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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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6

»Eigentlich ist es sehr auffallend, daß dieser Marwel nichts mehr von sich hören ließ«, bemerkte der nachdenkliche Mr. Fielder, als die schweren Schritte des Besuchers auf dem Korridor verklungen waren. »Wann sagten Sie, daß er zum letzten Mal hier war?«

»Am 3. Mai«, wiederholte Miss Reid. »Sie hatten damals eine längere Unterredung mit ihm.«

Ihr Chef erinnerte sich und nickte lebhaft.

»Sehr richtig. Er hat mich gebeten, ihm bei der Suche nach einer neuen Stellung durch Empfehlungen an die Hand zu gehen, und ich habe ihm dies auch zugesagt. Aber seither ist er ausgeblieben. Vielleicht hat er selbst etwas gefunden, oder er ist wieder auf Abwege geraten.« Fielder zog die ohnehin etwas hohen Schultern noch höher, und in seinem würdigen Gesicht zeigte sich ein Anflug von ehrlicher Kümmernis. »Das täte mir leid, denn er machte den Eindruck eines sehr gebildeten und tüchtigen Menschen. – Was hat er sich eigentlich zuschulden kommen lassen?«

Miss Reid vermochte auch darüber Auskunft zu geben, aber es klang etwas gelangweilt und ungeduldig.

»Unterschlagungen. Wenigstens hat er das angegeben. Dabei deutete er allerdings an, daß er den Schaden gutgemacht hätte, wenn ihm noch eine Weile Zeit geblieben wäre.«

Fielder stieß den Kopf etwas vor und zwinkerte mit den schweren Lidern.

»Gutgemacht hätte . . .? So . . .« wiederholte er zweifelnd. »Wie wollte er das anstellen?«

»Darnach habe ich ihn nicht gefragt«, erklärte Miss Reid, indem sie sich wieder vor der Maschine zurechtsetzte und den Blick auf das eingespannte Briefblatt heftete. »Die Leute, die herkommen, haben ja alle irgendeine Entschuldigung oder Beschönigung bereit.«

Und um noch deutlicher zu verstehen zu geben, für wie überflüssig sie jedes weitere Wort über diese belanglose Sache hielt, ließ sie die Finger wieder mit großer Geläufigkeit über die Tasten gleiten.

Ihr Chef sah ihr gedankenvoll zu, dann nahm er neuerlich den Brief auf, in dessen Lektüre er durch den Besuch unterbrochen worden war. Er mußte eine überraschende Mitteilung enthalten, denn der kleine Mann kam aus dem Befremden nicht heraus.

»Also nichts«, sagte er endlich, indem er das Schreiben etwas lebhafter, als es sonst seine Art war, auf den Tisch warf. »Diese Amerikanerinnen scheinen alle in ihren Entschlüssen recht sprunghaft zu sein.«

Miss Reid tippte im gleichen Tempo weiter, aber als keine Fortsetzung kam, hielt sie sich für verpflichtet, eine höfliche Frage zu tun.

»Eine Mitteilung von Miss Longden?«

»Ja«, erklärte Mr. Fielder etwas pikiert, indem er sich mit einem Ruck auf die kurzen Beine stellte. »Miss Longden schreibt, daß sie leider gezwungen gewesen sei, plötzlich abzureisen. Das heißt natürlich, daß aus dem Geschäft nichts wird. Dabei war sie noch gestern von den Sachen, die wir ihr vorgelegt hatten, ganz begeistert.« Er hob die Schultern und schüttelte mit dem Kopf. »Das verstehe ich nicht. Als ich sie gegen sieben Uhr verließ, war von einer Abreise keine Rede. Es kann nur sein, daß sie im Hotel eine Nachricht vorgefunden hat, die sie dazu bestimmte. – Jedenfalls fügen Sie, bitte, dem Briefe an unseren Pariser Agenten eine Nachschrift hinzu, worin Sie ihm davon Mitteilung machen. Er hat es ja mit der Empfehlung sehr gut gemeint und kann nichts dafür, daß die Sache sich zerschlagen hat.«

Die Dame an der Schreibmaschine nickte wortlos, und ihr Chef war über das entgangene Geschäft so verstimmt, daß er sich in sein anstoßendes Privatkontor zurückzog. Als er einige Minuten später wieder erschien, hatte er sich zum Fortgehen fertig gemacht.

»Sie werden mich heute wohl kaum mehr brauchen«, sagte er, »und ich will die Gelegenheit benützen, um die gestern avisierte Sendung vom Zollamt zu holen. Sie geht nach Montreal weiter, und Sie können gleich die Papiere vorbereiten.«

Er grüßte mit sehr förmlicher Höflichkeit, und die fleißige Miss Reid begleitete seinen Abgang mit einem lauten Geklapper ihrer Maschine.

Dabei waren aber ihre Gedanken schon längst nicht mehr bei der Arbeit, sondern Miss Reid suchte mit den unvorhergesehenen Dingen fertig zu werden, die die letzte halbe Stunde gebracht hatte.

Die Sache mit James Marwel war ein böser Alarm, und bei der Geschichte mit Miss Longden stimmte etwas nicht.

Miss Reid hielt plötzlich in ihrer geschäftigen Arbeit inne und hob lauschend den Kopf. Dann schnellte sie auf und begann mit halbgeschlossenen Lidern lautlos und geschmeidig durch das Kontor zu streichen. Nach einer Weile blieb sie an der Tür stehen, öffnete sie behutsam zu einem kleinen Spalt und blickte vorsichtig in den Korridor.

Als sie sicher zu sein glaubte, schob sie den Riegel vor und eilte dann ans Telefon, das sie mit nervöser Hast in Tätigkeit setzte.

»Bist du's, Charles?« flüsterte sie dringlich in den Apparat, und der Angeredete mußte wohl etwas von ihrer Erregung gemerkt haben, denn sie fuhr rasch und ungeduldig fort:

»Ja, es ist etwas los. Einiges sogar. – Aber das dringendste ist, daß du sofort nach Blackfield hinausfährst und dort die Augen offen hältst. Es ist jemand unterwegs, der Marwel aufsuchen will. Ein Bekannter aus Exeter. Er kam zu uns, um die Adresse zu erfragen. Natürlich muß verhindert werden, daß der Mann draußen zu viel herumschnüffelt und vielleicht die ganze Gegend rebellisch macht. Kümmere dich also um ihn.«

Sie holte einen Augenblick Atem und hörte dabei unwillig auf einen Einwand.

»Gewiß ist die Sache so wichtig«, erwiderte sie scharf. »Wenn der Name James Marwel erst einmal fällt, würde man sich vielleicht an alles mögliche erinnern. Das Buschhaus ist ja keine halbe Stunde vom Schwarzen Meilenstein entfernt. – Du siehst also, worum es geht, und wirst hoffentlich einen Weg finden, um die Gefahr abzuwenden. – Jedenfalls erwarte ich morgen früh eine Nachricht von dir. Du triffst mich bis halb neun zu Hause. – Ja – auf Wiedersehen . . .«

Miss Reid legte erleichtert den Hörer auf und vernahm nun erst das bescheidene Klopfen, das sich bereits zum dritten Mal wiederholte. Sie wandte betroffen den Kopf, dann huschte sie rasch zur Tür und schob mit großer Vorsicht den Riegel zurück.

Erst als sie wieder an ihrem Tischchen saß und das Klopfen neuerlich ertönte, verstand sie sich zu einem gleichgültigen »Herein«.

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