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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Die Furcht.

Seit seinem Abenteuer mit Chichette Chichemann gerieth Cherubin nicht mehr so leicht in Flammen, oder er begann vielmehr zu begreifen, daß das, was er für Liebe gehalten hatte, nichts als die unbestimmte Sehnsucht war, welche der Anblick einer hübschen Frau in dem Herzen eines jungen Mannes erregt: eine Sehnsucht, die in ganz frischen Herzen, bei welchen die Gefühle noch den Reiz der Neuheit haben, gar oft erwacht. Aber die bei seinen ersten Liebschaften erlittenen Unfälle hatten Cherubin noch furchtsamer, noch schüchterner gemacht; statt durch die gemachten Erfahrungen vernünftiger zu werden und sich eines andern Betragens bei einem galanten Tête-à-Tête belehren zu lassen, fürchtete der arme Cherubin dermaßen, noch einmal unglücklich oder ungeschickt zu sein, daß er bei dem Gedanken an eine verliebte Zusammenkunft beinahe zitterte. Auf der andern Seite wurde der junge Marquis, da in seinem Alter die Liebe das erste Glück des Lebens ausmacht, und er sich dieses Glück nicht zu verschaffen wußte, traurig und schwermüthig. – Im zwanzigsten Jahre, mit einem bedeutenden Namen, einem schönen Vermögen, als ein hübscher, wohlgestalteter Junge, der Alles besaß, was in der Welt glücklich macht, war es Cherubin doch nicht; er verlor seine Heiterkeit, sogar seine Farbe ... er hatte nicht mehr jenen rosigen, frischen Teint, der sonst an ihm bewundert wurde; denn wir dürfen es uns nicht verhehlen, gleichwie das Uebermaß der Vergnügungen zuweilen unsere Gesundheit angreift, so kann auch eine übermäßige Enthaltsamkeit dasselbe Ergebniß herbeiführen. Die Extreme schaden jederzeit.

Der junge Marquis besuchte weder mehr die Gräfin von Valdieri, noch Madame Celival, denn der eiskalte Empfang, der ihm bei diesen Damen zu Theil wurde, glich einer Verabschiedung; aber er traf sie mitunter in den Gesellschaften; dann schien es ihm, als ob ihn alle Damen auf sonderbare Weise betrachteten, leise mit einander flüsterten und sogar bei seinem Erscheinen lachten; er theilte Freund Monfréville seine Befürchtungen mit und sagte zu ihm:

»Haben wohl die kleine Gräfin und Madame Celival ein boshaftes Gerede über mich verbreitet? ... ich denke doch, daß ich ihnen nichts gethan habe!«

»Gerade deßhalb,« entgegnete Monfréville lächelnd. »Aber, mein lieber junger Freund, rütteln Sie sich doch aus der für Ihr Alter unpassenden Apathie auf! ... Sie besitzen Alles, was gefällt, fangen Sie andere Liebschaften an! ... Unterhalten Sie drei oder vier Geliebten zugleich, betrügen Sie sie auf recht auffallende Weise, und Ihr Ruf wird bald wieder hergestellt sein.«

»– Das können Sie leicht sagen, mein lieber Monfréville; aber seit meinen Unfällen habe ich solche Furcht, abermals ... ungeschickt bei einem Frauenzimmer zu sein, daß mich's zum Voraus davor schaudert ... Denn, ach sehen Sie, wenn mir noch einmal ... ein Unglück widerführe, so würde ich, glaub' ich, vor Schande und Verzweiflung sterben ... Ich will mich lieber der Gefahr gar nicht aussetzen. Und doch ... fühle ich bei allem dem ... daß ich mich entsetzlich langweile.«

»– Ich will's wohl glauben, in Ihrem Alter ... ohne Liebe zu leben ... wo man nicht einmal die Erinnerung an vergangene Thorheiten hat, ist baarer Unsinn. Aber wenn Sie fürchten, Sie seien für eine vornehme Dame noch nicht keck genug, nun, mein Freund! so werfen Sie sich auf Grisetten, Schauspielerinnen ... Ich stehe Ihnen dafür, Sie werden sich dabei eben so gut ausbilden.«

»– Ja, daran hatte ich auch schon gedacht; und als ich vergangene Woche Malvina begegnete ... Sie wissen jene kleine, muntere Tänzerin ...«

»– Ja, ja.«

»Nun! so habe ich sie angesprochen ... sie nannte mich Anfangs Herr Eiszapfen, als ich aber entgegenhielt, ich sei nicht so kalt, als sie glaube, so rief sie aus: Um mich davon zu überzeugen, müssen Sie mir einen Beweis liefern! und lud mich dann abermals zum Frühstück ... auf sechs Uhr Morgens zu sich ein; ... den Tag setzten wir fest.«

»– Vortrefflich ... und nun! ...«

»– Ach! ja, aber der für das Rendezvous bestimmte Tag ist schon lange verflossen ... und ich ... war nicht dort.«

»– Und warum denn nicht?«

»– Weil ich daran dachte, daß ich für Fräulein Malvina nicht mehr Liebe empfand, als für die Andern, und mich demzufolge eben so dumm benommen hätte, wie bei meinen früheren Tête-à-Têtes.

»– Sie hatten Unrecht! Ihr Schluß ist unvernünftig ... was braucht man auch einer Liebelei, einer Caprice wegen lang nachzudenken! ... Ei, haben Sie mir nicht auch von einer Grisette, einer jungen Arbeiterin in einer Leinwandhandlung hier in der Nähe, gesprochen ... haben Sie mir nicht gesagt, das Mädchen werfe Ihnen Liebesblicke zu ... habe Ihnen sogar ihren Namen angegeben? ...«

»– Ja, mein Freund, das ist die kleine Celanire mit den flohblonden Haaren und der Nase à la Roxelane.«

»– Nun, also; verlangen Sie von Fräulein Celanire ein Rendezvous ... Nach dem, was Sie mir gesagt haben, wird sie es Ihnen nicht verweigern.«

»– Das habe ich schon gethan, mein Freund! Vorgestern sah ich diese junge Grisette auf der Straße; als sie bemerkte, daß ich hinter ihr lief, that sie, als ob sie einen Fehltritt machte ... blieb stehen, und stützte sich auf mich, um nicht zu fallen.«

»– Das war sehr fein.«

»– Das hab' ich auch gefunden; dann sprachen wir mit einander ... und sie gab mir endlich ein Rendezvous auf den Abend auf dem Boulevard des Château d'Eau ... absichtlich weit von ihrem Quartier entfernt, um Niemand Bekanntem zu begegnen.«

»Das war sehr klug: die Grisetten denken doch an Alles. Nun, wie ist dieses Rendezvous abgelaufen?«

»– Gar nicht, lieber Freund, ich ging ebenfalls nicht hin ... Im Begriff, mich hinzubegeben, stellte ich dieselben Betrachtungen an, wie bei der kleinen Tänzerin ... die Furcht ergriff mich ... und ich blieb zu Hause.«

»– Oh! das ist denn doch zu arg ... mein armer Cherubin! ... mit solcher Furchtsamkeit ist nicht zu hoffen, daß Sie je von dem Zauber erlöst werden! Ehemals hätten die guten Weiber behauptet, Sie wären behext, und man hätte Sie zu irgend einem berühmten Nestelaufknüpfer geschickt! ... Denn in der guten, alten Zeit knüpfte und löste man die Nestel gar häufig; es war sogar nicht selten, daß über diesen Gegenstand Prozesse entstanden, und die Richter die Eheprobe befahlen: das war die Art, sein Recht zu beweisen, eine Art indeß, bei der es gar viele honette Leute verloren! Doch wir leben nicht mehr in jenen Zeiten der Barbarei! ... Denn so kann man sie wahrlich nennen. Und wenn man jetzt wissen will, ob man verliebt werden kann, so kennt man keinen bessern Hexenmeister, als ein schönes Weib. An ein solches werde ich Sie daher stets weisen.«

Monfréville's Gespräche trösteten Cherubin, der fortwährend traurig und ärgerlich blieb, durchaus nicht; aber eines Morgens fiel ihm ein belebender, ihn erweckender Gedanke ein; er dachte an Gagny, an die kleine Louise und an seine ihn so herzlich liebende Amme; er nahm sich vor, den Aufenthaltsort seiner Kindheit wieder zu besuchen. In seiner Traurigkeit und Langeweile erinnerte er sich Derer, die ihn liebten; im Schooße des Vergnügens hatte er ihrer vergessen! ... Das ist nur zu oft der Fall ... Es ist zwar kein Lob für unser Herz; warum hat uns aber die Natur so geschaffen?

Cherubin sagte zu Hause nichts, ließ sich weder von Jasmin, noch von Herrn Gerundium begleiten, stieg in sein Cabriolet, ließ seinen kleinen Jockey hinten hinaufsteigen und fuhr weg, nachdem er sich den Weg nach Gagny hatte deutlich bezeichnen lassen.

Mit einem guten Pferd dauert die Reise nicht lang. In kurzer Zeit war Cherubin in Villemomble; sein Herz pochte beim Herausfahren aus diesem Dorfe, denn schon erkannte er die Landschaft, wo er seine Kindheit und einen großen Theil seiner Jugend zugebracht hatte. Sein Herz erweiterte sich beim Anblick der ersten Häuser von Gagny; er empfand ein Vergnügen und Wohlbehagen, welches er seit seinem Aufenthalte in Paris nicht mehr genossen hatte, und er wunderte sich, wie es ihm möglich gewesen, so lange vom Dorfe entfernt zu bleiben.

Er erkannte bald den Marktplatz, das Rathhaus und die bergige Gasse, die zu seiner Amme führte; er trieb sein Pferd an und hielt bald vor Nicollen's Haus. Seit drei Jahren erst hatte er sie verlassen, aber es schien ihm ein Jahrhundert, und seine Blicke prüften alle Gegenstände, um zu sehen, ob sich Nichts verändert habe.

Er stieg aus dem Cabriolet, schritt durch den Hof, wo er so oft gespielt hatte, und trat schnell in die untere Stube ein, wo man sich gewöhnlich aufhielt. Nicolle saß da und arbeitete, Jakob schlief im Lehnstuhle, Alles war wie ehedem; nur eine Person fehlte.

Nicolle erhob die Angen und stieß einen Schrei aus ... sie blickte mehrmals den jungen eleganten Herrn an, der so eben gekommen war; sie fürchtete eine Täuschung ... sie wagte nicht, zu glauben, daß es Cherubin sei, er aber riß sie bald aus dieser Ungewißheit, flog in ihre Arme und rief aus:

»Meine Amme! ... meine gute Nicolle ... Ach, wie glücklich bin ich, Dich wieder zu sehen!«

»Er ist's! ... er ist's wirklich!« schrie die Bäuerin, die im Uebermaße ihrer Freude kaum Worte finden konnte. »Er besucht uns wieder ... er liebt mich also noch, der liebe Kleine ... Ach! Verzeihung, Herr Marquis, wenn ich Sie so nenne ... aber die Gewohnheit ist stärker als ich!«

»– Nenne mich immer wie früher, meine gute Nicolle; glaubst Du, das ärgere mich? Im Gegentheil, ich wünsche, ich verlange es!«

»– Ach! welches Glück ... Jakob, Mann, wache doch auf, unser Söhnchen Cherubin ist zurückgekommen und hier bei uns!«

Jakob rieb sich die Augen, erkannte den jungen Marquis, hatte aber nicht den Muth, ihm die Hand zu reichen; Cherubin eilte auf ihn zu und schüttelte die rauhe, schwielige Hand des Landmanns. Dieser in seiner Freude holte, seiner Gewohnheit gemäß, schnell Gläser und Wein herbei.

Cherubin setzte sich neben Nicollen nieder, küßte sie einmal über das andere und sagte dann, mit seinen Blicken überall umherspähend:

»Wie Schade ... es fehlt Eines! ... Wenn Louise da wäre, wäre mein Glück vollständig ... Sie ist also immer noch ferne von euch in der Bretagne ... und will nicht mehr zurückkehren?«

»Ja ... ja, mein Junge!« murmelte die Bäuerin verlegen; »aber Du ... mein liebes Kind ... Du ... Sie lieben uns also noch ein wenig ... obgleich Sie jetzt an schönere Gesellschaft gewöhnt sind?«

»– Ob ich euch liebe? ach! immer ... Ich begreife wohl, warum Ihr diese Frage thut, meine liebe Nicolle; ich war in der That sehr undankbar ... und habe mich schlecht aufgeführt ... seit drei Jahren bin ich nicht in Eure Arme zurückgekehrt ... o! das ist abscheulich von mir ... oft hegte ich die Absicht; aber in Paris hat man so viel zu thun ... Die Gesellschaften, jene für mich so neuen Vergnügungen, Alles zusammen, betäubte mich ... Du mußt mir verzeihen!«

»– Ihm verzeihen! ... wie artig! wie artig!«

»– Zudem denke ich, daß, wenn ihr mich hättet besuchen wollen, euch nichts im Wege gestanden wäre, nach Paris in mein Hôtel zu kommen ... Ihr kennt es wohl.«

»– Ei, aber wir waren ja dort, mein liebes Kind, Louise und ich haben uns zweimal hinbegeben und nach Dir gefragt. Das erste Mal sagte man uns, Du seiest verreist! das zweite Mal, Du seiest in einem Schlosse und werdest vielleicht lange abwesend sein.«

»– Das ist sonderbar ... aber vor allen Dingen unwahr; seit ich in Paris bin, habe ich es nicht verlassen, war nie verreist ... alsdann hat man mir nie gesagt, daß ihr da waret.«

»– Seht doch! Ich hatte es doch dem Portier so sehr empfohlen.«

»– Ha! dahinter werde ich kommen ... und auch herausbringen, weßwegen man sich erlaubt hat, mir eure Besuche zu verhehlen.«

»– Meiner Treu! das hat uns recht wehe gethan, mir und Louisen, und wir haben uns gesagt: da er weiß, daß wir ihn besuchen wollten, und er dessen ungeachtet nicht zu uns kommt, so wollen wir auch nicht mehr zu ihm gehen, es ärgert ihn vielleicht, daß wir ihm bis Paris nachlaufen.«

»– Mich ärgern ... meine gute Nicolle! ... Solches von mir zu denken! ... und diese arme Louise ... warum habt ihr sie denn in die Bretagne geschickt, statt sie bei euch zu behalten?«

»– Louise in der Bretagne!« brummte Jakob, der mit einem Kruge Wein und Gläsern zurückkam. »Wer erfindet denn solche Geschichten, um meinen Freund, den Herrn Marquis, zu hintergehen?«

»– Wie? Louise ist nicht in der Bretagne?« rief Cherubin aus; »schon vor zwei Jahren behauptete es Herr Gerundium ... Was bedeutet diese Lüge?«

»Ach! mein Schatz,« rief Nicolle aus, »ich will Dir Alles erzählen; denn mir ist das Lügen zuwider! ... Und je mehr ich Deine immer noch so sanfte Miene ansehe ... je weniger kann ich glauben, daß Du ein Ausschweifling und ein Verführer geworden bist! ... wie Herr Gerundium uns gesagt hat.«

»– Ich! ein Ausschweifling? ein Verführer? ... aber das ist nicht wahr, liebe Amme, das ist erlogen! ... denn man verspottet mich im Gegentheil in Paris, weil man behauptet, ich sei den Damen gegenüber zu schüchtern ... und sagen, ich sei ein Ausschweifling! Ach! das ist abscheulich! Wie! solche Aeußerungen hat sich mein Hofmeister erlaubt?«

»– Mein liebes Kind, ich will Dir die ganze Wahrheit erzählen. Herr Gerundium, der uns öfters besuchte und Louisens Schönheit zu bewundern schien, kam vor etwa neun oder zehn Monaten und schlug der Kleinen einen hübschen Platz in Paris vor, mit dem Bemerken, Du wünschest, daß sie ihn annehme ...«

»– Seht doch den Lügner!«

»– Der Gedanke, nach Paris zu gehen, lächelte Louisen zu, weil sie das, wie sie sagte, Dir näher brächte und ihr Hoffnung gäbe, Dich bisweilen zu sehen.«

»– Theure Louise!«

»– Sie willigte also ein; aber während sie ihre Effekten zusammen packte, sagte mir der Herr Hofmeister leise: ich führe Louisen weg, um sie vor den Nachstellungen meines Zöglings zu sichern, der seine Maitresse aus ihr machen will.«

»– Ha! welche Schändlichkeit!«

»– Und wenn er hieher kommt, so machet ihm weis, sie sei schon lange bei einem eurer Verwandten in der Bretagne.«

Cherubin stand auf, schritt im Zimmer auf und ab, der Zorn erstickte ihn fast, er war kaum im Stande, sich durch Worte Luft zu machen.

»– Welche Niederträchtigkeit! ... solche Dinge über mich zu behaupten ... solche Lügen zu erfinden! aber zu welchem Zwecke? wo hat er denn Louisen hingethan?«

»– O! zu sehr braven Leuten, wie er uns sagte.«

»– Aber zu wem?«

»– Meiner Treu, liebes Kind, darnach haben wir nicht gefragt, weil wir alles Zutrauen in den Herrn Schulmeister setzten! ...«

»– Also wisset ihr nicht, wo Louise ist ... o! aber ich werde es erfahren, mir muß er es sagen ... Ach! ich sterbe vor Ungeduld ... ich wollte, ich wäre schon in Paris ... lebt wohl, meine gute Nicolle, Adieu, Jakob! ...«

»– Was, mein Söhnchen, Du gehst schon wieder und bist doch kaum erst gekommen?«

»– Und er hat nicht einmal ein Schlückchen getrunken ...«

»– Ich komme wieder, meine Freunde ... o! ich komme wieder ... aber mit Louisen ... mit der armen Louise, die ich wiederzufinden vor Verlangen brenne ... Ha! Herr Gerundium! ... sagen, ich sei ein Ausschweifling ... O! wir wollen sehen ... sie haben mich Alle bisher wie ein Kind betrachtet, aber jetzt will ich ihnen zeigen, daß ich ihr Herr bin.«

Cherubin umarmte Nicollen, drückte Jakobs Hand und stieg, ohne auf die Tröstungen dieser guten Leute zu achten, wieder in sein Cabriolet, peitschte sein Pferd und fuhr in starkem Trab nach Paris zurück.

Zu Hause angelangt, ließ er unverzüglich Herrn Gerundium, Jasmin und den Portier rufen. An der Art und Weise, womit er diesen Befehl ertheilte, am Ausdruck seiner Gesichtszüge erkannten die Bedienten ihren sonst so ruhigen, sanften Herrn nicht mehr. Der Jockey setzte den Hofmeister, der, obgleich es schon Mittag war, kaum seine Toilette beendigt hatte, von dem Wunsche des Herrn in Kenntniß; dieser ging zu seinem Zögling hinab, indem er unterwegs dachte:

»Der Herr Marquis verlangt ohne Zweifel in irgend Etwas meinen Unterricht ... er will vielleicht Verse machen lernen ... Mamsell Turlurette verbreitet im ganzen Hause, ich mache so schöne! ... Ich werde ihn mit ungereimten Versen den Anfang machen lassen! denn die sind gewiß und wahrhaftig leichter.«

Aber beim Eintritt in das Zimmer des jungen Marquis, der mit großen Schritten und mit ungeduldiger zorniger Miene im Zimmer auf- und abging, wurde der Hofmeister ängstlich und fing an zu vermuthen, daß es sich hier weder um gereimte, noch ungereimte Verse handle; Jasmin, dem es über allen Begriff ging, als er die funkelnden Augen seines jungen Herrn sah, stand starr und unbeweglich in einer Ecke, und der gleich den Andern erschreckte Portier blieb auf der Thürschwelle stehen, weil er es nicht wagte, völlig herein zu treten.

An diesen letztern wandte sich Cherubin, nachdem er ihn hatte näher kommen heißen, zuerst:

»Kurze Zeit nach meiner Ankunft im Hôtel,« begann er, »kam ein braves Bauernweib, das heißt meine Amme, mit einem jungen Mädchen zu mir zum Besuche ... sie waren zweimal da ... mit dem eifrigsten Wunsche, mich zu sehen, und das erste Mal habt Ihr zu ihnen gesagt, ich sei verreist, und das zweite Mal, ich sei auf dem Schlosse eines meiner Freunde. Warum habt Ihr so gelogen? ... Wer hat Euch erlaubt, Leute abzuweisen, die mir lieb und willkommen sind? ... antwortet!«

Der Portier verbeugte sich und entgegnete:

»Meiner Treu! gnädiger Herr, ich habe hierin nur die mir von Herrn Jasmin ertheilten Instruktionen befolgt ... und geglaubt, dieser handle im Auftrage des gnädigen Herrn ...«

»– Ah! Jasmin hatte Euch diesen Auftrag gegeben ... gut! Ihr könnt gehen, aber von nun an richtet Euch nur nach meinen eigenen Befehlen.«

Der Portier verbeugte sich und ging, höchlich erfreut, so leicht davon gekommen zu sein.

Der alte Jasmin war purpurroth geworden und verzog seinen Mund wie ein Kind, das zu weinen anfangen will. Cherubin trat auf ihn zu und sagte in mehr vorwurfsvollem, als heftigem Tone zu ihm:

»Wie? Jasmin! Du hast meine gute Nicolle und Louisen abweisen lassen! ... Du wolltest, daß Diejenigen, die mich erzogen haben, mich für stolz, gefühllos und undankbar halten sollten! ... Ach! das ist sehr Unrecht von Dir ... und ich erkenne hierin Dein Herz nicht mehr.«

Jasmin zog sein Taschentuch heraus und rief mit Thränen:

»Gnädiger Herr, Sie haben Recht ... es ist eine Grobheit ... eine Dummheit ... aber der Gedanke ging nicht von mir aus ... er wäre nie in mir erwacht ... Ihr Herr Hofmeister hat mir gesagt, man müsse die Besuche Nicollen's und Louisens verhindern ... weil solche gefährlich für Sie seien ... und da Herr Gerundium ein Gelehrter ist, so dachte ich, er müsse wissen, was Recht ist, und that, was er mir sagte.«

Während des alten Kammerdieners Rede zerkratzte sich Herr Gerundium die Nase gewaltig, als ob er sich auf die ihm drohenden Angriffe vorbereiten wollte; wirklich kehrte sich auch Cherubin, nachdem er Jasmin angehört hatte, gegen ihn und rief mit dem vollen Ausdrucke des Zornes:

»Von Ihnen geht demnach Alles aus, mein Herr ... ich hätte es mir denken können. Also es war gefährlich für mich, die Landleute ... Diejenigen wiederzusehen, die mich wie ihre eigenen Kinder lieben?«

Herr Gerundium stellte eines seiner Beine zurück, streckte seine Brust heraus, hob den Kopf in die Höhe und erwiderte mit vieler Sicherheit:

»Ei, allerdings, mein erhabener Zögling! und ich bin der Ueberzeugung, Recht gehabt zu haben: Non est discipulus super magistrum! ... Hören Sie daher meine Gründe ... Sie verließen das Dorf und das Land nur ungern; die Lust, wieder dahin zurückzukehren, hätte leicht in Ihnen wach werden können ... Diese Lust mußte Ihnen deßhalb ... stets in Ihrem Interesse ... genommen werden ... Das Religionsbuch der Gebern, ein Auszug aus der Zendavesta, das alle von Zoroaster eingeführten Glaubens-Artikel enthält, verlangt, daß man am Schlusse eines jeden Tages mit seinem Gewissen strenge zu Gerichte gehe ... und das meinige ...«

»– Ei! mein Herr, es handelt sich hier nicht von Zoroaster! Geschah es aber auch in meinem Interesse, daß Sie bei Ihrem letzten Besuche im Dorfe zu Nicollen sagten, ich sei in Paris ein Ausschweifling, ein Verführer geworden: ich wolle aus Louisen meine Maitresse machen, man müsse sie deßhalb nach Paris in einen Dienst bringen, und mir weis machen, sie sei in der Bretagne?«

Herr Gerundium war wie versteinert; er wußte kein Citat mehr anzubringen, er senkte den Kopf und seine Beine schienen ihm den Dienst zu versagen, während Jasmin, als er die Aeußerungen des Hofmeisters über seinen jungen Herrn vernahm, nach der auf dem Kamine liegenden Feuerzange eilte, sich schlagfertig vor Herrn Gerundium hinstellte und ausrief:

»– Schändlichkeiten über meinen jungen Herrn sagen! ... ihn verleumden! ... Lassen Sie mich ihn durchhauen, gnädiger Herr ... ich fühle, daß ich dazu meine Kraft von zwanzig Jahren wieder finden werde!«

Aber Cherubin hielt Jasmin zurück und sagte zum Hofmeister:

»Welche Gründe veranlaßten Sie zu solchen Lügen?«

»– Mein edler Zögling ... ich weiß in Wahrheit nicht ... eine Verwirrung des Geistes ...«

»O! das werde ich später erfahren; vor allen Dingen, wo ist Louise?«

»– Das junge und interessante verlassene Kind? ...«

»– Nun, mein Herr, antworten Sie, und keine neue Lüge; wo ist Louise?«

»– In einem ehrbaren Hause, wie ich mir schmeicheln darf; ich verschaffte ihr bei Frau von Noirmont die Stelle einer Kammerjungfer.«

»Eine Kammerjungfer! ... aus meiner Milchschwester, der Gespielin meiner Kindheit eine Kammerjungfer machen! ... Ha! das ist niederträchtig ...«

»– Ihr Gehalt ist gut, und ich dachte, da sie gar kein Vermögen habe ...«

»– Schweigen Sie! ... Arme Louise! ... ist das der Lohn Deiner Anhänglichkeit an mich? ... O! sie darf keinen Tag länger in dieser Stelle bleiben ... Jasmin! laß sogleich einen Wagen vorfahren, und Sie, mein Herr, folgen mir!«

Herr Gerundium ließ sich diesen Befehl nicht wiederholen; er folgte Cherubin, der seinen Hut nahm und hastig die Treppe hinab eilte. Jasmin hatte einen Fiaker kommen lassen, der junge Marquis stieg ein, befahl Gerundium, sich auch hereinzusetzen und dem Kutscher die Wohnung der Frau von Noirmont zu bezeichnen; der Hofmeister gehorchte; die Chaise rollte davon.

Unterwegs sprach Cherubin kein Wort und Gerundium wagte nicht einmal, sich zu schnäuzen. Als der Wagen vor dem Hause der Frau von Noirmont anhielt, sagte Cherubin zu dem Hofmeister:

»Sie haben Louisen in dieses Haus gethan, Sie müssen sie auch wieder abholen. Sagen Sie der Herrschaft Louisens, daß diese nicht mehr zu dienen brauche, daß sie einen Freund, einen Beschützer gefunden habe ... sagen Sie was Sie wollen, nur bedenken Sie, daß Sie mir meine Schwester, meine Freundin wieder anschaffen müssen ... Was diese betrifft, so theilen Sie ihr nur mit, daß ich hier sei, daß ich sie erwarte, und ich bin überzeugt, sie wird schnell ihre Anstalten getroffen haben, um zu mir zu kommen. Gehen Sie, mein Herr, ich bleibe hier und erwarte Sie!«

Herr Gerundium sprang aus dem Wagen, schnäuzte sich, als er heraus war, und trat endlich in das Haus ein, bei sich denkend:

»– Nun! weil's denn nicht anders sein kann. Die Kleine wird mir nicht zu Theil werden, es sei denn daß später ... man kann nicht wissen ... er wird sie vielleicht ausstatten ... dann werde ich mir eben vorstellen, sie sei eine Wittwe!«

Cherubin zählte die Minuten, die seit dem Eintritt des Hofmeisters in das Haus verflossen! über den Kutschenschlag vorgebeugt, ließ er das Hofthor nicht aus den Augen, denn jeden Augenblick erwartete er Louisen herauskommen zu sehen, aber diese Hoffnung wurde stets vereitelt; endlich traten zwei Personen aus dem Haus und näherten sich ihm; es waren die Herren Gerundium und Comtois. Das Aussehen des Hofmeisters war ganz bestürzt; er verdrehte beim Herankommen seine Augen wie verstört, aber Cherubin ließ ihm keine Zeit zum Reden, sondern rief aus:

»Louise! Louise, warum ist sie nicht mit euch herabgekommen? ... Haben Sie ihr denn nicht gesagt, daß ich da sei? ...«

»Nein, mein edler Zögling,« entgegnete Herr Gerundium mit verzweifelter Miene, »ich habe es ihr nicht gesagt ... und konnte es ihr nicht sagen ... wenn Sie wüßten ...«

»– Ich will nichts wissen ... ich will Louisen ... sie abzuholen ich gekommen. Warum geht sie nicht herunter? ... Hat man ihr den Abschied verweigert? ... O! dann will ich selbst ...«

»– Ei nein ... man hat gar nichts verweigert ... aber sie ist schon fort ... und deßhalb kam sie nicht mit uns herunter!«

»– Was sagen Sie ... Louise?«

»– Ist seit vier Tagen nicht mehr bei Herrn von Noirmont; sie entfernte sich eines Morgens früh ... ehe Jemand im Hause aufgestanden war.«

»– Ah! Sie hintergehen mich! ...«

»– Nein, mein edler Zögling ... aber da ich fürchtete, Sie möchten mir vielleicht keinen Glauben schenken, so bat ich Comtois, den vertrauten Diener Herrn von Noirmonts, meine Behauptung zu bestätigen ... Sprecht, unbestechlicher Comtois, sagt die Wahrheit, nichts als die Wahrheit ... die ganze Wahrheit!« Comtois näherte sich Cherubin und sprach, nachdem er ihn achtungsvoll begrüßt hatte:

»So lange Mademoiselle Louise bei uns war, verdiente ihr Betragen nur Lob. Ihre bescheidene, sanfte Miene hatte ihr Aller Herzen gewonnen ... Fräulein Ernestine von Noirmont behandelte sie mehr wie ihre Freundin, als wie ihre Kammerjungfer; nur die gnädige Frau war ... man weiß nicht aus welchem Grunde ... etwas streng gegen sie. Kurz, letzten Freitag ... am Morgen nach einem im Hause Statt gehabten großen Essen, ging das junge Mädchen fort ... O! sie hat nichts mitgenommen, als das kleine Päckchen mit ihren Kleidungsstücken ... kein Fetzchen sonst ... Fräulein Ernestine war sehr betrübt ... aber wir stellten uns vor, Louise werde in ihre Heimath zurückgekehrt sein, weil sie betrübt darüber war, das Wohlwollen der gnädigen Frau nicht haben erlangen zu können. Das, gnädiger Herr, ist die bestimmte Wahrheit ... Wenn Sie sich übrigens herauf bemühen wollen ... so können sie von Fräulein Ernestine ... oder von meiner Herrschaft dasselbe erfahren.«

Cherubin hielt es für unnöthig, Herrn und Frau von Noirmont zu befragen; Comtois hatte kein Interesse, ihn zu belügen, und in seinen Blicken lag auch der Ausdruck des Bedauerns über Louisens Entfernung.

»Sie wird ohne Zweifel nach Gagny zurückgekehrt sein!« rief Herr Gerundium, an der Nase kratzend, aus.

»Nach Gagny! ...« sagte Cherubin verzweifelnd; »daher komme ich ja ... Wissen Sie denn nicht, daß ich dort ... daß ich bei Nicollen gewesen bin, und Louisen nicht getroffen habe!«

»– Sie haben einander vielleicht unterwegs verfehlt ...«

»– Ei! Sie hören ja, daß sie schon seit vier Tagen aus diesem Hause fort ist ... vier Tage, verstehen Sie wohl ... Wo ist sie seit dieser Zeit hingerathen? ... Braucht man vier Tage, um einen Weg von vier Stunden zu machen?«

»– Gewöhnlich nicht ... Jedoch ... wenn man unterwegs oft einkehrte.«

»– Ah! Sie sind Schuld, daß Louise das Dorf verließ, wo sie vor allen Gefahren geschützt war ... Sie, mein Herr, haben sie nach Paris gebracht ... Aber denken Sie daran, daß ich Louisen wiederfinden, daß ich wissen muß, wo sie ist, was in den vier Tagen, seit sie sich aus diesem Hause entfernt hat, aus ihr geworden ist ... und wenn ihr ein Unglück begegnet wäre ...ah! so soll das ganze Gewicht meines Zornes auf Sie fallen!«

Cherubin warf sich in den Wagen zurück, bezeichnete dem Kutscher Monfréville's Wohnung und ließ sich sogleich zu ihm führen. Es drängte ihn, diesem Freunde seine Leiden zu klagen, denn er wußte wohl, daß er ihm seinen Rath und Hülfe nicht versagen würde.

Monfréville war zu Haufe; als er seinen jungen Freund so ergriffen und aufgeregt eintreten sah, befragte er ihn augenblicklich um die Ursache seiner Unruhe.

Cherubin erzählte ihm alle Ereignisse des heutigen Tages, seinen Besuch im Dorfe, das Benehmen Gerundiums gegen Louisen, und endlich das Verschwinden des jungen Mädchens aus dem Hause ihrer Herrschaft; er schloß seine Schilderung mit dem Ausruf:

»– Mein Freund! ich muß Louisen finden, ich muß! Denn nun erst fühle ich, wie sehr ich sie liebe ... Arme Louise, um mir näher zu sein, in der Hoffnung, mich zu sehen ... mir zu begegnen ... hatte sie diese Stelle in Paris angenommen. O! Nicolle hat mir Alles gesagt, Louise dachte immer an mich, kein Tag verging, wo sie nicht von mir sprach ... und ich Undankbarer ließ sie drei Jahre ohne ein Zeichen meines Andenkens.«

»Das ist wahr,« versetzte Monfréville, »und nun sind Sie ganz trostlos, weil Sie nicht wissen, was aus ihr geworden ist! übrigens scheint mir, nach Allem, was Sie mir von ihr gesagt haben, das junge Mädchen Ihrer Freundschaft würdig, und es wäre sehr Schade, wenn sie in Paris in irgend eine schändliche Schlinge gefallen ... oder das Opfer irgend eines Elenden geworden wäre ... sie sei hübsch, sagten Sie mir?«

»– Sie war im fünfzehnten Jahre schon reizend ... und in den letzten drei Jahren, erzählte mir Nicolle, sei sie immer noch schöner geworden.«

»– Teufel! ... arme Kleine ... sehr hübsch ... wenn sie sich in Paris verirrt hat, ist das sehr gefährlich! Was aber Ihren Hofmeister betrifft, so erkläre ich mir sein Betragen sehr natürlich: er war ohne Zweifel in Louisen verliebt und hielt es für gerathen, ein Wiedersehen zwischen euch, welches später oder früher Statt finden mußte, unmöglich zu machen ... Für einen Pedanten war das nicht so übel ausgedacht!«

»– In Louisen verliebt ... der Unverschämte! ... der alte Narr! ... aber wo soll ich die arme Louise aufsuchen ... wo kann ich sie nun finden?«

»– Das wird vielleicht schwierig sein; aber vertrauen Sie auf mich, ich will Sie bei Ihren Nachforschungen unterstützen und leiten; schicken Sie Ihre Leute auf Kundschaft aus, und sparen wir kein Geld, denn das ist in allen Umständen des Lebens der wirksamste Alliirte.«

Cherubin dankte seinem Freunde gerührt für seine gütige Theilnahme, und noch am selben Tage begannen sie ihre Nachforschungen.

Während sich dieses bei Monfréville zutrug, war Herr Gerundium, von dem Unwillen und den Drohungen seines Zöglings entsetzt, starr, wie eine Bildsäule, auf der Straße stehen geblieben; Comtois war schon lange wieder zu seiner Herrschaft hinaufgegangen, und der Hofmeister stand noch immer regungslos vor dem Hofthore.

Endlich entschloß er sich, sich wieder in Bewegung zu setzen, wobei er die Betrachtung machte:

»Die Schrift sagt: »Suchet, so werdet ihr finden.« Ich will nun zwar die kleine Louise suchen ... aber es ist wahrscheinlich, daß ich sie nicht finden werde.«

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