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Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Der Schwierige

Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Schwierige
authorHugo von Hofmannsthal
year1998
publisherFischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27111-8
titleDer Schwierige
pages3-14
created19990519
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Vierte Szene

Vinzenz ist von rechts hereingekommen, sieht sich zuerst um, ob Crescence fort ist, dann Ich weiß nicht, ob der erste Diener gemeldet hat, es ist draußen eine jüngere Person, eine Kammerfrau oder so etwas...

Hans Karl Um was handelt sich's?

Vinzenz Sie kommt von der Frau Gräfin Hechingen nämlich. Sie scheint so eine Vertrauensperson zu sein. Nochmals näher tretend. Eine verschämte Arme ist es nicht.

Hans Karl Ich werde das alles selbst sehen, führen Sie sie herein.

Vinzenz rechts ab.

Fünfte Szene

Lukas schnell herein durch die Mitte Ist untertänigst Euer Erlaucht gemeldet worden? Von Frau Gräfin Hechingen die Kammerfrau, die Agathe. Ich habe gesagt: Ich weiß durchaus nicht, ob Erlaucht zu Hause sind.

Hans Karl Gut. Ich habe sagen lassen, ich bin da. Haben Sie zum Grafen Altenwyl telephoniert?

Lukas Ich bitte Erlaucht untertänigst um Vergebung. Ich habe bemerkt, Erlaucht wünschen nicht, daß telephoniert wird, wünschen aber auch nicht, der Frau Gräfin zu widersprechen – so habe ich vorläufig nichts telephoniert.

Hans Karl lächelnd Gut, Lukas.

Lukas geht bis an die Tür.

Hans Karl Lukas, wie finden Sie den neuen Diener?

Lukas zögernd Man wird vielleicht sehen, wie er sich macht.

Hans Karl Unmöglicher Mann. Auszahlen. Wegexpedieren!

Lukas Sehr wohl, Euer Erlaucht. So hab' ich mir gedacht.

Hans Karl Heute abend nichts erwähnen.

Sechste Szene

Vinzenz führt Agathe herein. Beide Diener ab.

Hans Karl Guten Abend, Agathe.

Agathe Daß ich Sie sehe, Euer Gnaden Erlaucht! Ich zittre ja.

Hans Karl Wollen Sie sich nicht setzen?

Agathe stehend Oh, Euer Gnaden, seien nur nicht ungehalten darüber, daß ich gekommen bin, statt dem Brandstätter.

Hans Karl, Aber liebe Agathe, wir sind ja doch alte Bekannte. Was bringt Sie denn zu mir?

Agathe Mein Gott, das wissen doch Erlaucht. Ich komm' wegen der Briefe.

Hans Karl ist betroffen.

Agathe Oh Verzeihung, oh Gott, es ist ja nicht zum Ausdenken, wie mir meine Frau Gräfin eingeschärft hat, durch mein Betragen nichts zu verderben.

Hans Karl zögernd Die Frau Gräfin hat mir allerdings geschrieben, daß gewisse in meiner Hand befindliche, ihr gehörige Briefe, würden von einem Herrn Brandstätter am Fünfzehnten abgeholt werden. Heute ist der Zwölfte, aber ich kann natürlich die Briefe auch Ihnen übergeben. Sofort, wenn es der Wunsch der Frau Gräfin ist. Ich weiß ja, Sie sind der Frau Gräfin sehr ergeben.

Agathe Gewisse Briefe – wie Sie das sagen, Erlaucht. Ich weiß ja doch, was das für Briefe sind.

Hans Karl kühl Ich werde sofort den Auftrag geben.

Agathe Wenn sie uns so beisammen sehen könnte, meine Frau Gräfin. Das wäre ihr eine Beruhigung, eine kleine Linderung.

Hans Karl fängt an, in der Lade zu suchen.

Agathe Nach diesen entsetzlichen sieben Wochen, seitdem wir wissen, daß unser Herr Graf aus dem Felde zurück ist und wir kein Lebenszeichen von ihm haben...

Hans Karl sieht auf Sie haben vom Grafen Hechingen kein Lebenszeichen?

Agathe Von dem! Wenn ich sage, »unser Herr Graf«, das heißt in unserer Sprache Sie, Erlaucht! Vom Grafen Hechingen sagen wir nicht »unser Herr Graf!«

Hans Karl sehr geniert Ah, pardon, das konnte ich nicht wissen.

Agathe schüchtern Bis heute nachmittag haben wir ja geglaubt, daß heute bei der gräflich Altenwylschen Soiree das Wiedersehen sein wird. Da telephoniert mir die Jungfer von der Komtesse Altenwyl: Er hat abgesagt!

Hans Karl steht auf.

Agathe Er hat abgesagt, Agathe, ruft die Frau Gräfin, abgesagt, weil er gehört hat, daß ich hinkomme! Dann ist doch alles vorbei! Und dabei schaut sie mich an mit einem Blick, der einen Stein erweichen könnte.

Hans Karl sehr höflich, aber mit dem Wunsche, ein Ende zu machen Ich fürchte, ich habe die gewünschten Briefe nicht hier in meinem Schreibtisch, ich werde gleich meinen Sekretär rufen.

Agathe Oh Gott, in der Hand eines Sekretärs sind diese Briefe! Das dürfte meine Frau Gräfin nie erfahren!

Hans Karl Die Briefe sind natürlich eingesiegelt.

Agathe Eingesiegelt! So weit ist es schon gekommen?

Hans Karl spricht ins Telephon Lieber Neugebauer, wenn Sie für einen Augenblick herüberkommen würden! Ja, ich bin jetzt frei – aber ohne die Akten – es handelt sich um etwas anderes. Augenblicklich? Nein, rechnen Sie nur zu Ende. In drei Minuten, das genügt.

Agathe Er darf mich nicht sehen, er kennt mich von früher!

Hans Karl Sie können in die Bibliothek treten, ich mach' Ihnen Licht.

Agathe Wie hätten wir uns denn das denken können, daß alles auf einmal vorbei ist.

Hans Karl im Begriff, sie hinüberzuführen, bleibt stehen, runzelt die Stirn Liebe Agathe, da Sie ja von allem informiert sind – ich verstehe nicht ganz, ich habe ja doch der Frau Gräfin aus dem Feldspital einen langen Brief geschrieben, dieses Frühjahr.

Agathe Ja, den abscheulichen Brief.

Hans Karl Ich verstehe Sie nicht. Es war ein sehr freundschaftlicher Brief.

Agathe Das war ein perfider Brief. So gezittert haben wir, als wir ihn gelesen haben, diesen Brief. Erbittert waren wir und gedemütigt!

Hans Karl Ja, worüber denn, ich bitt' Sie um alles!

Agathe sieht ihn an Darüber, daß Sie darin den Grafen Hechingen so herausgestrichen haben – und gesagt haben, auf die Letzt ist ein Mann wie der andere, und ein jeder kann zum Ersatz für einen jeden genommen werden.

Hans Karl Aber so habe ich mich doch gar nicht ausgedrückt. Das waren doch niemals meine Gedanken!

Agathe Aber das war der Sinn davon. Ah, wir haben den Brief oft und oft gelesen! Das, hat meine Frau Gräfin ausgerufen, das ist also das Resultat der Sternennächte und des einsamen Nachdenkens, dieser Brief, wo er mir mit dürren Worten sagt: ein Mann ist wie der andere, unsere Liebe war nur eine Einbildung, vergiß mich, nimm wieder den Hechingen –

Hans Karl Aber nichts von allen diesen Worten ist in dem Brief gestanden.

Agathe Auf die Worte kommt's nicht an. Aber den Sinn haben wir gut herausbekommen. Diesen demütigenden Sinn, diese erniedrigenden Folgerungen. Oh, das wissen wir genau. Dieses Sichselbsterniedrigen ist eine perfide Kunst. Wo der Mann sich anklagt in einer Liebschaft, da klagt er die Liebschaft an. Und im Handumdrehen sind wir die Angeklagten.

Hans Karl schweigt.

Agathe einen Schritt näher tretend Ich habe gekämpft für unsern Herrn Grafen, wie meine Frau Gräfin gesagt hat: Agathe, du wirst es sehen, er will die Komtesse Altenwyl heiraten, und nur darum will er meine Ehe wieder zusammenreimen.

Hans Karl Das hat die Frau Gräfin mir zugemutet?

Agathe Das waren ihre bösesten Stunden, wenn sie über dem gegrübelt hat. Dann ist wieder ein Hoffnungsstrahl gekommen. Nein, vor der Helen, hat sie dann gerufen, nein, vor der fürcht' ich mich nicht – denn die lauft ihm nach; und wenn dem Kari eine nachlauft, die ist bei ihm schon verloren, und sie verdient ihn auch nicht, denn sie hat kein Herz.

Hans Karl richtet etwas Wenn ich Sie überzeugen könnte –

Agathe Aber dann wieder plötzlich die Angst –

Hans Karl Wie fern mir das alles liegt –

Agathe Oh Gott, ruft sie aus, er war noch nirgends! Wenn das bedeutungsvoll sein sollte –

Hans Karl Wie fern mir das alles liegt!

Agathe Wenn er vor meinen Augen sich mit ihr verlobt –

Hans Karl Wie kann nur die Frau Gräfin –

Agathe Oh, so etwas tun Männer, aber Sie tun's nicht, nicht wahr, Erlaucht?

Hans Karl Es liegt mir nichts in der Welt ferner, meine liebe Agathe.

Agathe Oh, küss' die Hände, Erlaucht! Küßt ihm schnell die Hand.

Hans Karl entzieht ihr die Hand Ich höre meinen Sekretär kommen.

Agathe Denn wir wissen ja, wir Frauen, daß so etwas Schönes nicht für die Ewigkeit ist. Aber, daß es deswegen auf einmal plötzlich aufhören soll, in das können wir uns nicht hineinfinden!

Hans Karl Sie sehen mich dann. Ich gebe Ihnen selbst die Briefe und – Herein! Kommen Sie nur, Neugebauer.

Agathe rechts ab.

Siebente Szene

Neugebauer tritt ein Euer Erlaucht haben befohlen.

Hans Karl Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, meinem Gedächtnis etwas zu Hilfe zu kommen. Ich suche ein Paket Briefe – es sind private Briefe, versiegelt – ungefähr zwei Finger dick.

Neugebauer Mt einem von Euer Erlaucht darauf geschriebenen Datum? Juni 15 bis 22. Oktober 16?

Hans Karl Ganz richtig. Sie wissen –

Neugebauer Ich habe dieses Konvolut unter den Händen gehabt, aber ich kann mich im Moment nicht besinnen. Im Drang der Geschäfte unter so verschiedenartigen Agenden, die täglich zunehmen –

Hans Karl ganz ohne Vorwurf Es ist mir unbegreiflich, wie diese ganz privaten Briefe unter die Akten geraten sein können –

Neugebauer Wenn ich befürchten mußte, daß Euer Erlaucht den leisesten Zweifel in meine Diskretion setzen –

Hans Karl Aber das ist mir ja gar nicht eingefallen.

Neugebauer Ich bitte, mich sofort nachsuchen zu lassen; ich werde alle meine Kräfte daransetzen, dieses höchst bedauerliche Vorkommnis aufzuklären.

Hans Karl Mein lieber Neugebauer, Sie legen dem ganzen Vorfall viel zu viel Gewicht bei.

Neugebauer Ich habe schon seit einiger Zeit die Bemerkung gemacht, daß etwas an mir neuerdings Euer Erlaucht zur Ungeduld reizt. Allerdings war mein Bildungsgang ganz auf das Innere gerichtet, und wenn ich dabei vielleicht keine tadellosen Salonmanieren erworben habe, so wird dieser Mangel vielleicht in den Augen eines wohlwollenden Beurteilers aufgewogen werden können durch Qualitäten, die persönlich hervorheben zu müssen meinem Charakter allerdings nicht leicht fallen würde.

Hans Karl Ich zweifle keinen Augenblick, lieber Neugebauer. Sie machen mir den Eindruck, überanstrengt zu sein. Ich möchte Sie bitten, sich abends etwas früher freizumachen. Machen Sie doch jeden Abend einen Spaziergang mit Ihrer Braut.

Neugebauer schweigt.

Hans Karl Falls es private Sorgen sind, die Sie irritieren, vielleicht könnte ich in irgendeiner Beziehung erleichternd eingreifen.

Neugebauer Euer Erlaucht nehmen an, daß es sich bei unsereinem ausschließlich um das Materielle handeln könnte.

Hans Karl Ich habe gar nichts solches sagen wollen. Ich weiß, Sie sind Bräutigam, also gewiß glücklich...

Neugebauer Ich weiß nicht, ob Euer Erlaucht auf die Beschließerin von Schloß Hohenbühl anspielen?

Hans Karl Ja, mit der Sie doch seit fünf Jahren verlobt sind.

Neugebauer Meine gegenwärtige Verlobte ist die Tochter eines höheren Beamten. Sie war die Braut meines besten Freundes, der vor einem halben Jahr gefallen ist. Schon bei Lebzeiten ihres Verlobten bin ich ihrem Herzen nahe gestanden – und ich habe es als ein heiliges Vermächtnis des Gefallenen betrachtet, diesem jungen Mädchen eine Stütze fürs Leben zu bieten.

Hans Karl zögernd Und die frühere langjährige Beziehung?

Neugebauer Die habe ich natürlich gelöst. Selbstverständlich in der vornehmsten und gewissenhaftesten Weise.

Hans Karl Ah!

Neugebauer Ich werde natürlich allen nach dieser Seite hin eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und diese Last schon in die junge Ehe mitbringen. Allerdings keine Kleinigkeit.

Hans Karl schweigt.

Neugebauer Vielleicht ermessen Euer Erlaucht doch nicht zur Genüge, mit welchem bitteren, sittlichen Ernst das Leben in unsern glanzlosen Sphären behaftet ist, und wie es sich hier nur darum handeln kann, für schwere Aufgaben noch schwerere einzutauschen.

Hans Karl Ich habe gemeint, wenn man heiratet, so freut man sich darauf.

Neugebauer Der persönliche Standpunkt kann in unserer bescheidenen Welt nicht maßgebend sein.

Hans Karl Gewiß, gewiß. Also Sie werden mir die Briefe möglichst finden.

Neugebauer Ich werde nachforschen, und wenn es sein müßte, bis Mitternacht. Ab.

Hans Karl vor sich Was ich nur an mir habe, daß alle Menschen so tentiert sind, mir eine Lektion zu erteilen, und daß ich nie ganz bestimmt weiß, ob sie nicht das Recht dazu haben.

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