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Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Der Schwierige

Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige - Kapitel 12
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Schwierige
authorHugo von Hofmannsthal
year1998
publisherFischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27111-8
titleDer Schwierige
pages3-14
created19990519
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Fünfte Szene

Hechingen tritt oben herein, er kommt sehr schnell die Treppe herunter.
Antoinette ist betroffen und tritt zurück.

Hechingen Toinette!

Antoinette unwillkürlich Auch das noch!

Hechingen Wie sagst du?

Antoinette Ich bin überrascht – das mußt du doch begreifen.

Hechingen Und ich bin glücklich. Ich danke meinem Gott, ich danke meiner Chance, ich danke diesem Augenblick!

Antoinette Du siehst ein bissel verändert aus. Dein Ausdruck ist anders, ich weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?

Hechingen Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange nicht angeschaut haben?

Antoinette Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.

Hechingen Sehen und Anschau'n ist zweierlei, Toinette. Er ist ihr nähergekommen.

Antoinette tritt zurück.

Hechingen Vielleicht aber ist es etwas anderes, das mich verändert hat, wenn ich die Unbescheidenheit haben darf, von mir zu sprechen.

Antoinette Was denn? Ist etwas passiert? Interessierst du dich für wen?

Hechingen Deinen Charme, deinen Stolz im Spiel zu sehen, die ganze Frau, die man liebt, plötzlich vor sich zu sehen, sie leben zu sehen!

Antoinette Ah, von mir ist die Rede!

Hechingen Ja, von dir. Ich war so glücklich, dich einmal so zu sehen wie du bist, denn da hab' ich dich einmal nicht intimidiert. Oh meine Gedanken, wie ich da oben gestanden bin! Diese Frau, begehrt von allen und allen sich versagend! Mein Schicksal, dein Schicksal, denn es ist unser beider Schicksal. Setz dich zu mir! Er hat sich gesetzt, streckt die Hand nach ihr aus.

Antoinette Man kann so gut im Stehen miteinander reden, wenn man so alte Bekannte ist.

Hechingen ist wieder aufgestanden Ich hab' dich nicht gekannt. Ich hab' erst andere Augen bekommen müssen. Der zu dir kommt, ist ein andrer, ein Verwandelter.

Antoinette Du hast so einen neuen Ton in deinen Reden. Wo hast du dir das angewöhnt?

Hechingen Der zu dir redet, das ist der, den du nicht kennst, Toinette, so wie er dich nicht gekannt hat! Und der sich nichts anderes wünscht, nichts anderes träumt, als von dir gekannt zu sein und dich zu kennen.

Antoinette Ado, ich bitt' dich um alles, red' nicht mit mir, als wenn ich eine Speisewagenbekanntschaft aus einem Schnellzug wäre.

Hechingen Mit der ich fahren möchte, fahren bis ans Ende der Welt! Will ihre Hand küssen, sie entzieht sie ihm.

Antoinette Ich bitt' dich, merk' doch, daß mich das crispiert. Ein altes Ehepaar hat doch einen Ton miteinander. Den wechselt man doch nicht, das ist ja zum Schwindligwerden.

Hechingen Ich weiß nichts von einem alten Ehepaar, ich weiß nichts von unserer Situation.

Antoinette Aber das ist doch eine gegebene Situation.

Hechingen Gegeben? Das alles gibt's ja gar nicht. Hier bist du und ich, und alles fängt wieder vom Frischen an.

Antoinette Aber nein, gar nichts fängt vom Frischen an.

Hechingen Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.

Antoinette Nein, nein, ich bitt' dich um alles, bleib' doch in deinem alten Genre. Ich kann's sonst nicht aushalten. Sei mir nicht bös, ich hab' ein bissel Migräne, ich hab' schon früher nach Haus' fahren wollen, bevor ich gewußt hab', daß ich dich – ich hab' doch nicht wissen können!

Hechingen Du hast nicht wissen können, wer der sein wird, der vor dich hintreten wird, und daß es nicht dein Mann ist, sondern ein neuer enflammierter Verehrer, enflammiert wie ein Bub' von zwanzig Jahren! Das verwirrt dich, das macht dich taumeln. Will ihre Hand nehmen.

Antoinette Nein, es macht mich gar nicht taumeln, es macht mich ganz nüchtern. So terre à terre macht's mich, alles kommt mir so armselig vor und ich mir selbst. Ich hab' heut einen unglücklichen Abend, bitte, tu mir einen einzigen Gefallen, laß mich nach Haus fahren.

Hechingen Oh, Antoinette!

Antoinette Das heißt, wenn du mir etwas Bestimmtes hast sagen wollen, so sag's mir, ich werd's sehr gern anhören, aber ich bitt' dich um eins! Sag's ganz in deinem gewöhnlichen Ton, so wie immer.

Hechingen betrübt und ernüchtert, schweigt.

Antoinette So sag doch, was du mir hast sagen wollen.

Hechingen Ich bin betroffen zu sehen, daß meine Gegenwart dich einerseits zu überraschen, anderseits zu belasten scheint. Ich durfte mich der Hoffnung hingeben, daß ein lieber Freund Gelegenheit genommen haben würde, dir von mir, von meinen unwandelbaren Gefühlen für dich zu sprechen. Ich habe mir zurecht gelegt, daß auf dieser Basis eine improvisierte Aussprache zwischen uns möglicherweise eine veränderte Situation schon vorfindet oder wenigstens schaffen würde können. – Ich würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß du mir die Gelegenheit, dir von meinem eigenen Innern zu sprechen, bisher nicht gewährt hast – ich fasse mein Verhältnis zu dir so auf, Antoinette – langweil' ich dich sehr?

Antoinette Aber ich bitt' dich, sprich' doch weiter. Du hast mir doch was sagen wollen. Anders kann ich mir dein Herkommen nicht erklären.

Hechingen Ich fass' unser Verhältnis als ein solches auf, das nur mich, nur mich, Antoinette, bindet, das mir, nur mir eine Prüfungszeit auferlegt, deren Dauer du zu bestimmen hast.

Antoinette Aber wozu soll denn das sein, wohin soll denn das führen?

Hechingen Wende ich mich freilich zu meinem eigenen Innern, Toinette –

Antoinette Bitte, was ist, wenn du dich da wendest? Sie greift sich an die Schläfe.

Hechingen – so bedarf es allerdings keiner langen Prüfung. Immer und immer werde ich der Welt gegenüber versuchen, mich auf deinen Standpunkt zu stellen, werde immer wieder der Verteidiger deines Scharmes und deiner Freiheit sein. Und wenn man mir bewußt Entstellungen entgegenwirft, so werde ich triumphierend auf das vor wenigen Minuten hier Erlebte verweisen, auf den sprechenden Beweis, wie sehr es dir gegeben ist, die Männer, die dich begehren und bedrängen, in ihren Schranken zu halten.

Antoinette nervös Was denn?

Hechingen Du wirst viel begehrt. Dein Typus ist die grande dame des XVIII. Jahrhunderts. Ich vermag in keiner Weise etwas Beklagenswertes daran zu erblicken. Nicht die Tatsache muß gewertet werden, sondern die Nuance. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß, wie immer du handelst, deine Absichten für mich über jeden Zweifel erhaben sind.

Antoinette dem Weinen nah Mein lieber Ado, du meinst es sehr gut, aber meine Migräne wird stärker mit jedem Wort, was du sagst.

Hechingen Oh, das tut mir sehr leid. Um so mehr, als diese Augenblicke für mich unendlich kostbar sind.

Antoinette Bitte, hab' die Güte – sie taumelt.

Hechingen Ich versteh'. Ein Auto?

Antoinette Ja. Die Edine hat mir erlaubt, ihres zu nehmen.

Hechingen Sofort. Geht und gibt den Befehl. Kommt zurück mit ihrem Mantel. Indem er ihr hilft Ist das alles, was ich für dich tun kann?

Antoinette Ja, alles.

Kammerdiener an der Glastür, meldet Das Auto für die Frau Gräfin.

Antoinette geht sehr schnell ab.
Hechingen will ihr nach, hält sich.

Sechste Szene

Stani von rückwärts aus dem Wintergarten. Er scheint jemand zu suchen Ah, du bist's, hast du meine Mutter nicht gesehen?

Hechingen Nein, ich war nicht in den Salons. Ich hab' soeben meine Frau an ihr Auto begleitet. Es war eine Situation ohne Beispiel.

Stani mit seiner eigenen Sache beschäftigt Ich begreif' nicht. Die Mamu bestellt mich zuerst in den Wintergarten, dann läßt sie mir sagen, hier an der Stiege auf sie zu warten –

Hechingen Ich muß mich jetzt unbedingt mit dem Kari aussprechen.

Stani Da mußt du halt fortgehen und ihn suchen.

Hechingen Mein Instinkt sagt mir, er ist nur fortgegangen, um mich im Klub aufzusuchen, und wird wiederkommen. Geht nach oben.

Stani Ja, wenn man so einen Instinkt hat, der einem alles sagt! Ah, da ist ja die Mamu!

Siebente Szene

Crescence kommt unten von links seitwärts der Treppe heraus Ich komm' über die Dienerstiegen, diese Diener machen nichts als Mißverständnisse. Zuerst sagt er mir, du bittest mich, in den Wintergarten zu kommen, dann sagt er in die Galerie –

Stani Mamu, das ist ein Abend, wo man aus den Konfusionen überhaupt nicht herauskommt. Ich bin wirklich auf dem Punkt gestanden, wenn es nicht wegen Ihr gewesen wäre, stante pede nach Haus zu fahren, eine Dusche zu nehmen und mich ins Bett zu legen. Ich vertrag' viel, aber eine schiefe Situation, das ist mir etwas so Odioses, das zerrt direkt an meinen Nerven. Ich muß vielmals bitten, mich doch jetzt au courant zu setzen.

Crescence Ja, ich begreif doch gar nicht, daß der Onkel Kari hat weggehen können, ohne mir auch nur einen Wink zu geben. Das ist eine von seinen Zerstreutheiten, ich bin ja desperat, mein guter Bub'.

Stani Bitte mir doch die Situation etwas zu erklären. Bitte mir nur in großen Linien zu sagen, was vorgefallen ist.

Crescence Aber alles ist ja genau nach dem Programm gegangen. Zuerst hat der Onkel Kari mit der Antoinette ein sehr agitiertes Gespräch geführt –

Stani Das war schon der erste Fehler. Das hab' ich ja gewußt, das war eben zu kompliziert. Ich bitte mir also weiter zu sagen –

Crescence Was soll ich Ihm denn weiter sagen? Die Antoinette stürzt an mir vorbei, ganz bouleversiert, unmittelbar darauf setzt sich der Onkel Kari mit der Helen –

Stani Es ist eben zu kompliziert, zwei solche Konversationen an einem Abend durchzuführen. Und der Onkel Kari –

Crescence Das Gespräch mit der Helen geht ins Endlose, ich komm' an die Tür – die Helen fällt mir in die Arme, ich bin selig, sie lauft weg, ganz verschämt, wie sich's gehört, ich stürz' ans Telephon und zitier' dich her!

Stani Ja, ich bitte, das weiß ich ja, aber ich bitte, mir aufzuklären, was denn hier vorgegangen ist!

Crescence Ich stürz' im Flug durch die Zimmer, such' den Kari, find' ihn nicht. Ich muß zurück zu der Partie, du kannst dir denken, wie ich gespielt hab'. Die Mariette Stradonitz invitiert auf Herz, ich spiel' Karo, dazwischen bet' ich die ganze Zeit zu die vierzehn Nothelfer. Gleich darauf mach' ich Renonce in Pik. Endlich kann ich aufstehen, ich such' den Kari wieder, ich find' ihn nicht! Ich geh' durch die finstern Zimmer bis an der Helen ihre Tür, ich hör' sie drin weinen. Ich klopf' an, sag' meinen Namen, sie gibt mir keine Antwort. Ich schleich' mich wieder zurück zur Partie, die Mariette fragt mich dreimal, ob mir schlecht ist, der Louis Castaldo schaut mich an, als ob ich ein Gespenst wär. –

Stani Ich versteh' alles.

Crescence Ja, was, ich versteh' ja gar nichts.

Stani Alles, alles. Die ganze Sache ist mir klar.

Crescence Ja, wie sieht Er denn das?

Stani Klar wie's Einmaleins. Die Antoinette in ihrer Verzweiflung hat einen Tratsch gemacht, sie hat aus dem Gespräch mit dem Onkel Kari entnommen, daß ich für sie verloren bin. Eine Frau, wenn sie in Verzweiflung ist, verliert ja total ihre Tenue; sie hat sich dann an die Helen heranfaufiliert und hat einen solchen Mordstratsch gemacht, daß die Helen mit ihrem Fumo und ihrer pyramidalen Empfindlichkeit beschlossen hat, auf mich zu verzichten, und wenn ihr das Herz brechen sollte.

Crescence Und deswegen hat sie mir die Tür nicht aufgemacht!

Stani Und der Onkel Kari, wie er gespürt hat, was er angerichtet hat, hat sich sofort aus dem Staub gemacht.

Crescence Ja, dann steht die Sache doch sehr fatal! Ja, mein guter Bub', was sagst du denn da?

Stani Meine gute Mamu, da sag' ich nur eins, und das ist das einzige, was ein Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat: man bleibt, was man ist, daran kann eine gute oder eine schlechte Chance nichts ändern.

Crescence Er ist ein lieber Bub', und ich adorier Ihn für Seine Haltung, aber deswegen darf man die Flinten noch nicht ins Korn werfen!

Stani Ich bitte um alles, mir eine schiefe Situation zu ersparen.

Crescence Für einen Menschen mit Seiner Tenue gibt's keine schiefe Situation. Ich such' jetzt die Helen und werd' sie fragen, was zwischen jetzt und dreiviertel zehn passiert ist.

Stani Ich bitt' inständig –

Crescence Aber mein Bub', Er ist mir tausendmal zu gut, als daß ich Ihn wollt einer Familie oktroyieren und wenn's die vom Kaiser von China wär'. Aber anderseits ist mir doch auch die Helen zu lieb, als daß ich ihr Glück einem Tratsch von einer eifersüchtigen Gans, wie die Antoinette ist, aufopfern wollte. Also tu' Er mir den Gefallen und bleib' Er da und begleit Er mich dann nach Haus, Er sieht doch, wie ich agitiert bin. Sie geht die Treppe hinauf, Stani folgt ihr.

Achte Szene

Helene ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel wie zum Fortgehen. Sie wartet, bis Crescence und Stani sie nicht mehr sehen können. Gleichzeitig ist Hans Karl durch die Glastür rechts sichtbar geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat Hans Karl gesehen, bevor er sie erblickt hat. Ihr Gesicht verändert sich in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt sie Hans Karl entgegen.

Hans Karl betroffen Helen, Sie sind noch hier?

Helene hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung und in einem leichten, fast überlegenen Ton Ich bin hier zu Haus.

Hans Karl Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!

Helene Ja, es ist etwas geschehen.

Hans Karl Wann, so plötzlich?

Helene Vor einer Stunde, glaub' ich.

Hans Karl unsicher Etwas Unangenehmes?

Helene Wie?

Hans Karl Etwas Aufregendes?

Helene Ah ja, das schon.

Hans Karl Etwas Irreparables?

Helene Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.

Hans Karl Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.

Helene Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.

Hans Karl Ausgehen?

Helene Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber zuerst werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist keine ganz gewöhnliche Manier.

Hans Karl zögernd Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn man mich so direkt was fragt.

Helene Ja, ich frag' Sie direkt.

Hans Karl Ich kann's gar nicht leicht explizieren.

Helene Wir können uns setzen. Sie setzen sich.

Hans Karl Ich hab' früher in unserer Konversation – da oben, in dem kleinen Salon –

Helene Ah, da oben in dem kleinen Salon.

Hans Karl unsicher durch ihren Ton Ja, freilich, in dem kleinen Salon. Ich hab' da einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.

Helene Ah?

Hans Karl Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.

Helene Etwas Vergangenes?

Hans Karl Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital. Rein persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge, die absolut nicht dazu gehört haben.

Helene Ja, ich versteh' Sie. Und?

Hans Karl Da hab' ich Unrecht getan.

Helene Inwiefern?

Hans Karl Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei einen vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen. Niemand hat das Recht, es in eine Konversation, die sich auf die Gegenwart bezieht, einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine Gedanken darüber sind mir ganz klar.

Helene Das hoff' ich.

Hans Karl Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung, sobald ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so wenig in der Hand hab' – und ich bin wiedergekommen, um Ihnen Ihre volle Freiheit, pardon, das Wort ist mir ganz ungeschickt über die Lippen gekommen – um Ihnen Ihre volle Unbefangenheit zurückzugeben.

Helene Meine Unbefangenheit – mir wiedergeben?

Hans Karl unsicher, will aufstehen.

Helene bleibt sitzen Also das haben Sie mir sagen wollen – über Ihr Fortgehen früher?

Hans Karl Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.

Helene Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen, warum Sie wiedergekommen sind.

Hans Karl Sie mir?

Helene mit einem vollen Blick auf ihn Sie sind wiedergekommen, weil... Ja! es gibt das! gelobt sei Gott im Himmel! Sie lacht Aber es ist vielleicht schade, daß Sie wiedergekommen sind. Denn hier ist vielleicht nicht der rechte Ort, das zu sagen, was gesagt werden muß – vielleicht hätte das – aber jetzt muß es halt hier gesagt werden.

Hans Karl Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es heraus!

Helene Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie fortgetrieben hat und was Sie wieder zurückgebracht hat.

Hans Karl Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.

Helene Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie hier hinausgetrieben hat, das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem eigenen Selbst – sind Sie bös?

Hans Karl Vor meinem Selbst?

Helene Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem, der führt einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher zurückgeführt.

Hans Karl Ich versteh' Sie nicht, Helen!

Helene ohne ihn anzusehen Hart sind nicht solche Abschiede für Sie, aber hart ist manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit sich allein sind.

Hans Karl Sie wissen das alles?

Helene Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt und hätte für Sie das Unmögliche getan.

Hans Karl Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?

Helene Ich wär' Ihnen nachgegangen.

Hans Karl Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?

Helene Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch meinen Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.

Hans Karl Sie wären mir – ? Ja, wohin?

Helene Ins Kasino oder anderswo – was weiß ich, bis ich Sie halt gefunden hätte.

Hans Karl Sie wären mir, Helen – ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu denken, ob – ?

Helene Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach – Ich will, daß du mich –

Hans Karl mit unsicherer Stimme Sie, du, du willst? Für sich Da sind wieder diese unmöglichen Tränen! Zu ihr Ich hör' Sie schlecht. Sie sprechen so leise.

Helene Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen – aber die helfen mir sogar eher, um das zu sagen –

Hans Karl Du – Sie haben etwas gesagt?

Helene Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht, wie du allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt –

Hans Karl Jetzt?

Helene Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben kannst – aber ich bin in dich verliebt, und ich will – aber das ist doch eine Enormität, daß Sie mich das sagen lassen!

Hans Karl zitternd Sie wollen von mir –

Helene mit keinem festeren Ton als er Von deinem Leben, von deiner Seele, von allem – meinen Teil!

Eine kleine Pause.

Hans Karl Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der maßlosesten Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie irren sich in bezug auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.

Helene Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.

Hans Karl Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.

Helene schüttelt den Kopf.

Hans Karl Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem Gewissen hat.

Helene lächelnd Ja, das scheint.

Hans Karl Ich hab' so vielen Frauen weh getan.

Helene Die Liebe ist nicht süßlich.

Hans Karl Ich bin ein maßloser Egoist.

Helene Ja? Ich glaub nicht.

Hans Karl Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.

Helene Ja, Sie können – wie sagt man das? – verführt werden und verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich lassen. Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für euch beide.

Hans Karl Wie?

Helene Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das – oder das – sondern von einem Wesen: alles – für immer! Es hätte eine die Kraft haben müssen, Sie zu zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr begehrt hätten. Bei der wären Sie dann geblieben.

Hans Karl Wie du mich kennst!

Helene Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig, und du hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft, für keine: das war mein Trost.

Hans Karl Wie du alles weißt!

Helene Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.

Hans Karl Da muß ich mich ja vor dir schämen.

Helene Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins lebendige Fleisch.

Hans Karl Alles hast du gewußt und ertragen –

Helene Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche Frau von dir wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.

Hans Karl Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie die andern Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.

Helene Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für dich hab'. Dazu wird eine lange Zeit nötig sein – wenn du mir die geben kannst.

Hans Karl Wie du das sagst!

Helene Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder. Komm morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der Papa soll's schnell wissen. – Der Papa soll's wissen – der schon! Oder nicht, wie?

Hans Karl verlegen Es ist das – mein guter Freund Poldo Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch – den er mir oktroyieren will: er wünscht, daß ich, sehr überflüssigerweise, im Herrenhaus das Wort ergreife –

Helene Aha –

Hans Karl Und da geh' ich ihm seit Wochen mit der größten Vorsicht aus dem Weg – vermeide mit ihm allein zu sein – im Kasino, auf der Gasse, wo immer –

Helene Sei ruhig – es wird nur von der Hauptsache die Rede sein – dafür garantier' ich. – Es kommt schon jemand: ich muß fort.

Hans Karl Helen!

Helene schon im Gehen, bleibt nochmals stehen Du! Leb wohl! Nimmt den Mantel auf und verschwindet durch die kleine Tür links.

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