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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090103
projectid8bc25582
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Zweites Kapitel

Ein kleiner Grandvilain.

Kann man sich, wenn man im neunundsechzigsten Jahre heirathet, schmeicheln, Erben zu bekommen und sich in seinen Kindern wieder aufleben zu sehen? Ich glaube nein ... indessen ist es wahrscheinlich, daß man sich dennoch schmeichelt.

Wenn solches der Fall ist, wenn die Gattin eines Greisen Mutter wird, so regnet es mit Spöttereien auf den Ehemann; indessen sind diese Witze und Scherze nicht immer am Platze ... in einem solchen Falle ist es sehr schwierig, Jemanden, der Zweifel hegt, zu überzeugen, daß er Unrecht habe ...

»Plus negare potest asinus, quam probare philosophus.« Ein Esel kann mehr läugnen, als ein Philosoph beweisen.

Fünf Monate waren es, seit Amenais Dufoureau Marquisin von Grandvilain geworden, als sie eines Morgens ihrem Gatten erröthend, mit niedergeschlagenem Blicke und verlegener Miene entgegentrat und zu verstehen gab, daß sie die Hoffnung habe, ihm ein Pfand ihrer Liebe zu schenken.

Herr von Grandvilain stieß einen Jubelschrei aus, erhob sich, umarmte seine Frau, rannte im Zimmer umher, wollte einen Sprung machen und fiel auf den Boden; allein Madame half ihm wieder in die Höhe, und er begann von Neuem, tausend Thorheiten zu machen, denn das Gefühl der Freude ließ ihn sein Alter vergessen. Er war stolz, einen Sohn zu erhalten; er hatte aber auch Grund dazu, um so mehr, als die Tugend seiner Frau so erhaben war, wie die der Gemahlin Cäsar's; man konnte sie nicht einmal verdächtigen.

Von diesem Augenblicke an beschäftigte man sich nur mit diesem Kinde, welches noch nicht geboren war.

Der Herr Marquis war der Ueberzeugung, daß es ein Knabe sein werde. Um sich in seinem Glauben zu bestärken, sprach er zu sich: ein Glück kommt nie allein.

Die Frau Marquisin war entzückt, ein Kind zu bekommen. Ob Knabe oder Mädchen, sie fühlte, daß sie die gleiche Liebe für dasselbe hegen werde; allein um ihrem Gatten gefällig zu sein, schien auch sie auf einen Knaben zu rechnen.

»– Ich werde ihn selbst stillen!« sprach Amenais lächelnd zu ihrem Manne.

»Ja, ja, wir werden ihn stillen!« wiederholte der Marquis, »wir werden ihn weit besser aufziehen, als es eine Säugamme könnte! ... was Teufels! Leute wie wir müssen sich besser darauf verstehen als Bauersleute; wir werden einen Hauptkerl aus ihm machen! denn ich will, daß mein Sohn in allen Stücken seinem Vater gleiche.«

Und indem er so sprach, streckte der alte Marquis sein Bein vor und versuchte es noch einmal zu imponiren. Seit er wußte, daß seine Frau guter Hoffnung war, hielt er sich für zwanzigjährig.

Man kaufte ein prächtiges Kindszeug für den erwarteten Kleinen; man machte große Zurüstungen zum Empfange dieses Sprößlings des Herrn von Grandvilain; der Taumel, dem man sich hingab, war sehr natürlich. Da junge Eheleute die Geburt ihres Kindes feiern, um wie viel mehr müssen es solche thun, die keine Hoffnung mehr haben, daß sich ein ähnliches Ereigniß wiederholen werde.

Je näher der Augenblick herbeikam, wo die Frau Marquisin Mutter werden sollte, um so eifriger umgab sie ihr alter Gemahl mit Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit; dies ging oft so weit, daß Frau von Grandvilain mit ihrer Freiheit auch den Geschmack an solchen Galanterien verlor. Der Herr Marquis gestattete nicht mehr, daß sie zu Fuß ausging, er fürchtete die mindeste Anstrengung für sie, und sorgte dafür, daß sie nichts aß, was ihr schädlich sein konnte, und diese Aufmerksamkeit wurde grausam für Diejenige, welche der Gegenstand derselben war; denn in der einfachsten Sache erblickte der Marquis eine Gefahr und sie wurde ohne Gnade verboten, so daß Frau von Grandvilain gegen das Ende ihrer Schwangerschaft nur noch Brodsuppe erhielt, welches nach der Ansicht des Herrn Marquis die einzige gesunde und ungefährliche Nahrung für sie war. Die Frau Marquisin hatte zwar einen Arzt, der ein ganz entgegengesetztes Verhalten vorschrieb, allein der Herr von Grandvilain hielt mehr auf sich als auf den Arzt, und mit dem zunehmenden Alter wurde er sehr eigensinnig.

Endlich brach der große Tag an! ... es war Zeit für die arme Marquisin, die durchaus der Brodsuppe keinen Geschmack abgewinnen konnte. Amenais gebar einen Sohn.

Herr von Grandvilain hatte sich nicht stark genug gefühlt, bei seiner Frau auszuhalten, während sie in Kindesnöthen lag.

Aber ein Bedienter, der früher Jockey, dann Groom und zuletzt Kammerdiener des Marquis geworden war und nun sein fünfzigstes Jahr erreicht hatte, eilte herbei, ihm diese große Nachricht zu verkünden.

Als er seinen alten Jasmin erblickte, dessen rothes, finniges Gesicht noch einfältiger war, denn gewöhnlich, rief ihm der Marquis zu:

»– Nun! Jasmin? ... ist's vorüber?«

»Ja, Herr Marquis ... es ist vorbei! ... Ach! wir haben viel ausgestanden, aber nun ist's vorbei.«

Man weiß, daß die alten Diener großer Häuser fast allgemein, wenn sie von Dingen sprechen, die ihre Herrschaft betreffen, »uns« zu sagen pflegen; und Herr von Grandvilain verzieh seinem ehemaligen Jockey die Anwendung dieser Redensart.

»– Wie? es wäre vorbei, Jasmin ... Ach! die arme Marquisin ... aber nun heraus mit der Sprache! ... was ist's denn?«

»– Etwas Herrliches, gnädiger Herr! Sie werden höchst zufrieden sein.«

»Aber das Geschlecht, Dummkopf, das Geschlecht? ... hat es denn keines, dieses Kind?«

»– O! und was für eins! ... ein großes, prächtiges! ... kurz wir sind von einem Knaben entbunden worden, mein lieber gnädiger Herr, der ...«

»– Ein Knabe, Jasmin! ... ein Knabe ... Ach! welch' Glück! ach, ich hatte es vorausgesagt! Ich war dessen gewiß ... ich hätte darauf gewettet ... bin ich mir nicht stets bewußt, was ich mache?«

»– Sie sind sehr geschickt, Herr Marquis! ...«

»– Ein Knabe ... Ich habe einen Sohn ... einen Erben meines Namens! Jasmin! ich gebe Dir zehn Thaler zum Geschenk, weil Du mir diese Nachricht überbracht hast.«

»Meinen Dank, theurer Herr! ... Es leben die Grandvilains!«

»– Ich habe einen Sohn ... die Freude ... die ... ach, oh! ... ich kann nicht mehr ... Jasmin, gib mir mein Riechfläschchen ... nein, gib mir lieber ein Glas Madera ... ich fühle mich ohnmächtig ...«

»Nun, Herr Marquis, fassen sie sich,« sagte Jasmin, seinem Herrn ein Glas Madera anbietend. »Jetzt ist nicht der Augenblick, unwohl zu sein.«

»– Du hast Recht ... aber die Bestürzung ... die Freude ... Dies ist das erste Mal, daß ich Vater bin ... daß ich es weiß wenigstens ... und das macht einen so großen Eindruck ... Erzähle mir doch einige Einzelheiten ... während ich mich erhole ... denn mir mangelt noch die Kraft, zu meiner Frau zu gehen.«

»– Nun! Herr Marquis, denken Sie sich, daß ich vor dem Zimmer der Madame Schildwache stand, um es Ihnen anzuzeigen, sobald wir niedergekommen sein würden; denn ich dachte mir wohl, Sie würden ungeduldig sein, das Ergebniß zu erfahren ...«

»Ganz gut, Jasmin ... weiter, weiter! beeile Dich!«

»Nach kurzer Zeit höre ich ein Geschrei ... Ich hatte Lust, durchzugehen, aber ich hielt es doch aus, und um standhaft zu bleiben, nahm ich eine große Prise Tabak. Plötzlich öffnet man der gnädigen Frau Thüre ... es war der Accoucheur ... er sieht mich ... er suchte Jemand und gab mir ein Zeichen, einzutreten. Ich gehorchte.«

»– Wie, Dummkopf, Du drangst in das Zimmer der Frau Marquisin, während sie ...?«

»– Nein, gnädiger Herr, ich blieb in dem kleinen Vorzimmerchen. Alles war in Aufregung ... ... die Wärterin, die Kammerfrau ... die dicke Närrin, die Turlurette, ließ sich beikommen, ohnmächtig zu werden, statt Dienste zu leisten ...«

»– Dies beweist ihre Anhänglichkeit an meine Frau, Jasmin, fahre fort ...«

»– Verzeihung, mein Herr, ich muß mich zuvor schnäuzen ... Kurz, man rief mich, der Turlurette beizustehen, aber ich, der weit mehr in Sorgen für die gnädige Frau war, rief aus:

»Vor allen Dingen, sind wir entbunden? ...«

»Freilich,« entgegnete der Arzt.

»– Was haben wir denn?«

»– Nimm' ... Dummkopf!«

Indem er dies sagte, gab mir der Accoucheur ein kleines Päckchen in den Arm ... Stellen sie sich vor, gnädiger Herr, daß ich zuerst glaubte, es sei ein Käse ... es war ganz rund ... und hatte einen sonderbaren Geruch ... aber als ich genau hinsah, gewahrte ich, daß es ein kleiner, kaum aus der Schale gekrochener Knabe war.«

»– Was heißt das, Jasmin? wie, meinen Sohn hattest Du für einen Käse gehalten ...«

»– Ei! mein Herr, wenn man noch nie Neugeborene gesehen hat ... es war das erste Mal, daß ich einen sah ...«

»– Meinen Sohn für einen Käse halten! ... Du bist ein Tölpel, Du bekommst keine Belohnung!«

»– Ach! Herr Marquis ... nicht den Verlust des Geldes bedaure ich, aber ich hätte nicht geglaubt, Ihren Unwillen verdient zu haben! ... um so mehr, als ich, während ich den Kleinen in meinen Armen betrachtete, mit Freuden bemerkte, daß er ganz unsere Züge habe ... uns wie aus dem Gesicht geschnitten sei!«

»– Wie, uns ... Jasmin! ... bist Du betrunken ...?«

»– Verzeihung, Herr Marquis, der Eifer reißt mich hin! Wenn ich sage uns, gnädiger Herr, so will ich eigentlich sagen: Ihnen! ... Denn kurz, es ist ganz Ihr edles Angesicht, Ihre schöne Adlernase ... Ihr kleines hübsches Kinn, er wird auch so schöne Zähne bekommen, wie Sie ... einst hatten ... vom Uebrigen gar nicht zu reden!«

Der alte Marquis kann ein Lächeln nicht unterdrücken, und er antwortet mit sanfterer Stimme:

»– Der liebe Kleine ... nun ... ich habe Dir ein Geschenk versprochen, Du sollst es haben. Ich weiß, daß Du ein treuer Diener bist, mein armer Jasmin, man muß aber auch besonnen reden, wenn man vom Sohne seines Herrn spricht.«

»– Es ist ein wahrer Engel, der uns verliehen wurde, gnädiger Herr ... Ach! wenn ich ihm hätte die Brust reichen können! ... wie glücklich wäre ich gewesen!«

»– Ich fühle mich jetzt kräftig genug, meine Gattin und meinen Sohn zu umarmen ... Komm', Jasmin, führe mich ...«

»– Ja, gnädiger Herr, wir wollen unser Kind sehen.«

Der alte Marquis, den es entzückte, sich im siebenzigsten Jahre wieder verjüngt zu wissen, steht auf, hängt sich an den Arm seines Kammerdieners und bemüht sich, mit demselben in das Zimmer der Wöchnerin zu eilen; da aber Herr und Diener einen äußerst schwerfälligen Schritt hatten, so brachten sie es nur zu einem etwas lebhaftern Gange, kamen aber trotzdem beinahe außer Athem bei der Frau Marquisin an.

Der gnädige Herr umarmte seine Frau mit Freudenthränen, und fiel in seiner Rührung auf das Bett der Wöchnerin, von dem man ihn nur mit äußerster Mühe wegzubringen vermochte, weil das übergroße Glück seine Arme und Beine ganz pelzicht gemacht hatte. Als es gelungen war, den Herrn von Grandvilain in einen großen Lehnstuhl zu setzen, verlangte dieser, um sich zu stärken und im Stande zu sein, seinen Sohn zu umarmen, ein Glas Madera. Jasmin beeilte sich von Neuem, Madera zu holen; er schenkte seinem Herrn ein und sich auch ein Glas, welches er hinter einem großen Fenster-Vorhang ausleerte, da er fand, daß er gleichfalls Stärkung brauchen könne.

»Und wo ist nun mein Sohn?« fragte der Marquis mit bewegter Stimme, rings um sich herblickend.

»Man wird Ihnen denselben bringen, gnädiger Herr,« sagte die dicke Turlurette; »die Wärterin kleidet ihn an, damit er Ihnen vorgezeigt werden kann.«

»Es ist unnöthig, daß man ihn ankleide,« entgegnete der Marquis, »ich will ihn im Gegentheil ganz nackt sehen, ich kann dann seine Kraft ... seinen Körperbau ... viel besser beurtheilen.«

»Ja, ja,« sagte Jasmin, »wir sind sehr erfreut, sehen zu können, was wir zuwege gebracht haben.«

»– Ihr versteht mich, Turlurette; sagt der Wärterin, sie soll mir meinen Sohn nackt wie einen Wurm herbringen.«

»– Ja, man bringe ihn uns wie einen Wilden ohne Feigenblatt!« rief Jasmin.

»– Jasmin, willst Du nicht einen Augenblick Deine Zunge im Zaum halten?«

»– Vergebung, Herr Marquis, es ist die Ungeduld, dieses liebe Herzchen zu bewundern.«

Turlurette besorgt eifrig ihren Auftrag, und bald erscheint die Wärterin, ein großes Becken vor sich hertragend, in dem der Neugeborene sich ganz nackt bewegte und seine kleinen frischen und rosigen Glieder nach Vergnügen ausstreckte. Die Wärterin überreicht dem Marquis das Kind, wie man ehemals einem Eroberer die Schlüssel einer Stadt überreichte.

Beim Anblicke seines Sohnes stößt der Herr von Grandvilain einen Freudenschrei aus und streckt den Arm hin, um ihn zu ergreifen, allein die Bewegung, welche er empfindet, wirkt abermals schwächend auf ihn, er hat nicht die Kraft, seinen Sohn zu nehmen und sinkt ermattet in den Lehnstuhl zurück. Die Wärterin indessen hatte, in der Meinung, der Vater werde das Ueberreichte in Empfang nehmen, das Kind und das Becken losgelassen und Alles wäre zu Boden gefallen, wenn die dicke Turlurette den Neugeborenen nicht glücklicherweise an einem etwas hervorragenden Theile erwischt und so aufgefangen hätte.

Das auf den Boden gefallene Becken zerbrach in Scherben. Bei diesem Lärm glaubte die Marquisin, ihr Kind sei getödtet, und sie rief aus:

»Mein Kind! ... was ist ihm geschehen?«

»Nichts, gnädige Frau!« entgegnete Turlurette, ihrer Gebieterin den kleinen Knaben hinhaltend, »es ist nicht gefallen ... ich habe es an einem ... gewissen Orte zurückgehalten ...«

»Das liebe Herzchen! ... ich bin sehr erschrocken! ... o, mein Gott! Turlurette! ... Sie halten es aber sehr sonderbar ... dieses Kind.«

»Potz tausend! ... es ist noch ein Glück, daß ich es da packen konnte ... Wenn es ein Mädchen gewesen wäre, so wäre es sicher mit dem Becken hinunter gefallen ... und Gott weiß, ob es nicht mit demselben zerbrochen wäre.«

Während sich dieses zutrug, beeilte sich Jasmin, der seinen Herrn blaß und zitternd im Lehnstuhl liegen sah, demselben ein weiteres Glas Madera einzuschenken, und leerte hierauf hinter dem Vorhang selbst noch eines.

Herr von Grandvilain, der zum dritten Male seine Kräfte wieder gewonnen hatte, ergriff das Kind, welches ihm Turlurette hinhielt, küßte es mit Entzücken, hob es hoch hinauf und rief aus:

»Hier ist mein Sohn! ... mein Erbe! ... Ach! beim Kuckuk, ich wußte wohl, daß ich einen Sohn bekommen würde.«

Die Marquisin jedoch, befürchtend, es möchte ihren Gatten eine abermalige Schwäche befallen, und ihm das Kind alsdann aus den Händen glitschen, bat ihn inständig, sich zu ihr ans Bett zu setzen; Herr von Grandvilain leistete ihr Folge, drehte und wendete aber zuvor den Neugeborenen noch nach allen Seiten.

»Welch' schönes Kind! ...« ruft er aus, »das habe ich Alles zuwege gebracht ...«

»Ja, freilich haben wir das!« brummt Jasmin vor sich hin, der hinter dem Lehnstuhle seines Herrn steht, und für den Fall der Noth die Maderaflasche beständig in der Hand hält.

»– Wie fett und rosig es ist ... die hübschen kleinen Wädchen ...«

»Weiß Gott, ich habe keine solche mehr!« sagte Jasmin, einen Blick auf seine Beine werfend.

»– Welch' hübsches rundes Köpfchen! ...«

»Man könnte schwören, es sei ein Edamer Käse!« murmelte Jasmin weiter, aber zu seinem Glücke überhörte diesmal sein Herr diese Bemerkung, welche ihn entschieden um sein Geschenk hätte bringen können.

»Er ist gebaut wie ein Apollo ... und hat Partien ... wie ein Herkules ... Komm', sieh doch, Jasmin ... wie das schon ... hervorspringt!«

»Das sagte ich ja gleich, groß und prächtig!« sprach Jasmin, und machte nach seiner lauten Bewunderung des Gezeigten stillschweigend die nämliche Bemerkung darüber, wie bei den Waden.

Nachdem der Herr Marquis seinen Sohn per fas et nefas wohl betrachtet hatte, reichte er ihn seiner Gattin mit der Frage:

»Ei, meine Zärtlichgeliebte, welchen Namen geben wir ihm?«

»Hieran denke ich, mein lieber Gemahl, seit ich niedergekommen bin.«

»Mein Sohn muß einen schönen Namen erhalten ... ich heiße Sigismund, dies ist ein hübscher Taufname, allein ich kann es nicht leiden, wenn die Söhne denselben Taufnamen haben, wie ihr Vater, das veranlaßt später Mißklänge und Verwechslungen.«

»Hören Sie, Herr Marquis, der Name Cherubin wäre passend für diesen Amor, was halten Sie davon? ist es nicht ein ganz schöner Name ...«

»Cherubin!« unterbrach sie der Marquis kopfschüttelnd, »das ist zu weibisch ... es ist nichts Kriegerisches darin! ...«

»Nun, mein Herr! was nöthigt uns denn, unserem Sohne einen kriegerischen Namen zu geben? ... dies wäre zu den Zeiten Napoleons passend gewesen, aber jetzt ist es, wie Sie wissen, nicht mehr in der Mode ... ich bitte Sie, lassen Sie unsern Sohn Cherubin heißen!«

»Marquisin,« entgegnete Herr von Grandvilain, die Hand seiner Frau küssend, »Sie haben mir einen Sohn geschenkt, ich habe Ihnen nichts zu verweigern ... er soll Cherubin heißen ... das erinnert an die Hochzeit des Figaro, überdies ist Beaumarchais' Cherubin ein kleiner, äußerst liebenswürdiger Schalk, in den alle Frauen vernarrt sind, und es wäre eigentlich kein Unglück, wenn unser Sohn dem kleinen Pagen gliche.«

»Ja, ja,« brummte Jasmin hin und her taumelnd, während er sich am Rücken von seines Herrn Lehnstuhl zu halten suchte, da die Ständerlinge, die er hinter den Vorhängen gemacht, sich in einer Schwäche seiner Beine zu äußern anfingen.

»Ja, das wäre allerliebst, Cherubin ... es reimt sich auf Jasmin! ...«

Der Marquis drehte sich um und hatte gute Lust, seinem Diener eine Ohrfeige zu geben, allein dieser, als er bemerkte, daß er abermals mit einer Dummheit herausgeplatzt war, machte ein solches Schafsgesicht, daß sich sein Gebieter darauf beschränkte, ihm zu sagen:

»Ihr betragt Euch heute über die Maßen unpassend, Jasmin!«

»Verzeihen Sie, Herr Marquis, das ist die Freude, die Begeisterung ... ich bin so vergnügt, daß ich meine, Alles walze um mich im Zimmer herum! ...«

In diesem Augenblicke meldete Turlurette, daß die ganze Dienerschaft des Hauses versammelt sei und um die Erlaubniß bitte, ihrer Gebieterin einen Blumenstrauß zu überreichen und ihren Herrn zu beglückwünschen.

Der Marquis befahl, seine Leute einzulassen.

Die Bedienten kamen in einer Reihe herein und Jasmin, als der älteste, eilte, sich an ihre Spitze zu stellen: dann begann er mit einem Glückwünsche, mit dem er jedoch nicht fertig werden konnte, weil seine Zunge sich verwickelte. Er war aber kurz entschlossen, unterbrach seinen Satz und rief aus:

»Es lebe der Sohn des Herrn Marquis und seine erhabene Familie!«

Alle Diener wiederholten diesen Ausruf, während sie ihre Hüte und Mützen in die Höhe warfen.

Herr von Grandvilain fühlte sich von Neuem ergriffen, Thränen befeuchteten seine Augen, und da er noch eine Schwäche befürchtete, so gab er Jasmin ein Zeichen, der übrigens dieses voraussehend, ihm alsbald ein Glas Madera anbot.

Der Marquis trank; dann dankte er seinen Leuten, gab ihnen Geld und schickte sie fort, um auf die Gesundheit des Neugeborenen zu trinken.

Jasmin entfernte sich mit ihnen, die Maderaflasche mitnehmend, deren Inhalt er vollends leerte, ehe er sich mit seinen Kameraden zur gemeinschaftlichen Feier vereinigte ...

Und Abends war der Kammerdiener vollständig betrunken, und der Herr Marquis hatte, sich so oft gestärkt, daß er gleich nach Tische zu Bett gehen mußte.

Allein man bekommt nicht alle Tage ein Kind! besonders, wenn man siebzig Jahre alt geworden ist.

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