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Der schwarze Meilenstein

Louis Weinert-Wilton: Der schwarze Meilenstein - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer schwarze Meilenstein
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1954
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20150721
projectidd8c2910e
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12

Da war vorläufig nichts zu machen, und der Mann schlug sich daher hinter einen etwas entfernteren Busch, um dem aufgeregten Vieh aus der Nase zu kommen.

Es verstummte auch nach einer Weile, schlug jedoch plötzlich von neuem an. Die Laute klangen aber diesmal nicht so gereizt und bösartig und mußten eine andere Ursache haben, Der Mann in dem Gebüsch hob lauschend den Kopf und spähte durch die deckenden Zweige. Vielleicht ergab sich für ihn doch noch eine Gelegenheit, einen Blick in das Gehöft zu tun, ohne daß man durch das Treiben des Hundes auf ihn aufmerksam wurde.

Die Umfassungsmauer an sich bildete kein besonderes Hindernis, obwohl sie dicht mit Glasscherben und anderen tückischen Dingen gespickt war. Dieses Alderscourt sah fast wie eine kleine Festung aus, und die mächtigen Tore in dem steinernen Wall erhöhten diesen Eindruck. Durch diese breiten Pforten waren einst die schweren Wirtschaftswagen direkt in die Scheunen und Remisen gefahren, die den ganzen Hof umschlossen, aber heute waren die Schwellen dicht mit Gras und allerlei Unkraut verwachsen.

An dem nächsten der dunklen Tore zeichnete sich plötzlich ein noch dunklerer Schatten ab, der aus dem Boden gewachsen zu sein schien, und der Beobachter wand sich blitzschnell und lautlos aus seinem Versteck. Während keine zwanzig Schritte von ihm ein Vorhängeschloß klapperte, tat er, tief gebückt, einige katzenartige Sprünge, und als die kleine Tür in dem einen Torflügel aufging, hätte er den Fuß des Mannes fassen können, der diesen ungewöhnlichen Eingang nach Alderscourt wählte.

Der Ankömmling fühlte sich aber offenbar vollkommen sicher. Er schloß die Tür von innen lediglich durch einen Holzpflock und gab sich auch keine sonderliche Mühe, seine Schritte zu dämpfen. Man konnte deutlich verfolgen, wie er sich auf dem harten Boden entfernte.

Die Schritte waren für den zweiten Mann, dem der einfache Pflock keine Schwierigkeiten bereitet hatte, ein willkommener Wegweiser. Er blendete das Licht seiner starken Taschenlampe zu einer winzigen Scheibe ab und suchte sich nur den Weg einzuprägen, auf dem er dem andern nacheilte: Zuerst eine Tenne, dann nach links durch eine ehemalige Geschirrkammer und jetzt wieder durch eine Scheune. Nun abermals nach links durch einen langgestreckten Stall in einen Holzschuppen, in dem noch vermorschte Hackstöcke herumstanden.

In dem nächsten Raume wurde eben ein Schlüssel gedreht, und der Verfolger verharrte einige Augenblicke regungslos. Vielleicht war sein Unternehmen doch vergeblich gewesen. Wenn der Mann hinter sich abschloß, mußte er unverrichteterdinge wieder umkehren, denn mit einem richtigen Schloß vermochte er ohne entsprechendes Werkzeug nicht fertig zu werden. Und wenn auch die Türen zwischen den einzelnen Wirtschaftsräumen offenbar schon längst verfeuert waren, die Tore nach dem Hofe schienen noch sehr widerstandsfähig zu sein.

Aber es ging auch weiterhin über Erwarten gut, und als der Eindringling sich behutsam durch die nächste Maueröffnung schob, hatte er sogar einen Erfolg, der allein schon seinen abenteuerlichen Einfall lohnte. Der große graue Wagen, der hier stand und noch alle Spuren einer wilden Fahrt aufwies, gab ihm die Gewißheit, auf der richtigen Spur zu sein.

Er wollte sie nun unbedingt verfolgen, so weit es ging, und suchte in der Remise nach der Tür, die vorhin aufgeschlossen worden war. Sie gab ohne weiteres nach. Offenbar wollte der erste Mann hier in kurzer Zeit seinen Rückweg nehmen und sich dabei nicht lange aufhalten. Aber dann würde er wohl wieder hinter sich abschließen, und es hieß daher für den, der ihm folgte, sich nach einem andern Ausgang ins Freie umzusehen, falls er zu spät kommen sollte.

Die kleine Tür führte in eine Art gedeckten Gang, der im rechten Winkel abbog und an dem einen Ende etwa in Manneshöhe eine Luke aufwies, durch die ein Stück des nächtlichen Himmels zu sehen war. Sie mußte sich also in der Umfassungsmauer befinden, und die Reise schien um den halben Hof herumgegangen zu sein.

Am andern Ende des Ganges gab es wieder eine Tür, in der ein mächtiger Schlüssel steckte, und daneben führte eine schmale hölzerne Treppe empor.

Der Mann aus dem Gebüsch entschied sich für den unteren Weg, aber die Tür war versperrt, und als er den Schlüssel drehte, kreischte das verrostete Schloß schrill auf.

Glücklicherweise ging das fatale Geräusch in dem Höllenspektakel unter, den der Köter auf dem Hofe seit einer Viertelstunde wieder veranstaltete. Er schoß wie toll umher, sprang an den Wirtschaftsgebäuden in die Höhe und gab so furchtbare Laute von sich, als ob eine ganze Menagerie in einer wilden Balgerei begriffen wäre.

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