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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Monfréville's Liebe.

Der grauende Tag fand Cherubin in Louisens Armen; das im obern Stock eingerichtete Zimmer war für diese Nacht überflüssig. Als aber der Morgen kam, ging der junge Mann ganz leise hinauf, damit seine Dienstleute glauben konnten, er habe die Nacht darin zugebracht. Gegen neun Uhr läutete er Jasmin und hieß ihn nachsehen, ob Fräulein Louise auf sei und seinen Besuch annehmen könne.

Der alte Diener besorgte eilends seinen Auftrag und überbrachte mit strahlender Miene seinem jungen Gebieter die Nachricht, seine Freundin sei auf und man sehe an ihrem schönen, frischen Antlitze wohl, daß sie die ganze Nacht vortrefflich geschlafen habe.

Cherubin lächelte über Jasmins Scharfblick und beeilte sich, zu Louisen hinabzugehen.

Das junge Mädchen weinte und barg ihr Angesicht an dem Busen ihres Geliebten; aber Cherubin sagte ihr in jenen Tönen der Liebe, die so schnell zum Herzen eines Weibes dringen:

»Warum solltest Du es bereuen, mich glücklich gemacht zu haben, da ich doch von nun an mein ganzes Leben nur Deinem Glücke widmen will? Wir verlassen uns nicht mehr. Du wirst meine treue Gefährtin, meine theure Gattin werden ...«

»Nein,« entgegnete Louise weinend ... »Sie sind reich ... von vornehmer Abkunft ... und können kein armes, elternloses Mädchen heirathen ... Ich werde Sie mein ganzes Leben hindurch lieben, aber ich kann nicht Ihre Gattin werden ... denn es könnte ein Tag kommen, wo es Ihnen leid wäre, mich dazu erhoben zu haben ... und dann wäre ich zu unglücklich!«

»– Niemals ... und es ist höchst unrecht von Dir, einen solchen Gedanken zu hegen ... Doch der Brief, den Du Monfréville zu übergeben hast, wird Dich Deine Eltern kennen lehren ... Nun, ich werfe mich ihnen zu Füßen, und sie müssen in unsere Vereinigung willigen.«

Louise seufzte und schlug die Augen nieder, während sie entgegnete: »Bin ich jetzt noch würdig ... meine Eltern wieder zu finden? ... Es scheint mir, als sollte ich diesem Herrn den Brief nicht mehr übergeben ... es wäre vielleicht besser, wenn ich ihn zerrisse.« Es gelang endlich Cherubin, Louisens Besorgnisse zu beschwichtigen: er entschloß sich, seinem Freunde zu schreiben und ihm den Brief, den das junge Mädchen nicht mehr zu überbringen den Muth hatte, zuzuschicken. Er schrieb daher schnell folgendes Billet an Monfréville:

»Lieber Freund!

»Ich habe Louisen wieder gefunden; sie ist ein Engel, der mein Dasein ausschmücken wird ... Sie kann nun keinem Andern mehr angehören, denn sie ist mein ... ganz mein ... O, mein lieber Monfréville, ich bin der glücklichste der Menschen, und diesmal hatte ich keine Furcht ... aber ich liebte auch die andern Frauen nicht, und diese bete ich an.

»Frau von Noirmont hat meiner Louise einen Brief an Sie übergeben, wobei sie versicherte, Sie könnten dieselbe mit ihrem Vater bekannt machen ... und während die Theure Ihre Wohnung suchte, begegnete sie diesem niederträchtigen Darena, der sie, unter dem Vorwande, sie zu Ihnen zu führen, in sein kleines Haus an der Barrière brachte. Glücklicherweise kam ich zu rechter Zeit ... Ich übersende Ihnen hiemit diesen Brief, mein Freund; kommen Sie schleunig, uns Ihre Mittheilungen zu machen ... Wenn mich aber Louisens Eltern von ihr trennen wollten, so nennen Sie ihr dieselben nicht; denn von nun an kann Keines mehr von uns ohne das Andere leben.«

Cherubin unterzeichnete den Brief, legte den Louisen übergebenen hinein, und schickte beide in aller Frühe zu seinem Freunde.

Monfréville befand sich allein zu Hause, als man ihm Cherubins Schreiben überbrachte, und machte sich unverzüglich mit dem Inhalt bekannt. Als er den Namen der Frau von Noirmont las, als er erfuhr, was diese zu Louisen gesagt hatte, wurde er blaß und fing an zu zittern, er blickte hastig auf den eingeschlossenen Brief, betrachtete die Aufschrift und rief aus:

»Ja ... sie schreibt mir ... ich erkenne ihre Schriftzüge, obgleich sie mir lange nicht vor Augen gekommen sind ... Mein Gott! ... welches Ereigniß mag sie bewogen haben, an mich zu schreiben ... nachdem sie mir geschworen hatte, mich fortan als einen Fremden zu betrachten ... die Vergangenheit aus ihrem Gedächtnisse zu vertilgen ... Und das junge Mädchen, welches sie an mich weist ... ach! wenn ich hoffen dürfte ...«

Damit erbrach Monfréville das Siegel von Frau von Noirmonts Brief. Ehe er jedoch begann, mußte er sich einen Augenblick sammeln, denn er war so heftig ergriffen, daß seine Augen kaum die Schriftzüge unterscheiden konnten; endlich fühlte er sich etwas gefaßter und las:

»Mein Herr!

»Als Sie mich, Ihrer Schwüre spottend, an der Wiege meines Kindes einen Fehltritt beweinen ließen, den Sie nicht wieder gut machen wollten, schwur ich, daß Sie niemals dasselbe kennen lernen sollten ... und sogar, ich muß es gestehen, den Haß, den ich von da an gegen meinen Verführer hegte, auf meine Tochter übertragend, überließ ich solche den Landleuten, deren Pflege ich sie anvertraut hatte, und gelobte mir, sie nie wieder zu sehen. Später machte mir es meine Stellung zur Pflicht, diesen Schwur zu halten. Mein Vater, der, dem Himmel sei Dank, nie meinen Fehltritt erfuhr, vergab meine Hand; als Frau, als Mutter und Gattin eines Mannes, der eben so streng im Punkte der Ehre, als stolz auf seinen Ruf war, würde ich zu gleicher Zeit das Unglück meiner Tochter, das meinige und Herrn von Noirmonts herbeigeführt haben, wenn ich durch einen einzigen unbedachten Schritt mich dem Verdachte eines Jugendfehlers ausgesetzt hätte. Ihnen sagen, ich sei glücklich gewesen, hieße Sie täuschen; kann es eine Mutter sein, die eines ihrer Kinder aus den Armen stieß? ... Ich machte mir oft Vorwürfe wegen der Liebkosungen gegen meine Tochter ... denn in der Tiefe meiner Seele stand, daß ich noch eine andere habe, die gleiche Rechte an meine Zärtlichkeit habe und aus meinen Armen verbannt sei! ... Diese Gewissensbisse waren ohne Zweifel noch nicht ausreichend, denn der Himmel sparte mir eine schrecklichere Strafe auf! Vor einigen Monaten wurde, während ich auf einer Reise abwesend war, ein junges Mädchen als Kammerjungfer in mein Haus aufgenommen ... Ihre Sanftmuth, die über ihr ganzes Wesen verbreitete Anmuth gewannen ihr alle Herzen ... Ich selbst fühlte mich zu ihr hingezogen; aber stellen Sie sich meine Lage vor, als ich erfuhr, daß dieses junge, aus Erbarmen von einer Bäuerin Namens Nicolle in Gagny erzogene Mädchen dasselbe Kind war, welches ich ihr einst überlassen hatte! Meine Tochter bei mir ... in Diensten ... die Magd ihrer Mutter ... ach! mein Herr, konnte ich diesen fürchterlichen Zustand ertragen? ... Jeden Augenblick versucht, mich in Louisens Arme zu werfen ... sie an mein Herz zu drücken ... dann mich wieder meines Gatten ... meiner andern Tochter ... der Ehre einer ganzen Familie erinnernd ... blieb mir nur die Wahl zu sterben oder dieser Lage ein Ende zu machen ... Endlich suchte ich Louisen auf; ich fühlte mich außer Stands, ihr zu gestehen, daß ich ihre Mutter sei ... aber ich bat sie, sich aus dem Hause zu entfernen, und das arme Kind gab meinem Flehen nach. Gerührt jedoch von der zärtlichen Anhänglichkeit, die sie für mich an den Tag legte ... entschloß ich mich, ihr den Vater zurückzugeben. Dieses Kind, welches Sie nach Ihrer Rückkehr nach Frankreich mich vergebens gebeten hatten, Ihnen zu zeigen ... ist Louise ... das junge, schöne, tugendhafte Mädchen, welches Ihnen diesen Brief überbringt. Geben Sie ihr ihren Vater zurück, mein Herr; was ihre Mutter betrifft, so dürfen Sie ihr solche nicht nennen, allein ihr Herz wird sie ohne Zweifel zu errathen wissen!

Amalie von Noirmont.«

Nach beendigter Durchlesung dieses Briefes überließ sich Monfréville dem lebhaftesten Entzücken, seine Blicke durchliefen noch einmal Frau von Noirmonts Schreiben, er fürchtete, das Spielzeug einer Täuschung zu sein, und war überglücklich in dem Gedanken, diese Louise, deren Schönheit, Sanftmuth und Sittsamkeit Jedermann pries ... – sei das Kind, das er wieder zu finden vor Verlangen brannte. Doch bald mäßigte eine Erinnerung die Ausbrüche seiner Freude: er dachte an Cherubins Brief, nahm ihn zur Hand, überlas ihn nochmals, und ein Gefühl der Wehmuth drückte sich in seinen Augen aus, während er seufzte und vor sich hin flüsterte:

»Der Himmel wollte mir kein vollständiges Glück gönnen ... und zwar wahrscheinlich zur Sühne meines Vergehens ... nachdem ich jedoch selbst so strafbar war ... bleibt mir nichts übrig, als zu verzeihen.«

Louise und Cherubin, stets beisammen, erwarteten ungeduldig Monfréville's Ankunft, und neben dieser Ungeduld durchdrang sie eine geheime Furcht, über die sie sich keine Rechenschaft geben konnten. Endlich meldete Jasmin Herrn von Monfréville.

Louise schlug tief bewegt die Augen nieder, Cherubin flog seinem Freunde entgegen, hielt jedoch an, als er die ernste, sogar strenge Miene desselben gewahrte, und stotterte, ihm die Hand hinreichend:

»Haben Sie meinen Brief nicht erhalten, lieber Freund?«

Monfréville ergriff die ihm dargebotene Hand nicht, sondern betrachtete das junge Mädchen, welches zitternd am äußersten Ende des Zimmers stand und er fühlte, während er sie anblickte, seine Augen sich mit Thränen füllen, aber mit Gewalt die ihn ergriffene Bewegung unterdrückend, setzte er sich in einiger Entfernung von Louisen, welche ihre Augen nicht aufzuschlagen wagte, nieder, gab Cherubin einen Wink, sich einen Stuhl zu nehmen, und sagte zu demselben:

»Ja, ich habe Ihren Brief erhalten ... und den von Frau von Noirmont gelesen, worin sie mir mittheilt, wie dieses Fräulein von ihrer Amme adoptirt worden ist.«

»– Nun, mein Freund, ist es wahr, daß Sie ... Louisens Vater kennen ... daß Sie zu seiner Entdeckung beizutragen vermögen ... glauben Sie aber auch, daß er sie glücklich machen ... und sich unserer Liebe nicht widersetzen wird? ...«

Monfréville blickte nochmals das junge Mädchen an und stotterte: »Ja, ich kenne des Fräuleins Vater.«

Da erhob Louise ihre Augen und richtete sie mit dem Ausdrucke der Hoffnung und kindlichen Liebe auf ihn, indem sie ausrief: »Sie kennen meinen Vater ... Ach! mein Herr ... wenn es möglich wäre ... daß er mich liebte ... und ... mir ...«

Das junge Mädchen vollendete nicht ... ihre Stimme bebte und die Worte erstarben auf ihren Lippen. Monfréville begann nach einer Pause:

»– Ehe ich auf Ihre Fragen antworten kann, muß ich Ihnen nothwendig eine Geschichte aus meiner Jugend erzählen ... Wollen Sie mir Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken.

Ich war kaum zweiundzwanzig Jahre alt, reich, unabhängig, bereits Herr meines Willens, aber durchaus nicht meiner Leidenschaften ... Damals liebte ich ein Frauenzimmer aus einer ehrenwerthen Familie ... sie hatte keine Mutter mehr zu ihrer Ueberwachung, und während einer Abwesenheit ihres Vaters gelang es meiner Liebe, den Sieg über ihre Tugend davonzutragen ... Ach! das ist ein großes Vergehen, ein Gefühl, das man erregt hat, so weit zu mißbrauchen, daß man den Gegenstand seiner Liebe zum Vergessen seiner Pflichten verleitet ... und selten geschieht das ungestraft!«

Hier fühlte sich Cherubin betroffen und wagte es nicht mehr, Monfréville anzublicken, während der blassen und zitternden Louise große Thränen über die Wangen herabflossen. »Bald darauf,« fuhr Monfréville fort, »war ich Geschäfte halber genöthigt, mich nach England zu begeben, und gelobte der, welche ich verführt hatte, vor meiner Abreise noch, bald wieder zurückzukehren und bei ihrem Vater um ihre Hand zu werben. Aber entfernt von ihr, ließ mich meine, bei einem jungen Manne sehr natürliche Unbeständigkeit dieses Versprechen vergessen. Indessen erhielt ich einen Brief, worin sie mich benachrichtigte, sie werde bald Mutter werden, und bitte mich, wenn ich ihre Ehre retten und meinen Fehler wieder gut machen wolle, schleunig herbeizueilen ... Nun, diesen Brief ließ ich unbeantwortet ... eine andere Liebe nahm mich in Anspruch! ... Zwei Jahre verstrichen. Ich kehrte nach Frankreich zurück, und mich nun derer, die ich niederträchtigerweise verlassen hatte, und des Kindes, das nicht einmal seinen Vater kannte, erinnernd, war ich entschlossen, dem Frauenzimmer, gegen welches ich so strafwürdig gehandelt hatte, meinen Namen und meine Hand anzutragen. Allein es war zu spät, sie war verheirathet ... verheirathet an einen Mann von ehrenvollem Range. Ich bezweifelte nicht, daß es ihr gelungen war, ihre Schwachheit vor Aller Augen zu verbergen; aber ich brannte vor Verlangen zu erfahren, was aus meinem Kinde geworden war. Nach vielen vergeblichen Versuchen war es mir endlich möglich, eine geheime Unterredung mit der, die mich so heiß geliebt, zu erhalten ... aber ich fand nur noch eine entrüstete, unversöhnliche Frau, welche auf all' meine Bitten nichts als diese Worte erwiderte:

»Sie haben mich verlassen, als ich Sie bat, mich Ihre Gattin zu nennen und Ihrem Kinde einen Vater zu schenken. Ich kenne Sie nicht mehr! Ich will die Erinnerung eines Vergehens, das mich erröthen macht, in mir verwischen, und was Ihre Tochter anbetrifft, so sind all' Ihre Bitten vergeblich, Sie werden nie erfahren, was aus ihr geworden ist.« Dieser von einem beleidigten Weibe ausgesprochene Entschluß wurde nur zu strenge durchgeführt ... sechzehn Jahre verflossen ... vergebens hatte ich mehrmals meine Bitten wiederholt, man ließ sie unbeachtet ... Und jetzt, Cherubin, kennen Sie auch den Grund jener Traurigkeit, die mich zuweilen mitten unter den heitersten Gesellschaften befiel, jenen Wechsel der Stimmung, den man häufig an mir bemerkte; denn inmitten der glänzendsten Vergnügungen der Welt trat das Andenken an mein Kind vor meine Seele, und jener Reichthum, um den man mich beneidete, jenes Glück, dessen ich zu genießen schien, ach! ... ich hätte es gerne dafür hingegeben, meine Tochter ein einziges Mal an mein Herz drücken zu dürfen ... aber heute sind meine Wünsche in Erfüllung gegangen ... heute gibt mir eine Freundin ... meiner ehemaligen Geliebten ... meine Tochter zurück ... o, mein Gott! muß ich in dem Augenblick, wo ich so glücklich wäre, sie wiederzufinden, zugleich erfahren, daß sie strafbar war! muß die Verführung, welche das Unglück ihrer Mutter ausmachte, auch meiner Tochter Erbtheil sein? ...«

Ehe Monfréville diese Worte beendigt hatte, lagen Louise und Cherubin schon zu seinen Füßen. In Thränen zerflossen, umschlangen sie seine Kniee, und Louise streckte die Arme nach ihm aus, während sie mit bebender Stimme flehte:

»Verzeihen Sie mir, Vater ... verzeihen Sie uns ... Ach! ich kannte meine Eltern nicht ... und Cherubin war mir Alles! ...«

Monfréville öffnete den beiden Liebenden, die sich an seine Brust warfen, seine Arme und sagte, sie umschließend, zu ihnen: »Ja ... ich muß verzeihen ... denn statt eines einzigen werde ich von nun an zwei Kinder haben.«

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