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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
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3

Eine Meile hinter dem Unglücksstein endete das Kiefernholz, und an seinem Saum lagen, unregelmäßig verstreut und hinter Sträuchern und Bäumen fast völlig verborgen, die unansehnlichen Häuser der kleinen Ortschaft Blackfield. Wiederum zwei Meilen weiter aber lief die Chaussee durch ein schmales Tal, und hier mündete eine Allee alter Birken, die von Alderscourt her kam.

Der einstige Gentrysitz befand sich eine halbe Wegstunde taleinwärts und so abgeschieden, daß er selbst für die nächste Umgebung nur ein toter Begriff war, dessen man sich kaum je erinnerte. Das Anwesen hatte auch viele Jahre leer gestanden, und die Bewohner, die es seit einiger Zeit beherbergte, waren nicht darnach, irgendwelche Aufmerksamkeit zu erregen.

Mrs. Drew, eine schlichte Frau von stattlichem Umfang, wünschte das auch nicht. Sie kannte die Stürme und Tücken des Lebens und wußte, was so ein ruhiger, verborgener Hafen wert war. Ihre Tochter Molly hatte über den stinkenden Fuchsbau allerdings andere Ansichten, mußte sich jedoch vorläufig in das Unabänderliche fügen.

In dem trauten Familienkreise um den rohen Holztisch ging es zuweilen recht kriegerisch zu, aber heute war Mrs. Drew bereits etwas müde, und Molly saß mit kritischer Gründlichkeit über einem Kriminalroman. – Sie hatte ihn schon viermal von Anfang bis zu Ende verschlungen und hielt sich diesmal mehr an die Einzelheiten. Dabei zog sie hie und da die Stirn nachdenklich kraus, und dann feuerte sie das Buch plötzlich in eine Ecke, daß die Blätter nur so flogen.

»So ein Trottel«, urteilte sie verächtlich. »Wenn man das liest, könnte man glauben, daß das Stehlen so einfach sei wie das Nasenputzen, und daß man nur hinlangen müsse, um gleich die ganze Hand voll zu haben.«

Sie lümmelte sich wuchtig auf den Tisch, und ihr gesundes derbes Gesicht verriet ihre arge Verdrießlichkeit. Sie ähnelte ganz der Mutter, und Mrs. Drew fand, daß dies ihr einziger Vorzug sei. Sonst war sie völlig aus der Art geschlagen und eine alberne, eitle Gans, die zu nichts wert war.

Und eben hatte sie eine Sache berührt, die Mrs. Drew veranlaßte, das Daumendrehen sein zu lassen und die dicken Lider aufzuschlagen.

»Von solchen Dingen sei du hübsch still«, sagte sie giftig. »Die, welche die schönen Bücher schreiben, sind eben Leute von Verstand und wissen, wie man es anzustellen hat, um zu etwas zu kommen. Du aber hast nur lauter Dummheiten in deinem frisierten Schädel. – Was hast du schon für schöne Posten gehabt«, die enttäuschte Mutter seufzte bekümmert, »und was hat dabei herausgeschaut? Ganze Silberkästen und einen Haufen Schmuck hätte sich eine andere in so feinen Häusern beiseite gelegt. Aber du? Kaum sitzt du warm, klaust du eine lumpige Puderdose, ein paar Fetzen oder sonst so einen Dreck, und es war wieder nichts. – Wie ich in deinen Jahren war . . .«

Molly kannte diese bewegte Klage bereits zur Genüge und schnitt sie daher immer ab. Statt mit der gewohnten bündigen Redensart tat sie es heute mit einer mürrischen Frage.

»Wie lange soll denn die blöde Warterei noch dauern?«

Mrs. Drew erinnerte sich, daß es noch ein sehr langer Abend werden konnte und daß sie auf ihre kalten Füße Rücksicht zu nehmen hatte. Sie setzte Wasser auf, um einen wärmenden Grog zu brauen, und während sie mit dem Kocher hantierte, gab sie der ungeduldigen Tochter kurz angebunden Bescheid.

»Die Warterei wird so lange dauern, bis wir wissen, was los ist. Entweder kommt der Besuch, oder es kommt der Herr. So ist es ausgemacht.«

Molly schnitt eine Grimasse und gähnte verzweifelt.

»Eigentlich sollte man sich unsern Herrn einmal ein bißchen näher ansehen«, meinte sie plötzlich unvermittelt.

Die schwerfällige Mrs. Drew machte eine so flinke Wendung, daß sie fast den Topf vom Feuer geworfen hätte. »Untersteh dich nicht, herumzuschnüffeln«, fauchte sie, und ihre wäßrigen Augen funkelten dabei so drohend, daß die mütterlichen Worte auf Molly diesmal sogar einigen Eindruck machten. »Wenn ich so etwas merke, so fliegst du auf der Stelle und kannst dann schaun, wo du unterkriechst. Durch deine Nichtsnutzigkeit werde ich mich nicht um das feine Dach überm Kopf bringen lassen, das ich durch die Gnade Gottes auf meine alten Tage gefunden habe. Du weißt, wie es der Herr gehalten haben will, und wirst dich danach richten, wenn du nicht etwas erleben willst.« Die entrüstete Frau holte tief und laut frischen Atem, weil sie noch einiges zu sagen hatte. »So ein Mistfratz. Sie will sich unsern Herrn einmal ein bißchen näher anschauen . . . Ob mir das schon einmal eingefallen wäre. Meinetwegen mag er sein, wer er will, und aussehen, wie er will, die Hauptsache ist, daß ich hier hübsch ruhig sitze und dazu obendrein noch sechzig Schillinge bekomme. Und wenn du ungeratener, gottverlassener Balg . . .«

Das gedämpfte Läuten einer Klingel ließ Mrs. Drew mit offenem Munde innehalten, und dann geriet sie in aufgeregte Geschäftigkeit.

»Die Laterne«, keuchte sie der Tochter hastig zu, und während Molly eine Kerze anzündete, schlug Mrs. Drew mit zitternden Händen ein Tuch um die Schultern. Wenn sie auch den Gang in den Oberstock schon einige Male getan hatte, so war ihr doch nie sehr wohl dabei, und da der Grog noch nicht fertig war, mußte sie rasch einen beruhigenden Schluck aus der Rumflasche nehmen. Dann ergriff sie die Laterne, warf Molly noch einen warnenden Blick zu und schlürfte in die Diele.

Der lange, niedrige Gang war stockdunkel, und das schwache, unruhige Licht in den Händen der Frau vermochte gerade nur Schritt für Schritt den Weg über die rissigen Dielen zu weisen. Aber Mrs. Drew ging ihn rasch und sicher und schnaufte dann eine knarrende Holztreppe hinauf. Hier oben war der Gang zur Linken durch eine starke Bohlenwand abgeschlossen, und die Frau mußte einen Augenblick den Schein ihrer Laterne über die dunkle Täfelung gehen lassen, um den Eingang zu finden. Er war immer verschlossen, wie sie sich bereits mehrmals überzeugt hatte, aber wenn das Klingelzeichen sie rief, gab die geschickt verborgene kleine Tür stets ohne weiteres nach.

Auch das erste Zimmer hinter der Wand stand wie gewöhnlich offen, und Mrs. Drew setzte das Licht auf den Tisch und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. So wünschte es der Herr, und so war es auch der Frau ganz angenehm. Sie war außer Atem und schwitzte vor Aufregung, aber sie hatte Zeit, sich zu sammeln, denn es verging mehr als eine Minute, bevor sich aus dem Nebenraum, der durch einen Vorhang abgetrennt war, eine Stimme vernehmen ließ. Sie klang kehlig und scharf, und der armen Mrs. Drew lief es dabei immer eiskalt über den Rücken.

»Ich hoffe, daß alles in Ordnung ist«, sagte der Herr. »Der Besuch dürfte so um Mitternacht eintreffen. Sorgen Sie dafür, daß das Tor sofort geöffnet wird und daß der Wagen gleich in die Scheune an der rechten Hofseite fährt. Dann schließen Sie ab, und den Schlüssel werfen Sie durch die gewisse Fuge draußen im Gang. – Haben Sie verstanden?«

»Natürlich, Sir«, versicherte die Frau eifrig, aber etwas konfus. »So um Mitternacht und wegen des Schlüssels. – Wenn sie aber nur glücklich an dem verhexten Stein vorüberkommt . . .«

»Unsinn«, scholl es auf dieses ängstliche Bedenken ärgerlich zurück. »Und daß Ihnen nicht etwa einfällt, der Dame mit diesen albernen Schauergeschichten in den Ohren zu liegen. Kein Wort davon. Sie befindet sich ohnehin in großer Aufregung und darf durch solche Dinge nicht noch mehr beunruhigt werden. – Nur ein paar gute Lehren können Sie ihr geben, sobald sie sich erst ein bißchen hier eingelebt hat. Sie haben ja einiges durchgemacht, was zu erfahren ihr von Nutzen sein kann . . .«

So unklar diese Bemerkung war, Mrs. Drew glaubte sie zu verstehen und witterte Möglichkeiten, die etwas Abwechslung in ihre einförmigen Tage bringen konnten.

»Hat sie etwas angestellt?« platzte sie neugierig heraus.

Der Mann nebenan schien zu überlegen.

»Ja«, erklärte er dann kurz. »Was es ist, darum haben Sie sich nicht zu kümmern – aber es geht um ein paar Jahre.«

»Um ein paar Jahre . . .«, wiederholte die erfahrene Frau mit fast ehrerbietigem Schauer. »Das Höchste waren bei mir zuletzt achtzehn Monate, und das war schon wie eine Ewigkeit. – Davon habe ich auch das Rheumatische bekommen.«

»Sehen Sie. – Erzählen Sie also der jungen Dame hie und da so beiläufig einiges von dem, was Sie erlebt haben, damit sie erkennt, was auf dem Spiel steht, und keine Dummheiten macht. Sie darf nicht einen Schritt aus dem Haus heraus, und von draußen darf niemand an sie heran. Darauf haben Sie strengstens zu sehen, sonst ist es mit der Herrlichkeit hier für Sie zu Ende. Auch dürfte es Ihnen wohl kaum angenehm sein, wenn die Polizei auf diesen stillen Winkel aufmerksam würde.«

»Gott beschütze . . .«

Der entsetzte Ausruf kam Mrs. Drew wirklich von Herzen, denn sie haßte diese tückischen blauen Teufel, die ihr schon so viele Unannehmlichkeiten bereitet hatten. Und da waren noch ein paar alte Geschichten, die sie um keinen Preis aufgerührt sehen mochte.

Wenn dieser kleine Schreck nicht gewesen wäre, so hätte die kurze Unterredung mit dem geheimnisvollen Herrn von Alderscourt Mrs. Drew außerordentlich befriedigt. Sie wußte nun, woran sie mit dem Gast war, und auch, was sie zu tun hatte, sagte ihr sehr zu. Sie sprach leidenschaftlich gern von ihren Erlebnissen, die die ganze Niedertracht der Welt im allgemeinen und der Polizei und der Richter im besonderen zeigten, aber Molly war ein eingebildetes, freches Ding, das die Gescheitheit mit dem großen Löffel gefressen zu haben glaubte. Die andere würde hoffentlich auf eine alte erfahrene Frau hören; und wenn sie es nicht tat, so war es ja keine so schwere Sache, sie im Auge zu behalten und zu verhüten, daß sie etwas Unvernünftiges anstellte.

Molly empfing die Mutter mit einer erwartungsvollen stummen Frage, aber Mrs. Drew beschränkte sich auf eine knappe Andeutung.

»Mach das Tor auf und die Scheune beim Brunnen«, sagte sie, indem sie eilig den Grog bereitete. »Es muß alles rasch und in großer Stille geschehen, denn man ist hinter ihr her.«

Das liebenswürdige Mädchen stieß einen leisen Pfiff aus und verschwand mit überraschender Bereitwilligkeit. Wie der Mutter, kam auch ihr eine Ansprache sehr erwünscht, und wenn es mit dem Besuch so stand, brauchte man sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Alderscourt war schon bei Tag kein freundlicher Ort, bei Nacht aber war es geradezu unheimlich. Es lag am Ausgang eines kleinen Tals auf einem ausgedehnten Stück Weideland, dessen reizlose Eintönigkeit nur durch vereinzelte Erlengruppen unterbrochen wurde. Das Anwesen selbst war ein großes, kahles Mauerviereck, das an jeder Front mehrere Tore aufwies und von einer Reihe von Schindel- und Strohdächern überragt wurde.

Inmitten dieses Walles von Wirtschaftsgebäuden stand das massive Wohnhaus. Ein weiter Rasenplatz und eine Hecke, die rund herumlief, mochten ihm einst einen freundlicheren Anstrich verliehen haben, aber mit der ganzen Umgebung war auch hier alles der Verwilderung verfallen.

Molly war eben dabei, den schweren Riegelbalken des Haupttors hochzuheben, als Mrs. Drew mit der Laterne erschien. Sie hatte sich durch einige ausgiebige Schlucke gestärkt und war nun von lebhafter Gesprächigkeit.

»Ich werde mich mit der Laterne in die Scheuneneinfahrt stellen«, sagte sie, »und wenn sie kommt, weist du sie gleich dorthin. Dann führst du sie hinauf in die Zimmer und gehst ihr an die Hand. – Aber«, die Stimme der besorgten Mutter bekam plötzlich wieder einen ernsten Klang, »stell' mir nicht am Ende gleich am ersten Tage etwas an, sonst zerklopf ich dir deine langen Finger zu Brei.«

Vorläufig beschränkte sich Mrs. Drew darauf, einem hochbeinigen Köter, der mit einem heiseren Wutlaut aus seiner Hütte fuhr, einen runden, faustgroßen Stein treffsicher auf das ruppige Fell zu setzen.

»Kusch, du verdammte Bestie«, zeterte sie ergrimmt, wurde aber dann gleich einsichtsvoller. »Vielleicht wird das Rabenvieh jetzt doch zu etwas gut sein«, überlegte sie laut. »Es kann mir ja niemand verbieten, den bissigen Teufel hier drinnen loszulassen, und dann möchte ich mir den ansehen, der seine Nase hereinsteckt.«

Eine Viertelstunde später schwenkte Molly eilig die kreischenden Torflügel auf, um den Wagen einzulassen, der auf dem holprigen, grasüberwucherten Weg in halsbrecherischer Fahrt angeschaukelt kam.

Als das Auto in der dunklen Scheune hielt, drängten sich Mutter und Tochter mit neugieriger Geschäftigkeit heran, bekamen aber vorläufig nicht viel zu sehen.

Die Gestalt, die zögernd ausstieg, war in einen langen Mantel gehüllt und hatte die Haube so tief in die Stirn gezogen, daß nur ein kleines Oval eines jungen Gesichts und zwei große, scheue Augen sichtbar wären, die ängstlich in die Runde gingen. Es mußte eine sehr aufregende und anstrengende Tour gewesen sein, denn die Fahrerin atmete schwer und vermochte sich kaum aufrecht zu halten.

Endlich gelang es dem zuckenden kleinen Mund, eine kurze Frage zu formen.

»Alderscourt?«

»Jawohl, Miss«, beeilte sich Mrs. Drew zu versichern. »Sie sind richtig. Wir haben Sie schon erwartet, und Sie werden alles in Ordnung finden. – Molly«, wandte sie sich an diese in einem Ton, der dem Gaste sofort sagen sollte, wer hier im Haus das große Wort zu führen hatte – »bringe die Dame auf ihre Zimmer und dann hol flink das Gepäck. – Bitte, Madam, sagen Sie ihr nur, wie Sie alles wünschen. Meine Tochter hat bei sehr feinen Herrschaften gedient und kennt sich aus.«

Es war das erste Lob, das Molly je aus dem Munde ihrer strengen Mutter zu hören bekommen hatte, und sie war bemüht, zu zeigen, daß das mit den feinen Herrschaften wirklich stimmte. Sie geleitete den Gast mit der Artigkeit einer geschulten Zofe, aber der Weg über den Hof und den Vorplatz ging sehr langsam vor sich, weil die Fremde sich auffallend unsicher und zögernd vorwärts tastete. Einmal blieb sie sogar plötzlich stehen, und es schien einen Augenblick, als ob sie umkehren wollte. Aber dann schritt sie wieder hinter ihrer Führerin drein, und selbst die düstere Diele und der dunkle Treppenaufgang, die nur durch zwei armselige Petroleumflammen erhellt waren, konnten ihren Fuß nicht mehr stocken machen.

Auch in dem Zimmer auf der rechten Gangseite des Oberstocks, das Molly einladend öffnete, brannte nur eine Petroleumlampe, aber der Raum war überraschend gut und behaglich eingerichtet. Die Möbel schienen völlig neu zu sein, und selbst Mrs. Drew hatte sich schon oft darüber den Kopf zerbrochen, wann, wie und wozu sie in den alten Bau gekommen sein mochten, der sonst außen und innen ein so trostloses Bild der Verwahrlosung bot.

»Nun bringe ich noch rasch die Koffer«, sagte Molly beflissen, indem sie sich bemühte, von der neuen Hausgenossin endlich etwas mehr zu sehen, aber diese war bereits ans Fenster getreten, und nur ein Nicken verriet, daß sie gehört hatte.

Erst als das Mädchen geschäftig die Treppe hinunterklapperte, wandte sich Isabel Longden jäh um und riß mit einer verzweifelten Bewegung Mantel und Haube herunter. Dann glitt sie haltlos in einen Stuhl, und der Schein der Lampe fiel auf ihr pikantes Gesichtchen, das mit seinen strahlenden Augen und dem reizvollen Mund nur zu übermütigem Lachen geschaffen schien.

Aber auf diesem Gesicht lag ein Ausdruck so erschütternden Schmerzes, daß sogar die zurückkehrende Molly davon betroffen war.

»Befehlen Sie noch etwas, Miss?« fragte sie, nachdem sie die Koffer abgestellt hatte; und war froh, als sie durch ein müdes Kopfschütteln und einen dankbaren Blick entlassen wurde.

»Die hat es gehörig«, vertraute sie unten der wißbegierigen Mutter an und ließ dann ihrer schwülen Phantasie die Zügel schießen. »Wahrscheinlich war es etwas mit einem Mann – oder etwas, was damit zusammenhängt . . .«

Mrs. Drew spitzte die dicken Lippen und zog eine Portion Luft durch die Nase ein.

»Aha – das könnte stimmen«, meinte sie sachverständig. »Der Herr hat ja gesagt, ein paar Jahre . . .«

In den Augen der Tochter flackerte ein unruhiges Licht, und obwohl kein fremdes Ohr sie hören konnte, dämpfte sie ihre Stimme zu einem kaum vernehmlichen Flüstern.

»Sie muß aber etwas Feines sein und es sehr dick haben. Sie hat solche Dinger in den Ohren.« Molly wies die ansehnliche Spitze ihres kleinen Fingers. »Und alles echt. Darin kenne ich mich aus.«

Mrs. Drew starrte ihre Tochter an, und es lag alles mögliche in dem langen Blick. Dann breitete sich ernste Sorge über ihr biederes rundes Gesicht, und sie seufzte ahnungsvoll.

»Da wird man aber schon gehörig aufpassen müssen«, murmelte sie. »In diesen alten Fußböden sind ja so schrecklich viele große Ritzen, und wie leicht kann da so etwas hineinfallen. Das ist dann nicht mehr zu finden, wenn man sich auch noch so absucht . . .«

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