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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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31

Es wurde sehr spät, bevor man im Golfhaus endlich zur Ruhe kam, aber trotzdem machte sich Chefinspektor Perkins schon gegen sechs Uhr morgens wieder in ziemlich rücksichtsloser Weise bemerkbar. Er war noch in der Nacht in ein Zimmer auf der anderen Gangseite umquartiert worden und hatte dort lang und laut herumgewirtschaftet. Beim ersten Tageslicht begann dann seine Geschäftigkeit von neuem, und schließlich knallte er mit der Tür wie ein aufgeregter Theatermanager und unternahm einen geräuschvollen Spaziergang im Korridor.

Sogar der schlafsüchtige William wurde davon munter und kam aus dem Seitengang eilig angehumpelt. Er trug zwar noch einen Hausschuh an dem einen Fuße, aber die nächtliche Bewegung schien ihm wirklich gut getan zu haben.

»Ich werde das Frühstück sofort bringen«, flüsterte er dem ungeduldig auf und ab marschierenden Manne mit großer Dienstbeflissenheit zu und wollte die Treppe hinunter, aber Perkins erwischte ihn mit einem harten Griff an der Brust und schwenkte ihn wie einen winzigen Bleisoldaten wieder herum.

»Halt, mein Lieber – zuerst etwas anderes«, donnerte er so gewaltig, daß man es hinter allen Türen hören mußte, und stocherte dabei mit seinem kalten Blick sekundenlang in den erschreckten Augen des Geschäftsführers herum. »Mir ist bei dem Rummel ein Papier weggekommen, das ich auf dem Tisch liegen hatte. Das muß wieder her. Kümmern Sie sich also darum. Wenn der Zettel nicht längstens in einer Stunde wieder zum Vorschein kommt, sprenge ich das Haus in die Luft. Und dann fliegt alles mit, was drin ist.«

Der Chefinspektor liebte zuweilen solche Übertreibungen, aber der einfältige William nahm die schreckliche Drohung offenbar sehr ernst. Sein dunkles Gesicht verfärbte sich, und er vermochte nur mühsam zu stottern.

»Jawohl . . . Ich werde mich sofort bei den Mädchen erkundigen. Sie haben ja die Sachen hinübergetragen. Ich konnte nicht mithelfen, weil . . .«

Er deutete, entschuldigend auf seinen Fuß und atmete wirklich erleichtert auf, als Perkins mit einem halblauten Fluch vor ihm die Treppe hinabpolterte.

Auch während des Frühstücks wurde die Laune des Chefinspektors nicht besser. William hatte ihm mitteilen müssen, daß die Mädchen von dem vermißten Zettel nichts wüßten, daß man aber sofort überall gründlich Nachschau halten werde. Darauf hatte Perkins mit einem bösartigen Zähnefletschen etwas Unverständliches geknurrt, und dann wurde er mit einem Mal höchst ungeduldig. Er riß alle paar Minuten seine handtellergroße Nickeluhr hervor, und als es Punkt sieben war, stürzte er in die Halle und begann dort das Telefon zu massakrieren.

Was er dann hineinbrüllte, waren schwere Ehrenkränkungen für die Landpolizei im allgemeinen und für jene des Bezirks im besonderen. Aber plötzlich hielt er mitten in einer dieser Liebenswürdigkeiten inne und lauschte betroffen in den Apparat.

»Bis jetzt nicht zurückgekommen?« wiederholte er endlich verwundert. »Ja, zum Teufel, wo kann er denn stecken? Ich habe ihn gestern abend entlassen, und er wollte nur noch einen kurzen Gang machen.«

Es kam abermals eine Erwiderung, und das gegerbte Gesicht des Chefinspektors wurde immer ratloser und bedenklicher.

»Jawohl, kommen Sie sofort herüber«, entschied er endlich mit auffallender Hast. »Auch wenn der Sergeant sich inzwischen melden sollte, wird es für Sie einiges zu tun geben.«

Das Gespräch hatte Perkins so nachdenklich gestimmt, daß er mit gesenktem Kopf und ohne die gewöhnliche Kraftaufwendung in den Speisesaal zurückkehrte. Nur als er daran ging, seine Pfeife zu stopfen, tat er dies so nachdrücklich, als ob der Daumen unten herauskommen sollte.

»Es wäre vielleicht an der Zeit, daß Sie einige Ihrer Leute herausbeordern«, ließ sich auf einmal eine gedämpfte Stimme vernehmen, und der Chefinspektor fuhr nervös herum, denn genau dasselbe hatte er in diesem Augenblick selbst erwogen.

Er sah nur ein riesengroßes Zeitungsblatt und darunter zwei tadellose Bügelfalten und eine fabelhafte Beschuhung.

»Haben Sie zugehört?« raunte er in die Ecke hinein. »Diesmal ist der Sergeant verschwunden. – Wenn der Reinfall mit Miss Reid heute nacht nicht gewesen wäre, könnte man wieder auf alle möglichen albernen Vermutungen kommen.«

Es sollte ironisch klingen, geriet aber sehr unsicher. Jedenfalls fühlte sich Alf Duncan von der Anspielung gar nicht getroffen.

»Das mit Miss Reid war kein Reinfall, sondern ein Zufall«, kam es gelassen hinter der Zeitung hervor. »Wahrscheinlich haben Sie ihn sogar selbst herbeigeführt. Jedenfalls würde ich mich dadurch in meinen Vermutungen nicht beirren lassen.«

Perkins zermalmte das Streichholz, mit dem er die Pfeife angebrannt hatte, zwischen den klobigen Fingern, dann sprang er plötzlich mit einem temperamentvollen Ruck wieder auf und stellte sich an die Tür zur Terrasse.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich daraus klug werde«, zischte er über die Schulter, und dann schien ihm etwas in die Kehle gekommen zu sein, denn er würgte ein bißchen. »Aber das eine weiß ich: Wenn ich mir bei dieser verdammten Geschichte den Hals breche, sind nur Sie daran schuld. Daran sollten Sie denken. Schließlich hat man sich in fünfundzwanzig Jahren doch auch einige Verdienste erworben – wenn man auch nicht aus Ox . . . Cambridge gekommen ist.«

»Ihr Gedächtnis bessert sich, Mr. Perkins«, lobte ihn der junge Mann, indem er seine »Times« pedantisch zusammenfaltete. »Cambridge, jawohl. – Nur Ihre Nerven lassen noch einiges zu wünschen übrig. Sie werden sie etwas mehr im Zaum halten müssen. Es dürfte zwar für Sie ein sehr heißer Tag werden, aber vielleicht spannen Sie trotzdem gegen Abend einige Stunden aus. – Sagen wir um vier Uhr. Ich erwarte Sie auf der Chaussee drei Meilen von hier bei der Abzweigung gegen Thame und fahre Sie eine Weile spazieren. Das wird Ihnen in jeder Hinsicht gut tun.«

Der Chefinspektor konnte seine Zustimmung zu diesem Vorschlag nur durch ein lebhaftes Kopfnicken äußern, denn eben tauchte draußen der zweite Ortspolizist auf. Er sah viel weniger intelligent und diensteifrig aus als der Sergeant, machte aber mit seinem martialischen Schnurrbart und seinem gut bürgerlichen Bäuchlein einen sehr würdewollen Eindruck.

»Zum Buschhaus«, schnauzte ihn Perkins ohne weitere Einleitung an. »Aber auf dem kürzesten Wege. Er soll gleich hinter dem Haus hinüberführen.«

Damit stürmte er auch schon mit weit ausgreifenden Schritten voran, und der behäbige Polizist keuchte mit unbehaglichem Gesicht eilig hinter ihm drein.

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