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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
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49

Diesmal war selbst der Arzt überrascht, aber der andere Gentleman aus Cambridge kümmerte sich nicht darum, sondern strahlte den geschäftig herumhantierenden William liebenswürdig an.

»Wenn Sie die Güte hätten, sich nochmals zum Telefon zu bemühen; wieder Wellingborough 302. Es wird diesmal vielleicht etwas länger dauern, aber rühren Sie sich nicht vom Apparat. Jede halbe Minute ist für mich kostbar.«

»Also«, fragte der Arzt und blinzelte dem Chefinspektor aufmunternd zu, »wo soll ich beginnen?«

»Bei dem ersten Opfer des Schwarzen Meilensteins. – Ich nehme an, daß der Mann oder wenigstens das, was von ihm übriggeblieben war, durch deine Hände gegangen ist, und daß du dabei vielleicht etwas Besonderes gefunden hast.«

»Der erste?« Der Arzt dachte nach. »Gewiß, ich habe sie alle gesehen. Es war keine angenehme Arbeit – Ja, jetzt erinnere ich mich. Der erste war besonders übel zugerichtet. Der Oberleib fast bis zur Unkenntlichkeit verkohlt und«, die strohblonden Brauen standen plötzlich wieder in der Stirn, »Verdickung einer Sehne im rechten Kniegelenk, von irgendeiner Verletzung herrührend . . .«

Alf Duncan nickte, und der Chefinspektor hatte wieder einmal einen wenig schmeichelhaften Blick auszuhalten.

»Sehen Sie, das ist Cambridge, Mr. Perkins. – Und da haben Sie also Ihren James Marwel, dem Sie nachlaufen wollen.«

»Aber der hinkende Mann mit dem Bart . . .?« murmelte der Detektiv völlig verständnislos und bemerkte mit stiller Verzweiflung, daß der andere schon wieder die Uhr in der Hand hatte. Aber die Gefahr ging vorüber.

»Also«, begann Duncan plötzlich unvermittelt, knapp und sachlich, »es war einmal ein verbummeltes Genie, das sich mit allerlei Experimenten auf dem Gebiete der drahtlosen Stromübertragung beschäftigte. Dabei hat dieser Marwel ein Feuerzeug erfunden, das man nicht an der Hose anreiben muß, Mr. Perkins, sondern man schaltet einfach einen kleinen Radiosender ein, und eine Meile oder noch ein Stück weiter gibt es den wundervollsten Brand. Oder so eine ungemütliche Explosion, wie Sie sie gestern nacht vor Ihrem Fenster und vor ein paar Stunden beim Buschhaus und im Steinbruch erlebt haben. Es gehört nur ein genau abgestimmter Empfänger dazu, und alles zusammen können Sie so bequem in einer kleinen Handtasche mit sich schleppen, wie unser Doktor seine Instrumente, wenn er zu seinen Patientinnen fährt. Man nennt das Fernzündung, lieber Perkins. Außerdem hat sich Marwel sehr eingehend mit Elektromagnetismus und dem Problem der Fernlenkung befaßt. Das alles ist in der Theorie und auch in der Anwendung nichts Neues, aber er scheint auch da einige sehr wesentliche Fortschritte gemacht zu haben. Und als er aus dem Gefängnis kam, wollte er Geld daraus schlagen. Dabei ist er aber einem gerissenen Mann in die Hände gefallen, der die Sache sofort begriff, und es dürfte sich folgendes abgespielt haben: Marwel kam mit seinem bereits entsprechend montierten Wagen, um dem andern seine Erfindung irgendwie praktisch vorzuführen. Dieser andere aber, der wahrscheinlich den Kurzwellensender zur Auslösung der automatischen Steuerung als Pfand in Händen hatte, machte sofort den ersten Versuch auf eigene Faust, und der ahnungslose Erfinder raste gegen die Bäume. – Und dann hat man wahrscheinlich noch ein bißchen nachgeholfen, um seine Identifizierung völlig unmöglich zu machen. Es war dies um so leichter, als der Mann sich wie ein menschenscheuer Einsiedler im Buschhaus verkrochen hatte . . .«

Der Chefinspektor saß mit steifen Ohren und starren Augen, und als er sprach, klang seine Stimme vor Aufregung ganz heiser.

»Das Geheimnis des Schwarzen Meilensteins . . .«

»Jawohl. Die Sache dämmerte mir, als ich mir den Wagen des verunglückten Dan Kaye gleich in den ersten Morgenstunden etwas näher besah. Da ist die kleine Montage am Lenkgestänge wohl nicht so sorgfältig beseitigt worden, wie bei den früheren Fällen. Oder man hat damals solchen unauffälligen Dingen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich habe auch bloß ein winziges Stückchen Spulendraht am Lenkschenkel entdeckt. Wahrscheinlich hat an dieser Stelle ein Elektromagnet gewirkt, dem die Kraft durch ein mit der Startbatterie in Verbindung stehendes Relais zugeführt wurde. Daß mit einer so kleinen Apparatur ein so starker Strom ausgelöst werden konnte, war das Neue und Wesentliche an der Erfindung Marwels. Dem Fahrer wurde das Lenkrad geradezu aus der Hand geschlagen, und es war wohl schon geschehen, bevor er hätte bremsen können.

»Donnerwetter«, sagte der Arzt, indem er sich schüttelte. »Ich werde jetzt immer ein verdammt kribbeliges Gefühl in den Fingern haben, wenn ich am Steuer sitze. – Und der Zweck der ganzen Teufelei?«

Duncan sah schon wieder nach der Uhr und lauschte dann nach dem Gang.

»Da müssen wir wieder woanders anfangen«, fuhr er endlich etwas hastig und zerstreut fort. »Es gab eine Zeit, da das Pfund faul, der Dollar aber todsicheres Geld war. Und da man zu allen zu haben war, wenn man unter der Hand seine Pfund gegen Dollar loswerden konnte. Und es war ein Mann, der hatte solche Dollar. Er bezog sie in unscheinbaren Kistchen aus Paris, aber für englische Augen hatten sie einige kleine Schönheitsfehler. Sie waren mehr für Gegenden bestimmt, wo man nicht so genau hinsieht. Anbieten konnte man sie jedoch schließlich –«

Perkins schnellte jäh auf.

»Der Mann mit den Dollars –«

»Warten Sie doch«, wies ihn Duncan zurecht. »Sie sind ebenso hitzig, wie Ihr rasender Ajax. – Also, die Leute kamen nach Blackfield, wie es ihnen geheißen worden war, stellten hier ein paar Stunden ihre Wagen ein und fuhren dann nachts nach London, um dort das diskrete Geschäft abzuschließen. Unterwegs verunglückten sie aber, und soviel ich weiß, hat man bei keinem von ihnen einen größeren Geldbetrag gefunden. Und es ist auch in keinem Falle ein solcher reklamiert worden, weil die Pfunde wahrscheinlich in aller Heimlichkeit flüssig gemacht worden sind. Da müssen Sie also Nachforschungen vornehmen, Mr. Perkins. – Und dann denken Sie gründlich darüber nach, wer der hinkende Mann mit dem Bart sein könnte. Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß es bei dieser Sache betrogene Betrüger zu geben scheint. Ebenso wie bei –«

Er war bereits bei der Tür draußen, bevor der atemlose William seine Meldung vorbringen konnte, aber diesmal merkte Perkins die Unterbrechung nicht. Seine Gedanken arbeiteten ruhig und zähe nur mehr in einer Richtung: Wer war der hinkende Mann mit dem Bart?

Er ließ alle Geschehnisse der letzten zwei Tage noch einmal an sich vorüberziehen und war davon so in Anspruch genommen, daß der hünenhafte Sergeant Bell, der schüchtern aufgetaucht war, noch einmal ansetzen mußte.

Der Chefinspektor war über das, was der Mann vorbrachte, sehr ärgerlich.

»Was? Eine Verhandlung vor dem Polizeirichter haben Sie? Gerade heute, wo ich Sie so dringend brauche? Diese Leute vom Gericht machen einem doch ewig nur Scherereien. Ist denn die Sache so wichtig?«

Bell hob die breiten Schultern und machte ein ungemein ernstes Gesicht.

»Tja, Sir«, erklärte er bedächtig, »eigentlich war es nur eine Sauferei. Der rote Tim, den Sie ja kennen, und seine Braut, die ›Schiefe Fregatte‹, haben vor ein paar Tagen in einer Kneipe bei der Euston Station zuerst gehörig getrunken und dann fürchterlich gerauft. Er hat ihr fortwährend zugetrunken: ›Auf dein Wohl, du verdammte Kindesmörderin‹, und sie hat darauf immer geschrien: ›Auf dein Wohl, du blutiger Rabenvater‹. Und dann haben sie zuerst schrecklich geheult und dann so furchtbar gelacht, daß die ›Schiefe Fregatte‹ sich sogar einmal verschluckt hat, und der Wirt ihr gehörig auf den Rücken klopfen mußte. Aber auf einmal hat die Frau die Sache übel genommen und dem Tim eine hineingehauen, und dann ist es losgegangen. – Man hat neun Pfund bei ihnen gefunden, und wer weiß, was hinter der Geschichte steckt . . .«

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