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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
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36

Mrs. Drew saß breit vor dem Haus, schälte Kartoffeln und beschäftigte sich mit unangenehmen Gedanken.

Ihre Tochter Molly wollte ihr seit vierundzwanzig Stunden noch weniger als sonst gefallen. Sie hatte plötzlich einen so lauernden und verschlagenen Blick, als ob sie irgendeine Niederträchtigkeit im Kopf hätte, und die besorgte Mrs. Drew hatte deshalb den Beutel mit ihrem Ersparten lieber rasch aus dem Strohsack genommen und um den Leib gebunden.

Dabei war Molly auf einmal so schreckhaft, daß sie bei jedem Geräusch zusammenfuhr. Das ging dann auch einem selbst immer in die Glieder und ans Herz, denn wo die verdammte Polizei so nahe war, konnte ja wirklich etwas los sein.

Mrs. Drew schluckte geräuschvoll, denn sie tat sich furchtbar leid. Auf ihre alten Tage hatte sie doch gewiß ein ruhigeres und angenehmeres Leben verdient. Aber die Welt war voller Bosheit und Undank, und Molly war ein hinterhältiges Biest; die andere aber, diese Miss, eine aufgeblasene Gans, der sie es schon noch heimzahlen wollte. Daß man sie so von oben herab ansah und sie dann einfach stehen ließ, wo sie es doch nur gut meinte, mußte sie sich von so einer, die wer weiß welche schreckliche Todsünde auf dem Gewissen hatte, nicht gefallen lassen.

Und nun wollte die arme Mrs. Drew wieder einmal auch noch der Hund ärgern. Er fuhr plötzlich mit einem Satz aus seiner Hütte und tobte wie eine ganze Meute von verkühlten Kötern.

Aber die blitzschnell aufgegriffene Handvoll Kartoffeln blieb ungeworfen . . .

Alf Duncan saß schon längst neben ihr auf der Bank und lächelte freundlich wie immer, als Mrs. Drew endlich zum Sprechen kam.

»Sie sind wohl fremd hier herum und haben sich verirrt?« fragte sie mit leiser Hoffnung und bekam einen neuerlichen Schreck, als der feine Herr, über den sie sich nicht recht klar werden konnte, mit dem Kopf schüttelte.

»Nein«, erwiderte er mit treuherzigen Augen, »verirrt habe ich mich nicht, denn ich bin ja schon gestern einmal hier gewesen. Hinten im Garten. – Ich dachte, daß Ihnen Miss Molly vielleicht doch davon erzählt hätte.«

»Molly? – Nicht ein Wort«, entfuhr es der überraschten Mrs. Drew, und dann begann sie sich die Hände so gründlich an der Schürze zu säubern, wie sie es schon lange nicht getan hatte. Wenn dieser fesche Mann ihre leibliche Tochter »Miss Molly« nannte, war er gewiß nicht von der Polizei, denn das waren lauter ungebildete Leute, die immer gleich grob kamen. Wenn er aber nicht von der Polizei war – und da Molly damit so heimlich tat und auf einmal so eigen war, konnte das nur bedeuten, daß . . . So ein Malefizracker . . .

In Mrs. Drew regte sich so etwas wie mütterlicher Stolz, und auch in dem Druck der gesäuberten Hand, die sie Alf auf den Arm legte, war etwas Mütterliches.

»Ich werde Ihnen Molly herausrufen, wenn Sie mit ihr reden wollen«, sagte sie mit einem vertraulichen Zwinkern und traf auch wirklich schon Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. »Aber Sie werden halt ein kleines bißl warten müssen.« Mrs. Drew wurde noch vertraulicher. »Sie ist nämlich gerade hinten in der Waschküche. – Nur mit der eigenen feinen Wäsche«, fügte sie rasch als Entschuldigung hinzu, »denn die gibt sie nun einmal nicht aus der Hand. Auf so etwas hält ja jedes ordentliche Mädel. – Sie hat auch wirklich lauter Prachtstücke auf dem Leib. Nichts als Seide und Spitzen. Wenn Sie das einmal sehen könnten . . .«

»Bitte, stören Sie sie nicht. Sie könnte es vielleicht übelnehmen«, meinte Duncan, indem er die gefällige Mutter sanft zurückhielt. Und bevor Mrs. Drew noch dazu kam, ihm das Gegenteil zu versichern, setzte er fort: »Ich bin eigentlich auch wegen etwas anderem hergekommen: Wo ist die Miss, die Sie hier zu Besuch haben?«

Mrs. Drew saß schon wieder, denn mit ihren mütterlichen Hoffnungen waren auch ihre Beine jäh zusammengebrochen. Und was sie sonst noch gehört hatte, ließ ihr den armen Kopf wirbeln.

Am Ende fing die verdammte Geschichte wirklich schon an . . .

»Da gibt es keine Miss und keinen Besuch«, stieß sie krächzend hervor und hatte mit einem Male alle Liebenswürdigkeit abgelegt. »Da schau einer an. Schleicht sich so etwas mit Lug und Trug in ein ehrliches Haus und möchte da herumspionieren. – Und wer weiß, was noch alles. – Aber Gott sei Dank haben wir eine Poli . . .«

Das Wort, auf das sie nur Schreck und Wut verfallen lassen konnten, war aber doch etwas zu viel für Mrs. Drew, und es blieb ihr zu einem Drittel im trockenen Halse stecken. Gar, da der verdächtige Bursche neben ihr so ruhig nickte.

»Die sucht sie eben, Mutter Drew«, sagte er dann auch noch dazu. »Deshalb sollten Sie vernünftig sein.«

Er griff in die Westentasche, und als er die Finger wieder hervorzog und mit der Hand schüttelte, klimperte es darin so lieblich, daß Mrs. Drew trotz ihrer Verstörtheit die fleischigen Ohren spitzte. Von einem von der Polizei hatte sie so etwas noch nie erlebt, und vielleicht war wirklich nichts dabei.

»Schließlich sind zehn Schillinge immer besser als zehn Jahre«, redete ihr Duncan auch noch zu.

»Au . . .«, entfuhr es Mrs. Drew, und sie griff mit einer schmerzhaften Grimasse an das zwickende Knie. Dieser verdammte Stich kam immer, wenn sie irgend etwas von »Jahren« hörte.

»Na also«, sagte der Herr und jonglierte so geschickt mit den glitzernden Silberstücken, daß die Augen von Mrs. Drew immer mehr hervorquollen. »Ich warte mittlerweile im Garten, damit ich Ihnen hier nicht im Wege bin. – Und wegen Ihres Hausherrn brauchen Sie sich auch nicht zu sorgen. Der läßt sich ja um diese Zeit nicht blicken.«

Obwohl diese Bemerkung doch als Beruhigung gedacht war, wollte sie der Frau wieder gar nicht gefallen.

»Ich kenne keinen Hausherrn«, sagte sie scharf, »und weiß nicht, was die Rederei bedeuten soll. Ich habe hier gemietet. Von einem Makler in Aylesbury. Und wenn es einen Hausherrn gibt, so habe ich ihn nie gesehen.« Sie erinnerte sich plötzlich, daß sie in ihrem Leben noch nie Gelegenheit gehabt hatte, einen so wahrhaftigen Eid zu leisten, und wollte sich das schöne Gefühl, das man dabei haben mußte, nicht entgehen lassen. Sie hob daher rasch und mit feierlicher Würde drei ihrer dicken Finger. »Bei Gott, das kann ich auf meine Seligkeit beschwören: von einem Hausherrn, wenn es da einen solchen gibt, habe ich mit diesen meinen Augen noch nie etwas gesehen . . .«

Dann ließ sie die Finger wieder sinken, und da sie dabei zufällig in der Nähe der blinkenden Schillinge vorbeikam, nahm sie diese mit.

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