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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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44

Dieser Abend verlief im Golfhaus noch bedrückender als der vorhergegangene, an dem das Unheil mit Williams Fuß seinen Anfang genommen hatte.

Der leere Platz von Miss Reid hielt im Speisesaal die düsteren Geschehnisse doppelt lebendig, und Mrs. Hingley wäre um nichts in der Welt dazu zu bewegen gewesen, ihren Fuß in den Raum zu setzen. Außerdem war der Weg vom Vorderhaus bis hierher bei den schrecklichen Zuständen zu gefährlich, besonders am Abend. Sie blieb daher lieber in ihrem halbwegs sicheren Winkel in der Küche, und nur ihre Gedanken huschten zuweilen zu dem gewissen Tisch im Golfhaus. Aber auch nur mehr zuweilen, denn Mrs. Hingley war eine vernünftige und willensstarke Frau, und überdies hatten die furchtbaren Heimsuchungen, die über den »Reitenden Postillon« hereingebrochen waren, sie sozusagen geläutert. So etwas war nichts für eine ehrbare Witwe von drei ehrsamen Männern, denn es konnte ja zu nichts Ernsthaftem führen. Zu ihr gehörte jemand, den sie, wenn es wieder so kommen sollte, genau so in Ehren an ihrem Halse tragen durfte, wie die drei anderen. Dagegen würden wohl die drei anderen auch nichts haben, denn ein Mann gehörte nun einmal ins Haus. Sie konnte nicht ewig William an der Hand erwischen, wenn sie eines Schutzes bedurfte oder so furchtbar schreckhaft war wie heute.

Diese Schreckhaftigkeit seiner Herrin brachte es mit sich, daß der Geschäftsführer sich an diesem Abend seinen Dienst noch etwas bequemer machte als sonst. Er erschien nur, um die Bestellungen entgegenzunehmen, und blieb dann lange Zeit unsichtbar. Das Servieren besorgte ein herausgeputztes Küchenmädchen, das die Augen verzweifelt verdrehte, aber glücklicherweise nicht viel zu tun fand. Zunächst war nur Alf Duncan zu bedienen, der sich die Zeit damit vertrieb, daß er mit großem Ernst auf einer Autokarte herumzirkelte, und dann erschien der Chefinspektor mit den Ajaxen.

Es ging sehr schweigsam zu, bis plötzlich Mr. Gwynne auftauchte. Das war ein so außergewöhnliches Ereignis, daß das verwirrte Mädchen bei seinem Anblick einige Messer und Gabeln auf den Teppich ablud. Der Lärm war nicht gerade groß, aber der nervöse Künstler fuhr sich verzweifelt an die Ohren, und das Mädchen hätte um ein Haar das ganze Tablett dem Besteck nachgeschickt.

Dann begrüßte Mr. Gwynne den Chefinspektor mit der gebührenden Förmlichkeit. Es lag keine Devotion in dieser abgerundeten Begrüßung, sondern lediglich die Achtung, die ein braver Bürger der staatlichen Autorität entgegenbringt.

Mr. Perkins war weniger förmlich und beschränkte sich auf ein kurzes Nicken und einen tückischen Blick. Der Künstler räusperte sich würdevoll und bestand nun darauf, den Geschäftsführer zu sprechen. Und als der etwas echauffierte William mit der gebotenen Eile angehumpelt kam, setzte ihm Mr. Gwynne seine Wünsche mit großer Umständlichkeit und sehr eindringlich auseinander.

Er wurde mitten drin durch den unmanierlichen Chefinspektor gestört, der plötzlich auf die Uhr sah und dann mit beiden Handflächen auf den Tisch schlug.

»So«, sagte er, indem er seinen Stuhl zurückstieß und sich erhob, »nun dürfte es wohl an der Zeit sein. – Wir gehen den unterer Weg, aber einer nach dem andern, damit es nicht so auffällt. Der hinkende Mann mit dem Bart darf nicht ahnen, daß wir im Haus stecken.«

Ajax der Rasende würgte und ließ ein entschlossenes »Quak« hören, und Ajax der Andere zog unternehmend die Hosen über den wuchtigen Leib. William aber stützte sich schwer auf den Tisch, ohne daß Mr. Gwynne für diese arge Ungehörigkeit ein Auge gehabt hätte.

Es ging alles genau so vor sich, wie der Chefinspektor es angeordnet hatte. Über dem Kessel um das Buschhaus lag so tiefe Dunkelheit, daß von den drei Gestalten, die eine halbe Stunde später über die Schwelle huschten, auch nicht ein Schatten wahrzunehmen war.

Dann aber wurde in der Diele offenbar eine Taschenlampe angeknipst, denn an den rissigen Türen zeichneten sich plötzlich matte Lichtfäden ab. Sie verschwanden zwar bald, zeigten sich aber dann in Pausen von etwa einer Viertelstunde immer wieder für eine Weile.

So wurde es allmählich Mitternacht – und dann verstrich noch eine lange Stunde – und noch eine zweite.

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