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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
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39

Mr. Guy Fielder konnte seine Sekretärin doch nicht so leicht entbehren, wie er angenommen hatte. Wenn sich sein Geschäftsverkehr auch in sehr bescheidenem Umfang hielt, gab es zuweilen doch eine Sache, in der er Miss Reid mit ihrem fabelhaften Gedächtnis zu Rate ziehen mußte. Die heutige Post hatte ihm sogar einige solche Fälle gebracht, und da er nichts versäumte, fuhr er gleich nach dem Lunch nach Blackfield. Die Briefe schleppte er in einer Aktentasche mit, und vielleicht fand sich im Golfhaus auch eine Schreibmaschine, um die Kleinigkeiten gleich zu erledigen.

Es war wirklich ein ganz besonderer Zufall, daß er bereits auf dem Parkplatz dem Chefinspektor in den Weg lief, denn Perkins war erst vor wenigen Minuten endlich wieder aus dem Zimmer aufgetaucht, in das man die tote Miss Reid gebracht hatte. Weit über eine Stunde war dort hinter verschlossener Tür beraten worden, und es war mit solcher Heimlichkeit geschehen, daß nicht einmal der Geschäftsführer William, der immer wieder dicht vorbeigestrichen war, etwas davon hatte auffangen können.

Mittlerweile standen draußen die Neugierigen, die zum Schwarzen Meilenstein gekommen waren, in scheu flüsternden Gruppen und genossen weit mehr an Schauer, als sie erhofft hatten. Selbst die kräftige Mrs. Hingley hatten die letzten Ereignisse glatt auf den nächsten Stuhl geworfen. Da saß sie nun im verstecktesten und sichersten Winkel der Küche, und während ihre Linke krampfhaft die Medaillons umklammerte, tastete ihre Rechte immer wieder nach dem schweren Bügeleisen und den haarscharfen Tranchiermessern, die sie für alle Fälle vor sich zurecht gelegt hatte.

Als Mr. Perkins erschien, steckte die Menge noch erregter die Köpfe zusammen. Er sah wie ein aufs äußerste gereizter Bullenbeißer aus. Aber als er Mr. Fielder gewahrte, bekam sein Gesicht etwas geradezu Geisterhaftes.

»Mensch«, stieß er hervor, »wo kommen Sie her? Ich habe Sie vor einer halben Stunde anrufen lassen, Sie waren aber nicht zu erreichen.«

»Wie Sie sehen . . .«, erklärte Fielder kühl, indem er mit einer großen Geste nach seinem Wagen wies. »Selbstverständlich konnten Sie mich also nicht erreichen. Ich brauche über zwei Stunden heraus, denn ich bin nicht für Raserei. Ich lasse meinen Wagen unter keinen Umständen mehr als zwanzig Meilen laufen.«

Der Chefinspektor hörte ihm offenbar gar nicht zu, sondern rang noch immer mit der Überraschung, in die ihn diese Begegnung versetzt hatte.

»Und was wollen Sie hier?« fragte er endlich.

Fielder überhörte den seltsam lauernden Ton und warf den Kopf noch mehr in den Nacken.

»Es ist zwar meine Privatangelegenheit«, erklärte er abweisend, »aber ich habe keinen Grund, ein Geheimnis daraus zu machen. Ich bin heraus gekommen, um mit Miss Reid einige geschäftliche Angelegenheiten zu besprechen.«

Er klopfte sehr nachdenklich auf seine Aktentasche, und Perkins starrte ihn wiederum mit einem sonderbaren Ausdruck an.

»Mit Miss Reid . . . So . . .« murmelte er. »Na, dann kommen Sie mit«, fügte er plötzlich barsch hinzu, und der kleine Mr. Fielder hatte für diese unerhörte Art einem freien und friedlichen Bürger gegenüber nur ein protestierendes Achselzucken. Er hatte in den verflossenen Sekunden blitzschnell alle Möglichkeiten überdacht und war zu dem beruhigenden Schluß gekommen, daß keine ernste Gefahr bestehen konnte.

Auch als er von dem Chefinspektor ohne weitere Förmlichkeit in ein Zimmer geschoben wurde und sich Gesichtern gegenübersah, die ihm zum Teil bekannt waren, vermochte er sich nicht zu erklären, was dies alles bedeuten sollte. Und er war so ahnungslos, daß er neugierig den Kopf vorstieß und die starren Fischaugen noch mehr weitete, als Perkins plötzlich mit raschem Griff ein Linnen von der Ottomane riß und stumm auf die reglose Gestalt deutete.

Und auch dann währte es noch lange Sekunden, bis Mr. Fielder begriff, und man konnte verstehen, daß ihn das unerwartete Schreckliche derart erschütterte. Sein Gesicht war grau wie Schiefer, und sein bläulicher Mund hatte etwas Leichenhaftes. Nur sein Blick war ebenso leer und kalt wie sonst.

»Jawohl«, sagte der Chefinspektor, indem er die Hülle wieder überbreitete, »eine niederträchtige Geschichte. – Vielleicht können Sie uns etwas darüber sagen.«

Fielder schüttelte automatenhaft den Kopf und sah sich nach einem Stuhl um. Und als er saß, wiederholte er das Kopfschütteln. Es galt aber offenbar nur dem Unfaßbaren und nicht der Frage.

Perkins ließ ihm einige Augenblicke Zeit, bevor er unvermittelt herausplatzte.

»Haben Sie Miss Reid näher gekannt? Das heißt, haben Sie davon gewußt, daß sie sich nur Stellungen aussuchte, in denen es etwas zu holen gab? So viel mir bekannt ist, hat sie dreimal Erpressungen an ihren Chefs versucht. Das waren aber nur die Fälle, bei denen es, nicht durch ihre Schuld, schiefging. Dreimal so oft ist es ihr wahrscheinlich geglückt, denn sie hat sich ihre Leute sehr sorgfältig ausgesucht. – Und bei Ihnen ist sie über ein halbes Jahr gewesen. – Was hat sie dort gewollt?«

Der kleine fahle Mann war allmählich ruhiger geworden und begann bereits leise mit den Fingern zu trommeln.

»Von dieser Vergangenheit habe ich gewußt«, gab er ohne weiteres zu, »und ich habe sogar Miss Reid eben deshalb aufgenommen. Es entspricht nun einmal meinem sozialen Pflichtbewußtsein, solchen Leuten Gelegenheiten zu bieten, sich wieder ehrlich fortzubringen.«

»Richtig«, höhnte Perkins, »Sie sind ja der Mann, der aus Krähen Turteltauben und aus reißenden Wölfen Schoßhündchen machen will.«

Aber an Mr. Fielders innerlicher Befriedigung glitt dieser Spott wirkungslos ab.

»Ich habe auch Miss Reid nie ahnen lassen, daß ich von ihren Verfehlungen wußte«, fuhr er unbeirrt fort, »und hatte keine Veranlassung, dies zu bedauern. Sie war mir eine sehr fleißige und gewissenhafte Mitarbeiterin.«

»Schön«, bemerkte der Chefinspektor mit einem tückischen Grinsen. »Worauf hatte sie es also bei Ihnen eigentlich abgesehen?«

Fielder hob die hohen Schultern.

»Das vermag ich wirklich nicht zu erraten. In meinem Geschäft gibt es nichts, was ihr eine Handhabe zu derartigen . . . hm . . . Versuchen hätte bieten können. Ich betreibe einen ehrlichen Kunsthandel . . .«

»Bis vor zwei Jahren war es altes Eisen«, stellte Perkins bissig fest. »Draußen bei den Commercial Docks.«

Diesmal war es demokratischer Stolz, der Fielder zu einem kühlen Achselzucken veranlaßte.

»Es ist keine Schande, wenn man sich emporarbeitet«, sagte er würdevoll.

»Nur nicht zu hoch«, feixte der Chefinspektor und fuhr sich mit dem Zeigefinger rund um den Hals. Aber dann wurde er wieder sachlich.

»Nun, dann werden wir uns eben ein bißchen näher dafür interessieren müssen. Diese Frage ist nämlich nicht so unwichtig. – Charles Barres haben Sie natürlich auch gekannt?«

»Charles Barres . . .?« Fielder bemühte sich, gewissenhaft nachzudenken. »Der Name klingt mir allerdings so, als ob ich ihn schon gehört hätte, aber . . .« Plötzlich schnippte er mit den Fingern und hob lebhaft den Kopf. »Oh, wenn ich mich nicht irre, ist das doch der Mann, mit dem – hm – Miss Reid – hm . . .«

»Ein Verhältnis hatte und zusammenarbeitete, jawohl«, vollendete Perkins ungeduldig. »Was für ein zartes Gemüt Sie haben, daß Sie wegen solcher Dinge so herumquatschen. – Also, dieser Barres ist auch erledigt worden. – Warum? – Wem konnte daran gelegen sein, die beiden aus dem Wege zu räumen? Was haben sie gewußt, und wem war das unbequem?«

Der Chefinspektor bohrte seinen Blick in die verschleierten Glaskugeln, aber der kleine Mann hielt unerschüttert stand.

»Um darüber auch nur irgendeine Andeutung machen zu können, weiß ich von den Beziehungen, die Miss Reid hatte, viel zu wenig«, erklärte er unbefangen. »Ich habe mich um ihr Privatleben nie gekümmert, und . . .«

Perkins, der in den letzten Minuten wiederholt nervös nach der Uhr geblickt hatte, schnitt ihm mit einer kurzen Handbewegung das Wort ab:

»Überlegen Sie sich also die Sache«, sagte er, und es klang fast wie eine Drohung. »Vielleicht fällt Ihnen doch etwas ein. – Auch wegen Dan Kaye. Darüber werden wir noch sprechen. Der Mann ist nämlich bei Ihnen gewesen . . .«

Wenn Perkins sich von dieser nachdrücklichen Feststellung irgendwelche besondere Wirkung versprochen hatte, so wurde er enttäuscht. Der kleine Mann nahm sie sogar mit einer gewissen Befriedigung auf.

»Also doch«, sagte er. »Dann kann ich Miss . . .«, er warf einen scheuen Blick nach den Linnen, » . . . Reid wirklich nicht verstehen. Sie hatte doch ein so ausgezeichnetes Gedächtnis. Aber mir schien es schon gestern auf dem Heimweg so, als ob ich den Namen Dan Kaye bereits früher einmal gehört hatte. Ich pflegte mit den Leuten nie selbst zu verhandeln, sondern überließ dies immer Miss Reid. Nur zuweilen fing ich ein Wort davon auf, und Sie bestätigen mir nun, daß dabei wirklich auch der Name Dan Kaye gefallen sein dürfte. Es muß in der allerletzten Zeit gewesen sein, und ich wollte eben heute mit Miss Reid noch einmal darüber sprechen.«

»Was hat also Dan Kaye bei Ihnen gewollt? Und warum hat ihn Miss Reid nach dem Buschhaus gewiesen?« drängte der Chef Inspektor mit steigender Ungeduld, aber diese Fragen versetzten Fielder in eine so sprachlose Verwunderung, daß die Beantwortung eine Ewigkeit dauern konnte. Und Perkins hatte eben festgestellt, daß es bereits gegen drei Viertel vier ging. Schließlich war ja das hier lange nicht so wichtig wie das andere.

»Wie gesagt, denken Sie über alle diese Dinge nach«, schnauzte er grob und stand bereits an der Tür. »Gegen Abend bin ich wieder zurück, und dann sprechen wir weiter.«

Fünf Minuten später erzitterte wiederum der Boden von Blackfield, und die Luft erschütterten gewaltige Explosionen.

»Fahren Sie, was das Zeug hält«, hatte der Chefinspektor befohlen, und Ajax der Rasende war im Begriff auszuprobieren, wieviel das war.

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