.-C. »Triton«) weiße Kappe

6. W. Hofstetter ...... (Berl. S.-Sport-C.von 1888) rote Kappe

Darunter war der Raum freigelassen zum Einzeichnen der Sieger:

Erster: ........... Zeit: .... Min. .... Sek.

Zweiter: .......... Zeit: .... Min. .... Sek.

Da stand sein Name. Noch keine Stunde würde vergangen sein, und die Entscheidung war erfolgt. Welcher unter diesen sechs Namen würde eingetragen werden in die kleine leere Stelle? – Der seine? –

Er hielt es nicht mehr aus. Der Gleichmut seiner Freunde erregte ihn. Ahnten sie, wußten sie denn nicht, was auf dem Spiele stand? – Warum lachten sie noch?... Außer dem dummen Koepke schien keiner von der Größe des Augenblicks erfüllt zu sein.

Das Tauchen hatte begonnen. Es würde bei der großen Beteiligung mindestens eine halbe Stunde dauern. Aber Franz ertrug es nicht länger, ihm untätig zuzusehen. Die Zeit, in der die ersten beiden unter Wasser blieben, erschien ihm endlos.

Er stahl sich weg und suchte einen der hinten gelegenen Auskleideräume auf. In dem ersten, den er betrat, hatten sich bereits sechs oder sieben Teilnehmer ausgezogen. Ein wüstes Durcheinander herrschte in dem engen Gelaß. Der Boden triefte von Nässe und Schmutz, unter den Lattenbelägen standen Wasserlachen, Stiefel lagen herum, die nicht zueinander paßten, und Kleidungsstücke verschiedenster Art waren wahllos übereinander geworfen – friedlich vereinigten sich hier die toten Dinge, während sich draußen ihre Besitzer so bitter bekämpften. Felder bemerkte das alles kaum. Er war es nicht anders gewohnt.

Er war zufrieden, noch einen freien Haken zu finden, und kleidete sich langsam aus. Er war ganz allein in dem abgelegenen Räume, in dem ein trübes Dunkel herrschte, da man vergessen hatte, hier Licht anzuzünden. Durch die engen Fenster sah mit ihrem letzten Schein die früh erlöschende Wintersonne, und nur von ferne drangen verlorene Rufe aus der Halle bis hierher.

Als er das Trikot angelegt hatte und darüber die weiße Badehose mit dem blauen Rande streifte, überkam ihn wieder die zeitweilige Mutlosigkeit der letzten Tage. Er hüllte sich in sein Badetuch und setzte sich in eine Ecke. Er wußte, daß man ihn rufen würde, wenn es Zeit war, und es war ihm ganz lieb, daß man ihn bis dahin allein ließ.

Er glaubte nicht mehr daran, daß er siegen konnte. Es war eine Vermessenheit von ihm, zu schwimmen; und es war mehr als eine solche von seinem Klub, ihn zu diesem Wagnis verleitet zu haben. Auf ihn fiel die Schmach, wenn er unterlag. Und er mußte ja unterliegen – wenn nicht gegen die anderen, so doch gegen Wenzel. War überhaupt jemals ein Mensch gegen den aufgekommen? Und gerade heute nach einjähriger Pause schwamm der wieder mit!

Er sah trübe vor sich hin.

Plötzlich wurde er aus seinem Sinnengerissen. Zwei nasse Gestalten stürzten herein und suchten lärmend nach ihren Kleidern, während sie laut miteinander über das eben beendete Tauchen sprachen.

Hinter ihnen her Koepke.

– Wo bleibst du denn, Mensch? – Jetzt wird es aber wirklich Zeit. So komm doch – alle warten schon auf dich! Felder ließ sein großes Badetuch von den Schultern gleiten und folgte dem wieder Forteilenden langsam. Als er sich mühsam durch die immer enger zusammengepreßte Menschenmenge zu seinen Leuten durchgerungen hatte, kam eben der letzte Taucher, mit seinen zwanzig Tellern beladen, blaß und schweratmend an die Oberfläche.

Es herrschte an der Eingangsseite ein unglaubliches Gedränge. Alles stieß sich durcheinander: Herren vom Wettschwimm-Ausschuß in schwarzen Fräcken; Kellner mit gefüllten Biergläsern; Bademeister in hellen, frischgewaschenen Leinwandanzügen; Klubmitglieder in Mützen und Abzeichen, viele die Brust mit Medaillen und Schleifen übersät, freundlich oder feindlich gesinnt, und sich entweder herzlich begrüßend oder höflich ausweichend; und Gäste des Festes, jeden Alters und Standes und Geschlechtes – alles mußte hier durch, um hinaus oder zu seinem Platz zurückzugelangen, und kaum wurde den Schwimmern ausgewichen, die triefend von Wasser durch sie alle hindurch und zu ihren Kleidern zu gelangen suchten. Die Halle dröhnte wider von dem Durcheinanderlärmen zahlloser Stimmen.

Man machte vor dem Hauptrennen des Festes die kurze Pause um einige Minuten länger, während welcher die Starter versuchten, einen kleinen Raum um die Sprungbretter herum zu schaffen.

Felder stand eingekeilt in einer Ecke. Nagel hatte ihm selbst die blaue Kappe übergezogen, die ihm das Los bestimmt hatte, und erinnerte ihn noch einmal an seine Platznummer: »Du hast also Nr. 3 und schwimmst in der Mitte zwischen zwei Gegnern!« Er hörte Brünings spöttische Stimme, der über den »Blödsinn des übertriebenen Tauchens« sprach und fühlte dabei, wie sein Blick aufmerksam auf ihm ruhte. Als er ihm begegnete, versuchte er, sorglos zu lächeln, aber er konnte es nicht. Er hatte nur den einen Wunsch, daß alles vorbei sein möchte.

Dann sah er, wie der Starter auf das eine der unteren Sprungbretter trat und seine Fahne schwang. Der Lärm in der Halle verminderte sich, Rufe um Rufe wurden laut, und eine klare Stimme tönte bis in den fernsten Winkel des Raumes:

– Neunte Konkurrenz: Schwimmen über hundert Meter um die diesjährige Meisterschaft Berlins. Herr Wenzel vom Schwimmklub »Poseidon« schwimmt wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins nicht mit.

Ein Murmeln der Überraschung erhob sich auf verschiedenen Seiten. Dann lösten sich aus den dunklen Massen schnell einige helle, nackte Gestalten und sprangen mit kurzem Ruck in das Wasser. Felder hatte kein Wort verstanden. Er fühlte sich plötzlich vorwärts gestoßen und sah, wie der Raum vor ihm frei wurde. Er trat vor.

Einen Augenblick – eine kurze Sekunde – stand seine jugendlich-schlanke, ebenmäßige Gestalt allein über dem Bassinrand in der Mitte unzähliger Blicke und überstrahlt von dem grellen Lichte der Bogenlampen, als könne sie sich nicht entschließen, den Sprung zu tun – dann streckte Felder die Arme aus, neigte sich vor und ging mit glattem Sprunge in das Wasser unter sich. Und in demselben Augenblick, als sein heißes Gesicht in die kühle Flut tauchte und seine Hand nach der Stelle des Brettes griff, wo seine Nummer stand, war es ihm, als müsse er aufschreien vor Lust, und er fühlte nichts anderes in dieser Minute mehr, als die maßlose Seligkeit, schwimmen, jetzt losschwimmen zu dürfen! – Endlich im Wasser, war er jetzt wieder Herr seiner selbst und seiner ganzen Kraft, und den Blick geradeaus auf die glatte Fläche vor sich geheftet, hörte er die Stimme des Starters auf dem Sprungbrett über sich:

– Sind die Herren bereit? –

Der Platz neben Felder lag leer. Aber dieser hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon erklang über ihm wieder die feste Stimme:

– Achtung! – ... – Fertig!

Und sofort danach mit dem gleichzeitigen Schwung der Fahne durch die Luft:

– Los! – –

Fünf Hände ließen das Brett los, und fünf Gestalten durchschnitten mit rasender Geschwindigkeit das Wasser.

Die Musik setzte ein, und es wurde so still unter der ungeheuren Wölbung, daß man außer ihr nur das Rauschen des Wassers unter den peitschenden Schlägen der Arme und Hände vernahm. Eine atemlose Spannung ergriff selbst die Fernsitzenden unter den Zuschauern, und allen teilte sich etwas von der inneren Erregung mit, die von diesem Kampfe ausging.

Die erste Länge von fünfundzwanzig Metern wurde fast gleich genommen. Beim Wenden legte der Tritone in weißer Kappe sich vor und blieb so liegen bis rast an das Ende der zweiten Länge, wo er seinen Vorsprung gegen drei Gegner, unter ihnen Felder wieder verlor.

Wieder stießen fast gleichzeitig vier der Schwimmer zur dritten Länge ab; der fünfte war zurückgeblieben und blieb es.

Die vier Körper lagen nun fast nebeneinander. Bei jedem Stoß verschwanden die Köpfe mit den bunten Mützen unter der Wasserwoge, die über sie wegging; dann sah man, wie sich die Arme wieder hoben, um zu neuem Schlage auszuholen und die Körper, von neuem, mächtigen Stoße der Beine getrieben, vorwärts flogen, als würden sie gezogen...

Gegen Ende der dritten Länge schien es, als schwämmen die vier auf einen bestimmten Punkt zu, so sehr näherten sie sich einander. Aber dann gingen sie wieder auseinander und jeder auf seine Nummer los. Wieder erfolgte der Anschlag fast gleichzeitig; doch hatten sowohl die rot-weiße wie die rote Kappe eingebüßt, da ihnen die Richtung ein wenig verloren gegangen war. So kam es, daß Felder zuerst, oder doch fast gleichzeitig mit dem Träger der schwarzen, wenden konnte.

Die Musik schwieg plötzlich und die ersten vereinzelten Rufe der Teilnahme und der Ermutigung wurden laut. Auf der Galerie waren die Zuschauer aufgestanden und überall drängten sich die Köpfe so weit wie nur möglich vor. Die Spannung erreichte den höchsten Grad.

Die ersten Längen hatte Franz geschwommen wie er immer schwamm: ohne Aufbietung seiner letzten Kraft. Er war so glücklich, schwimmen zu können, daß er fast vergessen hatte, um was es sich handelte. Nun erwachte er plötzlich wie aus einem Traum: er hörte die Rufe und sah dicht neben sich den langen Riesecker, der sich eben wandte und ihm mit dem nächsten Stoß schon voraus war. Da packte ihn eine fürchterliche Wut. Er wußte wieder, wo er war – und tief Atem holend, stieß er sich ab. Ganz einerlei jetzt – ob er siegte oder nicht; aber leicht wollte er jenem den Sieg nicht machen! Er griff in das Wasser und schoß in ihm hin; er kämpfte mit ihm wie mit einem persönlichen Feinde, außer sich vor Wut und Raserei.

Die Zuschauer sahen wie sich die zu Anfang der Endlänge nicht mehr gerade Linie der vier Köpfe wieder schloß – wie der zweite dem ersten wieder näher und näher kam und wie sich ihm die beiden anderen zugesellten. In der Mitte des Bassins lagen die Schwimmer fast so wieder zusammen, wie zu Anfang des Rennens.

Die Aufregung der Zuschauer stieg ins maßlose. Man rief nicht mehr, man schrie den Schwimmern von allen Seiten zu, und jeder ihrer vier Namen erklang aufmunternd, anfeuernd – drohend von überallher...

Franz nahm seine letzte Kraft zusammen. Er hörte und sah nichts mehr. Er wußte nicht mehr, wohin er schwamm, ob er überhaupt noch in einer Richtung ging. Neben ihm peitschte irgend etwas mit beiden Armen wie ein Ertrinkender das Wasser – er sah und hörte nichts mehr. Er fühlte kaum, wie seine Finger das Holz des Brettes berührten... Er wußte nicht einmal mehr, war es nun zu Ende oder nicht...

Dann vernahm er das frenetische Jubelgeschrei, das die Halle durchbrauste und das den Tusch der Musik völlig übertönte. Über sich sah er erregte Gesichter und neben sich für einen Augenblick seine Gegner – erschöpft wie er. Wie sie holte er noch einmal tief Atem. Dann tauchte er unter und schwamm mit einem Stoß auf die Leiter zu. Er hatte sich vollkommen ausgegeben,

Er hörte nicht, was die Umstehenden sagten. Er hatte nur das eine Bedürfnis sich jetzt hinsetzen zu dürfen. Er drängte sich aufs Geratewohl durch die Menschen, die ihm keinen Platz machten. Man hatte ihm ein Tuch übergeworfen, wie einem Pferde nach dem Rennen die Decke. Er hüllte sich fest hinein, um das Zittern seiner Glieder zu verbergen, und machte sich rücksichtslos Platz. So gelangte er zu dem Raum, wo seine Kleider hingen, und setzte sich, noch immer keuchend, in eine Ecke.

Sie drängten sich ihm alle nach, seine Freunde, lachend über seine eilige Flucht und sein böses Gesicht, und versuchten, ihm die Hand zu drücken.

Als er sie alle vor sich sah, die bekannten Gesichter, wurde er noch böser:

– Aber warum denn? – Ich war doch nicht erster! –

Er sah, wie sie wieder lachten.

– Wer denn sonst, fragte Brüning.

Franz sah von einem zum andern. Ohne Zweifel, sie lachten ihn aus.

Dann erblickte er seinen Schwimmwart und sah ihn an. Und eine Ahnung stieg in ihm auf, daß es wahr sein könne. Wenn Nagel es sagte, dann glaubte er es.

Und als auch dieser nickte und sagte:

– Mit 2/5 Sekunden etwa... da war ihm, als löse sich von seiner Brust der ungeheure Druck und eilig sprang er auf, um nach seinen Kleidern zu greifen.

Hastig riß er Badehose und Trikot herunter und warf sich in seinen Anzug. Um ihn herum ließen die Mitglieder des »S.-C. B. 1879« jetzt ihren Gefühlen freien Lauf. Lebhaft wurde das eben beendete Rennen besprochen. Allgemein stimmte man darin überein, daß es ein ganz außergewöhnliches Rennen gewesen war, »wieder einmal eines von jenen, bei denen alles anders gekommen war...« Am äußergewöhnlichsten sicherlich das Endresultat.

Nur einer war ganz zurückgeblieben; einer hatte nicht mitgeschwommen. Die übrigen vier waren fast gleichzeitig durchs Ziel gegangen. Es konnte sich bei ihnen nur um ein paar Sekundenfünftel handeln. Aber Felder hatte unbedingt zuerst angeschlagen. Sie alle hatten es gesehen. Gleich nach ihm hatte Riesecker die Hand angelegt, und es hatte sich vielleicht nur um dies Anlegen der Hand gehandelt; dann Georgy vom »Spree »-Verein, und wieder fast gleichzeitig mit diesem der junge Erstlingsschwimmer Hofstetter, dem das kein Mensch zugetraut hätte. Hoffmann, der berühmte Hoffmann vom »Triton«, der Meister des Vorjahres, war überhaupt ganz zurückgeblieben und hatte zu Ende der dritten Länge schon gänzlich ausgesetzt.

Das an den Richtertisch gesandte Mitglied, wo unterdessen die Zeit festgestellt und bekannt geworden war, kam zurück und bestätigte fast jede Einzelheit. Die hundert Meter waren geschwommen in der Zeit von 1:23 4/5 bis l:25 Minuten. Riesecker hatte den zweiten Preis mit 24 1/5; der dritte hatte mit 1:24 3/5 abgeschnitten und mit 1/5 Sekunde später der junge Hofstetter.

Der Rekord für Deutschland betrug 1:18 Minuten. Er war also keineswegs erreicht, wie überhaupt in den letzten Jahren nicht mehr. Was aber die Leistung Felders zu einer so außergewöhnlichen machte, war die Jugend des Siegers. Wenn man sie in Betracht zog, war es ein Erfolg, fast einzig in seiner Art.

Neueintretende erzählen von der allgemeinen Verblüffung. Der ganze Amateur-Schwimmklub sei in Aufruhr und wolle das Resultat anfechten, da zwischen seinem Mitglied und Felder ein totes Rennen stattgefunden habe: man habe ganz genau gesehen, daß Riesecker und Felder zu gleicher Zeit angeschlagen hätten, und man habe es von ihrem Platze aus besser sehen können, als von dem Tische der Richter.

Die Freude der Mitglieder wurde durch die Nachricht von dem Arger der anderen natürlich nur erhöht, und man freute sich im voraus auf die nicht ausbleibenden Reibereien der nächsten Zeit.

Nur Franz war merkwürdig still geworden. Jetzt, wo er wirklich diesen so heißersehnten und noch immer unbegreiflichen Sieg sein eigen nannte, erschien ihm so wenig, was er errungen. Die Unruhe und Angst der letzten Zeit waren vorbei. Aber geschwunden war auch zugleich mit ihnen und wie mit einem Schlage das Gefühl des Angespanntseins, das einer inneren Gehobenheit trotz aller Verzagtheit... Was hatte er getan? – Wofür wurde er gelobt? – Er hatte geschwommen, wie schon hundert Male, von Rand zu Rand der Wasserfläche – etwas besser, nicht viel schlechter heute, als sonst. Nur hatte er diesmal etwas getan, was andere nicht gekonnt: um den Bruchteil einer Sekunde, um einen Augenblick früher hatte er die Hand zum Anschlagen erhoben, und diese eine, diese einzige Bewegung der Arme und der Hand erhob ihn plötzlich so, daß ihn alle anstarrten wie ein Wundertier. Wäre er unterlegen, ja, wäre er nur zweiter geworden, kein Mensch würde sich um ihn kümmern, niemand seinen Namen nennen... Außerdem: Wenzel hatte nicht mit geschwommen. Wäre er nicht erkrankt, so hätten sie alle miteinander einpacken und zusehen können!

Er wollte wissen, wie er geschwommen hatte. Nagel würde es ihm sagen. Er drängte sich zu ihm, als er fertig war, und ging mit ihm hinaus.

Dann hörte er es: »Ein schöner Sieg, weil er so schwer errungen wurde. Wie du geschwommen hast? – Die ersten drei Längen ganz gut. Bei der letzten hast du natürlich den Stil verloren und bist über deine Kräfte hinausgegangen. Sonst hättest du auch nicht gesiegt. – Freu’ dich nur ruhig. Wir freuen uns auch.«

Ja, Franz freute sich, als er dies hörte, und zog sich seine Sportmütze über die noch nassen Haare. Jetzt erst freute er sich wirklich!

Mit den anderen ging er hinaus, und eine Weile noch standen alle in ihrer Ecke der Galerie, wo der Sieger mit neuen Glückwünschen empfangen wurde.

Die schwüle Hitze in der Halle hatte noch zugenommen. Der Dunst des warmen Wassers und der vielen Menschen war erdrückend. Überall sah man rote Gesichter, auf denen der Schweiß stand, und alles versuchte die innere Glut mit großen Gläsern Bier zu löschen. Aber noch immer erschienen die Reihen der Zuschauer ungelichtet. Man blieb, weil man einmal da war, oder auch, weil man noch das Wasserpolo und die lustige Pantomime am Schluß nicht aufgeben wollte. Die letzten Rennen gingen unter allgemeiner Interesselosigkeit vorüber. Selbst ein langes, aber vortreffliches Kürspringen vermochte es kaum mehr aufrecht zu erhalten. Wie immer, rächte sich an diesen letzten Nummern die offenbar unvermeidliche Überladung des Programms.

In der Ecke der 79er drängte Brüning seine näheren Freunde zum Aufbruch, endlich »dies verfluchte Schwitzbad« zu verlassen. Er könne es nicht mehr aushalten, und wenn sie noch zehn Minuten länger hierblieben, könnten sie es erleben, daß er sich auszog und ins Wasser ging. Er hatte aus Anlaß des Sieges sogleich ein kleines Festessen geplant und den immer bereiten Koepke (der als Belohnung dafür mit eingeladen wurde) in ein benachbartes Weinrestaurant geschickt, wo die Nennung seines Namens und kurze Angaben genügten, um eine gemütliche Nische und ein ausgesuchtes kleines Souper für sechs Personen nach einer Stunde bereit zu finden.

Die Geladenen verabschiedeten sich für ein paar Stunden von ihren Leuten und verließen, von vielen Blicken gefolgt, die heiße Halle. –

Bei Tisch herrschte die lebhafteste Fröhlichkeit. Franz saß zunächst dem Gastgeber, neben ihm ein älterer Schwimmer mit großem Namen, und ihm gegenüber sein verehrter Schwimmwart. Er war äußerlich still, wie immer, aber innerlich war jetzt alle Sorge von ihm genommen, und er ließ sich alle die guten und ungewohnten Dinge, die auf den Tisch kamen, mit dem ganzen unverdorbenen Appetit seiner jungen Jahre schmecken.

Aber als Brüning zum Schluß, als der Sekt kam, das Glas in die Hand nahm und – halb ernsthaft, halb launig, wie es so seine Art war – eine Rede auf ihn hielt und alle aufstanden, um auf den heurigen und alle künftigen Erfolge mit ihm anzustoßen, da übermannte ihn fast die Rührung über so viel unverdiente Freundschaft. Ein großer Entschluß keimte in ihm auf, und während die anderen schon weiteraßen und weiterlachten, stand er plötzlich auf und sagte geradeausschauend und ganz schnell:

– Es lebe der Schwimmklub Berlin 1879. Ich danke ihm, daß er mich aufgenommen hat, und ich werde mich anstrengen, ihm immer so Ehre zu machen, wie heute...

Das war ein kurzer Toast, aber ein guter, und alle wunderten sich, daß er ihn so zustande gebracht hatte; Brüning nannte ihn sogar einen Beweis für »die unvermutet glänzende Rednergabe unseres lieben Mitgliedes Franz Felder«.

Aber das störte diesen nicht weiter, und äußerlich still, aber innerlich glücklich blieb er den ganzen Abend: während der Droschkenfahrt nach dem Lokal, wo die Preisverteilung stattfand; während dieser selbst, als er – noch einmal der Zielpunkt aller Blicke – die silberne Medaille und die Urkunde, die ihn den Meister von Berlin für das kommende Jahr nannte, erhielt; und während der langen Stunden, die sich noch durch die halbe Nacht zogen, als man an den Tischen zu seiten des großen Saales saß, in dem unermüdlich getanzt wurde, und als immer wieder und wieder von allen Seiten alte und neue Bekannte kamen, um mit ihm anzustoßen, zutrinken und ein Wort zu wechseln...

Und glücklich war er, als er endlich durch die helle und kalte Winternacht heimwärts ging. Denn wie der Himmel dort oben, so war auch seine Zukunft voll lichter Sterne, und ein jeder von ihnen war ein neuer, ein großer und ein immer größerer Erfolg!

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