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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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1

Auf der breiten Chaussee, die von London über Hampstead nach Nordwesten führt, lag das matte Mondlicht einer frischen Septembernacht. Aus den Wiesengründen zur Rechten und Linken stieg ein feiner, silbriger Nebel, und die kleinen Waldgruppen reckten sich wie starre Kulissen gegen den Himmel.

Knapp am Rande eines der Gehölze bog ein schmaler Fahrweg im spitzen Winkel ab, drinnen unter den hohen Kiefern aber glühten auf der großen Straße zwei rote Punkte.

Der Widerschein der beiden Stopplichter fiel auf einen Meilenstein, der die Zahl 39.5 trug.

Er sah genau so gewöhnlich und harmlos aus wie jeder andere Meilenstein, aber der eine der beiden Männer, die hier Zwiesprache hielten, versetzte ihm plötzlich einen tückischen Fußtritt und spuckte ihn dann auch noch wütend an.

»Das ist heute die siebente Nacht, die mich diese verwünschte Geschichte kostet«, knurrte er ehrlich ergrimmt. »Und dabei weiß man nicht einmal, wozu man hier herumlungert. Seit zwei Monaten ist überhaupt nichts mehr passiert, und bei dem Früheren ist es sicher nicht anders zugegangen, als es sonst zuzugehen pflegt. Ich kenne das. Kaum sehen diese verrückten Meilenfresser ein Stückchen gerade Straße vor sich, legen sie sofort los und müssen dann bei der lächerlichsten Panne daran glauben.«

Auch der zweite Mann trug den Dreß und die Abzeichen eines Patrouillenfahrers des Royal Automobile Club, dachte aber über die Sache anders. Er konnte es auch tun, denn er hatte den unangenehmen Dienst eben für einige Tage hinter sich, und es war sogar möglich, daß er überhaupt nicht mehr an die Reihe kam.

»Das wäre wohl schon das Höchste, was der Zufall sich leisten könnte«, meinte er mit bedenklichem Gesicht, indem er sein Motorrad fahrbereit machte. »In ein paar Wochen sechs so schwere Unfälle und immer an derselben ganz ungefährlichen Stelle – das will mir nicht recht in den Kopf. Dabei hat es jedesmal so ausgesehen, als ob die Wagen plötzlich scheu geworden wären, da sie von der Mitte der Straße schnurgerade in die Bäume hineinrasten. Daß sie so an die sechzig Meilen Geschwindigkeit gehabt haben müssen, ist allerdings richtig, denn es ist kein ganzes Stück von ihnen übriggeblieben. Und von den Fahrern auch nicht. Eine ganz unheimliche Geschichte, kann ich dir sagen, und so oft ich mir den Platz anschaue, läuft es mir kalt über den Rücken.«

Auch der andere ließ unwillkürlich den Blick nach der Stelle etwas schräg gegenüber gehen. Am Rande des ziemlich dichten Unterholzes klaffte eine breite Lücke, die mit ihren zersplitterten und angekohlten Strünken, den zerbeulten, rindenlosen Stämmen, und der ausgedehnten Brandnarbe wirklich etwas Unheimliches hatte.

»Hol's der Teufel«, murmelte er zwischen den Zähnen. »Wenn man volle fünf Stunden so mutterseelenallein hier herumsitzen muß, kann man es schon mit dem Gruseln zu tun bekommen. Nur einmal, gleich in der allerersten Zeit, war etwas Spaß dabei. Da sind eine Menge Leute mit allen möglichen Instrumenten hier herumgewimmelt, und sogar welche mit Wünschelruten waren dabei. Ich habe etwas von Erdstrahlen und Magnetismus aufgeschnappt, aber gefunden scheint man nichts zu haben, denn sonst hätte man uns ja nicht weiter gebraucht. – Das heißt«, fügte er in seiner früheren galligen Laune hinzu, »gebraucht hat man uns nicht, sondern das Ganze ist für die Katz und nur eine Leuteschinderei. Wer schon unbedingt bei Nacht fahren muß, macht lieber einen kleinen Umweg, als daß er dem verhexten Schwarzen Meilenstein um diese Zeit in die Nähe käme. Bei meinem Dienst wenigstens hat sich noch nie ein Wagen blicken lassen. Die Zeitungen haben ja auch genug Lärm geschlagen.«

Der abgelöste Posten ließ den Motor an und setzte sich zurecht.

»Ich habe gehört, daß die Wache vielleicht schon morgen eingezogen wird«, sagte er, um seinem übel gelaunten Kameraden einen Trost zu hinterlassen. »John ist so gegen zehn hier durchgekommen und hat es . . .«

Er hielt inne und wandte gespannt den Kopf.

Draußen auf der Chaussee brauste es heran, und es mußte ein schwerer Wagen sein, denn schon im nächsten Augenblick begann der Boden ganz merklich zu vibrieren.

Der neue Mann vom Dienst knipste vorschriftsmäßig sein Signallicht an und sprang in die Mitte der Fahrbahn, eben als vorne strahlende Helle in das Dunkel des Waldes brach.

Die rote Laterne kreiste gebieterisch, und die riesigen Scheinwerfer wurden jäh abgeblendet. Der nahende Wagen mäßigte sein wahnwitziges Tempo, und der Patrouillenfahrer machte sich bereit, seine Warnung vorzubringen . . .

Aber in der nächsten Sekunde wurden seine Augen von einem stechenden Lichtkegel geblendet, und der Luftdruck des großen Autos, das mit einem förmlichen Sprunge an ihm vorüberschoß, ließ ihn fast ins Wanken geraten.

»Verdammt noch einmal . . .«, zischte er, als er sich etwas gefaßt hatte. »Was war das? – Warum ist der Bursche so ausgerissen?«

»Das war kein Bursche, sondern eine Frau«, erklärte ihm der andere ebenso betroffen. »Und der Wagen ein Amerikaner – aber ohne Zeichen und Nummer . . .«

»Ein Frauenzimmer?« Der ewig nörgelnde Mann spuckte wieder einmal kräftig aus. »Natürlich – das hätte ich mir eigentlich denken können. Die treiben es ja am tollsten. Wenn ich so etwas am Steuer sehe, habe ich schon genug. – Wieviel, meinst du, hat die draufgehabt? – Aber wenn man sie morgen früh irgendwo hier herum gefunden hätte, wäre natürlich wieder das alberne Gerede von dem Schwarzen Meilenstein losgegangen.«

Er nickte dem abfahrenden Kameraden mürrisch zu und zündete sich dann eine Pfeife an. Er mußte deren nun einige ausrauchen, bevor er von diesem totenstillen, unheimlichen Platze wieder wegkonnte.

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