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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
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38

»Haben Sie irgend etwas gefunden, was annehmen läßt, daß es zwischen den beiden einen Kampf gegeben hat?« fragte Chef Inspektor Perkins ungeduldig, als der Arzt mit seiner gründlichen Untersuchung zu Ende war.

Er erhielt darauf eine Antwort, die ihn noch ratloser werden ließ, als er ohnehin schon war.

»Einen Kampf? – Zwischen den beiden?« Der noch ziemlich junge hochblonde Mann, der etwas zu verstehen schien, schüttelte sehr entschieden den Kopf. »Nein, zwischen den beiden hat es ganz entschieden keinen Kampf gegeben. Wenigstens nicht in dem Augenblick, als sie hier herunter kamen. Denn als der Sergeant zu Tode kam, war der andere unbedingt schon eine hübsche Weile tot. Wie lange, werde ich Ihnen nach der Obduktion ziemlich genau sagen können. – Und vielleicht auch noch einiges andere . . .«

Es lag etwas in dieser Andeutung, was Perkins aufhorchen ließ.

»Vermuten Sie etwas Besonderes?«

Der Arzt zuckte mit den Achseln.

»Wenn Sie mit Vermutungen zufrieden sind, kann ich ja davon sprechen. Schließlich steht die Sache in dem einen Fall für mich bereits unzweifelhaft fest: Der unbekannte Mann ist erst geraume Zeit nach Eintritt seines Todes herabgestürzt worden. Nur bei dem Sergeanten bin ich mir noch nicht recht sicher. Jedenfalls sehen aber auch bei ihm die äußeren Verletzungen, die von dem Fall herrühren, ganz sonderbar aus.«

Perkins biß die Zähne zusammen und suchte endlich festen Boden zu gewinnen. Zum soundsovielten Mal fing er wieder von vorn an, bei der Sache mit Dan Kaye. Dieser hatte irgend etwas mit dem Buschhaus zu tun gehabt und war dann beim Schwarzen Meilenstein verunglückt. Und der Sergeant, der den Auftrag hatte, sich ein bißchen in dieser verdammten Hütte umzusehen, war nun auch erledigt worden. Ebenso ein Dritter, der sich offenbar hier ebenfalls etwas zu schaffen gemacht hatte.

Da mußte doch, zum Teufel, hier herum wenigstens eine winzige Spur zu finden sein.

Aber es war nichts zu finden. Unterinspektor Hunter kletterte mit affenartiger Behendigkeit sogar bis aufs Dach und guckte in den Kamin, und Sergeant Bell krempelte die morschen Dielen wie Bananenschalen auf, aber die einzige Ausbeute war ein kleiner Fetzen Papier von der Vorderseite eines Briefumschlags, und als der Chefinspektor einen Namen darauf sah, blitzte es in seinen Augen auf. Aber seine Hoffnung war nur von kurzer Dauer. Nach dem deutlichen Stempelabdruck auf der Marke war der Wisch bereits über zwei Jahre alt, und dieser »Marwel« mochte wohl ein Angestellter des Unternehmens gewesen sein. Darauf deutete auch die mit Zahlen bedeckte Rückseite des Zettels hin.

»Gott soll mich schützen«, lachte der Arzt, der Perkins neugierig über die Schulter gesehen hatte. »Differentialrechnungen oder irgendwelche schreckliche Formeln. – Ich hatte gehofft, daß ich so etwas nie mehr im Leben zu Gesicht bekäme.«

»Wie lange ist der Steinbruch überhaupt schon außer Betrieb?« erkundigte sich der Chefinspektor ohne sonderliches Interesse, und der Coroner wußte zufällig genau Bescheid.

»Seit eineinhalb Jahren. Die Leute sind in Konkurs gegangen, und die Masse ist bisher unverkäuflich geblieben. Für Steine ist augenblicklich keine Konjunktur. Der Makler Webb in Aylesbury, der sie verwaltet, hat mir gesagt, daß alles in Bausch und Bogen für zweihundert Pfund zu haben ist.«

»Viel zu viel für so einen Schotterhaufen«, knurrte Perkins und winkte dem Unterinspektor Hunter mit den Augen. »Merken Sie sich für alle Fälle vor: Webb in Aylesbury.«

Ajax der Rasende machte mit seinem Vogelkopfe eine rasche Bewegung wie ein würgender Hahn, wobei seine ansehnliche Nase in leichte Schwingung geriet. Dann zog er mit großer Wichtigkeit ein Notizbuch hervor und gab seinerseits Ajax dem Anderen einen Wink mit den Augen. Mr. Bell bückte sich sofort gehorsam, worauf Mr. Hunter auf dieses Schreibpult sein Notizbuch auflegte.

Perkins rannte noch eine weitere Stunde um das Buschhaus herum und auch einige Male den steilen Pfad hinauf bis zu jener Stelle, von der der Absturz erfolgt sein mußte, und die Ajaxe suchten hier jeden Zollbreit Boden ab. Der kleine Mr. Hunter kroch sogar verwegen bis dicht an den Rand des Abgrunds und blickte neugierig in die Tiefe, während ihn Mr. Bell vorsorglich rückwärts an den Hosen hielt.

»Lotrecht so – Leichen da – unmöglich – Kleider richtig«, ließ sich Hunter plötzlich abgehackt vernehmen, und es klang wie das Quaken eines gereizten Frosches. Er sprach immer so, aber da er nur sprach, wenn er wirklich etwas zu sagen hatte, horchte Perkins auf.

»Reden Sie deutlicher«, schnauzte er ungeduldig, aber das machte keinen Eindruck auf Ajax den Rasenden. Er schlängelte sich nur noch etwas weiter vor, und der besorgte Bell hielt ihn rasch auch mit der zweiten Hand fest.

»Lotrecht so – Leichen da – unmöglich – Kleider richtig«, quakte Hunter noch einmal und wedelte dabei mit den kurzen Armen in der Luft herum.

Dem Chefinspektor blieb nichts anderes übrig, als es dem kleinen Mann gleichzutun, um zu sehen, was dieser eigentlich meinte. Wenn Hunter seine Gedanken einmal in eine so bündige Form gebracht hatte, war er nicht mehr davon abzubringen.

Perkins ging etwas weniger tollkühn zu Werke, aber kaum hatte er einen Blick hinuntergetan, als er auch schon wußte, was der andere meinte.

Die Sache war wirklich auffallend. Man hatte die Stellen, an denen die beiden Körper und die Kleidungsstücke aufgefunden worden waren, genau markiert. Wenn man jedoch nun von hier oben senkrecht hinunterblickte, waren nur der Hut und der Überrock zu sehen. Die beiden anderen Stellen lagen näher zur Wand. Da aber ein schwerer Körper beim Fall von einer Kante immer lotrecht oder etwas darüber hinaus, nie aber einwärts stürzt, so war dabei irgend etwas nicht richtig.

Fünf Minuten später besahen sie sich das Bild noch einmal von unten, und dabei wurde die sonderbare Tatsache noch deutlicher. Der Steinbruch war an dieser Stelle etwa bis zu zwei Dritteln seiner Höhe tiefer eingetrieben als im obersten Teil, der sich daher wie ein Kuppelansatz ausnahm. Und die Toten hatten nicht senkrecht unter dem Kuppelrand oder außerhalb, sondern einige Schritte innerhalb desselben gelegen.

»Das kann also nur heißen, daß sie irgendwo anders heruntergestürzt und erst dann hierher geschafft wurden«, versuchte Perkins dieses neue Rätsel zu erklären, aber der Arzt widersprach ihm sofort.

»Nein, sie sind nicht hierher geschafft worden, sondern hier aus beträchtlicher Höhe aufgefallen. Ich habe Ihnen ja die deutlichen Spuren gezeigt. Allerdings wären diese noch deutlicher gewesen, wenn . . . Nun, Sie wissen ja, was ich vermute.«

»Hier aufgefallen«, echote der Chefinspektor grimmig, indem er in die Höhe starrte. »Sagen Sie mir gefälligst woher? Etwa von dem Plafond über uns? Glauben Sie etwa, daß die beiden dort oben spazieren geklettert sind?«

Er deutete auf die fast senkrechte Wand, die von einem Netz von Bohrlöchern und Sprengrissen überzogen war, aber der junge Arzt lächelte etwas maliziös.

»Das müssen Sie herausbringen. Mein Geschäft habe ich erledigt.«

Diese Abfertigung war nicht danach angetan, die Laune des Chefinspektors zu heben. Er begann wieder herumzurasen, und die Ajaxe rasten hinter ihm drein.

Dann erinnerte er sich plötzlich an den zweiten Mann und wurde wieder etwas zuversichtlicher. Man hatte bei diesem zwar nichts gefunden, was seine Persönlichkeit sofort mit Sicherheit feststellen ließ, aber der gewisse unausstehliche Gentleman schien wirklich wieder das Richtige getroffen zu haben. Die Wäsche war tatsächlich mit Ch. B. gezeichnet, und auch das Hutfutter wies ein Monogramm mit diesen Buchstaben auf.

Wenn es aber wirklich Charles Barres war, dann mußte eben nun Miss Reid heran, und dann würde vielleicht die Situation im Handumdrehen ein anderes Gesicht bekommen. Und am Ende war dann sogar die Spazierfahrt mit Mr. Alf Duncan nicht mehr notwendig. Sie ging ihm ohnehin sehr wider den Strich, wie ihn überhaupt die Rolle, die er seit seiner Ankunft in Blackfield spielte, höllisch wurmte.

Das war nun schon das dritte Mal, daß er so einen Ring in der Nase hatte und daran herumgeführt wurde. Und das alles nur deshalb, weil er Oxford und Cambridge nicht auseinanderhalten konnte und einmal die Ansicht geäußert hatte, daß . . .

Mr. Perkins starrte plötzlich mit offenem Munde nach dem halsbrecherischen Pfad oben an der Wand und glaubte, daß ihn ein Spuk äffe, weil er eben an den Teufel gedacht hatte. Aber die Ajaxe starrten mit, und dann schielte der Rasende aus dem linken Augenwinkel nach oben, der andere aber aus dem rechten nach unten, worauf sie wieder geradeaus starrten.

Alf Duncan kam den Weg in großer Eile herab, und auf einmal begann auch der Chefinspektor mit gewaltigen Sprüngen über das Geröll zu setzen. Mr. Hunter und Mr. Bell aber wechselten rasch wieder einen Blick aus den Augenwinkeln, und dann wurden sie so steif und starr wie die Steinblöcke ringsherum.

Perkins stürzte dem eiligen Gentleman entgegen, und in seinen Augen stand eine unruhige Frage.

»Ja«, sagte Duncan ernst, »ich habe einen verhängnisvollen Fehler begangen, daß ich Miss Reid aus den Augen ließ. Erst als ich nach meiner Rückkehr hörte, daß sie seit dem Morgen nicht mehr zurückgekommen war, habe ich mich nach ihr umgesehen. – Und ich habe sie gefunden. – Wenn Sie hinüber auf den Hang kommen, werden Sie einen weißen Stein auf dem Wege sehen. Zwanzig Schritte nach rechts liegt Miss Reid im Gestrüpp. – Sie ist erwürgt worden. Wie es vermutlich schon gestern nacht geschehen sollte . . .«

Der Chefinspektor bewegte krampfhaft die Lippen, aber es währte eine ziemliche Weile, bevor sich die heiseren Laute hervorrangen.

»Erwürgt – Hölle und Teufel! – Förmlich unter meinen Augen . . .«

»Sozusagen ja«, stimmte ihm Alf Duncan höflich bei und blickte dann nachdenklich auf die Uhr. »Ich fürchte, Sie werden sich nun sehr beeilen müssen, um pünktlich an Ort und Stelle zu sein.«

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