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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
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21

Für Isabel Longden hatte das Abenteuer der letzten Nacht eine ganz unerwartete wohltätige Folge gehabt. Ihre Gedanken waren durch den sonderbaren Besuch von der gewissen qualvollen Erinnerung wenigstens einigermaßen abgelenkt worden und. beschäftigten sich seither auch wieder mit weniger schrecklichen Dingen. Vor allem mit dem geheimnisvollen jungen Mann, der ihr nun sogar bis in das versteckte Alderscourt gefolgt war. Was bezweckte er damit – und wer war er?

Auf die letzte Frage hatte sie aus seinem eigenen Munde Antwort erhalten, und die freimütigen Andeutungen mußten alle ihre Illusionen zerstören. Nach der Erschütterung, die sie durchlebt hatte, traf sie jedoch diese Enttäuschung nicht allzu empfindlich. Sie sah die Welt plötzlich mit anderen Augen, und was sie noch vor wenigen Tagen erschreckt und mit Abscheu erfüllt hätte, schien ihr nun geringfügig im Vergleich zu ihrer eigenen Schuld. Dabei hatte sie das Empfinden, daß der Unbekannte es gut und ehrlich mit ihr meinte, wenn sie auch vergeblich darüber nachgrübelte, was seine ernsten Warnungen zu bedeuten hatten.

Welche andere Gefahr als die, zur Verantwortung gezogen zu werden, konnte ihr drohen?

Isabel war nicht ängstlich, nur die Ungewißheit beunruhigte sie und ließ sie die Bedenklichkeit ihrer Lage allmählich immer deutlicher erkennen. Sie hatte zwar einen anscheinend sicheren Zufluchtsort gefunden, war aber nun von der Außenwelt völlig abgeschnitten und hatte sich ganz in fremde Hände begeben. Noch fehlte allerdings jede Veranlassung zu irgendwelchem Mißtrauen. Nur die erste Begegnung mit dem Mann, dessen Gastfreundschaft sie genoß, kam ihr etwas sonderbar vor. Sie konnte zwar verstehen, daß er in die gefährliche Sache nicht verwickelt werden wollte, aber die Heimlichkeit dünkte ihr doch zu weit getrieben. Auch die beiden Frauen, die sie mit solcher Zudringlichkeit betreuten, wollten ihr wenig gefallen.

Etwas schien da nicht in Ordnung zu sein, und während Isabel über dieses Etwas nachgrübelte, baute sie in ihrer bangen Ratlosigkeit unwillkürlich auf die Hilfe des offenkundigen Abenteurers.

Er dünkte ihr der Mann, unter dessen Schutz sie sich vor jeder Gefahr geborgen fühlen durfte. So liebenswürdig und harmlos das vornehme Gesicht mit seiner Ruhe und dem treuherzigen Blick wirkte, um den Mund war ein Zug eingeprägt, der auch von unbedenklicher Entschlossenheit sprach. Übrigens hatte dieser Mr. Duncan durch sein Eindringen in das so wohl behütete Gehöft ja bewiesen, wozu er imstande war.

Inmitten dieser wirbelnden Gedanken verfiel Isabel Longden in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Molly mußte am Morgen eine lange Weile pochen, bevor sie mit dem Frühstück Einlaß erhielt, und dann wunderte sie sich über die Veränderung, die mit dem Gast vorgegangen war. Das feine, stolze Gesicht hatte wieder seine frischen Farben, die braunen Augen unter den langen Wimpern blickten strahlender und freier, und die Haltung war straffer und geschmeidiger.

Auch Isabel selbst wunderte sich. Sie verspürte vor allem ein Gefühl des Hungers, und obwohl sie den Tee herzlich schlecht und das übrige nicht viel besser fand, verzehrte sie das Frühstück doch mit einigem Appetit.

Dann nahm sie in einem plötzlichen Entschluß ihre Handtasche an sich, in der sie außer dem Geld und den wertvollsten Schmuckstücken auch die Waffe geborgen hatte, und verließ ihr Zimmer. Es schien ihr geraten, von Alderscourt etwas mehr kennenzulernen, als sie von ihren Fenstern aus sehen konnte.

Die Diele im Erdgeschoß war auch bei Tag sehr düster, aber von vorn klangen aus einem Raum neben dem halb offenstehenden Eingang Stimmen. Isabel huschte rasch und geräuschlos vorbei, um womöglich unbemerkt aus dem Haus zu gelangen. Das glückte ihr auch, aber kaum hatte sie den Vorplatz erreicht, als der durch Hunger ewig gereizte Köter aus seiner Hütte fuhr und sich unter heiseren Wutlauten fast strangulierte.

Im Flur flog eine Tür, und eine rasselnde Stimme wünschte dem verdammten Biest die übelsten Dinge an den Hals.

Mrs. Drew sah auch im hellen Tageslicht nicht gerade vertrauenerweckend aus, aber als sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, floß ihr fettiges Gesicht vor Freundlichkeit und Wohlwollen völlig auseinander.

»Wahrhaftig – unsere Miss«, rasselte sie so begeistert, daß auch Molly ganz aufgeregt angestürzt kam. »Nun, sehen Sie, Kindchen, das ist vernünftig. Der Mensch soll nicht so allein sein, das hält er nicht aus. Und wir werden uns schon verstehen.« Sie blinzelte vielsagend und legte die Hand, die sie rücksichtsvoll an der wuchtigen Hüfte gescheuert hatte, vertraulich auf den Arm des jungen Mädchens. »Unsereins weiß ja, wie es in der Welt zugeht . . .«

Isabel zuckte unter der Berührung zusammen.«

»Ich wollte nur ein wenig an die frische Luft«, stieß sie abweisend hervor, aber die gütige Mrs. Drew nickte lebhaft.

»Ja«, sagte sie, »laufen Sie sich ordentlich aus. Am besten wird es sein, Sie gehen in den Garten«, meinte sie fürsorglich. »Da haben Sie hübsche Wege, und Sonne gibt es dort auch. – Molly, du wirst die Miss begleiten«, fügte sie kategorisch hinzu. »Ich bin leider etwas schlecht zu Fuß.«

Isabel war darüber nicht sehr erfreut und ließ das deutlich merken, aber auch Molly dachte sich die Sache anders.

»Ich könnte inzwischen vielleicht oben gründlich Ordnung machen«, wandte sie eifrig ein, indem sie mit der Mutter einen raschen Blick wechselte, der Mrs. Drew zu denken gab.

»Ja, auch das wird notwendig sein«, gab sie zögernd zu, aber in ihren Augen lag eine deutliche Warnung. »Da werde ich die Miss halt doch selbst ein bißchen herumführen.«

Vor allem nahm Mrs. Drew die Gelegenheit wahr, um endlich den rebellierenden Hund mit der neuen Hausgenossin zu befreunden. Dieser Versuch ließ sich aber etwas schwierig an. Sowie das Tier seine holde Herrin eräugte, klemmte es den Schweif zwischen die Beine und fuhr in die Hütte, wo es mit verdoppelter Wut weiterröchelte. Erst als Mrs. Drew ihre vergeblichen sanften Lockungen mit einer weniger sanften Redensart aufgab, und Isabel, nur um dem Lärm ein Ende zu machen, einen schüchternen Versuch unternahm, wurde der Köter mit einem Mal still. Und dann erschien in dem Schlupfloch vorsichtig ein struppiger Hundeschädel, der zahm und scheu nach dem Wunderwesen äugte, das sich unter die zweibeinigen Bestien von Alderscourt verirrt hatte.

Mrs. Drew war mit diesem Erfolg ihrer Vermittlung sehr zufrieden und watschelte nun geschäftig voraus nach dem Garten. Dieser bestand aus einem dichten Gewirr von alten, verwahrlosten Bäumen und wild wucherndem Gesträuch. Die »schönen Wege« glichen geradezu Drahtverhauen, aber die massive Frau legte wie ein Tank alle Hindernisse nieder. Schließlich ging es eine kleine Bodenwelle hinauf zu einer mächtigen Buche, unter der eine halb verfallene Bank stand. Hier gab es wirklich Sonne und sogar so etwas wie einen Ausblick, denn man konnte über die nahe Mauer hinweg ein Stück des Weidelandes sehen.

Mrs. Drew ließ sich mit einiger Vorsicht nieder und beschrieb mit ihrem stattlichen Zeigefinger einen weiten Kreis.

»Da können Sie treiben, was Sie wollen, Miss«, versicherte sie mit einem beruhigenden Zwinkern. »Hierher kommt kein Mensch. Aber gar zu nahe an die Mauer dürfen Sie nicht heran und darüber hinaus natürlich schon gar nicht. Es könnte Sie doch jemand sehen, und dann wäre das Unglück fertig.«

Isabel horchte betroffen auf.

»Man hat Ihnen gesagt . . .?« begann sie bestürzt, aber die gescheite Mrs. Drew verstand bereits und nickte mit großem Nachdruck.

»Natürlich hat man mir gesagt«, erklärte sie etwas gekränkt und spitz. »Wenn ich aufpassen soll, muß ich doch wissen, worum es geht. Mir wär's aber weit lieber, ich wüßte nichts davon, denn es kann schlimm ausfallen, und dann hänge ich auch wieder mit.« Sie seufzte sorgenvoll und faltete dann die Hände behaglich über dem Leib, weil endlich der große Augenblick gekommen war, den sie so ungeduldig erwartet hatte. »Ich kenne das, denn ich bin durch meine Gutherzigkeit schon einige Male so ins Unglück geraten. Aber noch einmal würde ich es nicht überleben. – Sie wissen ja nicht, wie es dort zugeht, Miss. So ein Gefängnis ist das Niederträchtigste, was es auf der Welt gibt. Fortwährend heißt es nur arbeiten, arbeiten und wieder arbeiten, und die nichtsnutzigen Aufseherinnen sitzen einem dabei im Genick und werden dick und fett. Nicht einmal einen kleinen Plausch darf man sich erlauben, weil dieses Pack gleich dazwischenfährt. Und wenn man ganz unschuldig den Mund aufmacht, ist sofort der Teufel los. Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen, daß Ihnen die Augen übergehen würden. Einmal ist so ein feines, junges Ding wie Sie bei uns gewesen, das ist aus Verzweiflung abends immer mit dem Kopf gegen die Wand gerannt. Das war so schrecklich, daß ich noch jetzt manchmal davon träume . . .«

Die gemütvolle Frau schluckte und schielte nach Isabel, die mit totenblassem Gesicht und schreckhaft geweiteten Augen an dem Baum lehnte.

»Ja«, setzte Mrs. Drew für alle Fälle noch hinzu, »so was ist kein Spaß, und ich gehe auch lieber ins Wasser, ehe ich mich noch einmal einsperren lasse. Das werden Sie doch sicher nicht auf dem Gewissen haben wollen . . .«

Damit glaubte sie ihren Ermahnungen fürs erste genügend Nachdruck verliehen zu haben. Sie hätte zwar noch manches Schreckliche zu sagen gehabt, aber das konnte ein andermal geschehen. Augenblicklich drängte es sie, wieder nach vorn zu kommen und Molly auf die Finger zu schauen. Das ungeratene Ding war imstande, oben in den Gastzimmern alles durchzuwühlen, und wenn dabei etwas verlorenging, konnte es am Ende einen argen Verdruß mit dem Herrn geben.

Aber zu ihrer Überraschung kam ihr Molly bereits auf halbem Wege entgegen.

»Was ist los?« fragte Mrs. Drew besorgt, da ihr die Miene ihrer Tochter nicht gefallen wollte.

»Drüben beim Meilenstein ist heute nacht wieder ein Unglück geschehen«, stieß Molly aufgeregt hervor. »Der Postbote, der vorbeigekommen ist, hat mir davon erzählt, und ich bin ein Stück mit ihm gegangen.« Sie heftete die wasserblauen Augen mit einem scheuen Ausdruck auf die Mutter, und ihre Stimme klang etwas heiser. »Es soll in Blackfield alles voll Polizei sein . . . Der verdammte Perkins ist auch dabei.«

Mrs. Drew fuhr sich mit den Händen an die stämmigen Knie, die dieser Nachricht nicht gewachsen waren. Das Unglück machte ihr nichts aus, aber der Name des Chefinspektors verursachte ihr die schrecklichsten Zustände.

»Pfui Teufel . . .«, vermochte sie nur zu stammeln, und auch Molly fühlte sich gar nicht wohl.

»Ja«, stimmte sie besorgt bei, »der wird jetzt in der ganzen Gegend herumschnüffeln, und es wäre vielleicht am besten, man machte sich für ein paar Tage dünne.«

»Hierher kommt er nicht«, versuchte Mrs. Drew sich selbst zu beruhigen, aber es hörte sich mehr weinerlich als überzeugt an. »Was hätte er denn auch hier zu suchen? Wir sind ja so weit von der Landstraße weg, und auch wenn sie auf den anderen Weg geraten sollten, werden sie sich um Alderscourt wohl kaum weiter scheren.«

Molly verriet lebhafte Aufregung und sah sich scheu nach allen Seiten um.

»Darauf möchte ich mich nicht verlassen«, tuschelte sie geheimnisvoll. »Die Polizei fragt wegen des Autos herum, das kaputt gegangen ist. Man weiß nicht, wem es gehört und wie es zu dem Meilenstein gekommen ist. Da habe ich mich an den Wagen drüben in der alten Scheune am Weg erinnert und jetzt im Vorübergehen rasch hineingeguckt. – Er ist nicht mehr da, obwohl ich beschwören könnte, daß ich ihn gestern gegen Abend noch deutlich drin gesehen habe. Die Ritzen sind ja so groß, daß . . .«

»Pschschscht . . .«, warnte Mrs. Drew entsetzt, und ihre Lippen klapperten so, daß sie sekundenlang keinen weiteren Laut hervorzubringen vermochte. Aber dann verzog sich ihr breites Gesicht zu einer bitterlichen Anklage, und Molly bekam einen höchst giftigen Blick ab. »Das kommt von deiner verdammten Schnüffelei«, jammerte sie verzweifelt. »Was gehen dich diese Sachen an? Jetzt werde ich keine ruhige Stunde mehr haben . . .«

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