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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich erst in seiner letzten Hälfte.

Das Schwimmen als körperliche Übung ist von jeher geübt, wenn es auch nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen Tagen des Altertums war, von deren Schönheitsfreude noch heute die gigantischen Thermentrümmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen. In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree durch die Initiative eines preußischen Generals die große Anstalt entstand, die noch heute seinen Namen trägt. Bedeutet der Name von Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter Übung, so kann von einer Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbäder in Deutschland öffnen, sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer zusammentun, um ihre Kräfte unter- und gegeneinander zu messen.

Erst spärlich und fast unbeachtet – einer der ersten unter ihnen der »S.-C. B. 1879« – wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur langsam, kämpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hälfte dieses Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den Winterschwimmbädern in vielen Städten entstehen überall auch Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem großen Verbande zusammenschließen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und Unterverbände zu einer gemeinsamen Bestrebung für die neue Sache zu vereinigen.

Ein Jahrzehnt später, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre Wertungsform gefunden.

Man hat gesiegt. Das jüngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport an bestimmte Bedingungen, hat er sich kühnlich neben jeden anderen gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser, dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wölbungen von Eisen und Glas.

Natürlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die größten und wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, daß die wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswärtigen Interessen in Anspruch genommen wird.

Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen Städten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde – ihre Namen mit Vorliebe den alten Wassergöttern und allem möglichen Wassergetier entlehnend – , vereinigen und – bekämpfen sich untereinander, erbittert und leidenschaftlich; jetzt drängen sich die kleinen und großen Feste Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem solchen Feste in einer Stadt wie Berlin.

Es ist die Zeit des reichsten Wachstums und damit der stürmischsten Gärung, der der alte »S.-C. B. 1879« fast allein ruhig zusehen kann, da beides bereits hinter ihm liegt; und es ist die Zeit, als Franz Felder in ihm in unablässigem Training um seine ersten Siege ringt. –

Der Verlauf der Schwimmfeste ist im allgemeinen ein ziemlich gleicher, und sie unterscheiden sich wesentlich nur durch ihre Ausdehnung. Von den kleinen, internen Veranstaltungen der Klubs unter sich an den Sonntagnachmittagsstunden angefangen erstrecken sie sich bei den großen nationalen und internationalen Meetings oft über zwei Tage. Auf dreierlei Art wird auf allen gekämpft: im Schwimmen, im Springen und im Tauchen.

Geschwommen wird um kürzere oder längere Strecken, und zwar ist entweder der Stil freigestellt oder als Brust-, Seiten- und Rückenschwimmen vorgeschrieben. Geschwommen werden kann in stromfreiem Wasser, Seen und künstlichen Bassins, oder auch in Flüssen mit zu überwindendem Strömungswiderstand.

Die Zahl der Sprünge ist naturgemäß eine begrenzte. Die Sprungtabelle des Deutschen Schwimmverbandes von 1891 weist deren fünfunddreißig auf, die nach den Punkten 0-5 und dem Schwierigkeitsgrade 1-6 gewertet werden. Von dem einfachen Abfallen und dem Abrenner, den einfachen und schwierigeren Kopfsprüngen steigen sie langsam auf zu den Hecht- und Schlußsprüngen in ihren verschiedenen Drehungen des Körpers. Aber es herrscht eine große Mannigfaltigkeit unter ihnen. Die Höhe des Sprungbrettes wechselt von einem zu drei und sechs Metern. Viele Sprünge können ebensowohl aus dem Stand, wie mit Anlauf gemacht werden; und bei vielen tritt hinzu, daß sie sowohl vor-, als auch seit- oder auch rückwärts ausgeführt werden können. Daher ist das Amt eines Preisrichters für das Springen kein leichtes und erfordert langgeübte und intime Kenntnis der einzelnen Sprünge und ihrer Werte. Auf den Festen gibt es ebensowohl Konkurrenzen für Pflicht-, wie für Kürsprünge.

Das Tauchen ist einfach. Man taucht entweder in die Tiefe nach Tellern (Sieger ist, wer in der kürzesten Zeit die größte Anzahl hervorholt), oder in die Länge: das Hechttauchen – man schwimmt unter dem Wasser, und die dort in gerader Richtung erreichte Meterzahl gibt den Ausschlag.

Auf jedem Feste findet auch ein Mehrkampf statt, der meist sehr interessant verläuft: gekämpft wird in allen drei Arten, und Sieger bleibt, wer durchschnittlich in allen die höchste Punktzahl erreicht.

Die Preise werden entweder Eigentum des Siegers oder gehen in den Besitz seines Klubs über. Sie bestehen bei den großen Meisterschaften oft in wertvollen Gegenständen, die die Veranstalter oder auch die Stadt stiften; oder in Medaillen, Ehren-Urkunden und dem einfachen Lorbeer mit den farbigen Schleifen, die in goldenen Lettern von dem heißerrungenen Ruhme erzählen – unvergeßliche Andenken! – Es gibt Preise, die dem Sieger sofort zufallen; aber es gibt auch Wanderpreise, die erst nach mehrmaligem schwererstrittenen Sieg erringbar sind und mehrere Jahre hintereinander ausgefochten werden müssen, ehe sie in den Besitz des Siegers übergehen oder Klubeigentum werden.

Was sonst die Feste noch zeigen, dient mehr zu ihrer äußerlichen Bereicherung und Ausschmückung. Das Schwimmen »älterer Herren«, die die Zeit der höchsten Ausbildung ihrer Stärke bereits hinter sich, wie die einleitenden Schwimmen der Knaben und Junioren, die sie noch nicht erreicht haben, diese Trost- und Ermunterungs-Schwimmen können bei weitem nicht das Interesse erwecken, das die jungen Leute vor oder nach ihrem zwanzigsten Jahre in der höchsten Leistungsfähigkeit ihrer Kraft bieten, und deren Namen daher mit Recht in der Mitte aller Programme stehen. Groteske und lustige Wasserpantomimen sollen so manchen geduldigen Zuschauer, der wenig oder nichts von den für Nichtkenner oft eintönigen Kämpfen versteht, entschädigen, und einlautes, lebhaftes Wasser-Polo, in dem Klub gegen Klub sich mißt, fehlt heute auf keinem als Abschluß.

Die Preisverteilung findet am Abend des Festes statt. Musik und Tanz »halten die Teilnehmer noch lange zusammen«, wie es stets am Ende aller Berichte heißt.

– Gut Naß! – Hurra! Hurra! Hurra!

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