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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
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33

Was der ahnungsvolle junge Gentleman erwartete, war bereits eingetreten: Unten beim Buschhaus war der Teufel los.

Der Chefinspektor hatte den steilen Hang trotz des Gerölls und des hinderlichen Gestrüpps in einem derartigen Tempo genommen, daß der kurzatmige Polizist immer weiter zurückgeblieben war.

Perkins wußte selbst nicht, was ihn plötzlich so vorwärtstrieb, das heißt, er wollte es sich nicht eingestehen. Aber das unerklärliche Ausbleiben des Sergeanten hatte ihm jäh eine schlimme Ahnung aufgedrängt, die er nicht loswerden konnte. Nach dem Erlebnis Duncans in der verflossenen Nacht und dem wohlgezielten Kartätschenschuß, der gleich darauf gefolgt war, mußte man ja auch noch auf verschiedenes andere gefaßt sein. Der Mann, um dessen Kopf es ging, war offenbar bereits auf seiner Hut und schreckte vor nichts zurück. Wenn der ahnungslose Sergeant ihm in den Weg gelaufen war . . .

Nach jedem tiefen Atemzug, den ihm die eklige Kraxelei erpreßte, wünschte der Chefinspektor einem gewissen Jemand die Krätze und andere gleich angenehme Dinge an den Hals. Dieser Jemand war aber nicht der verteufelte Bursche, der so tückisch um sich hieb, denn von diesem vermochte er sich vorläufig nicht einmal ein schattenhaftes Bild zu machen. In den vierundzwanzig Stunden, die er nun in Blackfield weilte, war er zwar einigen Gesichtern begegnet, denen er nicht über den Weg traute. Aber bisher hatte er auch nicht den winzigsten Anhaltspunkt dafür gefunden, daß der eine oder der andere dieser seltsamen Gesellschaft oder vielleicht auch alle zusammen zu dem düsteren Rätsel um den Schwarzen Meilenstein und zu den letzten Geschehnissen wirklich irgendwie in Beziehung stehen könnten.

Und was war das überhaupt mit dem Schwarzen Meilenstein?

Das Massenaufgebot von Sachverständigen hatte nach langen Beratungen auch diesmal wieder nur ein negatives Ergebnis gehabt, das man zur Beruhigung der Öffentlichkeit mit vielen gelehrten Worten zu einem harmlosen Befund gedrechselt hatte.

Trotzdem stand es für ihn fest, daß es bei der Todesfahrt Dan Kayes nicht mit rechten Dingen zugegangen war und daß dieser eine Fall auch das Geheimnis aller früheren barg.

Aber worin bestand es? Warum waren alle diese Dinge geschehen und wie? – Immer an derselben Stelle und immer auf dieselbe unerklärliche Weise?

Chefinspektor Perkins war ein geschickter und zäher Mann, der sich selbst durch die schwierigsten Probleme durchbiß, aber er mußte in Ruhe alles überdenken und dann unbeeinflußt arbeiten können.

Und das konnte er diesmal nicht. Seitdem er am gestrigen Morgen, zwar nicht ganz unvermutet, aber jedenfalls zu seinem höchsten Mißvergnügen, auf den tadellosen jungen Gentleman aus Oxford oder Cambridge gestoßen war, hatte ihn eine Unruhe gepackt, die seinen Blick verdunkelte und ihn rat- und planlos herumtappen ließ. Es war fast so wie bei dem beliebten Kinderspiel, bei dem es gilt, einen versteckten Gegenstand zu finden. Man sucht viel weniger zerfahren und weit sicherer, wenn man dem eigenen Instinkt folgt, als wenn man sich durch die Zurufe »warm«, »kalt«, »heiß« hin und her treiben läßt. Solche Zurufe aber bedeuteten die Anspielungen und halben Andeutungen Alf Duncans, und deshalb kam der nette junge Mann in den Gedanken des Chefinspektors augenblicklich sehr übel weg. Da mochte der Teufel nicht nervös werden.

Oben auf dem Kamm lichtete sich das Gestrüpp, und Perkins machte halt, um den dicken Polizisten zu erwarten, der mit blaurotem Gesicht gegen einen Schlaganfall ankämpfte. Er brauchte den Mann nun, um den gewissen Abstieg zum Buschhaus zu finden. Auf den ersten Blick schien es, als ob es hier überhaupt kein Weiter gäbe. Geradeaus sprang eine Felsplatte vor, und knapp daneben fielen zur Linken die steilen, rissigen Wände des Steinbruches ab.

Der ortskundige Führer deutete ängstlich und jammervoll nach einem schmalen Einschnitt neben dem Felsen, und der Chefinspektor zwängte sich auch schon behende hindurch. Im nächsten Augenblick hatte er das Buschhaus und den ganzen Kessel vor sich, aber der Weg hinunter war wirklich geradezu halsbrecherisch. Kaum einen halben Meter breit, führte er in seinem oberen Teil so dicht am Rand des Steinbruchs hin, daß der kleinste Fehltritt einen tödlichen Absturz zur Folge haben mußte.

Erst an dem Steinwall, der den Hofraum des Buschhauses umsäumte, verbreiterte er sich etwas, und als Perkins so weit gekommen war, stürmte er mit langen Schritten geradenwegs auf die baufällige Hütte los. Zunächst rüttelte er einigemal kräftig an der Klinke, dann drosch er noch kräftiger an das Türholz, und als sich noch immer nichts rührte, trug er weit weniger Bedenken, als am Abend vorher der Sergeant.

»'ran«, befahl er seinem schnaufenden Begleiter und setzte die wuchtige Schulter auch schon zum Stoß an. Der schwerfällige Polizist kam mit seinem ansehnlichen Gewicht um eine Sekunde zu spät und purzelte der Tür nach, die mit einem gewaltigen Krach aus den Angeln flog.

Der Chefinspektor brauchte nicht lange, um festzustellen, daß die Mühe umsonst gewesen war. In dem Wohnraum zur Linken und der Küche zur Rechten des schmalen Flurs fand sich nichts, was auf einen Bewohner hätte schließen lassen. Es gab da zwar ein klappriges Eisenbett mit einem Strohsack und einiges andere Einrichtungsgerümpel, aber auf allem lag eine fingerdicke Staubschicht, und es hatte daher gar keinen Zweck, hier weiter Zeit zu verlieren. Wenn der Sergeant auch seinem Auftrag nachgekommen war, das Haus hatte er offenbar nicht betreten, da sich sonst doch wenigstens irgendeine Spur seiner Durchsuchung hätte vorfinden müssen. Und das Wort »Buschhaus« auf dem Zettel in der Tasche des toten Dan Kaye mochte vielleicht wer weiß was bedeutet haben.

Perkins war arg enttäuscht, denn der verlassene Bau ließ den einzigen Anhaltspunkt, den er bisher gefunden zu haben meinte, so gut wie wertlos erscheinen. Und dabei konnte er sich nicht einmal über das Schicksal des Sergeanten beruhigt fühlen. Bisher hatte er immer noch gehofft, daß der Mann mit dieser oder jener Erklärung oder Entschuldigung angestürmt kommen würde, aber nun war daran wohl nicht mehr zu denken. Die Uhr zeigte bereits einige Minuten nach acht, und eine solche Unpünktlichkeit hätte sich der intelligente und pflichteifrige Polizist unter keinen Umständen zuschulden kommen lassen. Es mußte ihm also unbedingt etwas zugestoßen sein. Aber wo sollte man nach ihm suchen, wenn hier keine Spur von ihm zu entdecken war?

Der Chefinspektor sah sich noch einmal mit scharfen Augen um, konnte jedoch keine weitere Tür finden. Die einfache Baracke hatte offenbar weder Keller noch Dachboden, und in den beiden kahlen Räumen sowie in der Diele gab es nicht den kleinsten versteckten Winkel.

Ebenso ergebnislos gestalteten sich vorerst die Nachforschungen im Hof. Ein verfallener Bretterschuppen war mit einem Haufen wertlosen Krams angefüllt, der auseinanderpolterte, als der Chefinspektor mit einer Latte darin herumstocherte. Dann kamen die einzelnen Büsche und Steinhaufen an die Reihe und schließlich die schweren mannshohen Blöcke, die oben an der fast senkrecht aufsteigenden Felswand lagen.

Nichts.

Der behäbige Polizeimann von Blackfield wischte sich den Schweiß von der Stirn und schielte scheu nach dem Gesicht des Gewaltigen von Scotland Yard. Das sah in seiner düsteren Unbewegtheit bedenklich nach Sturm aus.

Aber plötzlich kniff der Chefinspektor blitzschnell die Augen halb zu, und dann sprang er fast den halben Hang wieder hinunter und nahm hastig einen Gegenstand auf, der auf einem Geröllhaufen glitzerte.

»Die Taschenlampe des Sergeanten«, stieß der Polizist verwundert hervor, als Perkins ihm das Ding wortlos unter die Augen hielt. »Ich erkenne sie genau, denn ich habe erst vor einigen Tagen den Bügelhalter frisch angelötet.«

Der Chefinspektor erwiderte nichts, sondern sah starr erst eine Weile hinauf nach dem Pfad, den sie gekommen waren, und dann hinüber nach den Wänden des Steinbruchs. Dann machte er eine jähe Wendung und stürmte den Hang vollends hinunter und um das Buschhaus herum.

Unten mußte man noch ungefähr fünfzig Schritte zurücklegen, um in den Steinbruch selbst zu gelangen. Und dann kam eine beschwerliche Kletterpartie. Anscheinend war der Betrieb eines Tages ganz plötzlich eingestellt worden und seither alles so geblieben, wie es damals gerade lag und stand. Auf der Sohle türmten sich ganze Waggonladungen von Gestein, und es währte eine ziemliche Weile, bis Perkins sich hindurch und darüber hinweggearbeitet hatte. Es zog ihn zunächst nach der gegen das Haus gelegenen Wand. Wenn der Sergeant auch den sicheren Weg hatte wählen wollen, so konnte er sich aus irgendeinem Grund doch entschlossen haben, über den Hang zurückzukehren. Vielleicht hatte er etwas Wichtiges entdeckt und mochte keine Zeit verlieren . . .

Perkins war auf alles mögliche gefaßt, aber der erste Fund überraschte ihn doch. Es war ein weicher grauer Herrenhut, und wenige Schritte weiter hatte sich an einem der aufragenden Blöcke ein Überrock verfangen. Die beiden Kleidungsstücke konnten nach ihrem Zustand erst kurze Zeit hier liegen, und wenn sie auch keine Spur von dem verschwundenen Sergeanten bedeuteten, versetzten sie den Detektiv doch in fieberhafte Erregung. Er war nun fast schon dort angelangt, wo oben der Pfad so gefährlich wurde, konnte aber noch immer keinen Ausblick auf den darunterliegenden Grund gewinnen. Erst als er zwei weitere Steinmauern umgangen hatte, sah er endlich die Wand vor sich, und dann schritt er fast bedächtig auf die beiden reglosen Körper zu, die einige Schritte vom Rand nebeneinander lagen.

Sein erster Blick galt dem Sergeanten, aber da war nichts mehr zu machen. Nach der Starre der Glieder mußte der Tod bereits in der Nacht eingetreten sein. Und ebenso bei dem zweiten. Perkins besah sich interessiert das schmale, bartlose Gesicht, aber es war ihm völlig fremd. Der Mann mochte etwa vierzig Jahre alt gewesen sein, und wie der Hut und der Überrock, deuteten auch die übrige Kleidung und die Wäsche auf besondere Eleganz.

Aber alles das hatte Zeit.

Der Chefinspektor erinnerte sich endlich an seinen Begleiter und sah sich nach ihm um. Der brave Polizist war ihm wirklich über Stock und Stein gefolgt, aber nun lehnte er mit schlotternden Knien und krampfhaft geschlossenen Augen an einem Steinhaufen. Solche Dinge konnte er nicht sehen, und während seiner fast zwanzigjährigen ehrenvollen Dienstzeit hatte er es immer verstanden, sich zu drücken, wenn es so etwas gab. Nun aber war er ganz unversehens mitten in Mord und Totschlag und Leichen hineingeraten. Und eine davon war sogar sein Sergeant . . .

»Sie werden hierbleiben und aufpassen, bis ich wieder zurückkomme«, vernahm er die Stimme des Chefinspektors wie aus weiter Ferne. »Es darf niemand in die Nähe. – Haben Sie eine Waffe?«

Der arme Mann kniff die Augen noch verzweifelter zu und schüttelte entsetzt mit dem Kopfe.

»Dann nehmen Sie für alle Fälle einen gehörigen Stein, und wenn Ihnen einer in die Quere kommt, so klopfen Sie ihm damit kräftig auf den Schädel«, sagte Perkins mit gruseliger Gelassenheit und turnte über die Blöcke und das Geröll unter großem Lärm davon.

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