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Der Schwierige

Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige - Kapitel 13
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Schwierige
authorHugo von Hofmannsthal
year1998
publisherFischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27111-8
titleDer Schwierige
pages3-14
created19990519
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Neunte Szene

Crescence oben auf der Treppe Kari! Kommt schnell die Stiege herunter. Hans Karl steht mit dem Rücken gegen die Stiege.

Crescence Kari! Find' ich Ihn endlich! Das ist ja eine Konfusion ohne Ende! Sie sieht sein Gesicht Kari! es ist was passiert! Sag mir, was?

Hans Karl Es ist mir was passiert, aber wir wollen es gar nicht zergliedern.

Crescence Bitte! aber du wirst mir doch erklären –

Zehnte Szene

Hechingen kommt von oben, bleibt stehen, ruft Hans Karl halblaut zu Kari, wenn ich dich auf eine Sekunde bitten dürfte!

Hans Karl Ich steh' zur Verfügung. Zu Crescence Entschuldig' Sie mich wirklich.

Stani kommt gleichfalls von oben.

Crescence zu Hans Karl Aber der Bub'! Was soll ich denn dem Buben sagen? Der Bub' ist doch in einer schiefen Situation!

Stani kommt herunter, zu Hechingen Pardon, jetzt einen Moment muß unbedingt ich den Onkel Kari sprechen! Grüßt Hans Karl.

Hans Karl Verzeih' mir einen Moment, lieber Ado! Läßt Hechingen stehen, tritt zu Crescence Komm Sie daher, aber allein: ich will Ihr was sagen. Aber wir wollen es in keiner Weise bereden.

Crescence Aber ich bin doch keine indiskrete Person!

Hans Karl Du bist eine engelsgute Frau. Also hör' zu! Die Helen hat sich verlobt.

Crescence Sie hat sich verlobt mit'm Stani? Sie will ihn?

Hans Karl Wart noch! So hab' doch nicht gleich die Tränen in den Augen, du weißt ja noch nicht.

Crescence Es ist Er, Kari, über den ich so gerührt bin. Der Bub' verdankt Ihm ja alles!

Hans Karl Wart' Sie, Crescence! – Nicht mit dem Stani!

Crescence Nicht mit dem Stani? Ja, mit wem denn?

Hans Karl mit großer Gêne Gratulier' Sie mir!

Crescence Dir?

Hans Karl Aber tret' Sie dann gleich weg und misch Sie's nicht in die Konversation. Sie hat sich – ich hab' mich – wir haben uns miteinander verlobt.

Crescence Du hast dich! Ja, da bin ich ja selig!

Hans Karl Ich bitte Sie, jetzt vor allem zu bedenken, daß Sie mir versprochen hat, mir diese odiosen Konfusionen zu ersparen, denen sich ein Mensch aussetzt, der sich unter die Leut' mischt.

Crescence Ich werd' gewiß nichts tun – Blick nach Stani.

Hans Karl Ich hab' Ihr gesagt, daß ich nichts erklären werd', niemandem, und daß ich bitten muß, mir die gewissen Mißverständnisse zu ersparen!

Crescence Werd' Er mir nur nicht stutzig! Das Gesicht hat Er als kleiner Bub' gehabt, wenn man Ihn konterkariert hat. Das hab' ich schon damals nicht sehen können! Ich will ja alles tun, wie Er will.

Hans Karl Sie ist die beste Frau von der Welt, und jetzt entschuldig' Sie mich, der Ado hat das Bedürfnis, mit mir eine Konversation zu haben – die muß also jetzt in Gottes Namen absolviert werden. Küßt ihr die Hand.

Crescence Ich wart' noch auf Ihn!

Crescence, mit Stani, treten zur Seite, entfernt, aber dann und wann sichtbar.

Elfte Szene

Hechingen Du siehst mich so streng an! Es ist ein Vorwurf in deinem Blick!

Hans Karl Aber gar nicht: ich bitt' um alles, wenigstens heute meine Blicke nicht auf die Goldwaage zu legen.

Hechingen Es ist etwas vorgefallen, was deine Meinung von mir geändert hat? oder deine Meinung von meiner Situation?

Hans Karl in Gedanken verloren Von deiner Situation?

Hechingen Von meiner Situation gegenüber Antoinette natürlich! Darf ich dich fragen, wie du über meine Frau denkst?

Hans Karl nervös Ich bitt' um Vergebung, aber ich möchte heute nichts über Frauen sprechen. Man kann nichts analysieren, ohne in die odiosesten Mißverständnisse zu verfallen. Also ich bitt' mir's zu erlassen!

Hechingen Ich verstehe. Ich begreife vollkommen. Aus allem, was du da sagst oder vielmehr in der zartesten Weise andeutest, bleibt für mich doch nur der einzige Schluß zu ziehen: daß du meine Situation für aussichtslos ansiehst.

Zwölfte Szene

Hans Karl sagt nichts, sieht verstört nach rechts.
Vinzenz ist von rechts eingetreten, im gleichen Anzug wie im ersten Akt, einen kleinen runden Hut in der Hand.
Crescence ist auf Vinzenz zugetreten.

Hechingen sehr betroffen durch Hans Karls Schweigen Das ist der kritische Moment meines Lebens, den ich habe kommen sehen. Jetzt brauche ich deinen Beistand, mein guter Kari, wenn mir nicht die ganze Welt ins Wanken kommen soll.

Hans Karl Aber mein guter Ado – für sich, auf Vinzenz hinübersehend Was ist denn das?

Hechingen Ich will, wenn du es erlaubst, die Voraussetzungen rekapitulieren, die mich haben hoffen lassen –

Hans Karl Entschuldige mich für eine Sekunde, ich sehe, da ist irgendwelche Konfusion passiert. Er geht hinüber zu Crescence und Vinzenz.

Hechingen bleibt allein stehen.
Stani ist seitwärts zurückgetreten, mit einigen Zeichen von Ungeduld.

Crescence zu Hans Karl Jetzt sagt er mir: du reist ab, morgen in aller Früh – ja was bedeutet denn das?

Hans Karl Was sagt er? Ich habe nicht befohlen –

Crescence Kari, mit dir kommt man nicht heraus aus dem Wiegel-Wagel. Jetzt hab' ich mich doch in diese Verlobungsstimmung hineingedacht!

Hans Karl Darf ich bitten –

Crescence Mein Gott, es ist mir ja nur so herausgerutscht!

Hans Karl zu Vinzenz Wer hat Sie hergeschickt? Was soll es?

Vinzenz Euer Erlaucht haben doch selbst Befehl gegeben, vor einer halben Stunde im Telephon.

Hans Karl Ihnen? Ihnen hab' ich gar nichts befohlen.

Vinzenz Der Portierin haben Erlaucht befohlen, wegen Abreise morgen früh sieben Uhr aufs Jagdhaus nach Gebhardtskirchen – oder richtig gesagt, heut früh, denn jetzt haben wir viertel eins.

Crescence Aber Kari, was heißt denn das alles?

Hans Karl Wenn man mir erlassen möchte, über jeden Atemzug, den ich tu, Auskunft zu geben.

Vinzenz zu Crescence Das ist doch sehr einfach zu verstehen. Die Portierin ist nach oben gelaufen mit der Meldung, der Lukas war im Moment nicht auffindbar, also hab' ich die Sache in die Hand genommen. Chauffeur habe ich avisiert, Koffer hab' ich vom Boden holen lassen, Sekretär Neugebauer hab' ich auf alle Fälle aufwecken lassen, falls er gebraucht wird – was braucht er zu schlafen, wenn das ganze Haus auf ist? – und jetzt bin ich hier erschienen und stelle mich zur Verfügung, weitere Befehle entgegenzunehmen.

Hans Karl Gehen Sie sofort nach Haus, bestellen Sie das Auto ab, lassen Sie die Koffer wieder auspacken, bitten Sie den Herrn Neugebauer, sich wieder schlafen zu legen und machen Sie, daß ich Ihr Gesicht nicht wieder sehe! Sie sind nicht in meinen Diensten, der Lukas ist vom übrigen unterrichtet. Treten Sie ab!

Vinzenz Das ist mir eine sehr große Überraschung. Geht ab.

Dreizehnte Szene

Crescence Aber so sag mir doch nur ein Wort! So erklär' mir nur –

Hans Karl Da ist nichts zu erklären. Wie ich aus dem Kasino gegangen bin, war ich aus bestimmten Gründen vollkommen entschlossen, morgen früh abzureisen. Das war an der Ecke von der Freyung und der Herrengasse. Dort ist ein Café, in das bin ich hineingegangen und hab' von dort aus nach Haus telephoniert; dann, wie ich aus dem Kaffeehaus herausgetreten bin, da bin ich, anstatt wie meine Absicht war, über die Freyung abzubiegen – bin ich die Herrengasse heruntergegangen und wieder hier hereingetreten – und da hat sich die Helen – er streicht sich über die Stirn.

Crescence Aber ich lass' Ihn ja schon. Sie geht zu Stani hinüber, der sich etwas im Hintergrund gesetzt hat.

Hans Karl gibt sich einen Ruck und geht auf Hechingen zu, sehr herzlich Ich bitt' mir alles Vergangene zu verzeihen, ich hab' in allem und jedem unrecht und irrig gehandelt und bitt', mir meine Irrtümer alle zu verzeihen. Über den heutigen Abend kann ich im Detail keine Auskunft geben. Ich bitt', mir trotzdem ein gutes Andenken zu bewahren. Reicht ihm die Hand.

Hechingen bestürzt Du sagst mir ja Adieu, mein Guter! Du hast Tränen in den Augen. Aber ich versteh' dich ja, Kari. Du bist der wahre, gute Freund, unsereins ist halt nicht imstand', sich herauszuwursteln aus dem Schicksal, das die Gunst oder Nichtgunst der Frauen uns bereitet, du aber hast dich über diese ganze Atmosphäre ein für allemal hinausgehoben –

Hans Karl winkt ihn ab.

Hechingen Das kannst du nicht negieren, das ist dieses gewisse Etwas von Superiorität, das dich umgibt, und wie im Leben schließlich alles nur Vor- oder Rückschritte macht, nichts stehen bleibt, so ist halt um dich von Tag zu Tag immer mehr die Einsamkeit des superioren Menschen.

Hans Karl Das ist ja schon wieder ein kolossales Mißverständnis! Er sieht ängstlich nach rechts, wo in der Tür zum Wintergarten Altenwyl mit einem seiner Gäste sichtbar geworden ist.

Hechingen Wie denn? Wie soll ich mir diese Worte erklären?

Hans Karl Mein guter Ado, bitt' mir im Moment diese Erklärung und jede Erklärung zu erlassen. Ich bitt' dich, gehen wir da hinüber, es kommt da etwas auf mich zu, dem ich mich heute nicht mehr gewachsen fühle.

Hechingen Was denn, was denn?

Hans Karl Dort in der Tür, dort hinter mir!

Hechingen sieht hin Es ist doch nur unser Hausherr, der Poldo Altenwyl –

Hans Karl – der diesen letzten Moment seiner Soiree für den gegebenen Augenblick hält, um sich an mich in einer gräßlichen Absicht heranzupirschen; denn für was geht man denn auf eine Soiree, als daß einen jeder Mensch mit dem, was ihm gerade wichtig erscheint, in der erbarmungslosesten Weise über den Hals kommt!

Hechingen Ich begreif' nicht –

Hans Karl Daß ich in der übermorgigen Herrenhaussitzung mein Debüt als Redner feiern soll. Diese scharmante Mission hat er von unserm Klub übernommen, und weil ich ihnen im Kasino und überall aus dem Weg geh', so lauert er hier in seinem Haus auf die Sekunde, wo ich unbeschützt dasteh'! Ich bitt' dich, sprich recht lebhaft mit mir, so ein bissel agitiert, wie wenn wir etwas Wichtiges zu erledigen hätten.

Hechingen Und du willst wieder refüsieren?

Hans Karl Ich soll aufstehen und eine Rede halten, über Völkerversöhnung und über das Zusammenleben der Nationen – ich, ein Mensch, der durchdrungen ist von einer Sache auf der Welt: daß es unmöglich ist, den Mund aufzumachen, ohne die heillosesten Konfusionen anzurichten! Aber lieber leg' ich doch die erbliche Mitgliedschaft nieder und verkriech' mich zeitlebens in eine Uhuhütten. Ich sollte einen Schwall von Worten in den Mund nehmen, von denen mir jedes einzelne geradezu indezent erscheint!

Hechingen Das ist ein bisserl ein starker Ausdruck.

Hans Karl sehr heftig ohne sehr laut zu sein Aber alles, was man ausspricht, ist indezent. Das simple Faktum, daß man etwas ausspricht, ist indezent. Und wenn man es genau nimmt, mein guter Ado, aber die Menschen nehmen eben nichts auf der Welt genau, liegt doch geradezu etwas Unverschämtes darin, daß man sich heranwagt, gewisse Dinge überhaupt zu erleben! Um gewisse Dinge zu erleben und sich dabei nicht indezent zu finden, dazu gehört ja eine so rasende Verliebtheit in sich selbst und ein Grad von Verblendung, den man vielleicht als erwachsener Mensch im innersten Winkel in sich tragen, aber niemals sich eingestehen kann! Sieht nach rechts Er ist weg. Will fort.

Altenwyl ist nicht mehr sichtbar.

Crescence tritt auf Kari zu So echappier Er doch nicht! Jetzt muß Er sich doch mit dem Stani über das Ganze aussprechen.

Hans Karl sieht sie an.

Crescence Aber Er wird doch den Buben nicht so stehen lassen! Der Bub' beweist ja in der ganzen Sache eine Abnegation, eine Selbstüberwindung, über die ich geradezu starr bin. Er wird ihm doch ein Wort sagen. Sie winkt Stani, näherzutreten.

Stani tritt einen Schritt näher.

Hans Karl Gut, auch das noch. Aber es ist die letzte Soiree, auf der Sie mich erscheinen sieht. Zu Stani, indem er auf ihn zutritt Es war verfehlt, mein lieber Stani, meiner Suada etwas anzuvertrauen. Reicht ihm die Hand.

Crescence So umarm' Er doch den Buben! Der Bub' hat ja doch in dieser Geschichte eine Tenue bewiesen, die ohnegleichen ist.

Hans Karl sieht vor sich hin, etwas abwesend.

Crescence Ja, wenn Er ihn nicht umarmt, so muß doch ich den Buben umarmen für seine Tenue.

Hans Karl Bitte das vielleicht zu tun, wenn ich fort bin. Gewinnt schnell die Ausgangstür und ist verschwunden.

Vierzehnte Szene

Crescence Also, das ist mir ganz egal, ich muß jemanden umarmen! Es ist doch heute zuviel vorgegangen, als daß eine Person mit Herz wie ich so mir nix dir nix nach Haus fahren und ins Bett gehen könnt'!

Stani tritt einen Schritt zurück Bitte, Mamu! nach meiner Idee gibt es zwei Kategorien von Demonstrationen. Die eine gehört ins strikteste Privatleben: dazu rechne ich alle Akte von Zärtlichkeit zwischen Blutsverwandten. Die andere hat sozusagen eine praktische und soziale Bedeutung: sie ist der pantomimische Ausdruck für eine außergewöhnliche, gewissermaßen familiengeschichtliche Situation.

Crescence Ja, in der sind wir doch!

Altenwyl mit einigen Gästen ist oben herausgetreten und ist im Begriffe, die Stiege herunterzukommen.

Stani Und für diese gibt es seit tausend Jahren gewisse richtige und akzeptierte Formen. Was wir heute hier erlebt haben, war tant bien que mal, wenn man's Kind beim Namen nennt, eine Verlobung. Eine Verlobung kulminiert in der Umarmung des verlobten Paares. – In unserm Fall ist das verlobte Paar zu bizarr, um sich an diese Formen zu halten. Mamu, Sie ist die nächste Verwandte vom Onkel Kari, dort steht der Poldo Altenwyl, der Vater der Braut. Geh Sie sans mot dire auf ihn zu und umarm' Sie ihn, und das Ganze wird sein richtiges, offizielles Gesicht bekommen.

Altenwyl ist mit einigen Gästen die Stiege heruntergekommen.
Crescence eilt auf Altenwyl zu und umarmt ihn. Die Gäste stehen überrascht.

Vorhang.

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