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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090103
projectid8bc25582
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Siebentes Kapitel

Die kleine Louise.

Cherubin ist immer im Dorfe, wohnt immer noch bei seiner Amme, Nicolle Frimousset, und doch ist Cherubin schon zehn Jahre alt; obgleich zärtlich, ist er doch gesund, und die Leistung einer Amme seit Langem nicht mehr bei ihm vonnöthen. Aber der Erbe des Marquis von Grandvilain hat fortwährend die gleiche Anhänglichkeit an den Aufenthaltsort seiner Kindheit beibehalten, – und wird böse, wenn man ihm vorschlägt, denselben zu verlassen.

Indessen ist Jakob, der Pflegevater, trunksüchtiger als je, und Nicolle, immer ihrem Manne in den Haaren liegend, mit zunehmenden Jahren selten bei guter Laune; auch ihre beiden Jungen sind nicht mehr im Dorfe: der eine ist Maurer in Orleans, der andere bei einem Zimmermann zu Livry in der Lehre.

Ungeachtet dessen gefällt es Cherubin stets bei seiner Amme, wo er ein kleines Mädchen, das nur zwei Jahre jünger ist als er, zur Gesellschaft hat.

Wenige Tage vor des Marquis von Grandvilains Tode stieg nämlich eines Morgens eine ganz junge Dame aus der Stadt, deren Kleidung ziemlich elegant war, vor der Wohnung Nicolle's aus einem Fiaker ab. Diese junge, schön und vornehm aussehende Dame war sehr blaß und schien sehr angegriffen; sie trug ein kleines, etwa ein Jahr altes Mädchen auf ihren Armen und sagte, sich an Jakobs Frau wendend, mit einer von Thränen erstickten Stimme:

»Hier ist meine Tochter ... sie ist erst ein Jahr alt, nimmt aber schon seit einigen Monaten die Brust nicht mehr. Ich wünschte, sie bei braven Leuten, die gehörige Sorge für sie tragen und sie wie ihr eigenes Kind behandeln würden, in die Kost zu geben. Wollt Ihr sie übernehmen, liebe Frau? ich kann meine Tochter nicht bei mir behalten ... es ist sogar möglich, daß ich sie lange nicht zurückverlangen kann ... Hier, in dieser Rolle sind dreihundert Franken ... das ist Alles, worüber ich in diesem Augenblick zu verfügen vermag, aber ehe ein Jahr vergeht, werde ich Euch eine ähnliche Summe zuschicken ... wenn ich nicht schon vor dieser Zeit zurückkehre, um mein Kind zu umarmen.«

Nicolle, die sich bei Verpflegung des ersten Kindes sehr gut stand, glaubte, es wende sich ihr ein neues Glück zu und ging mit Freuden in den Vorschlag ein. Die junge Dame übergab ihr das kleine Mädchen, das Geld, ein ziemlich großes, die Kleidungsstücke des Kindes enthaltendes Paket, und stieg, nachdem sie ihre Tochter noch einmal geküßt, rasch in die Chaise, die sogleich wieder abfuhr.

Jetzt erst fiel es Nicollen ein, daß sie die junge Dame weder um ihren Namen, noch ihre Adresse, noch um den Namen des Kindes gefragt hatte; aber es war zu spät, die Chaise schon zu weit entfernt, doch tröstete sich Nicolle bald über ihre Vergeßlichkeit und dachte:

»Was schadet's! diese Dame kommt ja wieder ... sie will ohne Zweifel ihr Kind nicht verlassen ... sie hat mir hundert Thaler gegeben! ... damit kann ich mich schon gedulden und dann ist sie so gar hübsch, diese Kleine; es ist mir zu Muthe, als wenn ich sie auch umsonst behalten hätte. Wie will ich sie doch nennen? ... ei was! Louise, weil heute der Sanct-Ludwigstag ist; ... kommt ihre Mutter, so kann sie mir, wenn ihr dieser Name mißfällt, ihren eigentlichen Namen sagen ... Wie dumm ich doch gewesen bin, sie nicht darnach zu fragen ... sie schien auch so eilfertig, so bewegt, diese Dame ... also, Louise, es ist ausgemacht; das soll eine Gesellschafterin für Cherubin geben, dann wird er sich nicht so bald bei uns langweilen, der liebe Knabe ... und je länger wir ihn behalten können, je besser befinden wir uns dabei.«

Und in der That wurde das kleine Mädchen die treue Gespielin Cherubins; sie wuchs mit ihm auf, theilte all' seine Spiele, all' seine Freuden; Cherubin war unzufrieden, wenn Louise nicht bei ihm war. Die Lebhaftigkeit des kleinen Mädchens gesellte sich vortrefflich zu der natürlichen Sanftmuth des jungen Marquis; und als dieser sich zu einem recht hübschen Knaben entwickelte, sah man deutlich, daß auch Louise ein recht hübsches Mädchen zu werden versprach. Die junge Dame jedoch, welche Nicollen dieses Kind, dessen Mutter sie sich nannte, überbracht hatte, war nicht mehr nach Gagny zurückgekommen; ein einziges Mal, ein Jahr nach ihrem Besuche, erschien eine Art von Paris geschickter Commissionär bei Frimoussets und übergab ihnen eine Rolle, welche dies Mal nur hundertfünfzig Franken enthielt, mit den Worten:

»Es ist von der Mutter des Euch im vergangenen Jahr überbrachten Kindes; sie läßt Euch fernerhin ihre Tochter anempfehlen.«

Darauf hatte Nicolle diesen Mann ausgeforscht und ihn nach dem Namen und der Wohnung der Dame, die ihn sende, gefragt, aber der Commissionär entgegnete, daß er sie nicht kenne; man sei in Paris zu ihm auf seinen Platz gekommen und habe ihn, nachdem man sich überzeugt, daß er ein berechtigter Commissionär sei, unter Vorausbezahlung mit diesem Auftrag hierher gesendet.

Weiter konnte Nicolle nicht erfahren, und hatte seitdem weder Nachrichten noch Geld erhalten. Aber Louise war so lieblich, daß es ihrer Pflegemutter nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen war, sie fortzuschicken. Außerdem hing Cherubin herzlich an ihr; das junge Mädchen war ein weiteres Band, das ihn bei seiner Amme festhielt, und wenn sich etwa Jakob einige Bemerkungen über das nunmehr unentgeltlich aufgezogen werdende Kind erlaubte, so entgegnete ihm seine Frau:

»Schweig, Trunkenbold, das geht Dich nichts an, wenn die Mutter der Kleinen nicht kommt, sie abzuholen, so ist sie vielleicht schon gestorben, oder ist sie eine sehr schlechte Mutter; ist sie todt, so muß ich ihre Stelle bei dem Kinde ersetzen; ist sie aber eine schlechte Mutter, so wäre Louise unglücklich bei ihr, und dann ist es besser, wenn sie bei mir bleibt.«

Während Cherubin neben seiner kleinen Freundin aufwuchs, leitete Jasmin fortwährend das Hauswesen des Marquis von Grandvilain; er hielt die Ausgaben in Ordnung, die Dienerschaft durfte keinen Exceß begehen, und er selbst betrank sich wöchentlich nur einmal, was sehr rücksichtsvoll und bescheiden war von einem Manne, der sich die Ueberwachung des Kellers ausdrücklich vorbehalten hatte. Aber Jasmin dachte unausgesetzt an seinen jungen Herrn; er besuchte ihn manchmal, blieb zuweilen ganze Tage in Gagny und fragte Cherubin jedesmal, ob er mit ihm nach Paris in sein Hôtel zurückkehren wolle? Aber der Knabe weigerte sich standhaft, und Jasmin tröstete sich, wenn er allein heimkehrte, mit dem Gedanken:

»Der junge Marquis befindet sich sehr wohl, das ist die Hauptsache.«

Wenn Jasmin zum Notar ging, um Geld zu verlangen, was nie geschah, ohne daß er ihm eine genaue Liste seiner Ausgaben überreichte, so belobte ihn dieser stets wegen seiner Rechtschaffenheit und Sparsamkeit in Betreff der Auslagen für das Haus, und fragte den treuen Diener jedes Mal:

»Wie geht's unserem jungen Marquis?«

»– Er befindet sich ausgezeichnet!« entgegnete Jasmin.

»– Er muß jetzt groß sein, er ist beinahe schon elf Jahre alt.«

»– Er ist sehr hübsch gewachsen ... er hat ein reizendes Angesicht ... das wird ein kleiner Edelstein, in den sich alle Frauen vernarren werden, wie sie sich einst in seinen hochseligen Vater vernarrten ... nur mit dem Unterschiede, setze ich voraus, daß es nicht mehr dieselben Frauen sind.«

»– Das ist ganz recht, aber die Studien ... rücken sie vorwärts? ... haben Sie den kleinen Marquis in eine gute Anstalt gegeben?«

»– In eine vortreffliche, mein Herr, o! er befindet sich in einem sehr guten Hause! ... er ißt, so viel er mag.«

»– Ich bezweifle nicht, daß er eine gute Kost hat, allein das genügt nicht, in seinem Alter ist besonders geistige Nahrung nöthig; ist man zufrieden mit ihm?«

»– Entzückt ... man möchte sich niemals von ihm trennen! ... er ist so artig! ...«

»– Hat er schon Preise erhalten?«

»– Preise! ... Nein, man macht ihm noch keine Preise, sondern mir, aber er erhält Alles, was er nur will, man verweigert ihm nichts.«

»– Sie verstehen mich nicht: ich wollte sagen, ob er seiner Arbeiten wegen Preise erhalten habe? Ist er stark im Lateinischen, Griechischen, in der Geschichte? ...«

Bei diesen Fragen war Jasmin in einiger Verlegenheit, er hustete und stotterte einige Worte, die Niemand verstand.

Aber der Notar, der diese Verlegenheit einer andern Ursache zuschrieb, fuhr fort:

»Ich spreche über Dinge mit Ihnen, die Sie nicht verstehen; nicht wahr, mein alter Jasmin, das Lateinische und Griechische gehört nicht in Ihr Departement? ... Indeß werde ich, wenn ich einige freie Zeit habe, Sie besuchen und Sie werden mich zu dem jungen Marquis führen.«

Jasmin entfernte sich und dachte:

»Teufel! Teufel! ... wenn er eines Tages meinen kleinen Cherubin besucht, wird er schwerlich mit seinen Studien zufrieden sein; es ist aber nicht meine Schuld, wenn der Herr Marquis nicht von seiner Amme fort will. Dieser Notar spricht immer von der geistigen Nahrung mit mir ... Es scheint mir, daß wenn ein Junge viermal des Tags mit Appetit ißt, sein Geist ebensowenig nüchtern bleiben kann, wie sein Magen, er müßte denn einen bösen Willen dabei haben.«

Eines Tages jedoch, nach einem Besuche bei dem Notar, wo dieser dem alten Kammerdiener wieder sehr ans Herz gelegt hatte, den jungen Marquis seinen Professoren zu empfehlen, ging Jasmin unverzüglich nach Gagny und machte sich auf dem Wege Vorwürfe:

»Ich bin ein altes Vieh« ... sprach er zu sich selbst, »ich lasse den Sohn meiner Herrschaft in Unwissenheit, denn ich kann lesen ... was Cherubin schwerlich im Stande sein wird ... Wahrhaftig, so darf es nicht fortgehen ... später würde man sagen: Jasmin hat für das ihm anvertraute Kind keine Sorge getragen ... Jasmin ist des Vertrauens, das ihm der hochselige Herr von Grandvilain schenkte, nicht würdig! ... Man soll das nicht von mir sagen ... Ich bin jetzt sechzig Jahre alt, aber das ist kein Grund, ein Dummkopf zu sein ... Ich will Charakterstärke zeigen.«

Jasmin langte bei Nicollen an, die er im untern Zimmer beschäftigt fand, während Jakob in einem alten Lehnstuhl schlief.

»Meine Freunde,« sagte Jasmin, als er in die Stube trat, mit sehr geschäftigem Wesen und seine großen Augen rings herum wälzend, »so kann es nicht bleiben! ... o! ... wir müssen Alles vollständig verändern!«

Nicolle blickte den alten Diener mit Staunen an und fragte: »Sie wollen unser Haus verändern? ... Sie finden diese Stube zu düster ... Ach was! wir sind daran gewöhnt ...«

»Wollen wir nicht ein Gläschen trinken?« fiel Jakob aufstehend und sich die Augen reibend ein.

»– Alsbald, Jakob, alsbald! Meine Freunde, ihr versteht mich nicht. Es handelt sich von eurem Zögling ... meinem jungen Cherubin, dem ihr nur das Essen gebt ... das ihr selbst genießet ...«

»– Ist der liebe Junge nicht zufrieden?« rief Nicolle aus, »mein Gott, ich geb' ihm Alles, was er begehrt; er soll nur reden! Ich will ihm Torten, Fladen, Kuchen ... machen.«

»– Ich spreche nicht davon, Nicolle; es handelt sich nicht von dieser Nahrung. Cherubin bedarf jetzt geistiger Nahrung in Menge.«

»– Geistige Nahrung ... ja soll denn der arme Junge ein Schnapsbruder werden?«

»– Ich sag Euch noch einmal, Frau Frimousset, laßt mich doch sprechen; mein Herr muß gelehrt werden, oder so etwas; es handelt sich nicht vom Essen, sondern vom Studiren ... was lernt er bei euch? kann er lesen, schreiben, rechnen?«

»Meiner Treu, nein,« antwortete Nicolle, »Sie haben hierüber nicht mit uns gesprochen, wir haben geglaubt, das sei überflüssig ... und hielten um so weniger für nöthig, daß sich Cherubin einem Stande widme, da er sehr reich werden wird.«

»– Es ist auch nicht davon die Rede, sich einem Stande zu widmen, sondern davon, gelehrt zu werden.«

»– Ach, ich verstehe, wie der Herr Schulmeister, der immer Worte in seine Gespräche hineinwirft, aus denen der Teufel nicht klug wird.«

»– Das ist's ... O! wenn Cherubin solch' schöne Redensarten im Leibe hätte ... die Niemand verstehen kann, das wäre ein Glück! Ihr habt also einen gelehrten Schulmeister im Dorfe?«

»– Freilich: Herrn Gerundium.«

»– Grunddumm! ... der Name klingt zwar nicht sehr gelehrt, doch um so besser, denn ich habe mir sagen lassen, daß gerade die gelehrtesten Leute oft die einfältigsten Namen haben. Glaubt Ihr, daß Herr Grunddumm einwilligen würde, meinem jungen Herrn Stunden im Hause zu geben? denn es geht unmöglich an, daß der Herr Marquis mit all' den Dorfjungen die Schule besuche.«

»– Warum sollte Herr Gerundium nicht kommen? er hat schon zwei oder drei Kinder von Bürgersleuten, die den Sommer in Gagny zubringen, unterrichtet. Ueberdies sitzt dieser gute Mann nicht in der Wolle, und um Geld zu verdienen ...«

»– Wenn's nur daran hängt; ich bezahle ihm so viel er will ... Könnte ich nicht mit ihm sprechen ... ihn sehen, diesen Herrn Grunddumm?«

»– Nichts leichter als das ... Jakob, geh', hol' ihn her ... Es ist fünfe vorbei, seine Schule ist aus ... Jakob, Du wirst ihn bei der Bäckerin Manon antreffen, weil er alle Tage dort hingeht, um in ihrem Ofen, so lange er noch warm ist, seine Kartoffeln zu sieden.«

»Geht, lieber Jakob, führt mir diesen Gelehrten herbei, hernach trinken wir einige gute Flaschen Wein zusammen, wozu ich Herrn Grunddumm auch einladen will!«

Dieses Versprechen rüttelte Jakob auf; er ging mit der Versicherung, sich zu beeilen; alsdann fragte Jasmin Nicollen: »Wo ist mein junger Herr?«

»– Mein Söhnchen? ...«

»– Mein Herr, der junge Marquis von Grandvilain ... er ist nun elf Jahre alt, liebe Nicolle, ich meine, er sei etwas zu groß, als daß Ihr ihn noch Euer Söhnchen heißen solltet.«

»– Ach mein Gott! die Gewohnheit ... was kann ich dafür ... er ist im Garten unter den Zwetschenbäumen.«

»– Allein?«

»– O! nein ... Louise ist bei ihm ... stets bei ihm. Er muß sie immer um sich haben.

»– Ach! das kleine Mädchen, das man Euch überließ, und deren Eltern Ihr nicht kennt ...«

»– Mein Gott, ja!«

»– Und Ihr sorgt stets für sie?«

»– Freilich! ein Kind mehr, was thut das ... Wo es für drei reicht, reicht es auch für viere.«

»– So sagte auch mein Vater, wenn er einen Theil meines Frühstückes abbrach, und doch stand es bei uns schon so, daß, was für viere reichen sollte, eigentlich nur für zweie genug war. Gleichviel, Frau Frimousset, Ihr seid eine brave Frau! und wenn Cherubin von Euch weggeht, werdet Ihr ein schönes Geschenk erhalten.«

»– Ach! sprecht nicht davon, ich würde weit lieber Verzicht auf das Geschenk leisten, als daß mich jemals mein Söhnchen verlassen sollte.«

»– Ah! das will ich glauben ... indessen können wir ihn nicht bis zum dreißigsten Jahre bei der Amme lassen; das schickt sich nicht. Uebrigens will ich ihm bis zur Ankunft des Herrn Grunddumms meine Aufwartung machen, und ihn davon unterrichten, daß er gelehrt werden muß.«

Cherubin saß im Hintergrunde des Gartens, der an einen Weinberg stieß. Dort breiteten nie beschnittene Bäume ihre mit Früchten beladene Aeste aus, wie wenn sie dem Menschen beweisen wollten, daß die Natur zum Wachsen und Fruchtbarsein seiner Hülfe nicht bedürfe.

Der Sohn des Marquis von Grandvilain hatte angenehme regelmäßige Züge; seine großen blauen Augen waren besonders von ausgezeichneter Schönheit und schienen, vermöge ihres sanften und schmachtenden Ausdrucks, eher einem Frauenzimmer, als einem Manne anzugehören; lange, braune Wimpern beschatteten diese reizenden Augen, die Allem nach Jasmin's Prophezeihungen verwirklichen und einst viele Eroberungen machen sollten. Der Rest seines Angesichtes hatte sonst nichts Merkwürdiges, außer, daß die Hautfarbe des kleinen Cherubins so weiß war, wie die eines weißen Mädchens, denn der Aufenthalt auf dem Lande hatte den jungen Marquis nicht gebräunt, da Nicolle, die immer die äußerste Sorgfalt für ihren Pflegling trug, nie gestattete, daß er sich der Sonne aussetzte, und der kleine Knabe, der nicht zu den harten Feldgeschäften angehalten wurde, stets Gelegenheit hatte, Schatten und Kühle aufzusuchen.

Die kleine, damals neunjährige Louise hatte eines jener hübschen, zugleich heitern und melancholischen Köpfchen, welche die Maler mit Vergnügen kopiren, wenn sie uns ein junges Mädchen aus der Schweiz oder der Gegend des Genfersee's darstellen wollen. Es war ein herrliches Antlitz im Geschmack der Raphael'schen Jungfrauen, worin sich auch Melancholie mit französischer Grazie vereinigt. Louisens Augen und Haare waren pechschwarz, aber sehr lange Wimpern mäßigten ihren Glanz und verliehen ihnen eine Milde, welche unerklärlichen Reiz übte; eine hohe, stolze Stirne, ein ganz kleiner Mund und weiße, wie Perlen aneinander gereihte Zähne, vollendeten in diesem Kinde eines der schönsten Mädchen, denen man weit umher begegnen konnte; und wenn Louise noch dazu lachte, so verliehen zwei Grübchen, die sich in ihren Wangen bildeten, ihrem ganzen Wesen eine weitere Schönheit; – und das junge Mädchen lachte oft, denn sie war erst neun Jahre alt; Nicolle behandelte sie wie ihre Tochter, Cherubin wie seine Schwester, und sie ahnte noch nicht, daß sie von ihrer Mutter verlassen worden.

Als Jasmin in den Garten kam, waren Cherubin und Louise eifrig mit Zwetschenessen beschäftigt. Das kleine Mädchen pflückte und warf sie ihrem Gespielen zu, der unter einem so schwer mit Früchten beladenen Baume saß, daß die Zweige unter ihrer Last fast zu brechen schienen.

Jasmin nahm seinen Hut ab, begrüßte seinen Herrn ehrfurchtsvoll und entblöste sein Haupt, das beinahe ganz kahl war, obgleich die wenigen in der Nähe der Ohren noch übrig gebliebenen Haare sorgfältig nach vorn über die Stirne gekämmt und geklebt waren, was dem alten Diener von ferne das Aussehen gab, als hätte er sich ein Band um den Kopf gebunden.

»Ich bezeige dem Herrn Marquis meine Ehrfurcht,« sagte Jasmin.

Im nämlichen Augenblicke schüttelte das kleine Mädchen an einem Zweige des Zwetschenbaumes, der sich über dem Kopfe des Kammerdieners ausbreitete, und ein Zwetschen-Regen überschüttete das Haupt Jasmins.

Jetzt brach ein lautes Gelächter hinter dem Baume hervor, in das Cherubin mit einstimmte, während der alte Diener, der um keinen Preis der Welt in Gegenwart seines jungen Herrn den Hut aufgesetzt hätte, sich mit Ergebung dem Zwetschen-Regen unterwarf.

»Die Gesundheit meines jungen Herrn scheint fortwährend in trefflichem Zustande zu sein,« fuhr Jasmin fort, nachdem er einige Zwetschen, die sich zwischen seine Halsbinde und seinen Rockkragen festgesetzt hatten, von sich geschüttelt hatte.

»Ja, ja, Jasmin! ja ... sieh' doch, wie schön sie sind ... und so gut dabei ... iß doch, Jasmin, Du brauchst Dich nur zu bücken und aufzulesen ...«

»– Der gnädige Herr sind sehr gütig; aber die Zwetschen verursachen Ungelegenheiten ... ich wünsche vor allen Dingen zu wissen, ob der gnädige Herr endlich geneigt sind, mit mir nach Paris zu gehen ... sein Hôtel ist stets zu seinem Empfange gerüstet ...«

Jasmin konnte seinen Satz nicht vollenden, weil ein neuer Zwetschenregen auf sein Haupt fiel. Diesmal schaute er unmuthig um sich, aber das schelmische, kleine Mädchen hatte sich rasch hinter einen Baum versteckt, und Cherubin rief aus:

»Nein, Jasmin, nein, ich will nicht nach Paris gehen, ich bin so gerne hier, und habe Dir schon gesagt, daß ich mich in Paris langweilen würde ... während ich mich bei meiner guten Nicolle so sehr ergötze.«

»– Es sei, Herr Marquis, ich will Sie in diesem Punkte nicht incommodiren, aber dann handelt es sich davon, daß Sie Ihre Zeit nicht mehr mit Spielen vergeuden dürfen; Sie müssen studiren, mein lieber Herr, Sie müssen gelehrt werden ... das ist unumgänglich nothwendig und ...«

Ein abermaliger Zwetschenregen, stärker, als die vorhergehenden, schnitt Jasmin wiederum das Wort ab, und als er fühlte, daß zwei auf seinem Haarband aufgeplatzt waren, wendete er sich zornig um und schrie:

»O, das ist doch zu stark ... man will, wie es scheint, ein Muß auf meinem Kopf bereiten ... Ah! die Kleine spielt mir solche Streiche ... das ist schön, Fräulein, es stehet Ihnen an, noch zu lachen ... ich möchte wissen, warum! ...«

Louise hatte sich lachend hinter Cherubin versteckt, und dieser, welcher über die Geberden seines alten Dieners ebenfalls lachen mußte, sagte zu ihm:

»Das ist Deine Schuld, Jasmin, laß uns in Frieden ... wir haben Zwetschen gegessen und unterhielten uns sehr gut, Louise und ich, warum kommst Du, uns zu stören ... und mir da eine Masse solcher Geschichten zu sagen! ... ich müsse gelehrt werden, ich müsse studiren! ... ich will nicht studiren! ... geh', geh', trinke mit Jakob, geh' fort, geh' fort! ... ich brauche Dich nicht.«

Jasmin schien ziemlich verlegen, endlich begann er wieder:

»Es thut mir leid, daß ich Ihnen widersprechen muß, Herr Marquis, aber Sie sind zu groß, um nicht lesen und schreiben zu können ... Sie müssen sogar eine Menge Dinge lernen ... weil Sie Marquis sind, und ... kurz, der Notar Ihres hochseligen ehrenwerthen Herrn Vaters hat gesagt, Sie müßten im Lateinischen und Griechischen Preise erhalten ... und es scheint, daß man, um Preise zu erhalten, studiren muß ... Ich habe den Schulmeister des Dorfes, Herrn Grunddumm, hierher rufen lassen, er wird kommen und Ihnen Unterricht ertheilen, denn Nicolle hat mich versichert, daß er ein Gelehrter sei ... obgleich er genöthigt ist, seine Kartoffeln in des Bäckers Ofen sieden zu lassen.«

Cherubins Stirne verfinsterte sich, und der kleine Knabe machte eine sehr entschiedene Miene, indem er erwiderte:

»Ich will nicht, daß der Schulmeister herkomme ... ich brauche nicht gelehrt zu werden ... Ihr langweilt mich, Jasmin, mit Eurem Herrn Gehrundum! ...«

Der Gedanke, seinen jungen Herrn zu ärgern, schmerzte Jasmin tief. Er wußte nicht, was er weiter entgegnen oder thun sollte, er drehte seinen Hut hin und her und fühlte, daß man den jungen Marquis endlich mit Gewalt aus seiner Verbauerung reißen müsse, aber er wußte nicht, wodurch dies geschehen könnte, und wäre ihm in diesem Augenblicke ein neuer Zwetschenregen auf das Haupt gefallen, er hätte ihn nicht aus seiner Betäubung erweckt.

Aber Nicolle war dem alten Diener von ferne nachgegangen; sie begriff, daß, wenn Cherubin bei ihr nichts lernen wolle, man genöthigt sein würde, ihn in Paris unterrichten zu lassen; sie fühlte, daß, wenn sie nicht ein Kind, das sie liebte, und das seit elf Jahren den Wohlstand in ihr Haus zurückgeführt hatte, verlieren wolle, ein Mittel ersonnen werden müsse, um den kleinen Knaben zu bewegen, die Stunden des Schullehrers anzunehmen.

Die Frauen, sogar die vom Lande, haben bald unsere schwache Seite entdeckt. Nicolle, die allmählig näher getreten war, und jetzt hinter Jasmin stand, der sich nicht mehr rührte und kein Wort mehr sprach, machte noch einige Schritte weiter gegen die Kinder, nahm alsdann Louisen beim Arme und sagte:

»Hören Sie, Herr Jasmin, ich weiß wohl, was Schuld ist, daß Cherubin nicht arbeiten will; er spielt den ganzen Tag mit dieser Kleinen, und da mir auch viel daran liegt, daß mein Söhnchen ein Gelehrter werde, so will ich Louisen zu einer unserer Verwandten, zwei Stunden von hier führen, die sie gut verpflegen wird, und dann wird sie Cherubin nicht mehr am Lernen verhindern.«

Noch ehe Nicolle diese Worte beendigt hatte, eilte der Knabe auf sie zu, ergriff ihren Rock und bat mit rührender Stimme und thränenden Augen:

»Nein! ... nein! ... führt Louisen nicht fort! ... ich will studiren ... ich will alles Mögliche von Herrn Gehrundum lernen ... aber führt Louisen nicht fort ... o! ich bitte Euch, führt sie nicht fort!«

Nicolle's Mittel hatte angeschlagen. Sie umarmte ihren Pflegling, Louise hüpfte vor Freuden in die Höhe, als sie sah, daß sie nicht fortgeführt werde, und Jasmin wäre auch in die Höhe gesprungen, wenn es ihm sein Alter gestattet hätte; aber er warf wenigstens seinen Hut in die Lüfte und schrie:

»Es lebe der Herr Marquis von Grandvilain, der jüngere! ... ach! ich wußte wohl, daß er sich dazu verstehen würde, ein Gelehrter zu werden!«

In diesem Augenblick erschien Jakob unter der Gartenthüre und rief:

»Hier ist Herr Gerundium, den ich hergeführt habe.«

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