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Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Der Schwierige

Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Schwierige
authorHugo von Hofmannsthal
year1998
publisherFischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27111-8
titleDer Schwierige
pages3-14
created19990519
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Elfte Szene

Lukas kommt eilig Darf ich fragen – haben Euer Erlaucht Befehl gegeben, daß fremder Besuch vorgelassen wird?

Hans Karl Aber absolut nicht. Was ist denn das?

Lukas Da muß der neue Diener eine Konfusion gemacht haben. Eben wird vom Portier herauftelephoniert, daß Herr Baron Neuhoff auf der Treppe ist. Bitte, zu befehlen, was mit ihm geschehen soll.

Stani Also, im Moment, wo wir von ihm sprechen. Das ist kein Zufall. Onkel Kari, dieser Mensch ist mein Guignon, und ich beschwöre sein Kommen herauf. Vor einer Woche bei der Helen, ich will ihr eben meine Ansicht über den Herrn v. Neuhoff sagen, im Moment steht der Neuhoff auf der Schwelle. Vor drei Tagen, ich geh' von der Antoinette weg – im Vorzimmer steht der Herr v. Neuhoff. Gestern früh bei meiner Mutter, ich wollte dringend etwas mit ihr besprechen, im Vorzimmer find' ich den Herrn v. Neuhoff.

Vinzenz tritt ein, meldet Herr Baron Neuhoff sind im Vorzimmer.

Hans Karl Jetzt muß ich ihn natürlich empfangen.

Lukas winkt: eintreten lassen.
Vinzenz öffnet die Flügeltür, läßt eintreten.

Zwölfte Szene

Neuhoff tritt ein Guten Abend, Graf Bühl. Ich war so unbescheiden, nachzusehen, ob Sie zu Hause wären.

Hans Karl Sie kennen meinen Neffen Freudenberg?

Stani Wir haben uns getroffen. Sie setzen sich.

Neuhoff Ich sollte die Freude haben, Ihnen diesen Abend im Altenwylschen Hause zu begegnen. Gräfin Helene hatte sich ein wenig darauf gefreut, uns zusammenzuführen. Um so schmerzlicher war mein Bedauern, als ich durch Gräfin Helene diesen Nachmittag erfahren mußte, Sie hätten abgesagt.

Hans Karl Sie kennen meine Cousine seit dem letzten Winter?

Neuhoff Kennen – wenn man das Wort von einem solchen Wesen brauchen darf. In gewissen Augenblicken gewahrt man erst, wie doppelsinnig das Wort ist: es bezeichnet das Oberflächlichste von der Welt und zugleich das tiefste Geheimnis des Daseins zwischen Mensch und Mensch.

Hans Karl und Stani wechseln einen Blick.

Neuhoff Ich habe das Glück, Gräfin Helene nicht selten zu sehen und ihr in Verehrung anzugehören.

Eine kleine, etwas genierte Pause.

Neuhoff Heute nachmittag – wir waren zusammen im Atelier von Bohuslawsky – Bohuslawsky macht mein Porträt, das heißt, er quält sich unverhältnismäßig, den Ausdruck meiner Augen festzuhalten: er spricht von einem gewissen Etwas darin, das nur in seltenen Momenten sichtbar wird – und es war seine Bitte, daß die Gräfin Helene einmal dieses Bild ansehen und ihm über diese Augen ihre Kritik geben möchte – da sagt sie mir: Graf Bühl kommt nicht, gehen Sie zu ihm. Besuchen Sie ihn, ganz einfach. Es ist ein Mann, bei dem die Natur, die Wahrheit alles erreicht und die Absicht nichts. Ein wunderbarer Mann in unserer absichtsvollen Welt, war meine Antwort – aber so hab' ich mir ihn gedacht, so hab' ich ihn erraten, bei der ersten Begegnung.

Stani Sie sind meinem Onkel im Felde begegnet?

Neuhoff Bei einem Stab.

Hans Karl Nicht in der sympathischesten Gesellschaft.

Neuhoff Das merkte man Ihnen an, Sie sprachen unendlich wenig.

Hans Karl lächelnd Ich bin kein großer Causeur, nicht wahr, Stani?

Stani In der Intimität schon!

Neuhoff Sie sprechen es aus, Graf Freudenberg, Ihr Onkel liebt es, in Gold zu zahlen; er hat sich an das Papiergeld des täglichen Verkehrs nicht gewöhnen wollen. Er kann mit seiner Rede nur seine Intimität vergeben, und die ist unschätzbar.

Hans Karl Sie sind äußerst freundlich, Baron Neuhoff.

Neuhoff Sie müßten sich von Bohuslawsky malen lassen, Graf Bühl. Sie würde er in drei Sitzungen treffen. Sie wissen, daß seine Stärke das Kinderporträt ist. Ihr Lächeln ist genau die Andeutung eines Kinderlachens. Mißverstehen Sie mich nicht. Warum ist denn Würde so ganz unnachahmlich? Weil ein Etwas von Kindlichkeit in ihr steckt. Auf dem Umweg über die Kindlichkeit würde Bohuslawsky vermögen, einem Bilde von Ihnen das zu geben, was in unserer Welt das Seltenste ist und was Ihre Erscheinung in hohem Maße auszeichnet: Würde. Denn wir leben in einer würdelosen Welt.

Hans Karl Ich weiß nicht, von welcher Welt Sie sprechen: uns allen ist draußen soviel Würde entgegengetreten...

Neuhoff Deswegen war ein Mann wie Sie draußen so in seinem Element. Was haben Sie geleistet, Graf Bühl! Ich erinnere mich des Unteroffiziers im Spital, der mit Ihnen und den dreißig Schützen verschüttet war.

Hans Karl Mein braver Zugführer, der Hütter Franz! Meine Cousine hat Ihnen davon erzählt?

Neuhoff Sie hat mir erlaubt, sie bei diesem Besuch ins Spital zu begleiten. Ich werde nie das Gesicht und die Rede dieses Sterbenden vergessen.

Hans Karl sagt nichts.

Neuhoff Er sprach ausschließlich von Ihnen. Und in welchem Ton! Er wußte, daß sie eine Verwandte seines Hauptmanns war, mit der er sprach.

Hans Karl Der arme Hütter Franz!

Neuhoff Vielleicht wollte mir die Gräfin Helene eine Idee von Ihrem Wesen geben, wie tausend Begegnungen im Salon sie nicht vermitteln können.

Stani etwas scharf Vielleicht hat sie vor allem den Mann selbst sehen und vom Onkel Kari hören wollen.

Neuhoff In einer solchen Situation wird ein Wesen wie Helene Altenwyl erst ganz sie selbst. Unter dieser vollkommenen Einfachheit, diesem Stolz der guten Rasse verbirgt sich ein Strömen der Liebe, eine alle Poren durchdringende Sympathie: es gibt von ihr zu einem Wesen, das sie sehr liebt und achtet, namenlose Verbindungen, die nichts lösen könnte, und an die nichts rühren darf. Wehe dem Gatten, der nicht verstünde, diese namenlose Verbundenheit bei ihr zu achten, der engherzig genug wäre, alle diese verteilten Sympathien auf sich vereinigen zu wollen.

Eine kleine Pause.
Hans Karl raucht.

Neuhoff Sie ist wie Sie: eines der Wesen, um die man nicht werben kann: die sich einem schenken müssen.

Abermals eine kleine Pause.

Neuhoff mit einer großen, vielleicht nicht ganz echten Sicherheit Ich bin ein Wanderer, meine Neugierde hat mich um die halbe Welt getrieben. Das, was schwierig zu kennen ist, fasziniert mich; was sich verbirgt, zieht mich an. Ich möchte ein stolzes, kostbares Wesen, wie Gräfin Helene, in Ihrer Gesellschaft sehen, Graf Bühl. Sie würde eine andere werden, sie würde aufblühen: denn ich kenne niemanden, der so sensibel ist für menschliche Qualität.

Hans Karl Das sind wir hier ja alle ein bißchen. Vielleicht ist das gar nichts so Besonderes an meiner Cousine.

Neuhoff Ich denke mir die Gesellschaft, die ein Wesen wie Helene Altenwyl umgeben müßte, aus Männern Ihrer Art bestehend. Jede Kultur hat ihre Blüten: Gehalt ohne Prätention, Vornehmheit gemildert durch eine unendliche Grazie, so ist die Blüte dieser alten Gesellschaft beschaffen, der es gelungen ist, was die Ruinen von Luxor und die Wälder des Kaukasus nicht vermochten, einen Unstäten, wie mich, in ihrem Bannkreis festzuhalten. Aber, erklären Sie mir eins, Graf Bühl. Gerade die Männer Ihres Schlages, von denen die Gesellschaft ihr eigentliches Gepräge empfängt, begegnet man allzu selten in ihr. Sie scheinen ihr auszuweichen.

Stani Aber gar nicht, Sie werden den Onkel Kari gleich heute abend bei Altenwyls sehen, und ich fürchte sogar, so gemütlich dieser kleine Plausch hier ist, so müssen wir ihm bald Gelegenheit geben, sich umzuziehen. Er ist aufgestanden.

Neuhoff Müssen wir das, so sage ich Ihnen für jetzt adieu, Graf Bühl. Wenn Sie jemals, sei es in welcher Lage immer, eines fahrenden Ritters bedürfen sollten schon im Gehen, der dort, wo er das Edle, das Hohe ahnt, ihm unbedingt und ehrfürchtig zu dienen gewillt ist, so rufen Sie mich.

Hans Karl, dahinter Stani, begleiten ihn. Wie sie an der Tür sind, klingelt das Telephon.

Neuhoff Bitte, bleiben Sie, der Apparat begehrt nach Ihnen.

Stani Darf ich Sie bis an die Stiege begleiten?

Hans Karl an der Tür Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Besuch, Baron Neuhoff.

Neuhoff und Stani ab.

Hans Karl allein mit dem heftig klingelnden Apparat, geht an die Wand und drückt an den Zimmertelegraph, rufend Lukas, abstellen! Ich mag diese indiskrete Maschine nicht! Lukas! Das Klingeln hört auf.

Dreizehnte Szene

Stani kommt zurück Nur für eine Sekunde, Onkel Kari, wenn du mir verzeihst. Ich hab' müssen dein Urteil über diesen Herrn hören!

Hans Karl Das deinige scheint ja fix und fertig zu sein.

Stani Ah, ich find' ihn einfach unmöglich. Ich verstehe einfach eine solche Figur nicht. Und dabei ist der Mensch ganz gut geboren!

Hans Karl Und du findest ihn so unannehmbar?

Stani Aber ich bitte: so viel Taktlosigkeiten als Worte.

Hans Karl Er will sehr freundlich sein, er will für sich gewinnen.

Stani Aber man hat doch eine Assurance, man kriecht wildfremden Leuten doch nicht in die Westentasche.

Hans Karl Und er glaubt allerdings, daß man etwas aus sich machen kann – das würde ich als eine Naivität ansehen oder als Erziehungsfehler.

Stani geht aufgeregt auf und ab Diese Tiraden über die Helen!

Hans Karl Daß ein Mädel wie die Helen mit ihm Konversation über unsereinen führt, macht mit auch keinen Spaß.

Stani Daran ist gewiß kein wahres Wort. Ein Kerl, der kalt und warm aus einem Munde blast.

Hans Karl Es wird alles sehr ähnlich gewesen sein, wie er sagt. Aber es gibt Leute, in deren Mund sich alle Nuancen verändern, unwillkürlich.

Stani Du bist von einer Toleranz!

Hans Karl Ich bin halt sehr alt, Stani.

Stani Ich ärgere mich jedenfalls rasend, das ganze Genre bringt mich auf, diese falsche Sicherheit, diese ölige Suada, dieses Kokettieren mit seinem odiosen Spitzbart.

Hans Karl Er hat Geist, aber es wird einem nicht wohl dabei.

Stani Diese namenlosen Indiskretionen. Ich frage: was geht ihn dein Gesicht an?

Hans Karl Au fond ist man vielleicht ein bedauernswerter Mensch, wenn man so ist.

Stani Ich nenne ihn einen odiosen Kerl. Jetzt muß ich aber zur Mamu hinauf. Ich seh' dich jedenfalls in der Nacht im Klub, Onkel Kari.

Agathe sieht leise bei der Tür rechts herein, sie glaubt Hans Karl allein.
Stani kommt noch einmal nach vorne.
Hans Karl winkt Agathe zu verschwinden.

Stani Weißt du, ich kann mich nicht beruhigen. Erstens die Bassesse, einem Herrn wie dir ins Gesicht zu schmeicheln.

Hans Karl Das war nicht sehr elegant.

Stani Zweitens das Affichieren einer weiß Gott wie dicken Freundschaft mit der Helen. Drittens die Spionage, ob du dich für sie interessierst.

Hans Karl lächelnd Meinst du, er hat ein bißl das Terrain sondieren wollen?

Stani Viertens diese maßlos indiskrete Anspielung auf seine künftige Situation. Er hat sich uns ja geradezu als ihren Zukünftigen vorgestellt. Fünftens dieses odiose Perorieren, das es einem unmöglich macht, auch nur einmal die Replique zu geben. Sechstens dieser unmögliche Abgang. Das war ja ein Geburtstagswunsch, ein Leitartikel. Aber ich halt dich auf, Onkel Kari.

Agathe ist wieder in der Tür erschienen, gleiches Spiel wie früher.

Stani war schon im Verschwinden, kommt wieder nach vorne Darf ich noch einmal? Das eine kann ich nicht begreifen, daß dir die Sache wegen der Helen nicht näher geht!

Hans Karl Inwiefern mir?

Stani Pardon, mir steht die Helen zu nahe, als daß ich diese unmögliche Phrase von »Verehrung« und »Angehören« goutieren könnt'. Wenn man die Helen von klein auf kennt, wie eine Schwester!

Hans Karl Es kommt ein Moment, wo die Schwestern sich von den Brüdern trennen.

Stani Aber nicht für einen Neuhoff. Ah, ah!

Hans Karl Eine kleine Dosis von Unwahrheit ist den Frauen sehr sympathisch.

Stani So ein Kerl dürfte nicht in die Nähe von der Helen.

Hans Karl Wir werden es nicht hindern können.

Stani Ah, das möcht' ich sehen. Nicht in die Nähe!

Hans Karl Er hat uns die kommende Verwandtschaft angekündigt.

Stani In welchem Zustand muß die Helen sein, wenn sie sich mit diesem Menschen einläßt.

Hans Karl Weißt du, ich habe mir abgewöhnt, aus irgendeiner Handlung von Frauen Folgerungen auf ihren Zustand zu ziehen.

Stani Nicht, daß ich eifersüchtig wäre; aber mir eine Person wie die Helen – als Frau dieses Neuhoff zu denken, das ist für mich eine derartige Unbegreiflichkeit – die Idee ist mir einfach unfaßlich – ich muß sofort mit der Mamu davon sprechen.

Hans Karl lächelnd Ja, tu das, Stani. –

Stani ab.

Vierzehnte Szene

Lukas tritt ein Ich fürchte, das Telephon war hereingestellt.

Hans Karl Ich will das nicht.

Lukas Sehr wohl, Euer Erlaucht. Der neue Diener muß es umgestellt haben, ohne daß ich's bemerkt habe. Er hat überall die Hände und die Ohren, wo er sie nicht haben soll.

Hans Karl Morgen um sieben Uhr früh expedieren.

Lukas Sehr wohl. Der Diener vom Herrn Grafen Hechingen war am Telephon. Der Herr Graf möchten selbst gern sprechen wegen heute abend: ob Erlaucht in die Soiree zu Graf Altenwyl gehen oder nicht. Nämlich, weil die Frau Gräfin auch dort sein wird.

Hans Karl Rufen Sie jetzt bei Graf Altenwyl an und sagen Sie, ich habe mich freigemacht, lasse um Erlaubnis bitten, trotz meiner Absage doch zu erscheinen. Und dann verbinden Sie mich mit dem Grafen Hechingen, ich werde selbst sprechen. Und bitten Sie indes die Kammerfrau, hereinzukommen.

Lukas Sehr wohl. Geht ab, Agathe herein.

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