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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Der polnische Liebeshandel.

Cherubin hatte Darena acht Tage nicht gesehen; er wurde ungeduldig, mißmuthig und fürchtete, sein Liebeshandel mit der schönen Polin möchte ganz vereitelt worden sein; wie dies nun immer der Fall ist, so nahm auch seine Liebe in dem Maße zu, als er fürchtete, nicht zum Besitze des Gegenstandes seiner Neigung gelangen zu können; aber just, um ihn zu dieser Höhe der Leidenschaft zu steigern, war Darena, ein Kenner des menschlichen Herzens, so lange von ihm weggeblieben.

Endlich stellte sich Darena eines Morgens äußerst geschäftig, athemlos, wie ein Mann, der, ohne anzuhalten, zwölf Wegstunden durchgaloppirt hat, im Hôtel ein. Er schob den alten Jasmin, der ihm entgegnete, er wisse nicht, ob der Herr schon zu sprechen sei, da er noch nicht aufgestanden, auf die Seite, und warf ihn fast über den Haufen.

»Auf oder im Bette, darum schere ich mich nichts, für mich ist er immer zu sprechen!« schrie Darena mit barschem Ton. »Lernt die Leute kennen, alter Esel von Kammerdiener, aus deren Besuch sich Euer Herr jederzeit eine Ehre macht!«

Mit diesen Worten drang Darena hastig in das Schlafgemach des jungen Marquis, ließ Jasmin sich an die Wand anklammern und mit zornerstickter Stimme brummen:

» Alter Esel! ... Er nannte mich einen alten Esel! ... das ist unverschämt. Nie haben mir die Grandvilains, Vater und Sohn, diesen Namen beigelegt! ... Er ist freilich kein Esel ... aber wie ich fürchte, sonst ein sehr schlechtes Thier.«

Darena trat an Cherubins Bett, schob die Umhänge zurück, und rief ihm zu:

»Auf Jokonde! auf Lovelace ... Richelieu, Rochester! Endlich ist der Augenblick des Sieges gekommen! Tod und Teufel! ich darf sagen, lieber Freund, daß ich mich's Ihretwegen habe Mühe kosten lassen! ... uf! ich kann nicht mehr!«

Damit warf sich Darena auf ein Ruhebett und wischte sich das Gesicht mit seinem Taschentuche ab.

»Aber was ist denn seit acht langen Tagen mit Ihnen vorgegangen, daß ich Sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekam und nicht wußte, was ich von Ihrem Stillschweigen zu halten hatte?« fragte Cherubin, seinen Freund anblickend; »ich glaubte, Sie hätten mich vergessen!«

»– Ha! so sind die Menschen! ... die jungen Leute wenigstens! Wenn die Sachen nicht im Augenblick geschehen, glauben sie gleich, man habe sie vergessen. Bin ich der Mann, der seine Freunde vergißt? bin ich Ihnen nicht mit Leib und Seele ergeben? Wenn Sie seit acht Tagen keine Nachrichten von mir empfingen, so rührt es daher, weil ich Ihnen nichts Neues zu sagen wußte: aber ich lauerte, wartete und erspähte den Augenblick, um zu handeln. Endlich ist er gekommen, ich habe gehandelt, und die schöne Globeska ist in unserer Gewalt.«

»– Wär's möglich? Ach, mein lieber Darena, erzählen Sie mir doch, wie Sie's gemacht haben?«

»– O! zum Kuckuk! auf meine gewöhnliche Weise: ich habe Gold ausgestreut! Ich kenne nur dieses einzige Mittel, das hilft aber immer. Ziehen Sie sich an, und während dessen will ich Ihnen die ganze Begebenheit erzählen; aber rufen Sie keinem Kammerdiener ... denn Sie begreifen wohl, daß ich so etwas nicht vor Zeugen sprechen kann ... Ich habe mich ohnehin schon gehörig compromittirt ... aber ich schere mich den Teufel darum!«

Cherubin stand auf, kleidete sich an und sagte zu Darena:

»Sprechen Sie, ich höre, ich verliere kein Wort.«

»– Sie wissen, daß die schöne Polin mit ihrem Manne ein Hôtel garni im Marais bewohnte; ich bestellte Ihr Liebesbriefchen mittelst Bestechung einer Kammerjungfer und zweier Portiers; die Gräfin Globeska ließ erwidern, daß sie wahnsinnig in Sie verliebt sei und nur auf die Befreiung von ihrem Tyrannen harre. Das war Alles ganz in Ordnung. Wie sollte man aber eine junge Frau einem Manne entführen, der so wenig als ihr Schatten von ihr wich? ... das war schwierig. Sieben Tage vergingen auf diese Weise; Herr von Globeski hatte seine Frau nicht einen Augenblick verlassen. Endlich erfuhr ich gestern von einem Portier (immer wieder durch die Macht des Goldes!), daß der polnische Graf entschlossen sei, Paris zu verlassen und mit seiner Frau nach Norwegen zu reisen; Sie werden einsehen, daß, wenn wir Ihre Eroberung hätten bis Norwegen verfolgen müssen, dies uns etwas weit geführt hätte. Daher faßte ich schnell einen Entschluß und dachte bei mir: »Er soll sie nicht mitnehmen.« Ich erfuhr (abermals durch Ausstreuen von Gold), daß die Postchaise gegen acht Uhr Abends unsere Polen an ihrem Hôtel abholen werde; ich lange etwas vor dieser Zeit an! die Chaise kommt, hält vor dem Hôtel, ich gehe dem Postillon keck entgegen, nehme ihn bei Seite und sage zu ihm: »Ich bete das Frauenzimmer an, welches Ihr fortführen wollt ... Ich werde Euch mit zwei Freunden, bis auf eine oder zwei Stunden von Paris, in einen von der Straße abgelegenen Ort nachfolgen; wir thun, als ob wir Euch angriffen, schießen einige nur blind geladene Pistolen ab, Ihr haltet, wir reißen die Chaise auf, nehmen die junge Dame heraus, und dann fahrt Ihr in gestrecktem Galopp mit dem alten Herrn davon. Wenn er Euch zuschreit, Ihr sollet halten, so höret nicht auf ihn, bis Ihr mindestens zwei volle Stunden davongaloppirt seid.« Sie können sich vorstellen, mein lieber Cherubin, daß, wenn man einem Postillon einen solchen Vorschlag zu machen wagt, man solchen mit gewichtigen Gründen begleiten muß; ich überreichte ihm eine Tausendfrankenbanknote; er drehte mir den Rücken und sagte: »Wofür halten Sie mich?« Ich fügte noch fünfhundert Franken hinzu ... er sagte mir, die Sache sei sehr kitzelig! Da legte ich noch einmal fünfhundert Franken darauf ... Nun willigte er in Alles. So muß man es in Paris machen. Ich wählte zwei Bursche aus, auf die ich zählen konnte ... mittelst fünfhundert Franken per Mann. Auch eine Postchaise hatte ich gemiethet. Als der Graf Globeski mit seiner Frau abreiste, folgten wir ihm ... und ungefähr zwei Stunden von hier, zwischen Sèvres und Chaville, an einem Orte, wo nichts als Melonen wachsen, schossen wir unsere Pistolen los. Der bestochene Postillon hielt an. Es war stockfinstere Nacht; Alles ging, wie ich vorausgesehen hatte, vorüber. Wir entführten die junge Frau ... Der alte Pole vertheidigte sie wie ein wilder Teufel ... er brachte sogar im Kampfe einem meiner Leute einen leichten Dolchstich bei, was mich nöthigte, ihm ein weiteres Geschenk von hundert Thalern zu machen. Endlich haben wir die göttliche Globeska entführt, und ich dieselbe in die zu diesem Zwecke gemiethete Wohnung gebracht, wo sie die Nacht verblieb, und Sie jetzt erwartet.«

»Ach! mein lieber Darena! ... welche Ereignisse ... mein Gott, eine Frau ihrem Gatten mit bewaffneter Hand entreißen ... wenn man das wüßte ... ist das nicht ein Verbrechen?«

»– Pah! ... Sie werden sich doch jetzt nicht mit Gewissenszweifeln befassen! ... außerdem gab es kein anderes Mittel, und wenn am Ende Jemand in der Sache bloßgestellt ist, so bin ich's allein ... aber meine Freundschaft bietet den Gefahren Trotz!«

»– Und wo haben Sie die schöne Polin hingebracht?«

»– In ein kleines, einzeln stehendes Haus, welches ich nahe bei der Barrière de la Chopinette gemiethet habe ... ich konnte kein besseres finden ... außerdem habe ich gedacht, daß es Ihnen zu viele Umstände machen würde, aufs Land weit von Paris zu gehen ... Das für Sie gemiethete Häuschen steht an einem Orte, wo sehr wenig Leute vorbeikommen ... die Aussicht ist zwar nicht sehr freundlich, aber was liegt daran? Sie werden sich nicht mit einem Frauenzimmer einschließen, um Leute vom Fenster aus vorbeigehen zu sehen ... gefällt es Einem nicht überall, wenn man bei dem Gegenstand seiner Liebe ist?«

»– O! ja gewiß, aber in welchem Quartier ist die Barrière de la Chopinette?«

»– Im Poudrette-Quartier, in der Nähe der einsamen Spaziergänge, Ménilmontant zu. Uebrigens wird uns ein Fiaker hinführen. Vorwärts, mein Lieber, denken Sie daran, daß Sie von Ihrer Schönen erwartet werden; ich habe dem Portier des Hauses den Auftrag gegeben, ein Essen, so gut und saftig, als man es in diesem Quartier haben kann, dergleichen vortreffliche Weine bringen zu lassen ... beeilen Sie sich, Ihren Anzug zu vollenden, putzen Sie sich, parfümiren Sie sich ...«

»– Mich parfümiren! ... nein, ich werde mich wohl hüten ... die Wohlgerüche bekommen mir nicht gut.«

»– Wie Sie wollen, aber ... werfen Sie sich in Galla ... glücklicher Cherubin ... denn Sie gelangen in den Besitz einer der schönsten Frauen, die ich jemals gesehen habe; und dann ist ihr polnischer Accent so verführerisch!«

»– Und sie liebt mich, sie hat's gestanden?«

»– Beim Kuckuk, wie oft muß man Ihnen das sagen, überdies scheint es mir ihr Betragen gehörig zu beweisen.«

»– Hat sie nicht darüber geweint, daß sie entführt wurde?«

»– Geweint! ... sie hat gewalzt ... sie scheint ganz vernarrt in den Walzer. A propos! ich brauche es Ihnen wohl nicht zu sagen, daß die mir übergebenen Gelder verausgabt sind ... Der Postillon, die bezahlten Bursche ... die Kutsche, das gemiethete Haus ... alle die bestochenen Leute ... Ich bin im Gegentheil noch mit fünfzehnhundert Franken im Vorschuß.«

»– Fünfzehnhundert Franken?« sagte Cherubin, zu seinem Schreibtisch tretend, »Sapperment! die Entführung einer Frau kommt theuer zu stehen!«

»– Ach! wem sagen Sie das! mir, der ich vielleicht hundert in meinem Leben entführt habe! damit habe ich ja einen Theil meines Vermögens verschleudert, aber es ist auch ein fürstliches Vergnügen, welches sich nicht Jedermann erlauben darf.«

Cherubin überreichte Darena die verlangte Summe und sagte zu ihm: »Ich bin bereit.«

»– Ganz gut, lassen Sie einen Miethwagen holen, denn Sie begreifen, daß man mit Ihrem Tilbury und Ihrem Jockey nicht in das kleine Haus fallen kann ... man muß seine Dienstboten nie mit einem so geheimnißvollen Liebeshandel bekannt machen; dieser Menschenschlag ist zu klatschsüchtig.«

»– Sie haben Recht. Holla! ... Jasmin!«

Der alte Diener erschien, machte ein langes Gesicht und warf zornige Blicke auf Darena; Cherubin befahl ihm, einen Fiaker zu holen.

»Der gnädige Herr nimmt also sein Cabriolet nicht?« brummte Jasmin mit Erstaunen.

»Wahrscheinlich!« rief Darena über Jasmin's Miene lachend aus, »da Euer Herr einen Fiaker verlangt, so geschieht es, weil er sein Cabriolet nicht nehmen will, vorwärts, alter Scherben ... beeilt Euch, wenn's möglich ist.«

»– Alter Scherben! ...« murrte Jasmin, sich entfernend, vor sich hin ... »noch eine Grobheit, und ich soll den Esel und den Scherben nur so hinunterschlucken! ... ich fürchte sehr, daß dieser schlechte Kerl meinen jungen Herrn verdirbt ... ich möchte wissen, warum er ihn veranlaßt, einen Fiaker zu nehmen, da er doch ein Tilbury und ein Cabriolet hat.«

Indessen besorgte Jasmin den ihm ertheilten Auftrag, und der Fiaker wartete; Cherubin ging mit Darena hinab, und sie stiegen beide in den Wagen, den der alte Diener mit keineswegs befriedigter Miene wegfahren sah.

Darena ertheilte dem Kutscher die Weisung, wo er sie hinführen sollte; man hielt nach einer ziemlich langen Fahrt vor einem elend aussehenden Hause, das außerhalb der Barrière de la Chopinette auf den äußern Boulevards lag.

»Hier ist es,« sagte Darena, aus dem Wagen springend. Cherubin betrachtete das Haus, welches nur ein Stockwerk und zwei Fenster im Erdgeschosse hatte, und rief aus:

»Dieses Haus ist eben nicht elegant!«

»Das Innere ist sehr reinlich,« entgegnete Darena. »Die Hauptsache ist seine Abgelegenheit; denn da müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn Sie der Ehemann hier ausfindig machte! Mein lieber Freund, bei der Entführung einer Frau muß man sehr vorsichtig sein; und überhaupt, was kümmert Sie das Haus? ... der Frau wegen kommen Sie hierher ... ich würde mir mit dem Gegenstand meiner Liebe in einer Schäferhütte gefallen haben; ich will läuten, schicken Sie den Wagen fort.«

Cherubin bezahlte eilig den Kutscher, dieser stieg auf seinen Bock und fuhr davon.

Darena zog an einem Eisendraht, der neben dem Halbthore angebracht war, das zum Eingang ins Haus diente. Ein kleiner, dreizehnjähriger, frech aussehender Junge, dessen unverschämtes, gemeines Wesen ganz zu seinem höchst unsaubern Anzug paßte, zeigte sich, die Mütze auf dem Kopfe, mit offener Blouse und schmutzigen Händen, er warf einen Blick des Einverständnisses auf Darena, der in ihm den kleinen Bruno erkannte, denselben Taugenichts, aus dem Herr Poterne einen Affen hatte machen wollen, und der seinerseits den Einfall gehabt hatte, sich das Fell anzueignen, das ihm beim Studium seiner Rolle diente. Später traf Poterne Bruno, der unterdessen seine Hülle verwerthet und aufgezehrt hatte, wieder an; der Geschäftsführer erlaubte sich zuvörderst, dem Straßenjungen einige Ohrfeigen zu appliciren, dann verzieh er ihm und nahm sich, hingerissen von den glücklichen Anlagen zur Spitzbuberei, die der kleine Bruno an den Tag legte, vor, ihn eintretenden Falls wieder zu verwenden. Bei der zum Betruge Cherubins eingeleiteten Intrigue mußte man eine verständige, sichere, zuverlässige Person in das gemiethete Haus thun; Poterne erinnerte sich sogleich des Straßenjungen, den er nicht theuer bezahlen mußte, und welcher alle zu ihren Planen erforderlichen Eigenschaften hatte.

»Ah! da ist der Sohn des Portiers,« sagte Darena, mit einem Blick auf Bruno, während er Cherubin in eine Art Hausflur treten ließ, welche zur Treppe führte. »Ist Dein Vater abwesend, Kleiner?«

»– Ja, mein Herr, er war genöthigt, zehn Stunden weit zu meiner Tante zu gehen, die sehr krank ist.«

»– Und Du hütest das Haus?«

»– Ja, mein Herr!«

»– Ist für die Dame, die hier über Nacht war, auch gehörig gesorgt worden?«

»– O ja, mein Herr ... seien Sie ganz beruhigt, dieser Dame ging nicht das Geringste ab; sie ist oben ... zwar, weil sie ganz allein ist, sagt sie, es fange an, ihr langweilig zu werden.«

»– Geduld ... dieser Herr hier wird ihr Gesellschaft leisten. Und das Frühstück, ist es bestellt worden?«

»– Ja, mein Herr ... o! es wird ausgezeichnet sein ... ich war selbst bei dem Traiteur ...«

»– Dieser kleine Schelm ist sehr verständig!« sagte Darena, sich gegen Cherubin wendend, »ich empfehle Ihnen denselben, wenn Sie Etwas nöthig haben sollten. Nun, mein lieber Freund, da Sie in der Nähe Ihrer Schönen sind, will ich Sie verlassen.«

»Wie ... Sie verlassen mich?« rief Cherubin beinahe ärgerlich aus.

»– Aber es scheint mir, ich habe hier nichts mehr zu thun! ... das Uebrige sei Ihre Sache ... Sie werden mit einer kleinen, verführerischen Fremden, die wahnsinnig in Sie verliebt ist, unter vier Augen speisen ... wäre da ein Dritter nicht zu viel?«

»– Ach! ja, allerdings ... ja ... nun also – auf Wiedersehen!«

»– Auf Wiedersehen, mein lieber Marquis, möge Sie die Liebe mit ihren süßesten Freuden krönen! ...«

Darena lächelte beinahe höhnisch, als er Cherubins Hand drückte, dann warf er noch einen Blick auf Bruno und verließ das Haus, die Thüre hinter sich schließend.

Cherubin fühlte sich ganz ergriffen, als er sich in diesem unbekannten Hause, inmitten eines ihm ganz fremden Stadtviertels allein neben dem kleinen Jungen befand, der ihn mit einer possenhaften Miene anblickte, während er Nüsse knackte, die er unter seiner Blouse hervorlangte.

Der Hausflur hatte zwei Thüren, welche beide offen standen und dem Auge den Anblick zweier Zimmer darboten, wovon das eine statt aller Möbeln einige schlechte Tische, das andere einen Tisch, einen Ofen und ein abscheuliches Lager enthielt; die auf das Boulevard gehenden Fenster waren mit eisernen Stangen vergittert und hatten keine Vorhänge.

Cherubin dachte, als er dies Alles übersah, bei sich, daß Darena zur Meublirung dieses Hauses nicht viel Geld ausgegeben haben müsse; dann wandte er sich an Bruno, welcher bald mit den Zähnen, bald mit den Füßen seine Nüsse zu knacken fortfuhr, und von Zeit zu Zeit eine Melodie dazu summte, von der man nichts verstand als: la la, la la, tra la, la la! ...

»– Wo sind die Zimmer der Frau Gräfin?«

»– Wessen?« entgegnete der frühere Wichser, mit unverschämter Miene den Kopf in die Höhe richtend.

»– Ich frage Dich, wo die Zimmer der jungen Dame sind, die seit gestern hier wohnt?«

Der kleine Junge fuhr mit der Zungenspitze gegen eine seiner Wangen, die Manier der Straßenjungen, wenn sie Jemand anlügen wollen, und versetzte dann:

»Ach! ja, die junge, fremde Dame, die entführt wurde... und hier geschlafen hat ... lala, la la, tra la, la la! ... sie ist oben, im ersten Stocke, in den schönsten Zimmern des Hauses ... wo sie seufzt und sich langweilt ... la la, trala, la la!«

Cherubin verlangte nichts weiter, stieg die Treppe hinauf und hielt vor einer Thüre, in welcher der Schlüssel steckte. Sein Herz schlug mächtig bei dem Gedanken, sich dieser schönen Polin gegenüber zu sehen, die so bereitwillig ihren Gemahl verlassen hatte, um ihm zu folgen; aber er erinnerte sich, wie schön sie ihm vorgekommen war, und er faßte den Entschluß, anzuklopfen:

Eine Stimme schrie ihm zu:

»Nur herein! der Schlüssel steckt jo in der Thür.«

Cherubin erkannte Frau von Globeska's Accent; er machte die Thüre auf und befand sich der jungen Frau gegenüber.

Chichette Chichemann trug einen sehr einfachen Anzug, den man aber durch einige Spitzen, Blumen und sonstige Verzierungen zu heben versucht hatte, was jedoch bei einem Kenner die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hätte. Aber Cherubin war in dieser Beziehung noch nicht sehr erfahren, überdies bekümmert sich ein Verliebter nicht um solche Kleinigkeiten; er achtete nur auf das hübsche Angesicht Chichetten's, welche dasselbe grüne Sammet-Barett wie im Cirkus auf dem Kopf hatte und ihm beim Eintritt anmuthig zulächelte, indem sie ausrief:

»Ach! Sie sin do! Des isch ober schön ... denn hier wor ich ganz allän und hob mich erschrecklich gelangweilt!«

Durch diesen Empfang ermuthigt, setzte sich Cherubin neben die junge Frau und sagte in zärtlichem Tone zu ihr:

»Ach! Madame, Sie verzeihen mir also, was ich im Uebermaß meiner Liebe zu unternehmen gewagt? Sie haben also darein gewilligt, sich meiner Ehre anzuvertrauen ... und den zu fliehen ... der ... kurz, den Herrn, der mir so häßlich vorkam, und der sicher nicht würdig ist ... Sie ... Sie ...«

Cherubin, der nie so viel auf einmal gesprochen hatte, hielt inne und wußte nicht mehr, wie er fortfahren sollte, aber Chichette ließ ihm keine Zeit und fiel ihm schnell in die Rede:

»Jo! jo! ... ich bin meim Tyranna entfloha ... ober redda mer von was Anderem!«

Sie will nichts mehr von ihrem Gatten hören, dachte Cherubin, sie will von etwas Anderem unterhalten sein ... von meiner Liebe, ohne Zweifel ... sie ist reizend.

»Also,« begann der junge Verliebte, »bereuen Sie es nicht. Ihr Glück in meine Hände gelegt zu haben ... und nun hier ... von den Ihrigen entfernt zu sein?«

»Jo freili bin i von dem Meinige entfärnt und dos thut mir schon läd! ... ober ich hoff' ihn eines Tages wiederzusäha ... Redda mer von wos Anderem.«

»– Ach! wie liebenswürdig, wie schön sind Sie, Madame ... wenn Sie wüßten, wie sehr ich ... ich ... Sie liebe«

Es bedurfte eines großen Aufwands von Muth von Seiten Cherubins, um diese Worte auszusprechen, und er wagte es nicht, die junge Frau anzublicken, da er fürchtete, sie möchte diese Erklärung etwas zu ungestüm finden; aber Fräulein Chichette, weit entfernt, sich beleidigt zu finden, fing ziemlich einfältig zu lachen an und erwiderte:

»Jo! jo! ich wäß wohl ... ha! he! dos isch lustig, sich zu lieba ... Sie hoba auch sehr hübsche Auga ... ha! ha! ... ich will recht mit Ihna lacha ...«

Und die angebliche Polin, welche in der That sehr zum Lachen aufgelegt schien und wunderhübsche Zähne zeigte, blickte den jungen Mann auf eigene Art an und sagte nicht mehr: »redda mer von etwas Anderem!« Cherubin fühlte einen Augenblick Lust, seine Eroberung, die ihm beinahe ihre frischen und rosigen Wangen hinbot, zu küssen; allein er begnügte sich damit, ihre Hand zu ergreifen, die er auf sein Herz legte, wo er sie heftig drückte.

Chichette, der es vielleicht langweilig wurde, ihre Hand fortwährend auf Cherubins Herz drücken zu lassen, sagte abermals mit Lachen: »Wie Ihr Ding Tik tak macht! s'isch wie 'ne große Uhr.«

»– Ach, Madame, das ist die Bewegung, das Vergnügen ... die ...«

»– Wolla wir nicht frühfstücka?« rief plötzlich Chichette aus, »ich habe Hunger ... mein Bauch knurrt ...«

Diese Worte führten Cherubin auf minder romantische Gedanken zurück, er eilte auf die Thüre zu und rief:

»– He, he, Kleiner? ... wie steht's mit dem Frühstück?«

»– Hier, mein Herr, sogleich ... ganz warm noch!« entgegnete Bruno, »so eben bringt es der Gastwirth.«

In der That kam alsbald ein Kellner mit dem kleinen Portier die Treppe herauf, deckte einen Tisch und legte zwei Couverts darauf. Man brachte einen mit Flaschen angefüllten Korb, welche Siegel von allen Farben hatten. Man stellte frisch aufgemachte Austern auf den Tisch, und mehrere bedeckte Schüsseln auf ein nahestehendes Möbel. Als die sogenannte polnische Gräfin die Austern sah, überließ sie sich ganz ungebildeten Aeußerungen der Freude, hüpfte im Zimmer umher und rief aus:

»– Ach! Austern! ... Ich hob die Austern so gärn ... für Austern ließ' ich mir den Hintern vollschlaga!«

Cherubin war höchst erstaunt, Frau von Globeska sich auf diese Weise ausdrücken zu hören, er schrieb es aber ihrer Unkenntniß der französischen Sprache zu.

Der Kellner war zu sehr an eine solche Sprache gewöhnt, als daß er darüber erstaunt wäre, und der kleine Bruno beschränkte sich darauf, seine Backen aufzublasen und zu brummen:

»Schönen Dank! wenn's noch ein paar Mal so kommt, so ist der Spaß verdorben!«

Das Frühstück war aufgetragen. Der Kellner entfernte sich mit dem Jungen, und beide machten sorgfältig hinter sich die Thüre zu. Fräulein Chichette wartete nicht, bis sie Cherubin zu Tische führte, sondern setzte sich, alle ihr gegebenen Vorschriften, sich als anständige Dame zu benehmen, vergessend, vor eines der Gedecke und rief aus:

»Wir wolla essa! wir wolla essa! O! Austern! dos isch herrlich!«

»Sie scheint sehr hungrig!« dachte Cherubin, sich gleichfalls bei Tische niederlassend. Er präsentirte der jungen Frau eilig von den Austern, sie wartete aber nicht so lange, bis er sie ihr auswählte, sondern ließ sie mit bewundernswürdiger Schnelligkeit verschwinden, dann reichte sie ihm ihr Glas und sagte:

»Wise Win, wänns Ihna gefällig war ... ich hob auch dä wise Win gor gärn!«

Cherubin schenkte ihr weißen Wein ein, den man mit einem langen Stöpsel versehen hatte, um ihm das Aussehen von Sauterne zu geben, der aber ohne Austern nicht trinkbar gewesen wäre. Ueberhaupt fand der junge Mann, daß sie sehr schlecht bedient waren; die Teller waren von gewöhnlichem Steingut, die Bestecke hatten keinen Silber-Klang und das Tischzeug war grob. Auch der Wein schien ihm, trotz seinen goldenen Siegels, höchst mittelmäßig; aber seine Eroberung fand ihn vortrefflich, sie verschlang Austern, leerte ihr Glas, nahm wieder Austern und verlangte wieder zu trinken, und das Alles ohne die mindeste Unterbrechung. Cherubin war außer Stand, ihr nachzukommen; erst als keine Austern mehr auf dem Tische waren, entschloß sich Madame Chichette, eine kleine Pause zu machen.

»– Ich will den kleinen Portier rufen, daß er diese Sachen wegschafft,« begann Cherubin.

»– Nä, nä! ich kann sie schon selbst wegschaffa!« entgegnete Chichette, die aufstand, und in einem Nu Teller und Schalen vom Tische weggeräumt und zwei der zugedeckten Platten aufgestellt hatte. Der junge Mann widersprach vergeblich, daß sich seine Dame solche Mühe mache, sie hörte nicht auf ihn und nahm erst, nachdem Alles beendigt war, wieder ihren Platz ein.

»Mein Gott! Frau Gräfin! wie leid thut es mir, daß Sie sich diese Mühe machen,« sagte Cherubin, »aber es scheint mir, Sie sind zur Ausübung der Haushaltungsgeschäfte angehalten worden; wie ich sehe, genießen die Damen in Polen keine so oberflächliche Erziehung wie in Frankreich, es war Ihren erhabenen Eltern nicht zu gering, Sie mit den nothwendigen Details des Hauswesens bekannt zu machen ... Ihre erhabenen Eltern sind todt, ohne Zweifel?«

»– Jo, jo! redda mer von was Anderem ... gäba Sie mer die Schüssel! ... ach! wie riecht dos so gut! ... Es isch von Hasa ... o! die Hasa hob ich gar so gärn!«

Cherubin war durchaus nicht derselben Ansicht wie seine Eroberung, er liebte die Hasen nicht und fand das bestellte Frühstück nicht von der Art, wie er es gewöhnlich in den Pariser Restaurationen antraf; aber seine Genossin war bei Weitem nicht so schwer zu befriedigen, als er, sie nahm sich von dem Hasen, schien mit Entzücken zu essen, und rief von Zeit zu Zeit aus:

»Dos isch köstlich frißkaschirt!«

Cherubin bot ihr Wein mit einem andern Siegel an. Chichette trank vom rothen ebensowohl als vom weißen, dann deckte sie eine weitere Platte auf, und schrie, vom Stuhle aufhüpfend:

»– Ach! a Fischspaise! ... O! sell isch rächt! ich hob die Fisch gor zu gärn!«

»– Es scheint mir, sie hat Alles gern,« sprach Cherubin zu sich; »sie wurde gewiß gut erzogen, denn sie ziert sich gar nicht!«

Chichette fand die Fischspeise herrlich; sie nahm, ohne auf Cherubins Anerbieten zu warten, mehrmals davon; sie begeisterte sich hauptsächlich für die Sauce; endlich leckte sie in einem Augenblick des Entzückens ihren Teller ab, indem sie wahrscheinlich bedauert hätte, auch nur das Geringste von dieser ihr so wohl schmeckenden Sauce zurückzulassen.

Der Jüngling blieb starr vor Erstaunen, als er die Gräfin Globeska ihren Teller zum Munde bringen und ihre Zunge darauf herumspazieren sah; aber er stellte sich vor, es sei in Polen gebräuchlich, sich so aufzuführen. Als Chichette bemerkte, daß ihr Gegenüber sie mit Befremden betrachtete, sah sie ein, daß sie eine Dummheit begangen hatte, stellte schnell ihren Teller auf den Tisch und sagte:

»– Ach! dos wor nur zum Spaß! ... Ich werde es niemals wieder thun! ... aber schaua mir, wos in der annere Schüssel isch.«

Chichette deckte die letzte Platte auf, worauf sich gebackene Fische befanden; sie stieß abermals einen Freudenschrei aus:

»Ah! Gründlinge! gebackene Gründlinge! O! die ess' ich ober a mol gor zu gärn! ...«

»Ich bin sehr erfreut, Madame, daß Alles nach Ihrem Geschmacke ist,« sagte Cherubin, seiner Schönen mit Gründlingen aufwartend; »aber Sie sind in der That nicht lecker; mir kommt es vor, als ob unser Frühstück Ihrer nicht würdig wäre ... Es scheint mir, daß es in diesem Quartier keinen guten Traiteur gibt.«

»– Doch, doch, in der Courtille ... gibt es gute Traiteurs.«

»– In der Courtille? ... dieser Ort ist mir unbekannt; speisten Sie denn mit Ihrem Herrn Gemahl zuweilen in dieser Gegend?«

»– Meinem Gemahl ... O! redda mer von was Anderem ... Ich möchte trinka, der Gründling mocht gleich an gewaltige Dorscht.«

Cherubin schenkte seiner Dame eifrigst aus einer wieder mit einem andern Siegel gezierten Flasche ein; diese trank und fand den Wein vortrefflich. Der junge Mann hätte gerne das Gespräch wieder auf seine Liebe gelenkt, aber seine Eroberung war dermaßen mit Essen und Trinken beschäftigt, daß er es nicht wagte, sie in einem Geschäfte zu stören, welches ihr, dem Anscheine nach, so viel Vergnügen machte; dann erinnerte er sich seines Frühstücks bei Madame Celival und dachte:

»Ich aß auch viel, um meine Schüchternheit zu vertreiben ... Diese junge Polin macht's vielleicht ebenfalls so ... Wenn's ihr am Ende nur nicht geht wie mir!«

Als alles Gebackene aufgezehrt war, ging man zu dem höchst bescheidenen Nachtisch über, der nur aus Biscuit, Käse und dem sogenannten Bettlerconfect (gedörrtem Obst) bestand. Cherubin schalt abermals über den Traiteur; aber Chichette fuhr fort, Alles vortrefflich zu finden, stopfte sich mit Feigen, Rosinen und Biscuit voll und trank mehrere Male hintereinander, um Alles gehörig zu befördern. Endlich hörte sie auf zu essen, lehnte sich an den Rücken ihres Stuhles und sagte:

»Ah! kurios, ich hob gor käne Hunger mehr.«

Es wäre weit kurioser, wenn sie noch Hunger hätte! dachte der Jüngling, indem er den Tisch zurückstieß, um sich seiner Gesellschafterin zu nähern.

Nachdem er seinen Stuhl neben den Chichettens gestellt hatte, faßte er den Muth, ihre Hand zu ergreifen, und stammelte:

»Wie glücklich bin ich ... in Ihrer Nähe zu sein ... Welch' erwünschter Zufall hat mich in das Theater geführt, worin Sie waren ... ohne diesen wäre ich Ihnen vielleicht niemals begegnet ... und doch sagte mein Freund ... der Herr, welcher an jenem Abende bei mir war, wir seien Eines für das Andere geboren ... Glauben Sie das, Madame?«

Chichette erhob sich lebhaft und sagte:

»Ach! es isch mer a wäng äng ... Dos isch kurios, ich hob doch nicht viel gässa ...«

Das junge Mädchen machte einige Gänge durchs Zimmer; Cherubin schritt auf sie zu und fragte:

»Ist Ihnen unwohl?«

»– Nä ... o! 's wird schon wieder besser wära.«

Chichette setzte sich wieder nieder, zwar nicht mehr auf ihren Stuhl, sondern auf einen alten beschmutzten Canapé, dessen Polster aussahen, als ob sie mit Hobelspänen gefüllt wären; aber das junge Mädchen legte sich dessen ungeachtet darauf, indem sie sagte:

»Schau! do leiht man ganz gut druf!« Cherubin blickte sie verliebt an und rief aus:

»O! ja, gewiß liegt Sympathie in unserer Begegnung ... Sympathie! ... mein Hofmeister, Herr Gerundium, hat mir erklärt, was das ist ... Er nahm einen kleinen Agat-Stein, rieb ihn heftig an seinem Rockärmel, hielt ihn dann an einen Strohhalm und der Strohhalm wurde plötzlich von ihm angezogen und daran festgehalten ... Mein Hofmeister erklärte nun: »›Gleichwie der Magnet das Eisen anzieht, so zieht die Sympathie zwei für einander geschaffene Herzen eines zu dem andern hin‹« Ach! Madame ... ich bin kein Pole, aber ich werde Sie dessen ungeachtet ganz wie ein Pole ... vielleicht noch mehr ... lieben, denn mein unerfahrenes Herz fühlt das Bedürfniß, zu lieben ... und wenn ... und wenn ...«

Cherubin hielt inne, weil es ihm vorkam, als ob ein dumpfes Geräusch seine Worte begleitete. Dieses Geräusch ging vom Canapé aus; er hatte wohl bemerkt, daß seine hübsche Eroberung, während er sprach, die Augen schloß, aber er schrieb dies der Scham zu. Da er jedoch die Ursache dieses Geräusches erfahren wollte, so näherte er sich der jungen Frau und gewahrte mit Staunen, daß sie nicht nur schlief, sondern auch laut schnarchte.

Der arme Verliebte betrachtete seine schöne Schlafende eine Zeit lang; aber jeden Augenblick wurde das Schnarchen stärker; in Kurzem glich es einem Schmiedeblasebalg, und Cherubin zog sich allmählig zurück, er fühlte sogar seine verliebten Ideen verschwinden, denn eine Frau, die wie ein Hausknecht schnarcht, stößt unendlich weniger Liebe ein, als eine, deren Athem leicht und süß ist.

Cherubin setzte sich in einen Lehnstuhl und dachte bei sich.

»Sie schläft ... sie schnarcht sogar ... Es scheint, daß mein Gespräch sie nicht sehr unterhielt, da sie so schnell dabei eingeschlafen ist! Es ist sonderbar ... diese junge Frau hat Manieren.. eine Ausdrucksweise ... Wenn Darena mich nicht versichert hätte, daß es eine polnische Gräfin sei, so würde ich etwas ganz Anderes von ihr gedacht haben ... Einschlafen, während ich ihr meine Liebe schildere ... Wenn das wahnsinnig in mich verliebt sein heißt ... Mein Gott! welches Schnarchen ... Jakob schnarchte auch, aber nicht so arg wie die ... Ich sollte sie vielleicht aufwecken ... sie küssen ... aber sie schläft so gut ... es wäre Schade ... und ... dieses eintönige Geräusch immer anhören zu müssen ... macht mich, glaub' ich, auch schläfrig.«

Cherubin ließ seinen Kopf auf den Rücken des Lehnstuhls sinken, schloß die Augen und machte es in wenigen Augenblicken nicht besser, als Mamsell Chichette, nur mit dem Unterschied, daß er nicht schnarchte.

Während nun das junge Paar vollkommen tief schlief, wollen wir sehen, was Diejenigen machten, welche diese Intrigue eingeleitet hatten.

Als Darena Cherubin verlassen hatte, suchte er seinen Freund Poterne auf, der, immer als polnischer Graf verkleidet, bei einem Traiteur in Ménilmontant seiner wartete. Dort setzten sich die Herren zum Frühstück und besprachen sich über ihre Angelegenheit.

»Das geht wie auf Rädern,« begann Darena. »Cherubin ist jetzt bei der Kleinen, die ich, nach seiner Meinung, für ihn entführt habe ... wenn Chichette nur keine Dummheiten schwatzt ... Aber bah! ... ihr Accent! ... wird Alles entschuldigen! und zudem, achtet denn ein Verliebter auf Redensarten? ...«

»– Und mein kleiner Bruno war auf seinem Posten?«

»– Ja; er wird für den Sohn des Portiers gehalten ... er sieht wie ein rechter Taugenichts aus, der kleine Schelm.«

»– Es ist ein höchst pfiffiges Bürschchen ... es kann es noch hoch bringen!«

»– Ja, bis zum Galgen.«

»– Es ist übrigens zur Beendigung unserer Komödie besser, nur einen Jungen dort zu haben, der uns in nichts im Wege steht. Auch erscheint es viel wahrscheinlicher, daß ich ins Haus eindringen konnte, wenn es nur von einem Knaben bewacht ist; denn jetzt muß der Hauptschlag geschehen ... einige Tausendfrankennoten sind so nebenher ... recht angenehm, aber zu bald wieder fort ... Die Gelegenheit zur Erwerbung einer größern Summe bietet sich dar, man muß sie nicht entwischen lassen, sie würde sich niemals wieder zeigen!«

»– Du Haft ganz Recht, Poterne! Unser Vorhaben ist zwar nicht sehr delikat ... aber im Ganzen genommen ist der junge gute Mann sehr reich! ... sechzigtausend Franken wenigstens werden ihn nicht umbringen ...«

»– Soll ich nicht mehr fordern? ...«

»– O! nein: man muß ihm nicht die Haut abziehen ... Also, wohlverstanden: in ... zwei Stunden gehst Du in das kleine Haus ...«

»– Warum nicht früher?«

»– Ei! mein lieber Poterne, wie hitzig Du bist! man muß doch den Liebenden Zeit lassen, zu frühstücken und sich den Süßigkeiten der Liebe hinzugeben ... was Teufels! man muß doch den Leuten ein Vergnügen gönnen; sodann bedenke, Poterne, daß, wenn man ihnen die gehörige Zeit läßt, Du sie unfehlbar in flagrante delicto überraschen wirst ... was viel vortheilhafter ist! ... Du wirst für den Gatten gehalten, dem man seine Frau entführt hat, Du findest sie in den Armen ihres Verführers, Du tobst! Du brüllst, willst alle Welt ermorden ... besonders Deine Frau ... Cherubin bittet Dich um Gnade für sie, und diese Gnade bewilligst Du nur, wenn er Dir für sechzigtausend Franken Wechsel unterzeichnet ... Du hast doch gestempelte bei Dir?«

»– O! ich habe Alles, was ich brauche ... wenn sich der junge Marquis aber sträubte ... wenn er nicht unterzeichnen wollte?«

»– Geh doch! ... ein Schuljunge wird wohl? ... Dann drohst Du ihm mit einem Criminal-Prozeß wegen Entführung Deiner Frau ... Dabei hältst Du immer den Dolch in der Hand, mit dem Du Deine Frau tödten willst ... Cherubin ist zu edelmüthig, als daß er sie nicht retten sollte.«

»– Das denke ich auch.«

»– Bei diesem Allem aber, Herr Poterne, nehmen Sie sich wohl in Acht, Jemanden zu verwunden! ... Ihr Dolch ist doch hoffentlich nicht spitzig?«

»– Ei, nein, es hat keine Gefahr.«

»– Und beim Sprechen nimm irgend einen Accent an, damit er Dich nicht erkennt!«

»– Das werde ich beobachten und mich hauptsächlich durch Pantomimen ausdrücken.«

Nachdem sie Alles genau ausgemacht hatten, frühstückten und sprachen die Herren lange miteinander, dann verlangte der Eine eine Pfeife, der Andere Cigarren, und sie rauchten zum Zeitvertreibe.

Mehr als zwei Stunden waren auf solche Weise verflossen; Poterne setzte seine grüne Brille auf die Nase und sagte:

»Nun werde ich zur Beendigung unserer Angelegenheit schreiten können.«

Er stand auf; Darena ebenfalls.

»– Ja, es ist Zeit, laß uns gehen!«

»– Aber ich bedarf Ihrer nicht dabei,« versetzte Poterne, »denn Sie können nicht mit mir ins Haus hineingehen, das wäre unklug; wenn Cherubin Sie sähe, würde er Sie zu Hülfe rufen ...«

»– Das weiß ich Alles selbst, alter Schurke! aber Du wirst Dir doch ohne Zweifel nicht einbilden, daß ich Dich mit sechzigtausend Franken Werth in der Tasche allein fortgehen lassen werde, nein, mein Bester, Du bist mir viel zu lieb, um Dich aus den Augen zu verlieren ... ich werde Dich ins Haus hineingehen sehen ... ich weiß, daß es nur eine Thüre hat, und nachher auf Dein Herauskommen warten ... und wenn Dir die Luft käme, allzuschnell zu laufen, so stehe ich Dir dafür, daß ich Dich bald eingeholt haben würde.«

»–. Ach! Herr Graf! ... Sie hegen Gedanken ... die mir sehr wehe thun.«

»– Ich bedauere, Dein Zartgefühl verletzen zu müssen, allein das ist einmal so meine Art und meiner Achtung für Dich geschieht dadurch nicht der mindeste Eintrag; vorwärts also!«

Die Herren erreichten die äußern Boulevards und lenkten gegen die Barrière de la Chopinette ein. Dreihundert Schritte von dem Hause entfernt, wo er Cherubin hingeführt hatte, hielt Darena stille und sagte zu seinem Begleiter:

»Nun gehen Sie allein weiter, erhabener Poterne, und führen Sie die Sache mit Anstand zu Ende; bedenken Sie, daß Alles mit jener Feinheit und jener Manier geschehen muß, die den gebildeten Mann bezeichnet.«

Poterne setzte seinen Weg fort; er langte an dem kleinen Hause an, pochte sachte an die Thüre, Bruno machte ihm auf.

»– Sind sie oben?« fragte Poterne leise.

»– Ja.«

»– Hat man ihnen das Frühstück gebracht?«

»– Schon seit mehr als zwei Stunden.«

»– Und sie haben seitdem nicht gerufen?«

»– Hab' sie weder gesehen, noch gehört ... sie machen nicht das geringste Geräusch, sie rühren sich nicht.«

»– Vortrefflich.«

Poterne drückte seinen mächtig großen Hut ins Gesicht; setzte die Brille fest auf, stopfte seine Backen mit Werg aus und schritt der Treppe zu, dann ging er leise hinauf und hielt vor der Thüre, deren Schlüssel steckte. Dies bemerkend, sagte er:

»Wie unbesonnen sind doch die Verliebten ... wie jugendlich leichtsinnig!« Er drehte den Schlüssel sachte um, trat dann ungestüm ins Zimmer und schrie:

»– Ah! treuloses ... verbrecherisches Weib! ... hab' ich Dich! ... jetzt sollst Du sterben!«

Poterne erwartete, nach seiner Übereinkunft mit Chichetten, ein verzweifeltes Geschrei; als er aber nicht das Geringste hörte, trat er weiter vor und blieb starr vor Erstaunen, als er die Liebenden, in gehöriger, achtungsvoller Entfernung von einander, tief schlafend fand.

»Ha! beim Donner!« sprach Poterne zu sich, »ich hoffte sie ... wie der Herr Graf sagte ... im Flackeran ... zu erwischen ... und sie schlafen neben einander wie Murmelthiere ... wenn das die Liebe des jungen Mannes ist ... Chichette wird irgend eine Dummheit begangen haben ... Uebrigens gleichviel ... ich muß handeln; ich überrasche sie beisammen, das ist die Hauptsache, und wenn sie schlafen, so ist das ihr freier Wille.«

Jetzt begann Poterne im Zimmer umher zu rennen, zu schreien und Verwünschungen auszustoßen ... er zog Chichetten am Ohr, daß sie erwachte, und kniff sie in den Arm, worauf sie auch schrie; Cherubin schlug die Augen auf; erblickte diesen Herrn, in welchem er den Grafen Globeski erkannte, der stürmte, fluchte und einen Dolch aus der Brust zog, womit er die junge Frau bedrohte. Nun ward es Cherubin klar, daß sie der Gatte seiner Schönen entdeckt hatte; er erblaßte, bebte und stotterte:

»Ach! mein Gott! ... wir sind verloren ... Tödten Sie sie nicht, mein Herr, ich bitte Sie ... Tödten Sie lieber mich ... obgleich ich der Ehre Ihrer Gattin nicht zu nahe getreten bin.«

»– Ja! ja! Ich will mir rächen. per dio! ... ah, Bigre! ... Ah! Ihr glaubtet, Bösewichte!« fuhr Poterne mit dem Fuße stampfend, fort, »mir meine Frau entführ! ... Der Teuf! mein Herr! Meinen Fiaker ... nein, meinen Wagen ... auf der Hauptstraße anhalt ... O! Madame, Sie müssen von mein Hand sterben ... so wahr ich bin ein polnisch Graf!«

Chichette sah nicht sehr erschreckt aus, sie gähnte noch, während sie sich die Augen rieb; Poterne kniff sie im Vorbeigehen stärker; sie stieß einen lauten Schrei aus und sagte:

»Ach! wie dumm isch dos! Ich leide nicht, daß man solche Dummheiten mit mir macht!«

Poterne fing an zu brüllen, um Chichetten's Geschwätz zu übertönen. Er zückte mit der einen Hand den Dolch, während er mit der andern das Werg, das eben herausfallen wollte, in den Mund stopfte. Aber Cherubin hatte den Kopf verloren, die Gegenwart dieses Mannes, dessen Frau er entführt zu haben glaubte, sein Geschrei, seine Verwünschungen, der in die Luft geschwungene Dolch verursachten ihm ein gewaltiges Entsetzen. Poterne, der bemerkte, daß er in einem Zustande war, wo er Alles mit sich anfangen ließ, zog die Wechsel aus der Tasche, legte sie auf den Tisch, nahm ein Schreibzeug, eine Feder, reichte sie Cherubin hin und sprach:

»Wenn Sie dieses strafbare Weib retten wollen ... so gibt es ... God damn! ... nur ein Mittel, meinen Fouror zu besänftigen.«

»– Ach! mein Herr ... sprechen Sie ... befehlen Sie ... Alles, was Sie wünschen ...«

»– Unterzeichnen Sie diese vier Wechsel ... und füllen Sie jeden derselben mit fünfundzwanzigtausend Franken aus ... per Dio! Das ist zu poco

»– Wechsel für hunderttausend Franken! ...«

»– Ja, Signor ...«

»– Ach! Sie verlangen, daß ...«

»– Sapperment! wenn Sie zögern, so tödte ich dieses verbrecherische Weib ... tödte Sie ... tödte das ganze Haus ... und beim Henker! ... mich hintend'rein ...«

»– O! nein, mein Herr, nein ... ich zögere nicht ... Ich werde die Summe, die Sie wünschen, schreiben ...«

»– Nun gut ... so stellen Sie sie je auf dreißigtausend Franken aus ... Nun ... schreiben Sie und unterzeichnen Sie ... per Dio

Cherubin setzte sich an den Tisch, ergriff mit Zittern die Feder, und warf einen schmerzlichen Blick auf seine Eroberung, die sich wieder aufs Sopha niedergelassen hatte, wo er sie für ohnmächtig hielt, während sie wieder einzuschlafen suchte; aber Poterne stellte sich abermals neben ihn, knirschte mit den Zähnen und fluchte so fürchterlich, daß der junge Mann schnell zu schreiben anfing. Schon war einer der Wechsel ausgefertigt und er im Begriff, denselben zu unterzeichnen, als sich ein lauter Lärm von unten vernehmen ließ, man hastig die Treppe herauf eilte, die Thüre rasch öffnete und Monfréville, gefolgt von dem alten Jasmin, eintrat, der, als er seinen Herrn erblickte, ein Freudengeschrei ausstieß und ausrief:

»Ach! da ist er! ... Dem Himmel sei Dank! sie haben ihn nicht zu Grunde gerichtet.«

Beim Anblick seines Freundes fühlte sich Cherubin wieder aufleben, er flog in seine Arme, während Monfréville, seine Bestürzung, seine Verwirrung und seine Blässe gewahrend, zu ihm sagte:

»Aber, mein Gott, lieber Freund, was machen Sie denn hier in diesem Hause, dieser Mörderhöhle ... deren Eingang uns ein kleiner Schelm verweigerte!«

»– Ach! mein Freund!« antwortete Cherubin mit erstickter Stimme, »ich war ... sehr strafbar ... ich habe diese Dame ... Gattin dieses Herrn entführt ... das heißt, ich nicht ... sondern Darena that es an meiner Stelle ... Der Herr ist ein polnischer Graf, dem ich für hundertzwanzigtausend Franken Wechsel unterzeichnen mußte ... sonst hätte er seine Frau ermordet! ... Ach, wie glücklich bin ich, Sie zu sehen!« Während Cherubins Gespräch versuchte Poterne, dem es höchst peinlich zu Muthe war, sich der Thüre zu nähern, aber Jasmin, der sie hinter sich verschlossen hatte, war davor postirt.

Während Monfréville seinem jungen Freunde zuhörte, schaute er mit forschenden Blicken um sich her; er betrachtete Fräulein Chichetten und ihren vorgeblich beleidigten Gatten, der Miene machte, sich unter den Tisch zu verkriechen. Kaum hatte Cherubin ausgesprochen, als Monfréville auf Poterne zueilte, ihm den Hut vom Kopfe, die Brille von den Augen riß und seinen Stock gegen ihn mit dem Ausruf erhob:

»Das ein polnischer Graf! ... das ist ja der Schurke Poterne, der Geschäftsführer dieses verächtlichen Darena ... Sie haben beide diese ehrlose Intrigue angesponnen, um Ihnen Geld abzupressen! ... Ha! ich hätte gute Lust, meinen Stock auf dem Rücken dieses Schelmen abzuschlagen.«

»Poterne!« rief Cherubin aus, »wär' es möglich ... das ist Poterne? ...«

»Ei freilich!« versetzte Jasmin, »das ist der Traubenmus-, Hunds- und Schildkrötenhändler. Ach, mein lieber Herr, ich ahnte doch, daß man Sie wieder mit Etwas anschmieren wollte; und daß jener Herr, der mich einen alten Esel gescholten hatte, irgend eine Verrätherei vorhatte, um Sie zu betrügen.«

Als Poterne Monfréville den Stock gegen sich erheben sah, fiel er auf die Kniee nieder und stotterte:

»Barmherzigkeit, mein Herr, das Alles war nur ein Scherz ... weiter nichts! ... es war eine Komödie! ...«

»Ein Scherz, Du Spitzbube! ... aber eure Wechsel waren doch gehörig gestempelt! O! wir wissen jetzt, wozu ihr fähig seid, Sie und Ihr würdiger Freund, der Graf Darena! ... der tief genug herab gesunken ist, um vor nichts mehr zu erröthen! und der kein Mittel scheut, sich Gold zu verschaffen. Wir wollen euch zwar nicht behandeln, wie ihr es verdientet ... Gehen Sie, suchen Sie Ihren Genossen auf, und sagen Sie ihm, daß ihn dieser junge Mann jetzt nach seinem wahren Werthe zu beurtheilen wisse, und daß, wenn er es noch einmal wagte, sich in seinem Hôtel zu zeigen, ihn seine Leute hinaus werfen würden.«

»O! ja, das will ich übernehmen!« sagte Jasmin. »Er hat mich auch einen alten Scherben geheißen! ... aber ein ehrlicher Scherben ist mehr werth, als ein ganz kompleter Betrüger.«

Herr Poterne verlangte nichts weiter zu hören; er hatte seinen Hut und seine Brille vom Boden aufgelesen und beeilte sich, die Thüre zu öffnen und das Weite zu suchen; er war aber nicht so flink, daß ihm Jasmin nicht noch hätte einen Hundstritt geben können, den er mit den Worten begleitete:

»Da, Dieb! Das ist für Dein Eingemachtes! ...«

Monfréville näherte sich Chichetten, die auf dem Canapé ruhig, ohne sich zu rühren, sitzen geblieben war; er konnte sich nicht enthalten, über das sonderbare Gesicht, das sie machte, zu lächeln, und sagte zu ihr:

»Und Sie, Frau Gräfin, in welchem Magazin ... in welchem Laden arbeiten Sie gewöhnlich?«

»– In der Straße Grenétat, wo ich italiänische Strohhüte mache. Mine Schuld isch es nicht ... man hatte mir viel Geld versprocha, wenn ich die Frau dieses Herrn vorstelle ... ich willigte ein ... in der Absicht, mir Etwas zu sammla ... um mine kläne Landsmo heiratha zu könna ...«

Dabei zog Fräulein Chichette ihr Taschentuch heraus und machte Miene, in Thränen auszubrechen. Monfréville beruhigte sie jedoch mit den Worten:

»Ihnen will ich nichts anhaben, mein Kind ... weinen Sie nicht, und kehren Sie zu ihren italienischen Strohhüten zurück ... Aber glauben Sie mir, daß es in Ihren Umständen noch besser ist, den Cancan zu tanzen, als die große Dame zu spielen.«

Fräulein Chichette schnäuzte sich, machte mehrere Complimente und entfernte sich mit verwirrter Miene, ohne den Muth zu haben, Cherubin anzublicken.

»Und nun, mein Freund,« sprach Monfréville zu dem jungen Marquis, »können auch wir, glaube ich, diese häßliche Baracke verlassen ... worin Sie nach meiner Meinung nichts mehr zurückhält.«

»– O, gewiß nichts, mein lieber Monfréville, ich fühle mich so glücklich, nachdem ich einen so großen Schrecken durchgemacht habe ... Ich werde Ihnen diese ganze Geschichte erzählen; aber vor allen Dingen erklären Sie mir, wie Sie erfuhren, daß ich hier bin, wie Sie mich entdeckten und so erwünscht zu meiner Rettung kamen.«

»– Das ist ganz einfach; hier, sehen Sie den vor der Thüre haltenden Fiaker?«

»– Ja.«

»– Es ist der nämliche, der Sie hierher gebracht hatte. Nach Ihrer Entfernung aus dem Hôtel kam ich zu Ihnen; dort fand ich Jasmin sehr in Sorgen; er erzählte mir, daß Sie mit Darena fortgefahren seien, dessen häufige Besuche und geheimnißvolle Miene mir seit einiger Zeit Verdacht einflößten! Ich fragte Jasmin, ob er selbst den Wagen für Sie bestellt habe, und auf seine bejahende Antwort ersuchte ich ihn, mich auf den Platz dieses Fiakers zu begleiten. Dort angekommen, warteten wir beinahe zwei Stunden auf die Rückkehr Ihres Wagens; endlich langte er an; dann gab ich dem Kutscher zwanzig Franken, damit er uns an denselben Ort führe, wohin er Sie gebracht; er war gleich bereit, und führte uns bis zu diesem Hause; mein lieber Freund, die Schurken sind sehr schlau, aber glücklicherweise gibt es eine verborgene Macht, die noch viel schlauer ist, als sie, und das feinst angezettelte Gewebe in dem Augenblicke zerreißt, wo die Urheber desselben ihrer Sache am sichersten zu sein wähnen. Diese Macht nennen die Einen Vorsehung, die Andern Zufall, Verhängniß, Schicksal, Glück! ... Ich weiß nicht, welchen Namen ich ihr geben soll, aber ich beuge mich vor ihr, und fühle mich glücklich in dem Glauben, daß, wenn es hienieden Menschen gibt, die zum Bösen geneigt sind, oben ein Auge wacht, das es verhütet und vergütet.«

Cherubin drückte mit Freundschaft Monfréville's Hand; dann verließen sie eilig das Haus auf dem äußern Boulevard, aus welchem sich sogar der kleine Bruno entfernt hatte, denn sie begegneten Niemand mehr. Sie stiegen in den Wagen mit Jasmin, den man übrigens beinahe mit Gewalt hineinschieben mußte, weil der alte Diener abermals hinten hinaufklettern wollte.

Nach Hause zurückgekehrt, erzählte Cherubin Monfréville, wie Darena die ganze Geschichte eingefädelt und ihm besonders das strengste Stillschweigen über diesen Liebeshandel anempfohlen hatte.

»Ich wundere mich nicht, warum er Ihnen verbot, mit mir darüber zu sprechen,« sagte Monfréville; »er dachte natürlich, ich würde der Geschichte von einer polnischen Gräfin, die sich von einem jungen Menschen entführen lassen wolle, den sie nur ein einziges Mal im Schauspielhause gesehen hat, keinen Glauben beimessen.«

»– Er sagte mir. Sie spielten jetzt den Tugendhaften, den Rigoristen, um Ihr früheres Betragen vergessen zu machen; er versicherte mich, daß Sie sonst Ihres Glücks in der Liebe und Ihrer Eroberungen wegen bekannt gewesen seien und damals weit weniger strenge Grundsätze gehabt hätten, als heutzutage ... Entschuldigen Sie mich ... ich wiederhole nur seine Worte.«

Monfréville's Stirne verfinsterte sich, Betrübniß drückte sich in seinen Zügen aus, und er schwieg eine Zeit lang. Endlich seine Blicke fest auf Cherubin heftend, versetzte er mit schmerzlichem Tone:

»In der That, mein Freund, ich habe in meiner Jugend viele Thorheiten begangen ... hatte mir zuweilen schwere Vergehen vorzuwerfen ... aber ich wurde so grausam bestraft, daß ich mich frühzeitig besserte ... was mich aber nicht abhält, gegen Andere nachsichtig zu sein, denn ich weiß wohl, daß es in unserer Natur liegt, Schwachheiten, Leidenschaften zu haben und zuweilen von ihnen hingerissen zu werden. Ich will Ihnen gelegentlich einmal eine Geschichte aus meiner Jugend erzählen, die auf mein ganzes übriges Leben Einfluß ausgeübt hat. Daraus werden Sie ersehen, daß jene Liebes-Verhältnisse, die man im zwanzigsten Jahre so leichtsinnig behandelt, oft sehr bittere Folgen nach sich ziehen!«

Cherubin seufzte, indem er sprach:

»Bis jetzt war ich mit meinen Liebschaften nicht glücklich und meine galanten Abenteuer haben mir noch nicht viele Annehmlichkeiten gewährt!«

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