Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Weinert-Wilton >

Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
Schließen

Navigation:

30

Sogar die Wirtin vermißte ihren bevorzugten Gast in der nächsten Viertelstunde nicht, denn sie wurde von den schrecklichen Dingen, die sich nun herausstellten, völlig in Anspruch genommen . . .

Kaum vor dem Haus, war der Chefinspektor nach einem raschen Rundblick endlich im Bilde, und das gab ihm seine grimmige Ruhe wieder. Er schritt geradenwegs auf den nächsten Baum zu und sah angelegentlich in das Astwerk hinauf, das mit frischen Bruchstellen wirr durcheinander hing. Dann ging er einige Male langsam um den Baum herum, nahm hie und da etwas vom Boden auf und schwang sich plötzlich in die unterste Astgabelung. Der schwerfällige Mann kletterte mit erstaunlicher Sicherheit und Behendigkeit.

Perkins war mit seiner Untersuchung rasch zu Ende. Zwischen zwei starken Ästen baumelten Stücke einer durchgerissenen Leine, und ein zweites solches Bündel fand sich am Stamm. Hier war also offenbar das Ding, aus dem der Schuß gekommen war, eingespannt gewesen, aber dann durch den gewaltigen Rückstoß aus der Bindung gerissen werden. Dabei waren die beiden dicken Äste gebrochen, und auch der Stamm hatte eine tiefe Schramme abbekommen.

Fünf Minuten später brachte der Chefinspektor vom Parkplatz her ein etwa armlanges, verbeultes Eisenrohr von gut vier Fingern im Durchmesser angeschleppt und hielt es der entsetzt zurückweichenden Mrs. Hingley dicht vor die Augen.

»Sie haben Glück gehabt«, sagte er mit seinem unangenehmsten Grinsen. »Wenn das Ding etwas mehr nach rechts geflogen wäre, hätte es auch im Vorderhaus ein gehöriges Loch gegeben. – Und ich glaube, Sie werden schon an der Bescherung hier hinten wenig Freude haben.«

Er deutete nach seinem Fenster, und die Wirtin schlug mit verstörten Augen wortlos die Hände zusammen, denn trotz der Dunkelheit waren die Spuren der Verwüstung deutlich zu sehen. Rund um die Fensteröffnung waren ganze Stücke des Mauerwerks abgeschlagen, und dahinter baumelten die schweren Vorhänge mit klaffenden Löchern und flatternden Fetzen.

So niederschmetternd dieser Anblick war, die resolute Mrs. Hingley brachte er mit einem Mal in einen gewaltigen Schwung. Sie stürmte mit einem derartigen Anlauf ins Haus, daß sogar Perkins ihr kaum zu folgen vermochte, und es war kein Wunder, daß da William mit seinem kranken Bein beträchtlich zurückbleiben mußte. Mr. Gwynne in seinem japanischen Schlafrock aber blieb noch weiter zurück, um zu bekunden, daß er für die Sache nicht das mindeste Interesse hatte und den Alarm nach wie vor als eine rücksichtslose Störung seiner Nachtruhe betrachtete.

Auf dem ersten Treppenabsatz mußte der Geschäftsführer einen Augenblick ausruhen, und das veranlaßte auch den ungeselligen Künstler, einige Stufen tiefer haltzumachen. Von oben klang bereits aufgeregtes Stimmengewirr herunter, in das die tiefe Stimme der Wirtin mit verzweifelten Ausrufen dröhnte.

William seufzte schmerzhaft auf und versuchte sich in einem krampfhaften Lächeln.

»Daß doch immer alles zusammenkommen muß«, beklagte er sich mit müder, kaum hörbarer Stimme. »Es wird nun wohl die ganze Nacht keine Ruhe geben, und ich kann kaum kriechen. – Wenn man wenigstens wüßte, was eigentlich geschehen ist.«

Er sah den Künstler mit unruhig flackernden Augen an, und Mr. Gwynne zeigte plötzlich sein allzu regelmäßiges und blendendes Gebiß.

»Der hinkende Mann mit dem Bart würde es uns wohl genau sagen können«, zischte er. »Er ist aus der Richtung aufgetaucht, nach der Ihre Fenster gehen.«

»Der hinkende Mann mit dem Bart?« wiederholte William verwundert. »Einen solchen Mann habe ich nicht bemerkt, obwohl ich ziemlich lange wach war und am Fenster gesessen habe. Ich konnte nämlich vor Schmerzen nicht einschlafen.« Er überlegte noch einmal und schüttelte dann mit dem Kopf. »Nein«, fuhr er schleppend fort, »ich habe bloß gesehen, daß Mr. Duncan so gegen zehn Uhr das Haus durch die rückwärtige kleine Pforte verlassen hat. Einige Minuten später kam dann Miss Reid auf demselben Weg und kurz nach ihr Mr. Perkins. – Unmittelbar hinter Mr. Duncan ist allerdings noch eine Gestalt gegen die Lehne zu verschwunden, aber ich habe sie nicht so recht . . .«

Das Weitere wurde durch ein lautes, krampfhaftes Räuspern Mr. Gwynnes abgeschnitten. Alf Duncan stand jedoch bereits zwischen ihnen. Er war mit katzenhafter Lautlosigkeit irgendwo von unten gekommen, gab sich aber mit liebenswürdiger Harmlosigkeit. Er erwiderte die eisige Abweisung im Gesicht des Mimen mit einem freundlichen Lächeln, und dem ächzenden Geschäftsführer klopfte er leutselig auf die Schulter.

»Böse Schmerzen, was?« erkundigte er sich teilnehmend. »Aber vielleicht wird Ihnen ein bißchen Bewegung gerade gut tun. Beißen Sie also die Zähne zusammen, und versuchen Sie es. – Wenn der Fuß dann morgen nicht besser sein sollte, werde ich mir ihn einmal ansehen. Ich verstehe einiges davon und habe damit schon manchem rasch wieder auf die Beine geholfen.«

William schnitt ein Gesicht, das seine Dankbarkeit ausdrücken sollte, aber Duncan war bereits mit zwei Sätzen die Treppe hinauf und kam gerade dazu, wie der Chefinspektor der völlig niedergeschmetterten Mrs. Hingley die Sache mit Behagen erklärte.,

»Es war ein richtiger Kartätschenschuß«, sagte er. »Bis jetzt habe ich vierzehn Einschläge gezählt, aber wahrscheinlich wird noch hier und dort ein Stück gehacktes Blei stecken.«

»In meinen schönen, neuen Möbeln . . .«, jammerte die Wirtin, aber Mr. Perkins feixte.

»Besser als in meiner alten Haut«, meinte er gemütsroh und sah sich dann noch einmal mit halbgeschlossenen Augen in dem Raum um. Das primitive Geschütz war mit großer Präzision gerichtet gewesen, und der Mann, der diese Teufelei ausgeheckt hatte, mußte etwas von solchen Dingen verstehen. Die Geschoßgarbe war fast ganz ins Zimmer gefegt, und Duncan und er hätten unbedingt das Dickste davon abbekommen.

Der Chefinspektor fühlte einen Augenblick ein leichtes Frösteln im Rücken und zuckte unbehaglich mit den Schultern. Aber dann ließ er plötzlich seinen Blick suchend über die scheue Runde gehen. Mrs. Hingley lag mit gerungenen Händen und bebendem Doppelkinn in einem Stuhl, ihre Mädchen drückten sich in eine Ecke und hielten einander ängstlich an den Röcken, und der glotzäugige Hausdiener bohrte ratlos in seiner bläulich schimmernden Nase. Und eben schob sich auch der Geschäftsführer neugierig durch die offene Tür herein, während Mr. Gwynnes Künstlerkopf sich nur als Schattenriß von der Wand des Korridors abhob.

»Wo ist Miss Reid?« fragte Perkins auf einmal unvermittelt, und seine Stimme klang so scharf, daß die Frauen schreckhaft zusammenfuhren.

Aber niemand antwortete.

Der Chefinspektor wartete fünf Sekunden, noch weitere zwei Sekunden, dann machte er plötzlich eine ruckartige Wendung und, getrieben von einer beklemmenden Ahnung, drängten alle hinter ihm drein.

Vor dem Zimmer von Miss Reid zögerte Perkins noch einen Augenblick unschlüssig, dann ließ er seine Hand schwer auf die Klinke fallen und riß ohne weiteres an der Tür.

Sie flog auf, und gleichzeitig erscholl von drinnen eine aufgeregte Stimme.

»Was soll das heißen . . .?«

Der Chefinspektor starrte mit versteinertem Gesicht auf die Frau, die er wenige Schritte vor sich hatte. Miss Reid war völlig angekleidet und hatte auch noch einen Schal übergeworfen. Ihre dunklen Augen hafteten mit einem Ausdruck ängstlicher Bestürzung auf dem rücksichtslosen Eindringling, aber dessen sichtliche Betroffenheit ließ sie rasch ihre Fassung wiedergewinnen.

»Was wünschen Sie?« fragte sie, mußte jedoch eine lange Weile auf eine Antwort warten, da Perkins die Lippen nicht aus den verbissenen Zähnen brachte.

»Ich wollte mich nur nach Ihrem Befinden erkundigen«, fauchte er endlich mit einem grimmigen Grinsen, und genau so flegelhaft war die Art, in der er die Tür wieder ins Schloß warf.

Dann flog sein ratloser Blick blitzschnell zu Alf Duncan, der sich im Hintergrund mit einem schmachtenden Lächeln auf den Fußspitzen wiegte. Aber der junge Gentleman hatte für die Nöte des Chefinspektors augenblicklich weder Verständnis noch Zeit. All seine Aufmerksamkeit galt ausschließlich Mrs. Hingley, und die Witwe fühlte das und schwitzte vor schrecklichem Bangen und hoffnungsvoller Glückseligkeit. Das Bangen war jedoch stärker, und sie hielt die Lider streng und sittsam gesenkt.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.