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Der Schwierige

Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Schwierige
authorHugo von Hofmannsthal
year1998
publisherFischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27111-8
titleDer Schwierige
pages3-14
created19990519
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Dreizehnte Szene

Crescence und Hans Karl gehen links hinaus. Helene mit Neuhoff treten von rechts herein. Man hört eine gedämpfte Musik aus einem entfernten Salon.

Neuhoff hinter ihr Bleiben Sie stehen. Diese nichtsnutzige, leere, süße Musik und dieses Halbdunkel modellieren Sie wunderbar.

Helene ist stehengeblieben, geht aber jetzt weiter auf die Fauteuils links zu Ich stehe nicht gern Modell, Baron Neuhoff.

Neuhoff Auch nicht, wenn ich die Augen schließe?

Helene sagt nichts, sie steht links.

Neuhoff Ihr Wesen, Helene! Wie niemand je war, sind Sie. Ihre Einfachheit ist das Resultat einer ungeheuren Anspannung. Regungslos wie eine Statue vibrieren Sie in sich, niemand ahnt es, der es aber ahnt, der vibriert mit Ihnen.

Helene sieht ihn an, setzt sich.

Neuhoff nicht ganz nahe Wundervoll ist alles an Ihnen. Und dabei, wie alles Hohe, fast erschreckend selbstverständlich.

Helene Ist Ihnen das Hohe selbstverständlich? Das war ein nobler Gedanke.

Neuhoff Vielleicht könnte man seine Frau werden – das war es, was Ihre Lippen sagen wollten, Helene!

Helene Lesen Sie von den Lippen wie die Taubstummen?

Neuhoff einen Schritt näher Sie werden mich heiraten, weil Sie meinen Willen spüren in einer willenlosen Welt.

Helene vor sich Muß man? Ist es ein Gebot, dem eine Frau sich fügen muß: wenn sie gewählt und gewollt wird?

Neuhoff Es gibt Wünsche, die nicht weit her sind. Die darf man unter seine schönen rassigen Füße treten. Der meine ist weit her. Er ist gewandert um die halbe Welt. Hier fand er sein Ziel. Sie wurden gefunden, Helene Altenwyl, vom stärksten Willen, auf dem weitesten Umweg, in der kraftlosesten aller Welten.

Helene Ich bin aus ihr und bin nicht kraftlos.

Neuhoff Ihr habt dem schönen Schein alles geopfert, auch die Kraft. Wir, dort in unserm nordischen Winkel, wo uns die Jahrhunderte vergessen, wir haben die Kraft behalten. So stehen wir gleich zu gleich und doch ungleich zu ungleich, und aus dieser Ungleichheit ist mir mein Recht über Sie erwachsen.

Helene Ihr Recht?

Neuhoff Das Recht des geistig Stärksten über die Frau, die er zu vergeistigen vermag.

Helene Ich mag nicht diese mystischen Redensarten.

Neuhoff Es waltet etwas Mystik zwischen zwei Menschen, die sich auf den ersten Blick erkannt haben. Ihr Stolz soll es nicht verneinen.

Helene sie ist aufgestanden Er verneint es immer wieder.

Neuhoff Helene, bei Ihnen wäre meine Rettung – meine Zusammenfassung, meine Ermöglichung!

Helene Ich will von niemand wissen, der sein Leben unter solche Bedingungen stellt! Sie tut ein paar Schritte an ihm vorbei; ihr Blick haftet an der offenen Tür rechts, wo sie eingetreten ist.

Neuhoff Wie Ihr Gesicht sich verändert! Was ist das, Helene?

Helene schweigt, sieht nach rechts.

Neuhoff ist hinter sie getreten, folgt ihrem Blick Oh! Graf Bühl erscheint auf der Bildfläche! Er tritt zurück von der Tür Sie fühlen magnetisch seine Nähe – ja spüren Sie denn nicht, unbegreifliches Geschöpf, daß Sie für ihn nicht da sind?

Helene Ich bin schon da für ihn, irgendwie bin ich schon da!

Neuhoff Verschwenderin! Sie leihen ihm alles, auch noch die Kraft, mit der er Sie hält.

Helene Die Kraft, mit der ein Mensch einen hält – die hat ihm wohl Gott gegeben.

Neuhoff Ich staune. Womit übt ein Kari Bühl diese Faszination über Sie? Ohne Verdienst, sogar ohne Bemühung, ohne Willen, ohne Würde –

Helene Ohne Würde!

Neuhoff Der schlaffe zweideutige Mensch hat keine Würde.

Helene Was für Worte gebrauchen Sie da?

Neuhoff Mein nördlicher Jargon klingt etwas scharf in Ihre schöngeformten Ohren. Aber ich vertrete seine Schärfe. Zweideutig nenne ich den Mann, der sich halb verschenkt und sich halb zurückbehält – der Reserven in allem und jedem hält – in allem und jedem Berechnungen –

Helene Berechnung und Kari Bühl! Ja, sehen Sie ihn denn wirklich so wenig! Freilich ist es unmöglich, sein letztes Wort zu finden, das bei andern so leicht zu finden ist. Die Ungeschicklichkeit, die ihn so liebenswürdig macht, der timide Hochmut, seine Herablassung, freilich ist alles ein Versteckenspiel, freilich läßt es sich mit plumpen Händen nicht fassen. – Die Eitelkeit erstarrt ihn ja nicht, durch die alle andern steif und hölzern werden – die Vernunft erniedrigt ihn ja nicht, die aus den meisten so etwas Gewöhnliches macht – er gehört nur sich selber – niemand kennt ihn, da ist es kein Wunder, daß Sie ihn nicht kennen!

Neuhoff So habe ich Sie nie zuvor gesehen, Helene. Ich genieße diesen unvergleichlichen Augenblick! Einmal sehe ich Sie, wie Gott Sie geschaffen hat, Leib und Seele. Ein Schauspiel für Götter. Pfui über die Weichheit bei Männern wie bei Frauen! Aber Strenge, die weich wird, ist herrlich über alles!

Helene schweigt.

Neuhoff Gestehen Sie mir zu, es zeugt von etwas Superiorität, wenn ein Mann es an einer Frau genießen kann, wie sie einen andern bewundert. Aber ich vermag es: denn ich bagatellisiere Ihre Bewunderung für Kari Bühl.

Helene Sie verwechseln die Nuancen. Sie sind aigriert, wo es nicht – am Platz ist.

Neuhoff Über was ich hinweggehe, das aigriert mich nicht.

Helene Sie kennen ihn nicht! Sie haben ihn kaum gesprochen.

Neuhoff Ich habe ihn besucht –

Helene sieht ihn an.

Neuhoff – Es ist nicht zu sagen, wie dieser Mensch Sie preisgibt – Sie bedeuten ihm nichts. Sie sind es, über die er hinweggeht.

Helene ruhig Nein.

Neuhoff Es war ein Zweikampf zwischen mir und ihm, ein Zweikampf um Sie! – und ich bin nicht unterlegen.

Helene Nein, es war kein Zweikampf. Es verdient keinen so heroischen Namen. Sie sind hingegangen, um dasselbe zu tun, was ich in diesem Augenblick tu'! Lacht Ich gebe mir alle Mühe, den Grafen Bühl zu sehen, ohne daß er mich sieht. Aber ich tue es ohne Hintergedanken.

Neuhoff Helene!

Helene Ich denke nicht, dabei etwas wegzutragen, das mir nützen könnte!

Neuhoff Sie treten mich ja in den Staub, Helene – und ich lasse mich treten!

Helene schweigt.

Neuhoff Und nichts bringt mich näher?

Helene Nichts. Sie geht einen Schritt auf die Tür rechts zu.

Neuhoff Alles an Ihnen ist schön, Helene. Wenn Sie sich niedersetzen, ist es, als ob Sie ausruhen müßten von einem großen Schmerz – und wenn Sie quer durchs Zimmer gehen, ist es, als ob Sie einer ewigen Entscheidung entgegengingen.

Hans Karl ist in der Tür rechts erschienen.
Helene gibt Neuhoff keine Antwort. Sie geht lautlos langsam auf die Tür rechts zu.
Neuhoff geht schnell links hinaus.

Vierzehnte Szene

Hans Karl Ja, ich habe mit Ihnen zu reden.

Helene Is' es etwas sehr Ernstes?

Hans Karl Es kommt vor, daß es einem zugemutet wird. Durchs Reden kommt ja alles auf der Welt zustande. Allerdings, es ist ein bißl lächerlich, wenn man sich einbildet, durch wohlgesetzte Wörter eine weiß Gott wie große Wirkung auszuüben, in einem Leben, wo doch schließlich alles auf die letzte unaussprechliche Nuance ankommt. Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung.

Helene Wenn alle Menschen wüßten, wie unwichtig sie sind, würde keiner den Mund aufmachen.

Hans Karl Sie haben einen so klaren Verstand, Helene. Sie wissen immer in jedem Moment so sehr, worauf es ankommt.

Helene Weiß ich das?

Hans Karl Man versteht sich mit Ihnen ausgezeichnet. Da muß man sehr achtgeben.

Helene sieht ihn an Da muß man achtgeben?

Hans Karl Freilich. Sympathie ist ganz gut, aber auf ihr herumzureiten, wäre doch namenlos indiskret. Darum muß man doch gerade auf der Hut sein, wenn man das Gefühl hat, sich sehr gut zu verstehen.

Helene Das müssen Sie tun, natürlich. So ist Ihre Natur. Wer sich einfallen ließe, Sie fixieren zu wollen, wäre schon verloren. Aber wer glaubt, daß Sie ihm für immer Adieu gesagt haben, dem könnte passieren, daß Sie ihm wieder guten Tag sagen. – Heut' hat die Antoinette wieder Charme für Sie gehabt.

Hans Karl Sie bemerken alles!

Helene Sie verbrauchen auf Ihre Art die armen Frauen, aber Sie haben sie gar nicht sehr lieb. Es gehört viel Contenance dazu oder ein bißl Gewöhnlichkeit, um Ihre Freundin zu bleiben.

Hans Karl Wenn Sie mich so sehen, dann bin ich Ihnen ja direkt unsympathisch!

Helene Gar nicht. Sie sind scharmant. Sie sind bei all dem wie ein Kind.

Hans Karl Wie ein Kind? Und dabei bin ich nahezu ein alter Mensch. Das ist doch eine Horreur. Mit neununddreißig Jahren nicht wissen, woran man mit sich selber ist, das ist doch eine Schand'.

Helene Ich brauchte nie nachzudenken, woran ich mit mir selber bin. Bei mir ist wirklich gar nichts los, es ist nichts da als ein anständiges, ruhiges Benehmen.

Hans Karl Sie haben so eine reizende Art!

Helene Ich möchte nicht sentimental sein, das langweilt mich. Ich möchte lieber terre à terre sein, wie Gott weiß wer, als sentimental. Ich möchte auch nicht spleenig sein, und ich möchte nicht kokett sein. So bleibt mir nichts übrig, als möglichst artig zu sein.

Hans Karl schweigt.

Helene Au fond können wir Frauen tun was wir wollen, meinetwegen Solfèges singen oder politisieren, wir meinen immer noch was andres damit. – Solfèges singen ist indiskreter, Artigsein ist diskreter, es drückt die bestimmte Absicht aus, keine Indiskretionen zu begehen. Weder gegen sich, noch gegen einen andern.

Hans Karl Alles an Ihnen ist besonders und schön. Ihnen kann ja gar nichts geschehen. Heiraten Sie wen immer, heiraten Sie den Neuhoff, nein den Neuhoff, wenn sich's vermeiden laßt, lieber nicht, aber den ersten besten frischen Menschen, einen Menschen wie meinen Neffen Stani, ja, wirklich Helene, heiraten Sie den Stani, er möchte so gern, und Ihnen kann ja gar nichts passieren. Sie sind ja unzerstörbar, das steht ja deutlich in Ihrem Gesicht geschrieben. Ich bin immer fasziniert von einem wirklich schönen Gesicht – aber das Ihre –

Helene Ich möchte nicht, daß Sie so mit mir reden, Graf Bühl.

Hans Karl Aber nein, an Ihnen ist ja nicht die Schönheit das Entscheidende, sondern ganz etwas anderes: in Ihnen liegt das Notwendige. Sie können mich natürlich nicht verstehen, ich versteh' mich selbst viel schlechter, wenn ich red', als wenn ich still bin. Ich kann gar nicht versuchen, Ihnen das zu explizieren, es ist halt etwas, was ich draußen begreifen gelernt habe: daß in den Gesichtern der Menschen etwas geschrieben steht. Sehen Sie, auch in einem Gesicht wie dem von der Antoinette kann ich lesen –

Helene mit einem flüchtigen Lächeln Aber davon bin ich überzeugt.

Hans Karl ernst Ja, es ist ein scharmantes, liebes Gesicht, aber es steht immer ein und derselbe stumme Vorwurf in ihm eingegraben: Warum habt's ihr mich alle dem fürchterlichen Zufall überlassen? Und das gibt ihrer kleinen Maske etwas so Hilfloses, Verzweifeltes, daß man Angst um sie haben könnte.

Helene Aber die Antoinette ist doch da. Sie existiert doch so ganz für den Moment. So müssen doch Frauen sein, der Moment ist ja alles. Was soll denn die Welt mit einer Person anfangen, wie ich bin? Für mich ist ja der Moment gar nicht da, ich stehe da und sehe die Lampen dort brennen, und in mir sehe ich sie schon ausgelöscht. Und ich spreche mit Ihnen, wir sind ganz allein in einem Zimmer, aber in mir ist das jetzt schon vorbei: wie wenn irgendein gleichgültiger Mensch hereingekommen wäre und uns gestört hätte, die Huberta oder der Theophil Neuhoff oder wer immer, und das schon vorüber wäre, daß ich mit Ihnen allein dagesessen bin, bei dieser Musik, die zu allem auf der Welt besser paßt, als zu uns beiden – und Sie schon wieder irgendwo dort zwischen den Leuten. Und ich auch irgendwo zwischen den Leuten.

Hans Karl leise Jeder muß glücklich sein, der mit Ihnen leben darf, und muß Gott danken bis an sein Lebensende, Helen, bis an sein Lebensende, sei's, wer's sei. Nehmen Sie nicht den Neuhoff, Helen, – eher einen Menschen wie den Stani, oder auch nicht den Stani, einen ganz andern, der ein braver, nobler Mensch ist und ein Mann: das ist alles, was ich nicht bin. Er steht auf.

Helene steht auch auf, sie spürt, daß er gehen will Sie sagen mir ja Adieu!

Hans Karl gibt keine Antwort.

Helene Auch das hab' ich voraus gewußt. Daß einmal ein Moment kommen wird, wo Sie mir so plötzlich Adieu sagen werden und ein Ende machen – wo gar nichts war. Aber denen, wo wirklich was war, denen können Sie nie Adieu sagen.

Hans Karl Helen, es sind gewisse Gründe.

Helene Ich glaube, ich habe alles in der Welt, was sich auf uns zwei bezieht, schon einmal gedacht. So sind wir schon einmal gestanden, so hat eine fade Musik gespielt, und so haben Sie Adieu gesagt, einmal für allemal.

Hans Karl Es ist nicht nur so aus diesem Augenblick heraus, Helen, daß ich Ihnen Adieu sage. Oh nein, das dürfen Sie nicht glauben. Denn daß man jemandem Adieu sagen muß, dahinter versteckt sich ja was.

Helene Was denn?

Hans Karl Da muß man ja sehr zu jemandem gehören und doch nicht ganz zu ihm gehören dürfen.

Helene zuckt Was wollen Sie damit sagen?

Hans Karl Da draußen, da war manchmal was – mein Gott, ja, wer könnte denn das erzählen!

Helene Ja, mir. Jetzt.

Hans Karl Da waren solche Stunden, gegen Abend oder in der Nacht, der frühe Morgen mit dem Morgenstern – Helen, Sie waren da sehr nahe von mir. Dann war dieses Verschüttetwerden, Sie haben davon gehört –

Helene Ja, ich hab' davon gehört –

Hans Karl Das war nur ein Moment, dreißig Sekunden sollen es gewesen sein, aber nach innen hat das ein anderes Maß. Für mich war's eine ganze Lebenszeit, die ich gelebt hab', und in diesem Stück Leben, da waren Sie meine Frau. Ist das nicht spaßig?

Helene Da war ich Ihre Frau?

Hans Karl Nicht meine zukünftige Frau. Das ist das Sonderbare. Meine Frau ganz einfach. Als ein fait accompli. Das Ganze hat eher etwas Vergangenes gehabt als etwas Zukünftiges.

Helene schweigt.

Hans Karl Mein Gott, ich bin eben nicht möglich, das sag' ich ja der Crescence! Jetzt sitz' ich da neben Ihnen in einer Soiree und verlier' mich in Geschichten, wie der alte Millesimo, Gott hab' ihn selig, den schließlich die Leut' allein sitzen lassen haben, mit seinen Anekdoten ohne Pointe, und der das gar nicht bemerkt hat und mutterseelenallein weiter erzählt hat.

Helene Aber ich lass' Sie gar nicht sitzen, ich hör' zu, Graf Kari. Sie haben mir etwas sagen wollen, war es das?

Hans Karl Nämlich: das war eine sehr subtile Lektion, die mir da eine höhere Macht erteilt hat. Ich werd' Ihnen sagen, Helen, was die Lektion bedeutet hat.

Helene hat sich gesetzt, er setzt sich auch, die Musik hat aufgehört.

Hans Karl Es hat mir in einem ausgewählten Augenblick ganz eingeprägt werden sollen, wie das Glück ausschaut, das ich mir verscherzt habe. Wodurch ich mir's verscherzt habe, das wissen Sie ja so gut wie ich.

Helene Das weiß ich so gut wie Sie?

Hans Karl Indem ich halt, solange noch Zeit war, nicht erkannt habe, worin das Einzige liegen könnte, worauf es ankäm'. Und daß ich das nicht erkannt habe, das war eben die Schwäche meiner Natur. Und so habe ich diese Prüfung nicht bestanden. Später im Feldspital, in den vielen ruhigen Tagen und Nächten hab' ich das alles mit einer unbeschreiblichen Klarheit und Reinheit erkennen können.

Helene War es das, was Sie mir haben sagen wollen, genau das?

Hans Karl Die Genesung ist so ein merkwürdiger Zustand. Darin ist mir die ganze Welt wiedergekommen, wie etwas Reines, Neues und dabei so Selbstverständliches. Ich hab' da auf einmal ausdenken können, was das ist: ein Mensch. Und wie das sein muß: zwei Menschen, die ihr Leben aufeinander legen und werden wie ein Mensch. Ich habe – in der Ahnung wenigstens – mir vorstellen können – was da dazu gehört, wie heilig das ist und wie wunderbar. Und sonderbarerweise, es war nicht meine Ehe, die ganz ungerufen die Mitte von diesem Denken war – obwohl es ja leicht möglich ist, daß ich noch einmal heirat' – sondern es war Ihre Ehe.

Helene Meine Ehe! Meine Ehe – mit wem denn?

Hans Karl Das weiß ich nicht. Aber ich hab' mir das in einer ganz genauen Weise vorstellen können, wie das alles sein wird, und wie es sich abspielen wird, mit ganz wenigen Leuten und ganz heilig und feierlich, und wie alles so sein wird, wie sich's gehört zu Ihren Augen und zu Ihrer Stirn und zu Ihren Lippen, die nichts Überflüssiges reden können, und zu Ihren Händen, die nichts Unwürdiges besiegeln können – und sogar das Ja-Wort hab' ich gehört, ganz klar und rein, von Ihrer klaren, reinen Stimme – ganz von weitem, denn ich war doch natürlich nicht dabei, ich war doch nicht dabei! – Wie käm' ich als ein Außenstehender zu der Zeremonie. – Aber es hat mich gefreut, Ihnen einmal zu sagen, wie ich's Ihnen mein. – Und das kann man natürlich nur in einem besonderen Moment; wie der jetzige, sozusagen in einem definitiven Moment –

Helene ist dem Umsinken nah, beherrscht sich aber.

Hans Karl Tränen in den Augen Mein Gott, jetzt hab' ich Sie ganz bouleversiert, das liegt an meiner unmöglichen Art, ich attendrier mich sofort, wenn ich von was sprech' oder hör', was nicht aufs Allerbanalste hinausgeht – es sind die Nerven seit der Geschichte, aber das steckt sensible Menschen wie Sie natürlich an – ich gehör' eben nicht unter Menschen – das sag' ich ja der Crescence – ich bitt' Sie tausendmal um Verzeihung, vergessen Sie alles, was ich da Konfuses zusammengeredt hab'- es kommen ja in so einem Abschiedsmoment tausend Erinnerungen durcheinander – hastig, weil er fühlt, daß sie nicht mehr allein sind – aber wer sich beisammen hat, der vermeidet natürlich, sie auszukramen – Adieu, Helen, Adieu.

Der berühmte Mann ist von rechts eingetreten.

Helene kaum ihrer selbst mächtig Adieu! Sie wollen sich die Hände geben, keine Hand findet die andere.

Hans Karl will fort nach rechts.
Der berühmte Mann tritt auf ihn zu.
Hans Karl sieht sich nach links um.
Crescence teilt von links ein.

Der berühmte Mann Es war seit langem mein lebhafter Wunsch, Euer Erlaucht –

Hans Karl eilt fort nach rechts Pardon, mein Herr! An ihm vorbei.

Crescence tritt zu Helene, die totenblaß dasteht Der berühmte Mann ist verlegen abgegangen.

Hans Karl erscheint nochmals in der Tür rechts, sieht herein, wie unschlüssig, und verschwindet gleich wieder, wie er Crescence bei Helene sieht.

Helene zu Crescence, fast ohne Besinnung Du bist's, Crescence? Er ist ja noch einmal hereingekommen. Hat er noch etwas gesagt? Sie taumelt, Crescence hält sie.

Crescence Aber ich bin ja so glücklich. Deine Ergriffenheit macht mich ja so glücklich!

Helene Pardon, Crescence, sei mir nicht bös! Macht sich los und läuft weg nach links.

Crescence Ihr habt's euch eben beide viel lieber, als ihr wißt's, der Stani und du! Sie wischt sich die Augen.

Der Vorhang fällt.

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