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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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25

Man vernahm deutlich, wie der Chefinspektor hinter ihm schwer die Stufen hinunterstapfte, und im selben Augenblick schrillte in dem Anrichteraum, der direkt neben dem Speisesaal lag, eine Klingel mehrmals hintereinander.

Duncans Blick streifte die Uhr über dem Kamin. Sie zeigte 9 Uhr 15 Minuten.

Mrs. Hingley plauderte noch immer lebhaft weiter, und erst als die Glocke nebenan Sturm zu läuten begann, brach sie jäh ab und sah sich mit gebieterischen Augen suchend nach William um.

»Das ist Mr. Gwynne«, erklärte sie Duncan wie zur Entschuldigung. »Er wird immer gleich ungeduldig.«

Sie traf Anstalten, sich zu erheben, um dem langsamen Geschäftsführer Beine zu machen, aber dieser stürzte bereits von draußen herein und eilte nach der Hall.

»Also kein angenehmer Gast, dieser Mr. Gwynne«, meinte Alf leichthin, und die Wirtin schüttelte mißmutig den Kopf. Sie fand es unerhört rücksichtslos von dem Mann, daß er die schöne Stimmung durch sein aufgeregtes Gebimmel gestört hatte.

»Nein«, erklärte sie. »Er ist in allem so eigen. Obwohl er sich bei seinen Mahlzeiten an keine Stunde hält, soll dann alles immer in einer Minute gehen, sonst schlägt er einen furchtbaren Lärm. William ist ja gewiß nicht der flinkste, aber so, wie Mr. Gwynne es sich vorstellt, trifft es höchstens ein ›Tischlein, deck dich‹. Ich habe das gestern abend zufällig selbst beobachtet. Da wünschte nämlich Mr. Gwynne etwa um dieselbe Zeit noch eine Flasche Wein, aber William war noch nicht bis zur Treppe gekommen, als der Krach schon losging. Mr. Gwynne hat sich dabei so aufgeregt, daß er an ganzen Leibe zitterte, und dann hat er plötzlich geschrien, daß er bei einer derartigen Bedienung verzichte, und hat die Tür zugeschlagen und abgeriegelt. – Natürlich war mir das schrecklich peinlich«, versicherte Mrs. Hingley mit einem tiefen Seufzer und empfand es sehr wohltuend, daß sie in den treuherzigen Augen ihres Gegenübers so warmes Verständnis las.

»Natürlich . . .« sagte Duncan. »Also gestern abend um dieselbe Zeit . . .«

Die Wirtin nickte bestätigend, aber plötzlich schnellte ihr Kopf erschreckt in die Höhe, weil von der Hall her ein dumpfes Poltern und das Klirren von Scherben zu hören war.

Mrs. Hingley flog bereits ab, und der junge Mann sah unwillkürlich noch einmal nach der Zeit. Es war nun 9 Uhr 27 Minuten.

Dann schlenderte er gemächlich hinter der besorgten Frau des Hauses drein.

Das Unglück war nicht so arg, wie es der Lärm hatte befürchten lassen. William hatte Mr. Gwynne Tee aufs Zimmer gebracht und war auf dem Rückweg mit dem Tablett, auf dem er eine leere Sodaflasche und einige Gläser trug, über einen ganzen Treppenabsatz herabgestürzt. Er hatte sich zwar bereits wieder aufgekrabbelt, lehnte aber, den linken Fuß schonend aufgezogen, etwas verstört am Geländer.

»Was haben Sie schon wieder angestellt, Sie Unglücksmensch?« fuhr ihn Mrs. Hingley ungnädig an, wurde aber angesichts seiner Jammermiene sofort etwas milder. »Ist Ihnen etwas geschehen?«

»Ich weiß nicht«, stotterte der Geschäftsführer, indem er vorsichtig mit dem Fuß schlenkerte. »Ganz scheint er ja zu sein, aber ich kann nicht auftreten. Vielleicht habe ich mir den Knöchel ein bißchen verstaucht . . .«

In diesem Augenblick nahm der gefällige Mr. Duncan mit zwei Sätzen die halbe Treppe und faßte mit einem raschen Griff hilfsbereit nach dem verunglückten Bein.

William war so überrascht, daß er es ohne Widerstand geschehen ließ, aber dann stieß er einen lauten Schmerzensschrei aus, und nun meldete sich auch Mr. Gwynne. Er erschien, angetan mit einem prunkvollen Hausanzug aus geblümtem Seidensamt, oben an der Treppe, und sein düsteres Gesicht lag in zürnenden Falten.

»Was geht hier vor?« grollte er vorwurfsvoll in die Tiefe. »Kennt man denn in diesem Haus keine Rücksicht auf die Gäste? Ich habe das Bedürfnis zu schlafen, und man poltert vor meiner Tür, wie in einem Pferdestall. Obwohl man doch schon wissen sollte, daß meine Nerven . . .«

Der gestörte Mr. Gwynne war immer pathetischer geworden, aber nun brach er plötzlich mitten im Satz ab, zischte einige abgerissene Worte hervor und stob in förmlicher Flucht nach seinem Zimmer zurück. Die Tür flog, krachend ins Schloß, und mit dem gleichen Ingrimm wurde der Schlüssel zweimal energisch umgedreht.

Alf Duncan schmunzelte befriedigt, aber die Wirtin gebot mit verzweifelten stummen Gesten Stille.

»Tummeln Sie sich«, raunte sie dem Mädchen zu, das herbeigeeilt war, um die Scherben zusammenzukehren. »Und Sie«, wandte sie sich ebenso leise, aber bestimmt an den schuldbewußten William, »legen sich sofort nieder. Machen Sie sich einen kalten Umschlag, damit Sie morgen wieder auf dem Damm sind. – Heute werde ich mich ohne Sie behelfen.«

Der Geschäftsführer nickte dankbar und humpelte mit einem kurzen »Gute Nacht« mühsam die Treppe hinauf.

»Wo schläft er denn?« erkundigte sich Duncan so nebenbei, und Mrs. Hingley gab ihm bereitwilligst Auskunft.

»Oben in dem rückwärtigen Seitengang. Früher hatte ich die Leute alle vorn, aber wegen der Gäste muß doch jemand bei der Hand sein.«

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