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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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48

»Sagen Sie mir offen und ehrlich, hatte ich nicht recht?« tuschelte Mr. Perkins und wischte sich die nasse Stirn. »Paßt sich das? Ist das etwas für jemanden, der in Oxford oder Cambridge war und Premierminister oder Lord Oberrichter hätte werden können? – Sie haben ja vorhin selbst gesehen, wie er zugerichtet war. Weiß der Teufel, was er wieder ausgeführt haben mag . . .«

Der Chefinspektor tat einen verzweifelten Schluck aus der Kaffeetasse und schielte dabei so angelegentlich nach der Tür, daß er sich bekleckerte. Er saß nun mit dem Arzt bereits seit einer halben Stunde unten am Frühstückstisch und benützte die Gelegenheit, endlich jemand sein Herz über die gewisse Sache auszuschütten, die ihm bereits so manche schwere Stunde bereitet hatte.

Der Arzt strahlte über das ganze frische Gesicht.

»Ja«, sagte er, »das sieht ihm ähnlich. Er behauptete schon in Cambridge immer, das Leben sei eine höchst langweilige Angelegenheit. Und deshalb hat er bereits damals begonnen, etwas Romantik hineinzubringen. Es fing, wenn ich mich recht erinnere, zunächst damit an, daß er grundsätzlich den Weg in seine Stube nie über die Treppe und durch die Tür, sondern über die Fassade und durch das Fenster nahm. Und dann kam eine tolle Sache nach der andern. Einmal hat er sogar drei Giftschlangen dressiert, bis wir diese gefährlichen Hausgenossen einfach erschlagen haben. Er war aber gar nicht ungehalten darüber, denn er hatte die Gesellschaft schon satt, weil sie ihm nicht mehr unheimlich genug war. Lange macht ihm nämlich nichts Spaß. Und so wird es vielleicht auch diesmal wieder sein.«

»Das treibt er nun schon an die vier Jahre«, knurrte Perkins wenig hoffnungsvoll, »und es sieht nicht so aus, als ob es ihm keinen Spaß mehr machte. Schließlich ist das auch kein Wunder, wenn einem alles und jedes gelingt und man von den großen Herren oben und den Maulaffen unten fortwährend angestaunt wird wie so eine Art Hexenmeister. Das hat aber so ein Mann doch wirklich nicht notwendig. Bei unsereinem ist das etwas anderes, aber unsereiner hat nicht so ein niederträchtiges Schwein. Er zieht sich einfach ein paarmal am Tag um, fährt ein bißchen spazieren, luncht im Ritz und speist in irgendeiner schmierigen Spelunke draußen in Poplar, verdreht die Augen – und schon klappt es. Besonders das Augenverdrehen ist sein Trick. Da halten selbst die gerissensten Frauenzimmer nicht länger als eine Viertelstunde dicht. Und unsereiner kann oft tagelang auf so eine störrische Seele losdonnern, bevor man auch nur ein Wort herauskriegt.«

Der Chefinspektor fand das so gemein, daß er in seiner Empörung seiner Pfeife fast den Hals abgedreht hätte. Dann tat er neuerlich einen aufgeregten Schluck und bekleckerte sich wiederum.

»Gut«, gab er mit schöner Offenheit zu, »mit dem Oxford oder Cambridge habe ich mich geirrt. Es kann einer auch zu der gewissen Sache taugen, wenn er von dort her kommt. Das weiß ich jetzt, und deshalb ist es wirklich nicht notwendig, daß man mir das bei jeder Gelegenheit immer wieder unter die Nase reibt.« Er wurde noch vertraulicher und elegischer. »Sie wissen nicht, Doktor, wie nachtragend er ist. So oft er kann, läßt er mich zappeln. Auch jetzt wieder. Er weiß eine Menge von dieser verteufelten Geschichte, sage ich Ihnen, aber er redet nicht. – Wenn Sie da vielleicht ein bißchen nachdem Sie doch mit ihm so gut bekannt sind . . .«

Er brach jäh ab und räusperte sich mit Nachdruck, denn Alf Duncan tauchte eben in der Tür auf. Frisch, geschmeidig und so sorgfältig gekleidet, als ob er im Begriffe wäre, den Strand von Torquai auf den Kopf zu stellen. Und er schien, was für den Chefinspektor die Hauptsache war, auch guter Laune zu sein.

»Siehst du, mein Junge«, sagte er, indem er dem Arzt herzlich die Hand schüttelte, »das ist aus unseren Illusionen geworden. Man entbindet kräftige Landfrauen, die das ganz gut selbst besorgen könnten, zieht ihren Männern den letzten Backenzahn, um zwei Schillinge zu verdienen, und kuriert die verdorbenen Mägen ihrer gefräßigen Kinder mit einer übel schmeckenden Medizin. – Oder man bewegt sich in der erlesenen Gesellschaft von Dieben, Hochstaplern, Mördern und Polizeibeamten, was auf die Dauer wahrhaftig auch nicht kurzweiliger ist.«

Damit machte sich der Gentleman schweigend an sein Frühstück. Aber kaum hatte er ein Ei ausgelöffelt und eine Tasse Tee geleert, als dies dem ungeduldigen Chefinspektor schon genug schien.

»Also«, platzte er los, »ich sage Ihnen, das war heute eine geradezu tolle . . .«

»Mr. William«, wandte sich Alf freundlich an den aufmerksamen Geschäftsführer, »melden Sie mir ein Ferngespräch mit Wellingborough-Stratfort an. Nummer 302. Wir haben zwar erst halb sechs, aber vielleicht ist der Beamte an diesem herrlichen Morgen etwas früher aufgestanden. Jedenfalls warten Sie, bitte, solange, bis Sie die Verbindung bekommen.«

»Ja«, meinte Perkins, indem er William einen wütenden Blick nachsandte, »der Bursche spitzt fortwährend die Ohren. Also –«

Aber er kam auch diesmal nicht weiter, denn Duncan nahm ihm das Wort aus dem Munde.

»Also, die Sache beim Buschhaus ist schiefgegangen, und der hinkende Mann mit dem Bart ist Ihnen entwischt. Und dann hat er für alle Fälle sein Unternehmen etwas plötzlich und gewaltsam liquidiert. Dabei wären Sie um ein Haar um das Vergnügen gekommen, jetzt mit mir zu frühstücken.«

Der Chefinspektor warf dem Arzt einen verzweifelten Blick zu, bevor er seine stockende Frage tat.

»Was meinen Sie mit dem Unternehmen?«

»Das werden wir uns im Lauf des Tages etwas näher ansehen«, fertigte ihn Duncan kurz ab, aber Perkins war schon damit zufrieden.

»Gut, sagen Sie mir nur, wann es Ihnen paßt«, erwiderte er eifrig und brachte dann endlich wenigstens seine letzte Neuigkeit an.

»Und dieser Hanswurst vom Theater ist angeschossen worden. Oben in seinem Zimmer. Der Doktor meint allerdings, daß hierbei etwas nicht stimmt, aber –«

»Wenn der Doktor das meint, so wird es wohl so sein. Sie wissen, die Leute aus Cambridge . . .«

»Ja«, stotterte Perkins unter dem Blick, der ihn traf, und Duncan nickte befriedigt. Dann brachte er eine Repetierpistole zum Vorschein und legte sie vor sich auf den Tisch.

»Die Kugel, die Mr. Gwynne das garstige Loch in seine zarte Haut gerissen hat, ist vor ungefähr sechs Stunden hier herausgefahren«, erklärte er. »Es war ein kleines Mißverständnis, denn sie hat eigentlich einem andern gegolten. Und da wir eben davon sprechen, möchte ich Ihnen empfehlen, sich gleich nach dem Frühstück ein bißchen in Alderscourt umzusehen. Sie finden es auf der Karte, und es ist nicht weit von hier. Ihre alte Freundin, Mrs. Drew, dürfte sich etwas vereinsamt fühlen, und ihrer lieblichen Tochter können Sie sich auch annehmen. Fahren Sie den Seitenweg vorn von der Waldspitze, er ist bequemer und interessanter. Besonders wenn Sie genau feststellen, wie lange man zu der Scheune bei Alderscourt braucht. Aber natürlich müssen Sie ein flotteres Tempo einschlagen, als der vorsichtige Mr. Fielder. Und –«

»Wellingborough«, meldete in diesem Augenblick William atemlos, und Duncan schoß so aufgeregt davon, daß ihm der Chefinspektor ganz verblüfft nachstarrte.

»Nun, jetzt haben Sie es ja selbst gehört«, raunte er dann dem Arzt zu. »Entweder ist gar nichts aus ihm herauszubringen, oder er wirft einem alle möglichen Brocken zu, mit denen man nichts anfangen kann. – Aber ich werde natürlich alles tun, was er gesagt hat«, fügte er mit einem ergebenen Seufzer hinzu und begann wieder seine Pfeife zu malträtieren.

Alf blieb eine gute Viertelstunde aus. Als er zurückkehrte, sah er genau so verträumt drein, wie bei der gestrigen Ausfahrt, und das bedeutete für Perkins schlechte Aussichten. Aber er war entschlossen, diesmal nicht locker zu lassen.

»Wenn der rasende Windhund die Sache nicht verdorben hätte«, begann er mit einiger Vorsicht von neuem, »könnte jetzt alles im besten Gange sein. Ich gönne es ihm, daß er dabei die Nase voll bekommen hat. So schön ist uns dieser Marwel in die Falle gelaufen – und nun können wir nach ihm wer weiß wo und wie lange herumstöbern. Er drückt sich ja wie ein Gespenst.«

»Gespenst ist richtig«, sagte Duncan, indem er schon wieder ungeduldig auf die Uhr blickte. »Vielleicht kann es Ihnen der Doktor sogar ganz zuverlässig bestätigen.«

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