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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Ein großes Mittagessen.

Seit Herr von Noirmont seinen Entschluß in Betreff Louisens entschieden ausgedrückt hatte, äußerte Ernestinens Mutter kein Wort mehr, welches Anlaß zur Vermuthung geben konnte, sie habe immer noch im Sinne, das junge Kammermädchen fortzuschicken; es schien im Gegentheil, als wäre Frau von Noirmont mit völliger Ergebung in den Willen ihres Gatten, von der gegen Louisen vorgefaßten Meinung zurückgekommen; sie behandelte dieselbe zwar stets mit einer zuweilen an Strenge grenzenden Kälte: allein der sonst so rauhe, widerwillige Ton ihrer Stimme milderte sich oft beinahe bis zur Freundlichkeit: es war, als ob die Anmuth in dem ganzen Wesen dieses jungen Mädchens, der schüchterne Gehorsam und der Eifer, womit sie ihr Dienste leistete, Frau von Noirmont besiegt und manchmal gegen ihren Willen zum Wohlwollen gegen sie verleitet hätte.

Louise wußte nichts davon, daß sie Frau von Noirmont hatte fortschicken wollen; da Ernestine und ihr Vater allein hievon Kenntniß hatten, so hielt erstere, als sie vernahm, daß ihrer Mutter Entschluß nicht zur Ausführung kommen werde, für überflüssig, mit Louisen darüber zu sprechen, denn mit Recht dachte das Fräulein, die Nachricht, daß sie, statt durch ihren Eifer die Zuneigung ihrer Gebieterin zu gewinnen, von derselben aus dem Dienste entlassen werden sollte, würde Louisen betrüben. Und was Herrn von Noirmont anbetrifft, so war dieser, wenn er einmal seinen Willen ausgesprochen hatte, nicht der Mann, sich mit irgend Jemand weiter über solche Einzelheiten seines Hauswesens zu unterhalten.

Aber leicht konnten Louise und die übrigen Hausgenossen bemerken, daß Frau von Noirmonts Stimmung jeden Tag trübseliger und schwermüthiger wurde; niemals trat ein Lächeln auf ihre Lippen, sie mied die Menschen; die Besuche waren ihr unangenehm und zur Last, sie zog sich in ihr Zimmer zurück und befahl, zu sagen, sie sei ausgegangen oder unwohl, damit man ihre Einsamkeit nicht störe; oft schien ihr sogar die Gegenwart ihrer Tochter zuwider und mißfällig. Die liebenswürdige Ernestine, welche nichts verschuldet hatte, was ihr der Mutter Zärtlichkeit hätte entziehen können, war daher oft ganz traurig, sich so kalt behandelt zu sehen; wenn sie sich Frau von Noirmont näherte, um sie zu umarmen, so stieß diese ihre Tochter entweder unwillig zurück, oder nahm den Ausdruck ihrer Zuneigung gleichgültig auf; dann entfernte sich das junge Mädchen, die Thränen zurückdrängend, die ihr in die Augen traten, weil sie aus Furcht, ihre Mutter zu beleidigen, dieselben nicht sehen lassen wollte.

Als Louise ihre Gebieterin sich heimlich die Augen trocknen sah, sagte sie leise zu ihr:

»Sie sind betrübt, gnädiges Fräulein, ich bin überzeugt, nur deßhalb, weil Ihre Mutter Sie seit einiger Zeit nicht mehr in ihre Arme schließt!«

Ernestine stieß einen tiefen Seufzer aus und antwortete:

»Es ist wahr! ich weiß nicht, was die Mutter gegen mich haben kann ... ich zerbreche mir vergeblich den Kopf, um mich zu besinnen, ob ich durch Etwas ihr Mißfallen verdient habe ... aber ich erinnere mich an nichts ... seit einiger Zeit nennt sie mich nicht mehr ihre liebe Tochter ... drückt mich nicht mehr an ihr Herz ... und doch ist es unmöglich, daß sie mich nicht mehr liebe ... nicht wahr, Louise? ... ihr Gesundheitszustand macht sie so ... sie leidet an den Nerven ... sie klagt nicht, aber ich weiß gewiß, daß sie krank ist; man sieht's auch recht gut, sie hat sich seit einiger Zeit sehr verändert.«

»– Das ist wahr, gnädiges Fräulein, ich bemerkte es selbst. O! Sie haben Recht, der gnädigen Frau Unwohlsein ist an ihrer Traurigkeit und ihrer Kälte gegen Sie Schuld ... aber warum lassen Sie keinen Arzt rufen?«

»Mehrmals schon sagte ich zur Mutter: Du bist blaß. Du siehst leidend aus ... man sollte Herrn Derbaut, unsern Doktor, holen lassen, aber Mama erwiderte mir in mißmuthigem Tone: mir fehlt nichts ... es ist überflüssig, den Doktor kommen zu lassen, ich brauche ihn nicht.«

Beide junge Mädchen theilten sich auf solche Weise ihre Gedanken mit, indem sie darüber nachdachten, wie sie, die Eine ihrer Mutter, die Andere ihrer Gebieterin gefällig sein könnten. Denn trotz ihrer Strenge und der Wunderlichkeit ihrer Launen, die oft in Ungerechtigkeit ausarteten, liebten Beide Frau von Noirmont: Ernestine, mit aller Zärtlichkeit und aller Anhänglichkeit eines Kindes, welches die Fehler seiner Mutter nicht bemerken will; Louise mit einer achtungsvollen Ergebenheit, die sie veranlaßt hätte, sich mit Freude den schwersten Arbeiten zu unterziehen, wäre ihr ein Lächeln der Gebieterin dafür zu Theil geworden.

Aber Frau von Noirmont schien sorgfältig alle Gelegenheiten zu vermeiden, wobei sie Louisens Dienste nöthig gehabt hätte; nur in Anwesenheit ihres Mannes, oder wenn es unvermeidlich war, ertheilte sie ihr einige Befehle oder nahm sie Etwas aus ihren Händen an. Das junge Kammermädchen, welches gerne allen Wünschen ihrer Gebieterin hätte zuvorkommen mögen, folgte ihr bisweilen in der Hoffnung, sich nützlich zu erweisen, mit den Augen; wenn aber Frau von Noirmont Louisens Blicke auf sich gerichtet fand, verdüsterte sich ihre Stirne und sie gab ihr sogleich einen Wink, sich zu entfernen.

Eines Tages befand sich Frau von Noirmont, wie gewöhnlich, allein in ihrem Zimmer und hielt ein Buch in der Hand, worin sie jedoch wenig las, weil sie oft so in Gedanken versank, daß sie die Lektüre darüber vergaß. Ernestine saß in geringer Entfernung von ihr, arbeitete an einer Stickerei und warf von Zeit zu Zeit heimlich einen Blick auf ihre Mutter, in der Hoffnung, ihren Augen zu begegnen und ein Lächeln von ihr zu erhaschen, was für sie eine seltene Gunst geworden war.

Frau von Noirmont wandte sich gegen ihre Tochter und reichte ihr das Buch mit den Worten hin: »Ernestine hole mir den zweiten Band dieses Werkes, Du wirst ihn auf der zweiten Reihe links im Bibliothekzimmer finden.«

Das junge Mädchen erhob sich rasch, nahm das Buch und verließ eilig das Zimmer, um ihrer Mutter zu gehorchen. Nachdem sie den von Frau von Noirmont verlangten Band in der Bibliothek geholt hatte, wollte sie ihr denselben überbringen, traf aber im Salon ihren eben angekommenen Zeichenlehrer, der sie zum Unterricht erwartete; daher gab sie Louisen das Buch mit der Weisung, es ihrer Mutter zu überbringen, und setzte sich neben den Lehrer, um ihre Stunde zu nehmen.

Louise nahm das Buch und trug es in das Zimmer ihrer Gebieterin; beim Eintritt in dasselbe fing sie an zu zittern, sie fürchtete, Frau von Noirmont's Unwillen zu erregen, weil diese nicht ihr den Auftrag ertheilt hatte ... indessen ging sie doch hinein, Frau von Noirmont saß dort mit auf die Brust gesenktem Haupte, sie erhob die Augen nicht, als sie Jemand ins Zimmer treten hörte, denn sie zweifelte gar nicht, daß es Ernestine sei; Louise schritt auf sie zu und überreichte ihr das Buch, ohne daß sie gewagt hätte, ein Wort zu sprechen.

Frau von Noirmont faßte jedoch, von einem plötzlichen Gefühle mütterlicher Zärtlichkeit getrieben, die Hand, welche ihr das Buch darreichte, drückte sie innig und flüsterte:

»Meine arme Tochter ... Du mußt mich seit einiger Zeit sehr ungerecht gegen Dich finden ... und glaubst vielleicht, ich liebe Dich nicht mehr ... denke das nicht, mein Kind, ich liebe Dich immer unverändert ... aber Du kannst nicht begreifen, was in meinem Herzen vorgeht ... und was ich leide ... ach! Du sollst es nie erfahren ...«

In diesem Augenblick richtete Frau von Noirmont, während sie das junge Mädchen zu sich heranzog, um sie in ihre Arme zu schließen, das Haupt in die Höhe und erkannte jetzt erst Louisen. Sie blieb stumm, regungslos, ein Ausdruck des Entsetzens malte sich in allen ihren Zügen, ihr Angesicht wurde leichenblaß, sie erhob die Augen gen Himmel und stotterte:

»O mein Gott ... und ich habe sie meine Tochter genannt!«

»Verzeihung, gnädige Frau, Verzeihung!« flüsterte Louise, über den Zustand erschreckt, in welchem sie ihre Herrschaft erblickte. »Es ist nicht meine Schuld ... das gnädige Fräulein wollte ...«

Frau von Noirmont suchte ihre Bestürzung gewaltsam zu verbergen und fuhr mit rauhem, strengem Tone fort: »Warum sind Sie zu mir hereingekommen? Habe ich nach Ihnen verlangt? ... was thun Sie hier? Wollen Sie meinen Gedanken ... meinen Geheimnissen auflauern? ...

»– O, gnädige Frau ... mein Gott ... wie könnten Sie glauben?«

»– Begegne ich nicht seit einiger Zeit Ihren stets auf mich gerichteten ... mich verfolgenden ... meine geringste Bewegung beobachtenden Blicken? ... Was veranlaßt Sie hiezu? Haben Sie irgend einen Grund ... irgend eine geheime Ursache? ... Nun, sprechen Sie einmal, Mademoiselle!«

»Gnädige Frau, wenn ich Sie beleidigt habe ... so war es gewiß nie meine Absicht; wenn meine Blicke zuweilen auf Ihnen hafteten, so geschah es deßhalb, weil ich glücklich gewesen wäre, Ihnen einen Wunsch abzulauschen ... Etwas zu thun, was Ihnen angenehm gewesen wäre ... kurz ein freundliches Wort oder einen wohlwollenden Blick von Ihnen zu erhalten ... das war meine ganze Absicht, wenn ich es wagte, Sie anzublicken ... zudem war es ein Glück, welches ich mir verschaffte ... dessen ich mich aber berauben werde, gnädige Frau, weil Sie mir es verbieten.«

Louise beugte sich vor ihrer Gebieterin, warf sich beinahe zu ihren Füßen nieder, und ihre Stimme war so bebend geworden, daß sie kaum diese Worte hatte vollenden können.

Frau von Noirmont schien heftig ergriffen, es war, als ob ein Kampf im Innersten ihrer Seele ausbräche; sie stand auf, machte einige Schritte im Zimmer, entfernte sich von Louisen, trat dann wieder auf sie zu, blickte sie lange, sehr lange an, aber nicht mehr mit dem Ausdrucke der Strenge; ihre Augen schwammen in Thränen. Plötzlich eilte sie auf das junge Mädchen zu, welches mit niedergeschlagenen Augen unbeweglich auf demselben Platze stand, ergriff ihre Hand und zog sie zu sich her ... aber beinahe eben so schnell stieß sie sie heftig wieder zurück und sagte mit Hastigkeit zu ihr:

»Gehen Sie, verlassen Sie mich, Mademoiselle ... ich bedarf Ihrer nicht mehr!« Louise gehorchte, entfernte sich und dachte:

»Mein Gott, was hat sie denn, was habe ich ihr denn gethan?«

Acht Tage nach dieser Begebenheit kündigte Herr von Noirmont seiner Frau an, daß er ein großes Mittagsmahl geben werde. Er nannte ihr die eingeladenen Personen, deren Zahl sich auf fünfzehn belief, und fügte hinzu:

»Ich hatte die Absicht, auch den jungen Marquis Cherubin von Grandvilain einzuladen ... aber da er meiner Einladung, mich zu besuchen, bis jetzt keine Folge geleistet hat und demnach nicht die mindeste Bereitwilligkeit zeigt, mit einem alten Freunde seines Vaters umzugehen, so habe ich meinen Vorsatz aufgegeben.«

Frau von Noirmont konnte nicht verhehlen, wie widrig ihr schon zum Voraus dieses Mittagessen war. Aber Herr von Noirmont bemerkte ganz trocken:

»In der That, Madame, wenn ich mich nach Ihnen richtete, würden wir Niemand mehr in unserem Hause sehen, und wie die Nachteulen leben! Ich bin kein Narr! kein großer Liebhaber von Vergnügungen! ... aber ich mag auch nicht leben wie ein Einsiedler. Ueberdies, Madame, haben wir eine Tochter, und es ist unsere Pflicht, uns um ihr Glück zu bekümmern; in einiger Zeit werden wir an ihre Verheirathung, an eine passende Partie für sie denken müssen; und deßhalb dürfen wir sie nicht von der Welt absondern, in der sie einst als Zierde zu glänzen berufen ist. Sie weisen jede sich darbietende Gelegenheit zurück, die arme Ernestine in eine Soirée, ein Conzert ... oder auf einen Ball zu führen. Sie schützen vor, krank zu sein ... je nun, ich kann Sie nicht zum Ausgehen zwingen, Madame, da aber Ihre Gesundheit Sie unaufhörlich im Hause zurückhält, so werden wir hier Gesellschaften empfangen; das ist jetzt mein Entschluß!«

Frau von Noirmont machte keine weitere Einwendung, denn sie wußte wohl, daß, sobald ihr Mann irgend Etwas bestimmt hatte, ihn Niemand wieder davon abbringen konnte; und Herr von Noirmont verließ sie mit dem Auftrage, ihre Anordnungen zu treffen, damit bei dem auf den folgenden Donnerstag festgesetzten Essen nichts fehle.

Frau von Noirmont fügte sich darein, und als der zur Gesellschaft bestimmte Tag heranrückte, ertheilte sie ihre Befehle und beschäftigte sich mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit; Ernestinen verursachte die Nachricht, daß man viele Gäste bekommen und ein großes Essen halten werde, zum Voraus viel Freude. Sie hatte so selten Gelegenheit zu Vergnügungen, zur Zerstreuung, daß ihr Alles, was von der gewöhnlichen Einförmigkeit ihres Lebens abwich, schon als ein Glück erschien. Louise hegte die Hoffnung, dieses Essen werde ihr Gelegenheit geben, sich nützlich und eifrig zu zeigen, und sie theilte deßhalb die kindliche Freude ihrer jungen Herrschaft.

Endlich war der Tag erschienen, wo das Innere dieses sonst so ruhigen Hauses von der lauten Unterhaltung und dem schallenden Gelächter einer zahlreichen Gesellschaft ertönen sollte. Vom frühen Morgen an herrschte eine rege Bewegung im Noirmontschen Hause; der Herr allein blieb wie gewöhnlich ruhig an der Arbeit in seinem Studirzimmer und erwartete die Ankunft der Gesellschaft; aber Frau von Noirmont ertheilte ihre Anordnungen, überwachte die Zurüstungen und sorgte, daß keiner ihrer Befehle vernachlässigt wurde; Ernestine folgte ihrer Mutter mit Hüpfen und Lachen und versprach sich viel Vergnügen von diesem Tage; dann sagte sie zu Louisen:

»Du mußt Dich bis zum Essen recht schön machen, weil Du mit Comtois bei Tische serviren mußt; das ist bei uns, wenn wir Gesellschaft haben, gebräuchlich.«

»Seien Sie ruhig, gnädiges Fräulein,« entgegnete Louise, »ich weiß nicht, ob ich mich schön machen kann, aber ich verspreche Ihnen, mein Möglichstes zu thun, um gut zu serviren, damit Ihre Frau Mutter mit mir zufrieden sei.«

Aber wenige Augenblicke, ehe die Besuche ankommen sollten, sprach Frau von Noirmont zu ihrer Tochter:

Ernestine, ich wünsche nicht, daß deine Kammerjungfer bei Tisch servire, sage ihr, sie könne in ihrem Zimmer bleiben, man brauche sie nicht.«

Ernestine begriff diese Laune ihrer Mutter nicht, sah sie an und stotterte:

»Aber Mutter, gewöhnlich ... wenn wir Gesellschaft geben ...«

»– Meine Tochter, Deine Bemerkungen sind überflüssig, thue, was ich Dir sage.«

Ernestine gehorchte ihrer Mutter; sie begab sich traurig in Louisens Zimmer, welche sie bei Beendigung ihrer Toilette antraf.

»Gnädiges Fräulein,« fragte dieselbe, »wie finden Sie mich ... ist mein Anzug passend?«

»Ja ... o! meine arme Louise, Du bist recht artig!« entgegnete Ernestine schwer seufzend, »es war aber nicht der Mühe werth, Dich so schön anzuziehen ... Die Mutter wünscht nicht, daß Du bei Tische servirest ... sie sagt, Du könnest in Deinem Zimmer bleiben.«

Louisens Angesicht drückte die Betrübniß aus, welche dieser Befehl in ihr erregte, aber sie erlaubte sich kein Murren, sondern entgegnete:

»Ich werde gehorchen, gnädiges Fräulein; Ihre Frau Mutter hat ohne Zweifel Gründe zu dieser Anordnung ... Ach! ich fürchte, sie zu errathen ... sie will mich nicht sehen ... meine Gegenwart ist ihr lästig ... ich werde gehorchen ... sie soll mich nicht sehen.«

Ernestine fühlte nicht die Kraft, Louisen zu widersprechen, denn in der Erinnerung, daß ihre Mutter Louisen schon hatte fortschicken wollen, glaubte auch sie, daß diese richtig gerathen habe; sie begnügte sich, ihr die Hand zu drücken, und verließ sie, weil die Stunde zur Ankunft der Gäste geschlagen hatte.

Wirklich kam auch alsbald die Gesellschaft an. Herr von Noirmont hatte mehr Herren als Damen eingeladen; indessen begleitete die Frau eines Advokaten ihren Mann; das war eine große, sehr dürre, sehr steife, sehr anspruchsvolle Frau, die sich selbst mit dem größten Vergnügen sprechen hörte, dagegen niemals Andere anhören wollte.

Eine andere junge, frische und anmuthige Dame bildete einen auffallenden Contrast zu dieser erstern; es war dies die Gattin eines Anwalts, der sich verheirathet hatte, um seine Stelle zu bezahlen, während der Advokat die große, dürre genommen hatte, um mit Muße auf Clienten warten zu können. Heutzutage ist in der Welt das Heirathen ein Geschäft und beinahe niemals eine Sympathie.

Einige ernste Männer, zwei junge Modeherren und Herr Trichet, dem wir schon bei Madame Celival begegnet sind, machten die Gesellschaft vollständig. Herr von Noirmont empfing seine Gäste mit seinem gewöhnlichen Phlegma. Frau von Noirmont, die sich fassen und in den Empfang all' dieser Besuche schicken mußte, gab sich wenigstens Mühe, ihren Widerwillen gegen dieselben zu unterdrücken; sie machte die Wirthin vortrefflich, zwang sich zu lächeln, und wußte, wenn ihr daran lag, Jedem von der Gesellschaft etwas Angenehmes zu sagen, was um so mehr schmeichelte, da man nicht daran gewöhnt war.

Ernestine wurde wieder heiter, als sie ihre Mutter es scheinen sah; in ihrem Alter vergißt man kleine Widerwärtigkeiten so leicht; sie liebte die Welt, und seit längerer Zeit hatte sie so selten Gelegenheit, sich zu unterhalten, zu zerstreuen, daß sie die sich darbietende mit Freuden ergriff. Als Fräulein vom Hause richtete man jene Schmeicheleien an sie, die man zwar nicht glauben soll, die aber stets angenehm für das Ohr sind; man fand sie größer, schöner; man sagte ihr dies nicht selbst, aber man sagte es doch laut genug, daß es zu ihren Ohren dringen konnte. Frau von Noirmont nahm die ihrer Tochter gemachten Complimente mit Gleichgültigkeit hin; Herr von Noirmont schien darüber entzückt.

Herr Trichet war immer derselbe, er sprach unaufhörlich, wollte Alles wissen, mischte sich in jede Unterredung und lauschte fortwährend auf Alles, was in allen Ecken des Salons gesprochen wurde; dieser Mann hatte in Gesellschaften vollauf zu thun.

Comtois meldete, das Essen sei aufgetragen, und die ganze Gesellschaft begab sich in den Speisesaal. Man setzte sich zu Tische und fing mit jenem Schweigen der gebildeten Gesellschaft zu speisen an, welches oft bis zum Nachtische dauert.

Man war noch beim ersten Gang, als Herr von Noirmont, der nicht schnell genug servirt wurde, um sich blickte und zu Comtois sagte:

»Wo ist denn die Kammerjungfer? ... warum servirt sie nicht mit Dir? ... Nun wundert es mich nicht mehr, daß das Auftragen so langsam geht ... was treibt sie denn? hast Du ihr nicht gesagt, daß sie bei Tische serviren helfen müsse? ...«

Comtois fühlte sich in peinlicher Verlegenheit; denn als er Louisen rief, hatte ihm diese den Befehl ihrer Gebieterin mitgetheilt. Er suchte auszuweichen und entgegnete halblaut:

»Gnädiger Herr ... die gnädige Frau hat geglaubt ... es sei überflüssig ...«

Herr von Noirmont ließ Comtois nicht vollenden, er versetzte mit herrischem Tone:

»Rufe augenblicklich Louisen her, sie soll Dir beim Auftragen behülflich sein.«

Comtois ließ sich diesen Befehl nicht zweimal sagen, um so mehr, als es ihm innerlich höchst angenehm war, von der Kammerjungfer unterstützt zu werden. Frau von Noirmont schlug die Augen nieder und wurde entsetzlich blaß. Ernestine warf furchtsame Blicke auf ihre Eltern, und Herr Trichet, der über Alles seine Bemerkungen machte, rief aus:

»Ach! Sie haben eine Kammerjungfer, die nicht bei Tische serviren will! ... Sie haben vollkommen Recht, sie dazu zu zwingen ... die Dienstboten sind heutzutage zum Verwundern! wenn man sie machen ließe, würden sie gar nichts mehr thun und sich dabei theuer bezahlen lassen. Ich bin neugierig, Ihre Kammerjungfer zu sehen.«

Louisens Eintritt machte diesen Gesprächen ein Ende. Das junge Mädchen wurde durch Comtois' Auftrag sehr in Verlegenheit gebracht; sie zögerte anfänglich, ihm zu folgen; aber Comtois hielt ihr entgegen:

»Sie müssen kommen, Mademoiselle, der gnädige Herr verlangt es, und wenn er befiehlt, muß man gehorchen.«

Louise entschloß sich also, dem Kammerdiener zu folgen; während sie aber dem Befehle ihres Herrn Folge leistete, setzte sie der Gedanke, gegen den Wunsch ihrer Gebieterin zu handeln, sehr in Bekümmerniß; daher erschien sie mit gesenktem Blicke und hochgerötheten Wangen, war aber dadurch nur um so hübscher und erregte bei dem größten Theil der Gäste durch ihre Schönheit Staunen.

»Wahrhaftig,« sagte Trichet, »das junge Mädchen hatte Unrecht, sich nicht zu zeigen! ... Ich habe noch wenig so hübsche Dienstboten gesehen ... hm? was sagen Sie dort unten, Herr Dernange? ... o! ich verstehe Sie schon ... Sie haben gesagt, ein griechisches Profil ... ja, beinahe ... übrigens griechisch oder hebräisch, es ist jedenfalls für das Profil einer Kammerjungfer sehr ausgezeichnet.«

Die beiden jungen Herren äußerten ihre Bemerkungen nicht so laut, wie Herr Trichet, aber sie betrachteten Louisen unablässig und ließen fortwährend ihre Teller durch sie wechseln.

Die große, anspruchsvolle Dame warf einen verächtlichen Blick auf Louisen und murmelte:

»Ich kann nicht begreifen, wie man eine Magd hübsch finden kann.«

Und die andere Dame rief aus:

»Das junge Mädchen ist reizend und hat eine so sittsame Miene ... Alles spricht zu ihren Gunsten.«

»O! o!« versetzte Herr Trichet, »diesen Mienen darf man nicht trauen ... sie täuschen oft sehr ... Ich weiß davon zu sprechen; ich habe schon zweihundert Haushälterinnen gehabt und alle haben mich bestohlen.«

Frau von Noirmont erwiderte auf alle durch die Erscheinung des jungen Kammermädchens veranlaßten Bemerkungen nichts; aber man sah, daß sie litt und gewaltsame Anstrengungen machte, so ruhig und heiter zu scheinen, wie vorher.

Ernestinens Munterkeit war verloren, denn sie errieth, daß ihrer Mutter etwas fehle.

Herr von Noirmont, durch die Erfüllung seiner Befehle zufrieden gestellt, beschäftigte sich nur mit seinen Gästen und beachtete die Blässe seiner Frau nicht im Geringsten.

Indessen ging die Unterhaltung bald auf einen andern Gegenstand über, und Frau von Noirmont athmete etwas freier.

Louise servirte mit dem größten Eifer, schlug, wenn sie in die Nähe ihrer Gebieterin kam, die sie nicht anzusehen wagte, die Augen nieder und vermied es, ihr jemals gegenüber zu stehen.

Plötzlich aber drang der Name Cherubins zu den Ohren der Jungfrau. Herr Trichet war es, der von einer Abendgesellschaft bei der Gräfin von Valdieri sprechend, ausrief:

»Der junge Marquis von Grandvilain war nicht zugegen ... Ich habe auch die Bemerkung gemacht, daß er nicht mehr zu Madame Celival kommt ... Das scheint mir sonderbar, denn Jedermann weiß, daß der kleine Marquis dieser Dame die Cour machte ... er ist noch zu sehr Neuling, um seine Empfindungen zu verbergen ... er sah sie auffallend oft an ... es war lächerlich ...«

In diesem Augenblick hielt Louise eine Platte mit einem Huhn in Oliven-Sauce, das sie der großen Frau des Advokaten präsentiren sollte; als sie aber von Cherubin sprechen hörte, vergaß sie, was sie that, ließ die Platte fallen, die sie eben über der Schulter der anspruchsvollen Dame hielt, und schüttete ihr eine Portion Huhn nebst dazu gehöriger Sauce über das Kleid.

»Wie einfältig, wie dumm sind Sie!« rief die große Dame, mit wüthenden Blicken auf Louisen, aus. »Wenn man nicht im Stande ist, eine Platte anzubieten, so bleibe man in seiner Küche!«

Louise stand starr, außer sich, trostlos. Die Herren, welche sie so noch hübscher fanden, suchten sie zu entschuldigen; Ernestine stand eilig auf, das Kleid der Dame abzutrocknen, woran Louise nicht einmal gedacht hatte. Was Frau von Noirmont betrifft, so erhob sich diese, als sie Louisen einfältig und dumm schelten hörte, zur Hälfte von ihrem Stuhle, ihre Brauen zogen sich zusammen, ihre Augen schleuderten einen Augenblick Blitze, dann aber sank sie wie todt wieder auf ihren Stuhl zurück. Und Herr Trichet, der neben ihr saß, rief aus:

»Frau von Noirmont ist sicher nicht wohl ... Fühlen Sie sich nicht ganz gut, gnädige Frau?«

»Es hat hoffentlich nichts zu bedeuten,« erwiderte Frau von Noirmont, vom Tische aufstehend. »Ein plötzliches Uebelsein ... ich will etwas frische Luft schöpfen.«

Ernestine befand sich bereits neben ihrer Mutter, unterstützte sie, reichte ihr den Arm und beide verließen den Speisesaal.

Dieses Ereigniß machte Louisens Ungeschicklichkeit vergessen, und obgleich die große Dame unaufhörlich von ihrem Kleide sprach, schenkte ihr doch Niemand Gehör. Nach zehn Minuten kehrte Frau von Noirmont auf ihren Platz am Tische zurück. Sie war immer noch sehr blaß, versicherte aber, es sei ihr besser. Das Essen ging ziemlich traurig zu Ende; der Unfall, welcher der Herrin des Hauses zugestoßen war, hatte die Heiterkeit verscheucht.

Man begab sich in den Salon. Die Männer unterhielten sich mit einander; die große Dame beschäftigte sich fortwährend mit Abreiben ihres befleckten Kleides. Frau von Noirmont lächelte gezwungen über Herrn Trichets Gespräch; Ernestine blickte stets nach ihrer Mutter, und die jungen Herren wandten sich oft nach der Thüre, ärgerlich, das hübsche Kammermädchen nicht mehr eintreten zu sehen. Man arrangirte eine Partie Whist, sie zog sich aber nicht in die Länge, und die Gesellschaft ging lang vor Mitternacht aus einander, weil der leidende Zustand der Frau von Noirmont Ruhe erheischte.

Es war zwei Uhr Nachts. Längst schon hatten sich alle Angehörigen des Hauses Noirmont in ihre Zimmer zurückgezogen und mußten schon im tiefen Schlafe liegen. Nur Louise, noch von dem Eindruck der heutigen Empfindung wach gehalten, hatte eben erst mit dem Gedanken an Cherubin, der in zwei Frauen verliebt sein sollte, die Augen geschlossen.

Plötzlich öffnete man die Thüre ihres Zimmers; eine Person, mit einem Lichte in der Hand, trat vorsichtig ein; Louise öffnete ihre Augen wieder und erkannte Frau von Noirmont, die, im Nachtkleide, blaß, wie beim Diner, sich ihrem Bette näherte, nachdem sie vorher stille gestanden war, um sich zu überzeugen, daß ihr Niemand folge.

»Mein Gott, Sie sind's, gnädige Frau ...« rief Louise aus, »sind Sie krank? bedürfen Sie vielleicht meiner Dienste? ... Ach! ich will sogleich aufstehen.«

»Bleiben Sie! ... bleiben Sie und hören Sie mich an!«

Mit diesen Worten verschloß Frau von Noirmont die Zimmerthüre, setzte sich dicht neben das Bett und ergriff eine von Louisens Händen, die sie innig drückte, während sie mit erstickter Stimme zu ihr sprach:

»Louise, Sie müssen dieses Haus verlassen ... wenn Sie nicht wollen, daß ich zu Grunde gehe ... daß mich der Schmerz tödte ... Ach, was ich gelitten, ist entsetzlich, und ich fühle, daß ich nicht länger die Kraft haben werde, es zu ertragen.«

»Wie, gnädige Frau ... ich bin die Ursache Ihrer Leiden, ach! ich will gehen ... ja, seien Sie dessen versichert ... Mein Gott, wenn ich es früher gewußt hätte, so hätte ich Ihnen schon lange vielen Kummer erspart ... verzeihen Sie mir ... denn, weit entfernt, Ihnen Betrübniß verursachen zu wollen ... hätte ich mein Leben hingegeben, um Ihnen meinen Eifer, meine Anhänglichkeit zu beweisen ... aber gleichviel, ich werde gehen ...«

»– Arme Louise! ... Sie hassen mich also nicht! ... mich, die ich Sie so hart behandelte, die niemals ein gutes sanftes Wort mit Ihnen sprach!«

»– Ich, Sie hassen? ach! gnädige Frau, das scheint mir unmöglich ... es ist mir, als ob es meine Pflicht wäre, Sie zu lieben ... Oh! vergeben Sie mir ... ich vergesse, daß ich nur ein armer Dienstbote bin ...«

»Sie ... ein Dienstbote! ... Wehe! das ist es, was mich tödtet, das kann ich nicht ertragen ... Sie bei mir dienen! ... Großer Gott! ich war sehr strafbar, ich fühle es, weil du mir diese Züchtigung auferlegt hast ... aber heute war die Qual zu groß ... mein Gott! ... was hab' ich gesagt? ich rede irre! Louise, armes Kind! Sie haben geglaubt, ich verabscheue Sie und suche Sie deßhalb von mir zu entfernen ... ach, wenn Sie in der Tiefe meiner Seele hätten lesen können! ...«

»– Wär's möglich, gnädige Frau, Sie verabscheuen mich nicht ... o! wie glücklich bin ich ...«

»Louise, hören Sie mich an ... Sie sollen keine Dienerin sein ... Sie sollen reich und glücklich werden ... armes Mädchen! Sie haben genug für Anderer Fehler gelitten ... Ihr Schicksal wird sich anders gestalten ... hier, nehmen Sie diesen Brief, den ich eben geschrieben habe, übergeben Sie ihn der Person, deren Name auf dem Brief steht, und die Sie nach Ihrem Weggehen von hier aufsuchen müssen, da ich nicht weiß, wo derjenige ... an den das Schreiben gerichtet ist, gegenwärtig wohnt; was Sie jedoch erfahren werden, wenn Sie zu Herrn Cherubin von Grandvilain gehen, dessen Freund er ist; dort wird man Ihnen sogleich seine Wohnung bezeichnen. Die des Herrn Cherubin ist Ihnen, glaub' ich, bekannt?«

»– O ja, gnädige Frau, ja ... ich war zwei Mal in seinem Hôtel. Und die Person, der ich diesen Brief überbringen soll ...«

»– Diese Person wird ... so denke ich wenigstens, Sie Ihrem Vater zurückgeben ...«

»– Meinem Vater ... o mein Gott! ... wie, gnädige Frau! ... ich werde meine Eltern wiederfinden ... Sie kennen sie also?«

»– Fragen Sie mich nicht weiter, Louise, was ich thue, ist schon sehr viel ... ich hatte einen Schwur gethan, niemals dieser Person wieder zu schreiben ... aber seit ich Sie gesehen ... habe ich gefühlt, daß es unrecht, sehr unrecht sei, Sie der Umarmungen Ihres Vaters zu berauben, denn er wird sehr glücklich sein, Sie wiederzufinden! ... o! ja, ich bin überzeugt, daß er Sie mit Sorgfalt und Liebe umgeben wird.«

»Und von meiner Mutter, gnädige Frau, von der sprechen Sie nicht mit mir ... werde ich sie nicht auch sehen? ... Ach, ich wäre so glücklich, sie in meine Arme schließen zu dürfen!«

»Ihre Mutter? ... o nein, das ist unmöglich ... Ihr Vater wird Ihnen den Namen derselben verschweigen, er muß es ... und wenn er Ihnen denselben doch enthüllte ... so bedenken Sie, daß ein einziges unbesonnenes Wort Ihrer Mutter das Leben kosten würde! ... Doch ich habe Ihnen schon genug hierüber gesagt. Morgen bei Tagesanbruch, ehe Jemand im Hause aufgestanden ist, entfernen Sie sich, Louise, nicht wahr, Sie versprechen es mir?«

»– Ja, gnädige Frau, ich verspreche es Ihnen.«

»– Gut ... und nun ... küssen Sie mich!«

»– Erlauben Sie es mir?«

Statt aller Antwort umschloß Frau von Noirmont Louisen mit ihren Armen, zog sie an sich und hielt sie lange an ihr Herz gedrückt, während sie sie mit Küssen bedeckte. Das Glück des jungen Mädchens war so groß, daß sie zu träumen glaubte, und den Himmel anflehte, sie nicht wieder zu erwecken.

Aber Frau von Noirmont, deren Augen in Thränen schwammen, that sich Gewalt an; sie riß sich aus Louisens Armen, drückte noch einen Kuß auf die Stirne der Jungfrau und entfernte sich schnell, indem sie noch voll Zärtlichkeit zu ihr sprach:

»Vergiß nichts von Allem, was ich Dir gesagt habe!«

Louise blieb in einer Art Extase versunken; die Küsse, die sie empfangen, hatten sie zum ersten Mal ein so reines Glück fühlen lassen, daß sie dessen Dauer zu verlängern suchte; sie wagte weder über das Geheimnißvolle in Frau von Noirmonts Betragen nachzudenken, noch suchte sie sich es zu enträthseln, aber sie wiederholte jeden Augenblick bei sich: »sie liebt mich ... o! ja, sie liebt mich ... denn sie hat mich lange an ihr Herz gedrückt ... und mich ... Du ... genannt ... »›vergiß nichts von Allem, was ich Dir gesagt habe!‹« Ach! ich werde diese Worte ebenso wenig vergessen ... mein ganzes Leben lang will ich mich an sie erinnern.«

Louise schloß den übrigen Theil der Nacht die Augen nicht mehr. Sobald der Tag zu grauen anfing, stand sie auf, kleidete sich eilends an und packte ihre Effekten zusammen; dann steckte sie den von Frau von Noirmont empfangenen Brief in ihren Busen, öffnete ganz leise die Thüre, verließ die Stube, durchschritt geräuschlos mehrere Zimmer, erreichte auf solche Weise die Treppe, den Hof, klopfte an das Fenster des Portiers, ließ sich das Thor aufschließen und befand sich mit Anbruch des Tages auf der Straße.

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