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Der Schwimmer

John Henry Mackay: Der Schwimmer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMackay
titleDer Schwimmer
publisherFoerster
year1982
firstpub1901
isbn3-922257-36-4
senderhubertk@pacbell.net
created20050430
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Zweiter Teil

1

Auch dieser Sommer war vorbei, und wieder war es zu kalt geworden, um im Freien zu baden. Die offenen Sommeranstalten schlössen sich. Franz Felder hatte seine Stelle aufgeben müssen, da im Geschäft nicht mehr genug zu tun war, und suchte nun, nach einem gerührten Abschied von Cäsar, dem treuen Gefährten so vieler schöner, heller Sommertage, eine neue Stelle für den Winter. Einstweilen nahm er mit, was er kriegen konnte.

So oft er konnte, ging er nun wieder in das große Volksbad, dessen hohe, warme Halle sich das ganze Jahr über nur an den zweiten Feiertagen schloß und immerweniger besucht wurde, je kälter es draußen wurde.

Es war ja nicht dasselbe, sagte Franz zu sich, wie das Baden im Freien. Aber es war doch wenigstens ein Wasser, in dem man schwimmen konnte.

Als er sich eines Abends so mit seinen Kameraden im Bassin tummelte und sie gerade in einer kleinen Race auf 50 Meter spielend geschlagen hatte, kam ein Herr auf ihn zu, den er schon oft gesehen, und fragte ihn, ob er denn nicht Lust habe, in einen Schwimmverein einzutreten.

Es war nicht das erstemal in letzter Zeit, daß an den Jungen diese Frage gestellt wurde, und schon wollte er sagen, daß er einstweilen noch etwas warten wolle, als er hörte, was der Herr weiter sagte:

– Sie müssen wissen, wir nehmen nicht jeden in unsere Jugendabteilung, sondern nur Kräfte, von denen wir uns etwas für unseren Verein versprechen.

Und plötzlich schoß es Franz durch den Kopf: der Herr gehörte ja zum »Schwimmklub Berlin von 1879« – dem ältesten und angesehensten Schwimmverein Berlins, dem so viele Meisterschaftsschwimmer entstammten, der die großen Feste gab, und in den einzutreten überhaupt eine Unmöglichkeit schien ... und noch etwas außer Atem und ganz hochrot fragte er fast ungläubig:

– Schwimmklub Berlin von 1879? –

Der Herr lächelte.

– Jawohl. Sie wissen vielleicht, unsere Beiträge sind um etwas höher, als in den anderen Vereinen, aber wir sind nicht rigoros in dieser Beziehung, und der gute Wille zählt hier mit, wenn es einmal nicht so geht. Übrigens haben Sie so viele andere Vorteile bei uns, besonders wenn Sie viel baden, daß sich das schon machen lassen wird...

Als er sah, daß Franz noch immer nicht antwortete, lächelte er wieder und machte eine Bewegung:

– Ich will Sie übrigens nicht überreden... Sie können sich die Sache ja überlegen –

Aber da sagte Franz hastig, als könne ihm das unerwartete Glück wieder entgehen:

– Nein, nein, ich will schon gern –

Der Herr zog sein Notizbuch hervor:

– Also, der Name...

– Franz Felder –

– Adresse?

– Berlin O, Münchebergerstraße 102, und etwas zögernder: – Hof – im Keller –

Der andere schrieb alles auf. Dann reichte er ihm die Hand:

– Unsere Übungsstunden für die Jugendabteilung kennen Sie wohl? – Jeden Dienstag und Freitag abends acht Uhr.

Franz nahm die dargebotene Hand, machte eine tiefe und respektvolle Verbeugung, wie er sie vor seinem Pfarrer und seinem Rektor gemacht hatte, sah, wie der Herr wegging, und fühlte zugleich einen freundschaftlichen Rippenstoß in der Seite:

– Du, wat hat denn der von dir jewollt?

Er sah seine Freunde um sich und sagte nur von oben herab:

– Ich bin aufgefordert worden, dem »Schwimmklub Berlin 1879« beizutreten, und ließ sie stehen.

Nun, da er es ausgesprochen hatte, glaubte er es selbst, und eine unbändige Freude ergriff ihn.

O, er wollte Ehre einlegen! – Und die siebzig Pfennige Monatsbeitrag wollte er schon aufbringen und so pünktlich zahlen, daß man ihm deshalb nie einen Vorwurf machen sollte, wenn er auch einstweilen noch nicht wußte, wie sie aufzutreiben waren.

Im Geiste sah er sich schon in dem blaugesäumten Trikot und der Badehose, die in Blau die gestickten Anfangsbuchstaben und die Zahl 1879 trug, und er machte vom Sprungbrett einen Freudensprung, aber so ungeschickt in seiner Aufregung, daß nur eine gewandte Wendung im letzten Moment ihn davor bewahrte, flach aufzuschlagen.

Daran, daß es ihm nie als ein besonderes Vergnügen erschienen war, einem Verein anzugehören, daß er den Zwang der Stunde, das Schwimmen-Müssen um bestimmte Längen, dabei unter schärfster Aufsicht und steter Kritik, daran, daß ihn das ganze Klubleben, soweit er es kannte, mit einem Wort: das »offizielle Schwimmen« nie angezogen hatte, an all dies dachte er nun nicht mehr. Sein Ehrgeiz war angestachelt. Man hatte ihn bemerkt und so ausgezeichnet, ihn zur Mitgliedschaft an dem ersten und ältesten Schwimmverein Berlins aufzufordern.

Er gehörte von heute ab dem »Schwimmklub Berlin 1879« an, und allen, die es hören wollten, und sehr vielen, die es nicht hören wollten, erzählte er die ihm selbstunglaublich erscheinende Tatsache, tief entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit der sie allgemein aufgenommen wurde.

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