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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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41

Chefinspektor Perkins hatte zwar auf dem Lande nichts zu sagen, aber sein Auftauchen wurde nirgends als besonderes Vergnügen empfunden. Wenn er irgendwo erschien, roch es nach Arbeit und saurem Schweiß, und der Polizeichef von Thame warf einen wehmütigen Blick auf seine zerlegten Forellenangeln, die er nach den Strapazen der Saison eben wieder gründlich instandsetzen wollte.

Die Sache fing wirklich so bedenklich an, daß sich der arme Mann bereits in der ersten Minute verzweifelt an den Kopf fuhr.

»Mr. Duncan möchte sich über einen Vorfall erkundigen, der sich vor einigen Tagen in Ihrem Bezirk ereignet hat«, hatte Perkins harmlos bemerkt, und sein Begleiter hatte eigentlich noch gar nicht so recht begonnen, als der kleine Polizeichef schon völlig aus dem Häuschen geriet.

»Diese Sache . . .«, stöhnte er. »Diese schreckliche Sache. Wenn Sie wüßten, was mir die zu schaffen gibt. Meine Frau hat nämlich auch davon gehört und interessiert sich nun furchtbar dafür. Morgens beim Frühstück, beim Mittagessen, beim Abendessen und im Bett vor dem Einschlafen will sie wissen, was eigentlich los war, und zwischendurch kommt sie auch noch einige Male hierher, um sich zu erkundigen. – Und ich kann ihr nichts sagen«, lispelte er jammervoll. »Stellen Sie sich das vor. Dabei bin ich selbst schon zweimal an Ort und Stelle gewesen. Und meine Frau ist auch mit dort gewesen und hat gesagt, daß ich die verruchten Mörder unbedingt fangen müßte. Aber was soll ich tun? Was ist überhaupt geschehen? Ich kann es wahrhaftig nicht herausbekommen. Es soll ein Baby in einem Kinderwagen überfahren worden sein. Aber wo ist das Baby? Und wo ist sonst etwas? – Meine Frau hat leicht reden. Gewiß, sie ist eine kluge und sehr energische Frau, aber« – der kleine Mann reckte sich selbstbewußt – »die Polizeivorschriften kennt sie nicht. Ich aber kenne sie. Ich kann nur amtlich vorgehen, wenn etwas vorliegt. Eine Leiche oder wenigstens eine Anzeige. Aber es liegt nichts vor. Ich habe bloß einen großen dunklen Fleck auf der Straße entdeckt, sonst nichts. Meine Frau hat zwar behauptet, es sei Blut, und hat einen Nervenanfall bekommen, aber nach unseren Polizeivorschriften ist das noch immer keine Grundlage. Es gibt ja so viele große dunkle Flecke auf den Straßen. Und wenn es sich vielleicht herausstellen sollte, daß der Fleck von ausgelaufenem Bier herrührt oder ähnlichem, was würde man von mir denken? – Habe ich recht?«

Er richtete seinen unsicheren Blick etwas bange auf den Chefinspektor und dann, da er hier keine Antwort fand, auf Duncan, und dieser erlöste ihn endlich von seinen peinigenden Zweifeln.

»Gewiß haben Sie recht«, erklärte er nachdrücklich, und der Polizeichef fuhr nach seiner Hand und schüttelte sie krampfhaft.

»Ich danke Ihnen«, sagte er aus tiefstem Herzen. »Ich danke Ihnen.« Und dann behielt er die Hand des jungen Mannes in der seinen und brachte bescheiden und stockend noch eine Bitte vor.

»Wenn Sie sich vielleicht noch einen Augenblick gedulden würden. Meine Frau dürfte jede Minute kommen. Es ist eben wieder ihre Stunde . . .«

Aber der unhöfliche Chefinspektor schützte ziemlich barsch dringende Geschäfte vor.

»So darf ich mich doch wohl wenigstens auf Sie berufen?« meinte der kleine Mann, während er die Besucher höflich bis zum Wagen geleitete. Und dann schielte er ungeduldig die Straße hinunter, die seine Frau jede Minute kommen mußte.

»Was wollten Sie eigentlich hören?« fragte Perkins, als sie bereits wieder unterwegs waren.

»Genau das, was uns der brave Mann gesagt hat«, erwiderte Duncan, aber der Chefinspektor gab sich damit nicht zufrieden.

»Hängt das irgendwie mit dem Schwarzen Meilenstein zusammen?«

»Irgendwie hängt es damit zusammen«, erhielt er zur Antwort. »Entweder hat der kluge Mann vom Schwarzen Meilenstein eine große Dummheit begangen, oder es hat ihm jemand ins Handwerk gepfuscht. Jedenfalls aber haben Sie es dieser Sache zu danken, wenn Sie sich an dem verhexten Stein nicht den Kopf einrennen. – Und nun werden wir uns ein bißchen in Aylesbury umsehen.«

Der Grundstücksmakler Webb war bereits im Begriff, sein Büro zu schließen, machte aber sofort kehrt und gab bereitwillig Auskunft. Die Kunde von den geheimnisvollen Geschehnissen in Blackfield war bereits herüber gedrungen, und der Mann fieberte, Näheres darüber zu erfahren. Der wortkarge Perkins enttäuschte ihn zwar, aber einiges fiel schließlich doch ab.

Dafür war Mr. Webb in seinen Mitteilungen um so ausführlicher und genauer. Er begann bei der Gründung des Steinbruchunternehmens, von dem man sofort nicht viel gehalten hatte, weil gleich bei der ersten Sprengung ein schweres Unglück geschehen war. Und nachdem er gewissenhaft die Leute aufgezählt hatte, die bei der aussichtslosen Sache um ihr gutes Geld gekommen waren, beschloß Mr. Webb seine Geschichte mit einer gleich tragischen Episode, wie jene es gewesen war, mit der sie begonnen hatte. Der Vormeister und Aufseher, der die ganzen Jahre den Betrieb eigentlich geleitet hatte, war einige Wochen nach dem Zusammenbruch im Buschhaus erhängt aufgefunden worden.

Seitdem hatte er, Mr. Webb, die Sache auf dem Halse, und sie machte ihm, wie er offen gestand, keine Freude. Er hatte darauf schon so viele Spesen gehabt, daß von einem Verdienst keine Rede mehr sein konnte. Und wenn das Buschhaus von der Polizei ein bißchen übel zugerichtet worden sei, so habe das weiter nichts zu sagen. Erstens sei die Bude ja ohnehin nichts wert, und zweitens sollte man Häuser, auf denen so offenkundig ein Fluch lastet, überhaupt in die Luft sprengen.

Der Makler hätte noch einiges zu sagen gehabt, aber der Chefinspektor unterbrach ihn durch eine andere Frage.

»Ist Ihnen vielleicht zufällig bekannt, ob bei dem Unternehmen jemals ein Mann namens Marwel angestellt war?«

»Nein«, erklärte Mr. Webb, »darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Aber gerade an der Straße nach Blackfield wohnt im vorletzten Haus rechts ein alter Gewerkschaftler, der sich an alle Leute erinnert, die in den letzten zwanzig Jahren hier herum beschäftigt waren.«

Perkins war fertig und wollte bereits gehen, als zu seiner Überraschung auch Duncan noch etwas zu fragen hatte.

»Haben Sie vielleicht auch mit Alderscourt etwas zu tun, Mr. Webb?«

»Mit Alderscourt?« Der Makler blickte etwas betroffen drein. »Gewiß, das verwalte ich ebenfalls. – Ist etwa damit auch etwas los? – Das täte mir leid, denn ich habe den Hof erst vor ein paar Monaten endlich verpachtet und bekomme sehr anständige Prozente. Die Familie, der er gehört, wohnt schon seit langem in Schottland.«

»Das Anwesen ist mir nur aufgefallen, weil es so abgeschieden liegt«, erklärte Duncan unbefangen, und Mr. Webb fühlte sich so erleichtert, daß er sogar verschmitzt schmunzelte.

»Ja, seine Ruhe hat man dort«, gab er zu. »Und wahrscheinlich braucht das eben die alte Dame, für die man gemietet hat.«

»Eine alte Dame, so . . .«

Es klang mehr höflich als interessiert, aber der redselige Makler glaubte ein neues ergiebiges Thema gefunden zu haben.

»Ja – ich nehme es wenigstens an. Gesehen habe ich die Frau allerdings noch nicht, aber eine junge würde sich doch nicht so vergraben. Vielleicht ist sie auch nicht ganz richtig im Kopf, weil alles durch einen Sachwalter gegangen ist. Von diesem bekomme ich auch zu jedem Termin pünktlich mein Geld, und das ist schließlich die Hauptsache.«

Ebenso bereitwillig und mitteilsam zeigte sich eine Viertelstunde später der alte Gewerkschaftler.

Gewiß, einen Marwel habe er gekannt. Aber dieser James Marwel sei nicht beim Steinbruch beschäftigt gewesen, sondern im Elektrizitätswerk. Er war auch kein gewöhnlicher Arbeiter, sondern ein studierter Ingenieur, der sein Fach verstanden habe, wie nicht so bald ein zweiter. In der großen Überlandzentrale habe er Dinge ausgeführt, daß alle seine Kollegen einfach kopf gestanden hätten. Auf solche Versuche sei er überhaupt wie versessen gewesen . . .

Der Alte nahm plötzlich die Pfeife aus dem Munde und machte ein sehr wichtiges Gesicht.

»Übrigens erinnere ich mich dabei, daß Marwel sich eine Zeit lang wirklich auch in dem Steinbruch zu schaffen gemacht hat, obwohl er dort nichts zu suchen hatte. Aber wahrscheinlich hatte es ihm Sipple, der Aufseher, erlaubt. – Ich glaube, es ging dabei auch um eine Erfindung. Wenigstens hat Marwel im Wirtshaus öfter davon gesprochen. Er hatte es nämlich arg mit dem Trinken zu tun, und dann hat er entweder mit stieren Augen in einer Ecke gesessen und hat spekuliert, oder er hat alles mögliche unsinnige Zeug durcheinander geredet. Einmal habe ich selbst gehört, wie er sagte, daß das schöne, neue Elektrizitätswerk ein lumpiges Kinderspielzeug wäre, das ihm gestohlen werden könne. In einem Jahr werde er vom Biertisch aus ganz andere Kunststücke fertigbringen. Der Biertisch war ihm nämlich immer die Hauptsache, und das hat ihn schließlich auch die Stellung gekostet. Es ging nicht mehr mit ihm, weil er unzuverlässig wurde. Er ist dann in London als Leiter eines Installationsgeschäftes untergekommen, aber auch da hat er sich nicht lange gehalten. Er soll Gelder unterschlagen haben und deshalb ein paar Monate eingesperrt gewesen sein. Erst in diesem Frühjahr habe ich ihn wiedergesehen. Er ist eines späten Abends in einem kleinen Auto hier vorübergekommen. Vielleicht hat er sich also doch wieder hochgearbeitet oder . . .«

Der biedere Mann hob vielsagend die Schultern, und Perkins warf seinem Begleiter einen ratlosen Blick zu. Er wußte nicht recht, was mit dieser erschöpfenden Auskunft anzufangen war.

»Und wie sah er eigentlich aus?« fragte Duncan.

»Oh, nach gar nichts. Er war ein mittelgroßer, schmächtiger Mann, der nicht viel auf sich hielt. Nicht einmal zum Rasieren hat er sich Zeit genommen, sondern ist mit einem zerzausten kurzen Bart herumgerannt. Und dazu hat er auch noch ein bißchen gehinkt, weil ihm einmal bei seinen gefährlichen Basteleien etwas passiert sein soll.«

»Danke«, sagte der junge Mann sehr herzlich und brachte aus einer seiner Taschen eine Büchse Capstan zum Vorschein, was den beglückten Alten wortlos mit dem eingefallenen Munde klappern ließ.

»Wohin?« fragte der Chefinspektor überrascht, als Duncan den Wagen vor dem Haus wendete und wieder den Weg zurück nahm.

»Zum Telefonamt«, erklärte der junge Mann. »Wir sind vorhin daran vorbeigekommen. Rufen Sie also einmal Exeter an, und fragen Sie, ob James Marwel dort bekannt ist. – Ich vermute ja. – Und wenn meine Vermutung zutrifft . . .« Alf Duncan blickte wieder einmal so träumerisch ins Leere, daß der aufgeregte Perkins fürchtete, dieser Teufelsjunge aus Oxford oder Cambridge phantasiere, »und wenn Sie es geschickt anstellen, wird es morgen oder übermorgen kein Geheimnis des Schwarzen Meilensteins mehr geben. – Und Miss Isabel Longden wird ihre gerechte Strafe erleiden«, fügte er ganz überflüssigerweise noch hinzu, da der Chefinspektor ohnehin bereits völlig verstört war.

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