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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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Auf der Meldeliste des »Schwimmklub Berlin 1879« für das diesjährige große Wettschwimmen des Berliner Schwimmerbundes stand zum ersten Male der Name Franz Felder. Der Inhaber dieses Namens war gemeldet für das Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin. Es war Brünings gewichtiges Wort gewesen, das, für das Junge Mitglied in die Wagschale gelegt, sie in der langen Beratung endlich zu Felders Gunsten sinken ließ.

Franz vergaß es ihm nie. Er war erst fast bestürzt, als er von der Entscheidung hörte, trotzdem sie kaum anders hätte ausfallen können, wollte der Klub sich überhaupt beteiligen. Dann ergriff ihn einfach ein Freudentaumel. Sein Klub sandte ihn hinaus auf das große Schwimmfest des Winters, auf ihm um eine Meisterschaft, um die Meisterschaft der Stadt Berlin über die kurze Strecke von 100 Metern zu ringen! – Er sollte sich auf dem jährlichen Wettschwimmen des großen Berliner Schwimmerbundes mit ersten Schwimmern – unter ihnen alten Siegern – im Kampf um die silberne Medaille messen!!

Es war nur die Meisterschaft um eine Stadt, nicht die um ein Land oder gar um einen Erdteil, aber es war immerhin die Meisterschaft um die Hauptstadt, in der wie in keiner anderen der ganzen Welt der Sport des Schwimmens grünte und blühte, die überallhin die besten und gefürchtetsten Kräfte stellte, wo es galt, erste Erfolge zu erzielen. Eine Meisterschaft im Berliner Schwimmerbunde, der den größten Teil der Berliner Schwimmvereine umfaßte, der im Allgemeinen Deutschen Schwimmverbande die erste Stelle einnahm, war ein großer Sieg – ein Sieg ersten Ranges, vielumstritten und heißbegehrt...

Und sein Klub sandte ihn, den jungen, unbekannten Franz Felder, hinaus, diese Meisterschaft zu erkämpfen! – Sein Klub, der vor vielen Jahren zuerst die Initiative zur Gründung eben dieses Schwimmerbundes gegeben hatte, sein Klub, der älteste und angesehenste Berlins, mit dessen schlichtem und doch so berühmtem Namen die so vieler erster Schwimmer der Welt unauslöschlich verbunden waren, der nicht nur für sich und seine Mitglieder, sondern für die ganze Sache des Schwimmens von jeher ein unnachahmliches Beispiel gewesen war – der »S.-C. B. 1879« entsandte ihn zum diesjährigen Wettbewerb!

Wenn er sein junges Mitglied in dieser Weise allen anderen vorzog, so wußte er, was er tat. Dann war es ohne Zweifel sein bester Schwimmer. Aber was mehr war, als diese äußere Anerkennung seiner Kraft, war die innere: der Klub hätte nie ein Mitglied hinausgesandt, von dessen innerlicher Zusammengehörigkeit mit den Bestrebungen und Zielen des Klubs – und das waren in der Sache unbedingt die höchsten – er nicht überzeugt gewesen wäre. Er hatte sich jahrelang von den Festen zurückhalten können, stolz auf alte Erfolge und unbekümmert um neue, als die alten Kräfte, die sich zurückziehen mußten, nicht sogleich durch neue von gleicher Stärke ersetzt werden konnten; und er würde sich Zeit genommen haben, im nötigen Falle nochmals jahrelang zuwarten, denn nicht um künstliche Züchtung einzelner Größen und die Erlangung lauter Triumphe, sondern um die allgemeine Hebung der Sache war es ihm stets in erster Linie zu tun gewesen. Entschloß man sich daher heute zu neuer aktiver Beteiligung, so mußte man des Sieges ziemlich gewiß sein – und nicht nur dieses einen Sieges, sondern eines neuen Ruhmesblattes in dem alten Kranze...

Felder war sich über all dies durchaus nicht klar. Er fühlte nur, wie sehr man ihn auszeichnete, nicht nur als Schwimmer, sondern auch als Menschen, indem man seinen Namen als Vertreter seines Klubs zum ersten Male öffentlich nannte; er wußte, man vertraute ihm die Ehre des Klubs an, nicht nur einen neuen Erfolg. Weiter sah er noch nicht. So ging sein ganzer Ehrgeiz einstweilen dahin, diesen Sieg, auf den es ankam, für seinen Klub zu erfechten. Er fühlte, er mußte ihn erringen!

Er war sehr stolz und sehr glücklich. Aber er hatte Angst, richtige Angst – zum erstenmal in seinem Leben. Er wußte bisher nicht, was Angst war. Nie hatte er sie empfunden. Aber nun ergriff sie ihn. Es war das Kanonenfieber des Soldaten, der zum ersten Male in die Schlacht geht.

Denn wenn er unterlag? – Wenn er nur einen zweiten, dritten oder überhaupt keinen Preis erhielt? – Er kannte seine Gegner wohl. Fast alle hatte er wiederholt auf den Schwimmfesten gesehen und bewundert. Aber mit keinem hatte er sich bisher je gemessen. – Außer dem seinen stand nur noch ein neuer Name unter den Meldungen. Und er war der Jüngste von allen! –

Wohl schlug er schon die Ältesten seines Klubs über die kurze Strecke. Aber sein Klub hatte, so lange er in ihm war, keine Meisterschaften mehr aufzuweisen. Was wollte es also sagen, daß er, Franz Felder, sein bester Schwimmer war? – Nicht allzu viel.

Nagel, der seine innere Aufregung sah, redete ihm wiederholt ernstlich zu. Er war besorgt um seinen Zögling – nicht, weil er fürchtete, daß er unterliegen könne, sondern weil er sah, in welcher verzehrenden Unruhe er umherging und übte. Er warnte ihn, allzu viel Wert auf dies Rennen zu legen. Was war es denn, wenn er auch unterlag? – Was heute Niederlage war, konnte morgen zum Siege werden, und umgekehrt. Er hatte das mitangesehen, viele Male, und es an sich selbst erlebt; und auch Franz würde das erleben. Das war nicht das erste und letzte Schwimmen, gewiß nicht – und immer wiederholte der gute und erfahrene Freund:

– Schwimm so gut, wie du kannst. Kümmere dich um nichts, als um dein Ziel. Mehr kannst du nicht tun, als was deine Kraft dir erlaubt, zu tun. Damit sei zufrieden...

Felder hörte zum ersten Male seinem Freund nur halb zu.

Sein Klub hatte ihn hinausgesandt. In seinen Händen lag seine Ehre. Er durfte ihm keine Schande machen; er mußte siegen – er mußte!

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