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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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32

William, der eben mit dem Frühstück für Mr. Duncan vom Vorderhaus herkam, sandte den beiden einen raschen Blick nach und setzte auf der Terrasse das Tablett für einige Sekunden ab, weil ihm sein verknackster Fuß doch noch zu schaffen machte. Aber dann riß er sich zusammen und marschierte tapfer in den Speisesaal, wo ihn Alf mit einem befriedigten Kopfnicken empfing.

»Sehen Sie, es geht also wirklich schon besser«, meinte er. »Ich habe es Ihnen ja gesagt. Wenn Sie aber wünschen, will ich mir den Schaden für alle Fälle doch noch besehen.«

»Nein, danke«, stotterte der Geschäftsführer hastig, indem er mit unsicheren Händen den Tisch deckte. »Es ist wirklich nicht mehr notwendig. Ich muß nur den Fuß noch etwas schonen.« Er entwickelte eine nervöse Geschäftigkeit und wurde dann plötzlich sehr gesprächig. »Es war eine schreckliche Nacht. Mrs. Hingley hat einen Weinkrampf bekommen, weil so viel ruiniert worden ist, und wird vielleicht heute gar nicht aufstehen können. Dabei wird es wahrscheinlich wieder eine Menge zu tun geben. So oft so ein Unglück beim Schwarzen Meilenstein geschah, dauerten die Prozessionen fast immer eine ganze Woche. Und wenn nun auch noch die Geschichte von dem geheimnisvollen Schuß heute nacht bekannt werden wird . . .«

»Und verschiedene andere Dinge . . .«, warf Duncan leichthin ein, indem er bedächtig ein Ei aufschlug, aber William bückte sich eben nach der Serviette, die ihm entfallen war.

»Wenn man wenigstens wüßte, was es zu bedeuten, hatte«, preßte er etwas heiser hervor, als er sich wieder aufrichtete, und diesmal legte Alf den Löffel nieder und sah mit besonders treuherzigen Augen drein.

»Das kann ich Ihnen ganz genau sagen«, erklärte er gefällig. »Am Ende bedeutet es, daß in den nächsten zwei oder drei Monaten jemand gehenkt werden wird.«

»Oh . . .«, hauchte der Geschäftsführer erschreckt, da er nicht wußte, was er sonst auf diese unheimliche Andeutung erwidern sollte, und dann humpelte er mit einer entschuldigenden Grimasse etwas plötzlich ab.

Er ließ sich auch nicht mehr blicken, obwohl Duncan sein Frühstück mit genießerischem Behagen ziemlich lange ausdehnte. Erst als er die Morgenzigarette bedächtig zu Ende geraucht hatte, erhob er sich und schlenderte langsam in die Hall. Das Haus lag in lautloser Ruhe, und Alf mußte keine besondere Vorsicht anwenden, um unbemerkt zu der Hinterpforte zu gelangen. Aber der Nebenausgang war diesmal nicht nur verschlossen, sondern man hatte auch den Schlüssel abgezogen.

Der junge Gentleman lächelte nachsichtig und holte aus der Rocktasche ein flaches Lederetui hervor. Dann stocherte er sekundenlang in dem Schloß herum, und die Sache ging so leicht, daß er es sich nicht verdrießen ließ, von außen auch wieder abzusperren.

Die rückwärtige Front des Golfhauses verlief etwas unregelmäßig. Sie wies in der Mitte und. an der Ecke gegen den Parkplatz je einen kleinen Vorbau auf, von denen der eine die Zimmerreihe unterbrach, und der zweite eine Verlängerung des Seitenganges bildete.

Duncan hielt sich dicht an der Hausmauer und hatte nur für den Boden und die Fenster des Oberstocks Interesse. Das Zimmer Mr. Gwynnes befand sich vor dem ersten Vorsprung, und die herabgelassenen Jalousien ließen annehmen, daß sein Bewohner nach der unruhigen Nacht noch in tiefem Schlaf lag. Obwohl die Höhe des Simses kaum viel mehr als vier Meter betrug, nahm Alf sogar ein winziges Glas zu Hilfe, um das Mauerwerk Zoll für Zoll abzusuchen, und dann kauerte er sich nieder, um das Pflaster einer ebenso gründlichen Besichtigung zu unterziehen. Plötzlich spitzte er die Lippen, sah noch einmal gedankenvoll nach oben und schlängelte sich dann weiter.

Die Fenster von Miss Reid streifte er nur mit einem flüchtigen Blick, aber in dem Winkel an der äußerten Ecke, wo der Geschäftsführer William seine kleine Kammer hatte, machte sich Duncan wieder eine ziemlich lange Weile zu schaffen.

Etwa eine Viertelstunde später aber kam er auf seinem planlosen Morgenspaziergang vom Parkplatz her. Vor dem Golfhaus besah er sich mit lebhafter Neugier den Baum, von dem in der Nacht der verheerende Geschoßhagel in das Zimmer des Chefinspektors geprasselt war. Das primitive Geschützrohr mußte eine gewaltige Pulverladung enthalten haben, denn die Äste in der Schußrichtung waren tief geschwärzt und arg zugerichtet, und auch die Fassade gegenüber sah sehr übel aus.

Alf war eben dabei, die Einschläge zusammenzuzählen, als Miss Reid in ziemlicher Eile aus dem Speisesaal kam. An den Stufen der Terrasse machte sie aber plötzlich unschlüssig halt und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um. In ihrem sonst so beherrschten Gesicht zuckte es unruhig, und um ihre Augen lagen tiefe Schatten. Sie hatte offenbar einen Weg vor, bei dem sie nicht beobachtet werden wollte, und der junge Mann drückte sich geschmeidig hinter den Stamm.

Miss Reid gewahrte ihn auch wirklich nicht, sondern huschte nach einigen Sekunden um die Terrasse herum gegen die Lehne zu.

Duncan war blitzschnell hinter ihr her, sah sich aber in seiner Annahme getäuscht. Miss Reid lief an der gewissen Lücke am Buschwerk völlig achtlos vorbei und schlug jenen Pfad ein, auf dem sie am verflossenen Abend hätte kommen sollen.

Und dann schien sie plötzlich weder sonderliche Eile, noch ein bestimmtes Ziel mehr zu haben. Sie verfiel in einen gemächlichen Schlenderschritt, und all ihr Interesse galt einzig dem farbenfrohen herbstlichen Landschaftsbild.

Vielleicht hat sie wirklich nur unbemerkt vom Golfhaus fortkommen wollen, um peinlichen Fragen zu entgehen, mutmaßte Alf und schlug mit der Geschmeidigkeit eines gewandten Jägers einen großen Bogen um sein Wild.

Miss Reid war etwas fassungslos, als er plötzlich wenige Schritte vor ihr auftauchte, aber Duncan erwiderte ihren fast bösen Blick mit seinem entwaffnendsten Lächeln.

»Sie haben mich etwas lange warten lassen«, scherzte er, indem er nach der Uhr sah. »Genau neuneinhalb Stunden. Das ist bei meinem bisherigen Rendezvous mit Damen ein unbestrittener Rekord. Und den Ort haben Sie auch nicht genau eingehalten. Er liegt etwas weiter dort drüben bei den Bäumen.«

Er deutete ernsthaft in der Richtung. Miss Reid war jedoch nicht in der Laune, auf seinen Ton einzugehen.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie etwas ungeduldig und wenig höflich, »aber die Angelegenheit, die ich mit Ihnen besprechen wollte, hatte sich im letzten Augenblick aufgeklärt. Allerdings hätte ich Sie verständigen sollen. Ich will mich jedoch für Ihren Zeitverlust gerne erkenntlich zeigen und auch für Ihre anderen Bemühungen. Die gewisse Sache, in der ich Sie um Nachforschung bat, ist nämlich ebenfalls bereits erledigt. Es handelte sich bei allen diesen Dingen um dumme Mißverständnisse. Wahrscheinlich kehre ich schon heute abend oder spätestens morgen mittag nach London zurück, und Sie können mich dann an einem der nächsten Tage zu der gewissen Stunde im Kontor aufsuchen. Sie sollen nicht zu kurz kommen. Aber ich erwarte dafür, daß Sie über alle diese Dinge Stillschweigen bewahren. Auch über unsere gestrige Verabredung.«

Sie hatte ihre Erklärung mit großer Hast vorgebracht und deutete nun durch ein verabschiedendes Kopfnicken an, daß sie die Unterredung damit für beendet hielt. Aber plötzlich fiel ihr noch etwas ein.

»Was hat es eigentlich gestern abend gegeben?« fragte sie so beiläufig. »Ich hörte eine schreckliche Explosion, aber als ich mich angekleidet hatte und nachsehen wollte, stürzte bereits dieser Mr. Perkins in mein Zimmer.«

»Ja», erklärte Duncan ebenso beiläufig, »es war auch so etwas wie eine Explosion. Und Mr. Perkins hat deshalb das ganze Haus zusammengetrommelt.« Nach einem Atemzug aber fügte er hinzu: »Wenn ich die Finger irgendwie in der Sache mit dem Schwarzen Meilenstein hätte, würde ich sie schleunigst herausziehen.«

Miss Reid hob mit einer raschen Bewegung den Kopf, und ihr Blick war betroffen und mißtrauisch.

»Weshalb sagen Sie mir das?« stieß sie mit unsicherer Stimme hervor. »Ich habe damit absolut nichts zu tun, und es ist völlig zwecklos, falls Sie mir deshalb etwa nachspionieren sollten. Sie werden viel besser fahren, wenn Sie sich auf die Vereinbarung verlassen, die ich Ihnen in Aussicht gestellt habe. Sonst könnte es sein, daß ich es mir noch überlege. Ich habe gar nichts zu fürchten.«

Sie wandte sich so brüsk ab, daß Alf Duncan sogar mit seiner Miene arg gekränkter Treuherzigkeit zu spät kam, und manches unausgesprochen blieb, was er eigentlich noch sagen wollte.

Aber erst nach Stunden wurde ihm klar, welch verhängnisvollen Fehler er damit begangen hatte. Augenblicklich kam ihm die bündige Verabschiedung sehr gelegen, denn er erwartete von Minute zu Minute etwas anderes.

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