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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Das Innere einer Familie.

Wie es die kleine Ernestine Louisen angekündigt hatte, kehrte Frau von Noirmont am bestimmten Tage nach Hause zurück. Ihre Ankunft war ein Fest für ihre Tochter, welche ihr, sobald sie sie von Ferne gewahrte, entgegenflog und sich in ihre Arme warf. Frau von Noirmont erwiderte mit Zärtlichkeit die Liebkosungen ihrer Tochter; man bemerkte leicht, daß sie von denselben ergriffen war, und daß sie sich wirklich glücklich fühlte, wieder in ihrer Nähe zu sein.

Herr von Noirmont eilte seiner Frau nicht entgegen; solche Zeichen der Anhänglichkeit lagen nicht in seinem Charakter; er würde gefürchtet haben, durch Aeußerung derselben seiner Würde Eintrag zu thun; als er jedoch die Rückkehr seiner Frau erfahren hatte, begab er sich zu ihr, grüßte sie freundlichst, aber ohne sie zu küssen, und fragte sodann:

»Hatten Sie eine angenehme Reise, Madame?«

»– Ja, mein Herr, ich danke Ihnen.«

»– Wie geht es Ihrer Tante, der Madame Dufrénil?«

»– Es geht ihr weit besser, ihre Gesundheit ist vollkommen hergestellt. Aber es war die höchste Zeit, daß ich zurückkehrte! ich wäre vor Betrübniß, so lange von meiner Tochter entfernt zu sein, krank geworden ... Ich habe sehr bedauert, daß Sie mir nicht gestattet hatten, dieselbe mitzunehmen.«

»Dadurch wird Ihr Vergnügen, sie wieder zu sehen, um so größer gewesen sein, und Sie solche, wie ich hoffe, dadurch auch mehr lieben!«

Nach diesen Worten verabschiedete sich Herr von Noirmont von seiner Frau, und schloß sich wieder in sein Arbeitszimmer ein.

Als sich ihr Gatte entfernt hatte, zog Frau von Noirmont ihre Tochter an sich und drückte sie zu wiederholten Malen an ihr Herz, indem sie leise sagte:

»– Dein Vater glaubt, ich liebe Dich nicht ... glaubst Du das auch, meine Tochter?«

»– O! nein, liebe Mutter! nein, gewiß nicht!« rief Ernestine aus. »Aber der Vater glaubt es ebenso wenig ... ich bin davon überzeugt ... Ich weiß wohl, daß Du mich liebst; und warum solltest Du mich nicht lieben ... bin ich nicht Deine Tochter? ...«

Etwas wie ein krampfhaftes Zucken war in Frau von Noirmonts Zügen wahrzunehmen, ihre Stirne verdüsterte sich und sie entriß sich ziemlich rasch den Armen Ernestinens. Aber bald verschwand diese Wolke wieder und sie zog ihre Tochter von Neuem zu sich her, während sie mit schwermüthiger Miene entgegnete:

»O ja ... ja! ich liebe Dich sehr.«

»– Ich habe nie daran gezweifelt, liebe Mutter, und wenn Du zuweilen ... gerade wie eben, Augenblicke hast, wo es scheint, als ob Dir meine Liebkosungen zuwider wären ... so bin ich gewiß, daß das nur eine Folge Deiner plötzlich eintretenden Kopfschmerzen ist ... oder, daß Du an etwas Anderes denkst! ... Aber Du liebst mich darum nicht weniger, nicht wahr?«

»– Nein gewiß, ich liebe Dich immer gleich, und ist Dir die Zeit meiner Abwesenheit lange vorgekommen?«

»– O! ja, liebe Mutter! aber glücklicherweise habe ich seit drei Wochen ein neues Kammermädchen ... Der Vater wird Dir geschrieben haben, daß er die andere fortgeschickt hat.«

»– Ja, mein Kind!«

»– Ach, die neue ist mir viel lieber! Wenn Du wüßtest, wie artig sie ist ... und gar nicht dumm! ... nicht gemein! sie spricht so ordentlich, und doch kam sie gerade aus ihrem Dorfe; sie hatte nie gedient, begriff aber Alles im Augenblick.«

»– Wer hat sie besorgt?«

»– Comtois. O! er hat gewiß gute Gewährsleute für sie gehabt.«

Frau von Noirmont lächelte über die ernsthafte Miene, womit ihre Tochter dies sprach, und versetzte:

»Meine Liebe, ich weiß, daß man sich auf Comtois verlassen darf. Und wie heißt Deine Kammerjungfer?«

»– Louise ... Louise ... Fre ... Fernet ... Ich kann ihren Familiennamen nie behalten ... Doch das ist gleichgültig, es ist ein sehr braves Mädchen, glaube mir's, Mama; ich bin überzeugt, sie wird Dir auch gefallen ... Ich will sie rufen, um sie Dir vorzustellen ... sie ist sehr schüchtern, deßhalb hat sie es noch nicht gewagt, Dich zu begrüßen.«

»– Mein Gott! meine Liebe, ich habe noch lange Zeit, Deine Kammerjungfer zu sehen! Es hat damit keine Eile.«

»– O! doch, liebe Mutter, ich wünsche, daß Du sie gleich sehest.«

Ernestine hatte die Klingel gezogen, alsbald ging die Thüre auf, und Louise erschien ängstlich, mit zu Boden gesenkten Blicken auf der Schwelle, indem sie flüsterte:

»Hat mir die gnädige Frau geläutet?«

Frau von Noirmont betrachtete das junge Mädchen, welches sie zum ersten Mal erblickte; ihre Schönheit, der Adel ihrer Züge und ihr ganzes bescheidenes und anständiges Wesen, wie man es gewöhnlich bei einer Kammerjungfer nicht trifft, setzten sie in Erstaunen; sie konnte nicht satt werden, das Mädchen anzusehen.

Die kleine Ernestine neigte sich zu ihrer Mutter hin und sagte ihr ins Ohr:

»Nun! wie findest Du sie?«

»– Hübsch, meine Tochter, recht hübsch ... sie hat sogar eine ausgezeichnete Gesichtsbildung; man sollte nicht glauben, daß es eine dienende Person ist.«

»– Nicht wahr? ... ich hatte ihr nicht geschmeichelt?«

Und das junge Fräulein fuhr, gegen Louisen gewandt, fort: »Die Mutter findet Dich hübsch, Du gefällst ihr auch ... ich sagte Dir ja gleich, Du würdest ihr gefallen.«

Louise verbeugte sich und flüsterte:

»Die gnädige Frau ist sehr gütig, ich werde mein Möglichstes thun, Sie und das Fräulein zufrieden zu stellen.«

»Ich zweifle nicht daran, mein Kind,« entgegnete Frau von Noirmont, »Alles an Ihnen spricht zu Ihren Gunsten, und ich bin überzeugt, daß sich meine Tochter in Betreff des Guten, was sie mir von Ihnen versicherte, nicht getäuscht hat.«

Während Ernestinens Mutter mit Louisen sprach, hatte diese endlich die Augen erhoben, um sie anzusehen. Beim Anblick dieses schönen, edeln, ernsten Antlitzes, dieser blassen, stolzen Stirne, dieser großen schwarzen Augen, worin immer ein melancholischer Ausdruck lag, fühlte sich das Mädchen ganz ergriffen und hingerissen; ihr Herz pochte gewaltsam, sie wußte nicht, war es aus Freude oder Furcht, eine unnennbare Empfindung hatte sie durchdrungen, ... sie blieb unbeweglich stehen; seit einigen Augenblicken hatte Frau von Noirmont aufgehört zu sprechen, aber Louise schien sie noch immer zu hören; man gab ihr ein Zeichen, sich zurückzuziehen, allein sie verharrte auf ihrem Platze; erst als Ernestine sie beim Arme nahm und zu ihr sagte:

»Louise, Du kannst uns allein lassen,« – kam sie wieder zu sich und verließ das Zimmer, während sie noch einmal heimlich nach Frau von Noirmont hinblickte.

Nachdem Frau von Noirmont noch einige Worte über die neue Kammerjungfer geäußert hatte, dachte sie weiter nicht mehr an sie, sondern beschäftigte sich nach gewohnter Weise mit dem Innern ihres Hauswesens, der Sorge für die Erziehung ihrer Tochter und der Beaufsichtigung des Unterrichtes derselben, den ihr verschiedene Lehrer zu Hause ertheilten.

Die Lebensweise der Frau von Noirmont war sehr einförmig; sie ging selten aus und empfing wenig Besuche; sie beschäftigte sich mit ihrer Tochter, überwachte den Unterricht derselben und las viel; das war ihr größtes Vergnügen, ihre angenehmste Zerstreuung.

Herr von Noirmont brachte den ganzen Tag in seinem Studirzimmer zu, seine Frau und Tochter sahen ihn selten vor Tische, um diese Zeit versammelte man sich, und ziemlich häufig speiste ein Freund Herrn von Noirmonts mit der Familie; selten aber hatte man mehrere Gäste zugleich. Während des Essens sprach Frau von Noirmont sehr wenig; ihr Mann discourirte über Politik oder Staatswirthschaft mit seinem Freunde; Ernestine allein war zur Erheiterung des Mahles berufen; sie entledigte sich ihrer Aufgabe ziemlich entsprechend; oft nöthigten ihre Scherze und naiven Bemerkungen ihrer Mutter ein Lächeln ab, und Herr von Noirmont selbst konnte dabei zuweilen, trotz seiner Gravität, seinen Ernst nicht behaupten. Abends endlich arbeiteten die Damen, stickten oder musicirten zusammen, und die Herren spielten Schach oder Brett. Wenn Niemand Fremdes bei Tische war, ging Herr von Noirmont Abends ziemlich oft in Gesellschaft; zuweilen begleiteten ihn Frau und Tochter; aber doch selten. Frau von Noirmont zog es vor, mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben; und wenn ihr Gemahl nicht zugegen war, schien sie weniger ernst, weniger nachdenklich zu sein und mehr Zärtlichkeit für Ernestinen an den Tag zu legen.

Louisens Dienst war in diesem Hause, wo man keine Bälle besuchte und wenig Gesellschaften gab, sehr leicht; Comtois wartete allein bei Tische auf. Das junge Kammermädchen half den Damen beim Ankleiden, dann arbeitete sie beinahe den ganzen übrigen Tag an Kleidern für das Fräulein oder an Weißzeug für die Haushaltung auf ihrem Zimmer. Abends servirte sie den Thee und sorgte dafür, daß in den Schlafzimmern ihrer Damen Alles in Ordnung war. All das ermüdete nicht sehr, und Louise sagte manchmal zu Ernestinen, man trage ihr nicht genug Arbeit auf; aber das Fräulein entgegnete ihr mit Lächeln:

»Warum arbeitest Du auch so schnell? ... kaum hat man Dir etwas zu nähen gegeben, so bist Du schon fertig ... Die Mutter behauptet, Du seiest außerordentlich geschickt und schnell. Ach! die andern Kammerjungfern waren nicht so flink wie Du.«

Louise empfand eine große Freude, so oft sie erfuhr, daß Frau von Noirmont mit ihr zufrieden sei; und obgleich diese Dame ihren Leuten gegenüber beinahe immer eine würdevolle, ernste Miene beibehielt, welche nicht die mindeste Familiarität gestattete, so fühlte Louise doch eine innige Zuneigung zu ihr und wäre äußerst betrübt geworden, sie verlassen zu müssen.

Indessen waren drei Monate seit Louisens Aufenthalt in Paris verflossen, und sie hatte Cherubin nicht ein einziges Mal gesehen; aber seit Frau von Noirmonts Rückkehr empfand sie, einzig mit dem Gedanken beschäftigt, dieser zu gefallen, die Qualen ihrer Liebe minder stark; obgleich sie den Gespielen ihrer Kindheit immer unverändert liebte, war es doch, als ob sich ein anderes Gefühl in ihr Herz eingeschlichen hätte, um ihre Schmerzen abzulenken.

Herr Gerundium erschien mehrmals, sich bei Comtois zu erkundigen, wie die Herrschaft mit Louisen zufrieden sei, und jedesmal ergoß sich der Kammerdiener in Lobeserhebungen über das junge Mädchen, und ersuchte den Hofmeister, dem alten Jasmin für den ihnen zugeschickten Schatz zu danken. Herr Gerundium entfernte sich äußerst zufrieden, Louisen nach Paris gethan zu haben; obgleich der mit seinen Liebes-Abenteuern beschäftigte Cherubin nicht mehr an einen Besuch bei Nicollen gedacht hatte.

Eines Morgens, als Herr Gerundium wieder in Herrn von Noirmonts Haus gekommen war, um sich bei Comtois nach Louisens Betragen zu erkundigen, antwortete ihm der Diener:

»Die Mamsell ist fortwährend ein Muster von Tugend und Fleiß. Wenn Sie dieselbe aber sprechen wollen ... so ist sie in diesem Augenblicke allein; die Damen sind ausgegangen, um Einkäufe zu machen, sie arbeitet in ihrem Zimmer, es hindert Sie nichts daran, ihr einen guten Tag zu wünschen.«

Herr Gerundium nahm mit Freuden diesen Vorschlag an; er folgte Comtois, der ihn in Louisens Zimmer führte und sie sodann allein ließ.

Louise drückte eine große Freude aus, als sie den Hofmeister erblickte; nun konnte sie wieder von all ihren Lieben sprechen. Herr Gerundium, der, wie die meisten Pedanten, einfältig war, deutete zu seinen Gunsten, wozu er nur der Vorwand war; er glaubte, dem Kammermädchen eine zärtliche Neigung eingeflößt zu haben, und lächelte, daß er beinahe die Kinnbacken verrenkte, als er sich neben ihr niederließ.

Louise erkundigte sich zuerst nach ihrer Adoptivmutter.

»Sie ist ausgezeichnet gesund und sehr erfreut, Sie in Paris in einer so angenehmen Lage zu wissen,« antwortete der Hofmeister, der mit unerschütterlichem Gleichmuth log, da er seit Louisens Entfernung nicht mehr im Dorfe gewesen war.

»Und ... Herr Cherubin,« fuhr die Jungfrau fort, »ist es ihm recht, daß ich seinem Wunsche gemäß in Paris bin? hat er keine Lust, mich zu besuchen? Spricht er nicht zuweilen von mir mit Ihnen? ... schickt er Sie heute?«

Der Hofmeister kratzte an der Nase, hustete, spukte aus, wischte sich den Schweiß von der Stirne, lauter Dinge, die bei ihm viele Zeit wegnahmen, und während deren er sich auf eine Antwort besinnen konnte; nachdem er endlich zu einem Entschluß gekommen war, erwiderte er Louisen:

»Meine schöne Freundin, die Jugendliebe nimmt selten ein gutes Ende ... Ich könnte Ihnen Paul und Virginien und tausend andere Beispiele ad hoc citiren; ich halte es aber für einfacher, Ihnen ex abrupto, das heißt ohne Umschweife zu sagen, daß es eine Thorheit von Ihnen ist, sich noch immer mit dem Herrn Marquis von Grandvilain zu beschäftigen, weil dieser junge Mann durchaus nicht mehr an Sie denkt. Schon damals, als Sie mit Nicollen nach Paris kamen, um ihn zu besuchen ...«

»Nun, Herr Gerundium?«

»Nun, schon damals war der junge Marquis zu Hause; da er Sie aber nicht empfangen wollte, hatte er seinem Portier den Auftrag gegeben, Ihnen zu sagen, er sei abwesend.«

»– O, mein Gott! wäre das möglich! ...«

»– Wie können Sie verlangen, daß er inmitten der Wollüste, worein er versenkt ist, sich eines jungen Landmädchens erinnern soll, mit der er Blindekuh oder irgend ein anderes mehr oder minder unschuldiges Spiel gespielt hat? ... Mein Zögling ist sehr ausschweifend geworden! mein Fehler ist es nicht; er hat eine Menge Maitressen! und erhält so viele Liebesbriefe, daß es eine wahre Schande ist ... ich hätte sein Haus bereits verlassen, wenn mich nicht meine pecuniären Interessen nöthigten, die Augen zuzudrücken ... was mich aber nicht hindert, Alles, was vorgeht, zu sehen.«

Louise bedeckte ihr Angesicht mit dem Taschentuch und schluchzte:

»Es ist also vorbei! ... er liebt mich ganz und gar nicht mehr! ... ach! wer hätte das von Cherubin geglaubt!«

»Man muß Alles glauben! ... auf Alles gefaßt sein bei einem bartlosen Gelbschnabel,« fuhr der Hofmeister fort; dann seinen Stuhl dicht neben den der Jungfrau rückend und seine Hand auf ihr Knie legend, bemühte sich Herr Gerundium, eine honigsüße Stimme anzunehmen, und sprach, Nachdruck auf seine Worte legend:

»Ich habe die Wunde beigebracht ... ich will auch den Diptam, mit andern Worten, das Heilmittel auflegen. Schöne Louise, wenn der junge Cherubin Ihren Reizen nicht getreu war, so gibt es Andere, die überglücklich wären, denselben Weihrauch streuen ... sie genießen ... zu dürfen; ich gehe gerade auf das Ziel los! ... ich liebe Sie! himmlisches Mädchen ... und ich bin nicht flatterhaft, denn ich bin, Gott sei Dank ein gesetzter Mann. Ich komme nicht, um Ihnen schandbare Anträge zu machen ... retro Satanas! ... das will so viel sagen: ich habe nur rechtschaffene Absichten. Ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz, meinen Namen, meinen Rang und meinen Titel an ... nur wollen wir noch zwei Jahre warten, bis wir zur Ehe schreiten; ich werde meine Leidenschaft bis dorthin gewaltsam in den Schranken halten; aber diese Zeit brauche ich, um ein hübsches rundes Sümmchen zu ersparen ... Sie legen Ihren Gehalt, Ihre Ersparnisse auch dazu ... man ist mit Ihren Leistungen im Hause sehr zufrieden, Sie haben daher wahrscheinlich ein hübsches Neujahrsgeschenk zu erwarten; das Alles werfen wir zusammen, kaufen in der Nähe von Paris ein Häuschen ... ich nehme zum weiteren Auskommen einige Zöglinge auf; wir halten einen Hund, eine Katze, Hühner, kurz Alles, was zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört, und so werden unsere Tage mit Honig und Gewürzwein versüßt dahin fließen.«

Während dieser Anrede hatte Louise die auf ihrem Knie ruhende Hand zurückgestoßen, ihren Stuhl weggeschoben und war, sobald Herr Gerundium zu sprechen aufgehört hatte, aufgestanden, um ihm mit höflichem, aber entschiedenem Tone zu erwidern:

»Herr Gerundium, ich danke Ihnen für die Güte, mir, einem armen, namen- und familienlosen Landmädchen, den Titel Ihrer Frau anzubieten, aber ich kann ihn nicht annehmen. Ich begreife, daß mich Herr Cherubin nicht mehr liebt, und es war in der That thöricht von mir, mir einzubilden, daß er in Paris, in der großen Welt, im Schooße des Vergnügens lebend, die Erinnerung an mich bewahren werde; aber, bei mir, o! da ist's ein großer Unterschied! ich bin keine große Dame geworden, und das Bild dessen, der mir theuer ist, kann nicht aus meinem Herzen verwischt werden ... Ich liebe Cherubin, und fühle, daß ich stets nur ihn lieben werde! ... Daher, mein Herr, wäre es sehr unrecht von mir, wenn ich einen Andern ... ohne ihm mein Herz schenken zu können ... heirathen würde.«

Herr Gerundium war bei diesen Worten ganz überrascht; er faßte aber wieder Muth und fuhr fort:

»Meine schöne Louise: Varium et mutabile semper femina ... oder wenn Sie lieber wollen: oft ändern sich die Frauen! ein Narr wird ihnen trauen ... Diese Verse sind von Franz dem Ersten ... Ich ziehe jedoch die von Beranger vor; und Tiresias behauptet, die Männer haben nur drei Unzen Liebe in sich, während die Weiber neune besitzen! was ihnen die Fähigkeit gibt, weit öfter zu wechseln, als wir; und doch geschieht dies bei uns, im Verhältniß zu unsern drei Unzen, schon häufig genug.«

»– Was soll das Alles heißen, mein Herr?«

»– Das heißt, meine theure Freundin, Sie werden es machen wie die Andern und wechseln; Ihre Liebe wird vergehen.«

»– Niemals, mein Herr!«

»– Niemals ist in der Liebe ein Wort ohne alle Bedeutung; indeß haben Sie hinlänglich Zeit, sich hierüber zu besinnen, da ich Ihnen zwei Jahre Bedenkzeit lasse ... vergönnen Sie mir, so lange hoffen zu dürfen.«

»– O! es ist vergeblich, mein Herr!«

»– Verzeihen Sie! ... Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden ... ich beharre auf meinem Hoffen. Leben Sie Wohl, schöne Louise, fahren Sie fort, sich gut zu betragen ... dann wird man ohne Zweifel Ihren Gehalt erhöhen; ich meines Theils werde fortfahren, den meinigen auf die Seite zu legen ... und wie ein altes bekanntes, zwar sehr gemeines, aber äußerst scharfsinniges Sprüchwort sagt: ... lassen wir den Braten erst gelb werden! Hiemit lege ich Ihnen meine Huldigungen zu Füßen.«

Herr Gerundium war weggegangen. Nun konnte Louise ungehindert ihren Thränen freien Lauf lassen, sie beschäftigte sich nicht mit den Anträgen des Hofmeisters, sie dachte nur an Cherubin, der sie nicht mehr liebte, sich ihrer nicht mehr erinnerte und anderer Liebschaften pflegte; lange schon hatte sie gefürchtet, von ihm vergessen worden zu sein; aber jetzt erst war es ihr zur Gewißheit geworden, und in der Liebe liegt zwischen der Furcht und der Gewißheit eine ungeheure Kluft.

Die Heimkehr der Frau von Noirmont und ihrer Tochter nöthigte Louisen, ihre Thränen zu unterdrücken; sie trocknete eilig ihre Augen und suchte ihre Traurigkeit zu verbergen, denn sie fühlte wohl, daß sie das Geheimniß ihres Herzens nicht verrathen dürfe.

An diesem Tage ging Herr von Noirmont nach dem Mittagessen aus. Ernestine blieb bei ihrer Mutter, an die sie, während ihrer gemeinsamen Arbeit, besonders wenn sie guter Laune war, Alles hinsprach, was ihr gerade in den Sinn kam. Wenn Frau von Noirmont über die Einfälle ihrer Tochter lächelte, so war diese so erfreut, daß sie häufig ihre Arbeit bei Seite warf, um sich an den Hals ihrer Mutter zu hängen, welche sie dann oft zärtlich in ihre Arme schloß.

Louise, der man geläutet hatte, um den Thee zu bestellen, trat in einem dieser Augenblicke ein, wo Ernestine in den Armen ihrer Mutter lag, und das liebenswürdige Kind rief, bei der innigen Liebkosung ihrer Mutter, wonnevoll aus:

»– Siehst Du, Louise, wie glücklich ich bin! ... was ich für eine gute Mutter habe!«

Louise stand unbeweglich mitten im Saale; sie war über Ernestinens Glück erfreut, und doch lag in diesem rührenden Bilde, das sie vor Augen hatte, etwas Unnennbares, was ihr wehe that; zwei große Thränen traten in ihre Augen, aber sie kehrte sich schnell um, damit Niemand sie weinen sehe.

Indessen hatte Frau von Noirmont wieder ihre ernste Miene angenommen und Ernestine war auf ihren Platze zurückgekehrt. Louise beeilte sich, den Thee aufzutragen, und entfernte sich dann, aus Furcht, ihre Traurigkeit merken zu lassen.

Aber trotz aller Mühe, sich zu fassen, weinte Louise noch, als Ernestine in der Nacht vor dem Schlafengehen noch einmal ins Zimmer ihrer Kammerjungfer kam, um sie über Etwas zu befragen.

Als die kleine Ernestine Louisens in Thränen gebadetes Angesicht sah, eilte sie auf sie zu und fragte sie mit dem Ausdrucke der rührendsten Theilnahme:

»Mein Gott! Louise ... Du weinst! ... Was Hast Du denn?«

»O! gnädiges Fräulein, vergeben Sie mir ... Ich weiß wohl, daß ich hier, wo Sie so gütig gegen mich sind, nicht weinen sollte! ... aber ich konnte mich dessen nicht erwehren! ...«

»Du hast also irgend einen Grund zur Betrübniß ... Du hättest ohne Veranlassung nicht geweint ... Louise, ich will wissen, warum Du Thränen vergießest.«

»Nun denn, Fräulein ... als ich Sie diesen Abend in den Armen Ihrer Frau Mutter sah, als ich das Bild des Glückes, dessen Sie sich erfreuen, vor meinen Augen hatte, fühlte ich das Unglück meiner Lage noch lebhafter ... O! Fräulein, ich sage das nicht aus Neid! ... Ich segne den Himmel, der Ihnen dieses Glück verliehen hat ... aber ich konnte mich der Thränen nicht enthalten, als ich daran dachte, daß mich meine Mutter nie in ihre Arme geschlossen hat ... daß ich sie nie in meine Arme werde schließen dürfen!«

»– Was sagst Du, arme Louise ... liebt Dich Deine Mutter nicht?«

»– Nicht deßhalb, gnädiges Fräulein ... Aber hören Sie, ich will Ihnen die Wahrheit sagen, denn ich verstehe nicht zu lügen ... Und sehe auch nicht ein, warum ich ein Geheimniß daraus machen sollte ... Sie werden nicht weniger gütig gegen mich sein, wenn Sie erfahren, daß ich ein armes, von meinen Eltern verlassenes Mädchen bin ...«

»– Wäre es möglich? ... Du hast keine Eltern? ...«

»– Oder kenne sie wenigstens nicht, mein Fräulein.«

Dann erzählte Louise Ernestinen, wie sie als Pflegkind zu Nicollen gekommen sei, und wie gutherzig sich die Landleute ihrer angenommen, sie behalten und gleich ihren eigenen Kindern behandelt hätten, als sie sahen, daß sie von ihrer Mutter verlassen sei.

Ernestine hörte diese Erzählung mit dem lebhaftesten Interesse an. Nachdem Louise geendigt hatte, küßte sie dieselbe zärtlich und sagte zu ihr:

»Meine arme Louise ... Ach! wie wohl hast Du daran gethan, mir dieses zu erzählen. Es ist mir, als ob ich Dich noch mehr liebte, seit ich weiß, daß Dich Deine Eltern verlassen haben ... Und diese gute Nicolle! diese braven Bauersleute! Ach, welch' gute Menschen! ... Morgen will ich Alles meiner Mutter erzählen ... O! ich bin gewiß, es wird auch sie sehr interessiren.«

»– Ach! das ist überflüssig, Fräulein; Frau von Noirmont findet es vielleicht unrecht, daß ich Sie von meinem Kummer unterhielt.«

»– O! ich stehe Dir für das Gegentheil; trotz ihrer ernsten Miene ist die Mutter doch gut, und außerdem gefällst Du ihr sehr. Sie hat mir mehrmals wiederholt, Dein Benehmen sei sehr anständig und gesittet, und in ihrem Munde ist das ein großes Lob! Nun, gute Nacht, Louise, schlafe wohl, und vor allen Dingen weine nicht mehr! ... Hast Du auch keine Eltern, nun Wohl! so gibt es hier Leute, die Dich lieben und sich Deiner thätig annehmen werden.«

Ernestine verließ Louisen, um sich zur Ruhe zu begeben, und diese fühlte sich minder beklagenswerth, als sie die Freundschaft sah, die ihre junge Gebieterin für sie an den Tag legte, eine Freundschaft, welche sie mit aufrichtigstem Herzen erwiderte. Am folgenden Morgen war die Familie Noirmont beim Frühstück versammelt. Ernestine hatte ihre Mutter seit dem gestrigen Tage noch nicht gesehen, weil Kopfschmerzen Frau von Noirmont länger als gewöhnlich im Bette zurückgehalten hatten; aber ihr Vater, der nur selten beim Frühstück erschien, nahm heute gleichfalls Theil daran, und nachdem Ernestine ihre Mutter umarmt hatte, sagte sie mit geheimnisvollem Tone zu ihren Eltern:

»Ich habe euch diesen Morgen etwas sehr Interessantes zu erzählen, und es ist mir lieb, daß der Vater zum Frühstück gekommen ist, damit er es auch hört.«

»Wirklich?« entgegnete Herr von Noirmont mit einer etwas spöttischen Miene lächelnd, »dem Tone nach, womit Du uns dieses ankündigst, handelt es sich, glaub' ich, in der That um etwas höchst Wichtiges.«

»Allerdings, lieber Vater, ist es etwas sehr Wichtiges! ... O! Du siehst aus, als ob Du über mich spotten wolltest! aber wenn Du weißt, was es ist, wirst Du eben so gerührt sein, wie ich gestern Abend war, als ich unsere arme Louise weinen sah.«

»Wie? es handelt sich von Louisen?« fragte Frau von Noirmont mit teilnehmender Miene; »ist ihr ein Unglück begegnet? ... Das wäre mir sehr leid, denn dieses junge Mädchen ist ein sehr gutes Geschöpf und scheint unser Wohlwollen zu verdienen.«

»Die Sache ist diese ... hört mich wohl an! ... Louise wollte nicht zugeben, daß ich's euch sage, aber ich bin fest überzeugt, ihr verdammet sie deßhalb nicht, denn es ist nicht ihre Schuld.«

Herr von Noirmont, den diese Umschweife zu langweilen anfingen, sagte ungeduldig:

»Laß hören, meine Tochter, mach' ein Ende und erkläre Dich!«

»– Nun gut, lieber Vater, als Louise gestern Abend, um den Thee zu serviren, in den Salon kam, fand sie mich in der Mutter Armen, wie wir uns gerade küßten ...« »– Ganz recht, meine Tochter, und dann?«

»– Dann, als ich mich Abends in mein Schlafzimmer begab und ein Nachthalstuch nöthig hatte, welches ich nicht finden konnte, ging ich noch zu Louisen, um sie zu fragen, wo sie es hingethan habe. Dort fand ich Louisen ganz in Thränen; ich sagte zu ihr: Warum weinst Du? Sie antwortete mir mit Schluchzen: Ach! mein Fräulein, weil, als ich Sie diesen Abend in den Armen Ihrer Mutter sah, ich noch lebhafter das Unglück empfand, daß ich niemals von der meinigen umarmt worden und nur ein verlassenes Kind bin.«

»Ein verlassenes Kind! ...« murmelte Frau von Noirmont, deren Gesicht plötzlich mit außerordentlicher Blässe überzogen wurde.

»Aber,« versetzte Herr von Noirmont, »ich meine doch, Comtois habe uns gesagt, die Eltern dieses jungen Mädchens wohnten in der Umgegend von Paris ... ich erinnere mich gerade nicht mehr, in welchem Dorfe.«

»– Ja, mein Vater, man hatte dies zu Comtois gesagt, als man ihm Louisen vorstellte, aber es war eine Lüge, die ihre Freunde für notwendig erachtet hatten. Louise fand es für besser, die Wahrheit zu sagen.«

»– Sie hat Recht, aber rufe Deine Kammerjungfer her, Ernestine, ich will diese ganze Geschichte von ihr selbst hören; sie erregt meine Neugierde. Und Sie, Madame, sind Sie nicht auch begierig, das junge Mädchen zu hören?«

Frau von Noirmont erwiderte einige kaum verständliche Worte; es war, als ob ein geheimes Leiden sie drückte und sie sich Gewalt anthäte, dasselbe zu verbergen.

Ernestine hatte jedoch nicht abgewartet, bis ihr Vater seinen Wunsch wiederholte, sie war davon geeilt, Louisen zu rufen, und diese erschien alsbald vor der versammelten Familie.

Herr von Noirmont betrachtete Louisen mit größerer Theilnahme; Ernestine lächelte ihr freundlich zu; Frau von Noirmont schlug die Augen nieder und wurde noch blässer. Nach der Unruhe, die sich ihrer bemächtigt hatte, und der Angst, die sich in ihren Zügen aussprach, hätte man sie für eine Verbrecherin halten können, die ihr Urtheil erwartete.

»Kommen Sie, Louise, treten Sie näher,« sagte Herr von Noirmont, dem jungen Kammermädchen winkend; »meine Tochter hat uns erzählt, was Sie ihr gestern Abend mitgetheilt haben ... zittern Sie nicht, mein Kind, wir machen Ihnen keinen Vorwurf, weil Sie uns beim Eintritt in das Haus falsch berichtet haben ...«

»– Ach, gnädiger Herr, nicht ich!« flüsterte Louise.

»– Ja, ich weiß es, die Personen, welche Sie in mein Haus empfohlen haben, hielten diese Lüge für nothwendig; sie hatten Unrecht: man muß immer bei der Wahrheit bleiben. Also kennen Sie Ihre Eltern nicht, armes Mädchen?«

»– Nein, gnädiger Herr.«

»– Wo sind Sie erzogen worden?«

»– In Gagny.«

»– Gagny ... Ah! das ist's; ich hatte den Namen des Dorfs, den Sie mir beim Eintritt ins Haus gesagt hatten, vergessen ... und wer hat Sie erzogen?«

»– Eine wackere Bäuerin ... Nicolle Frimousset ... Sie säugte damals den Herrn Cherubin von Grandvilain ...«

»– Ah! der junge Marquis von Grandvilain wurde von dieser braven Frau gesäugt?«

»– Ja, gnädiger Herr, das ist mein Milchbruder ... und ... in seiner Kindheit war ich die Genossin seiner Spiele.«

»– Ganz gut ... aber daraus geht nicht hervor, wie Sie nach Gagny kamen?«

»– Mein Gott, gnädiger Herr, eine Dame ... meine Mutter ohne Zweifel, brachte mich zu der guten Nicolle und bat sie, mich zu verpflegen; ich war damals ein Jahr alt; man ließ Nicollen einiges Geld und versprach wieder zu kommen. Nach Verlauf eines Jahres schickte man durch einen Commissionär von Paris wieder einiges Geld, besuchte mich aber nicht, und seitdem hat man sich nie wieder nach mir erkundigt.«

»– Wie hieß, wo wohnte diese Dame? ...«

»– Nicolle hatte vergessen, sie darnach zu fragen, denn sie konnte sich nicht vorstellen, daß man mich verlassen und nicht mehr kommen würde! ... Der Commissionär von Paris kannte die Dame, die ihn beauftragt hatte, nicht, und wußte meiner guten Amme nichts darüber mitzutheilen.«

»– Aber fand man bei Ihnen oder an Ihrer Kleidung kein Papier? ... kein Zeichen?«

»– Nichts, gar nichts, gnädiger Herr!«

»– Das ist sehr sonderbar; sind Sie nicht auch meiner Ansicht, Madame?«

Mit diesen Worten wandte sich Herr von Noirmont an seine Frau, die er während dieser Fragen an Louisen nicht angesehen hatte; Ernestine, die dasselbe that, wie ihr Vater, stieß einen durchdringenden Schrei aus und jammerte:

»O, mein Gott! die Mutter ist ohnmächtig!«

Der Kopf der Frau von Noirmont war auf den Rücken ihres Lehnstuhls zurückgesunken; sie hatte in der That ihre Besinnung verloren, und die Leichenblässe ihres Angesichts verlieh ihrem Zustande etwas Erschreckliches.

Man eilte ihr zu Hülfe; Ernestine war trostlos und umschlang ihre Mutter; Louise theilte ihren Schmerz, verlor den Kopf, wußte nicht, was sie thun sollte, und hörte nicht, was man ihr sagte. Aber Herr von Noirmont, der bei kaltem Blute blieb, rief Comtois, brachte mit dessen Hülfe seine Gattin auf ihr Zimmer und legte sie aufs Bett.

Nach einiger Zeit kam Frau von Noirmont wieder zu sich, aber es lag etwas Finsteres, Unruhiges in ihren Blicken, welches andeutete, daß die Ursache ihres Uebels noch vorhanden sei; sie richtete langsam ihre Augen auf ihren Gatten und ihre Tochter, und als sie Louisen bemerkte, die etwas ferner stand und die allgemeine Besorgniß zu theilen schien, schloß sie die Augen wieder und ließ ihr Haupt aufs Kissen zurücksinken.

»Mutter, theure Mutter, wie geht es Dir jetzt?« fragte Ernestine, die Hand ihrer Mutter drückend.

»– Besser, mein Kind, besser; ich fühle mich wohler.«

»Welch' plötzliches Uebelbefinden hat Sie denn ergriffen, Madame?« sagte Herr von Noirmont mit Theilnahme. »Sie haben uns einen großen Schrecken verursacht.«

»– Ich weiß es nicht, mein Herr ... Ich fühlte mich mit einem Male beengt ... ein kalter Schweiß bedeckte mich ... und ich verlor die Besinnung ...«

»Du warst diesen Morgen schon unwohl, Du hattest Kopfschmerzen,« sagte Ernestine.

»Ja, in der That,« rief Frau von Noirmont lebhaft aus. »Schon diesen Morgen war ich leidend ... und das ist ohne Zweifel der Grund davon.«

»Und dann wird Dich die Geschichte Louisens angegriffen. Dir das Herz schwer gemacht haben ... Das hat Dein Uebel verschlimmert.«

»– Soll man einen Arzt rufen lassen, Madame?«

»– Nein, mein Herr, es ist überflüssig, ich bedarf nur der Ruhe ... des Friedens ... des Schlafs vielleicht.«

»– Dann wollen wir Sie verlassen.«

»– Aber ich werde ganz in der Nähe bleiben, und beim geringsten Geräusch herbeieilen,« sagte Ernestine.

Frau von Noirmont schien das Alleinsein sehnlichst zu wünschen. Alle entfernten sich. Ernestine, noch ganz von dem Anblicke ihrer ohnmächtigen Mutter ergriffen, und Louise, höchst traurig, weil sie fürchtete, die Geschichte ihres Unglücks habe ihre Gebieterin zu sehr gerührt.

Frau von Noirmont brachte den Rest des Tages in ihrem Zimmer zu, sie blieb im Bette und verlangte besonders, ungestört zu sein.

Der folgende Tag verging auf dieselbe Weise, und sie hütete mehrere Tage das Bett.

Indessen weigerte sie sich, einen Arzt kommen zu lassen, und versicherte, daß ihre Unpäßlichkeit nur Ruhe verlange.

Aber seit dem ersten Augenblick des kränklichen Zustandes der Frau von Noirmont war ihre Stimmung nicht mehr dieselbe; sie sprach kaum ein Wort; die Gegenwart ihrer Tochter schien ihr sogar zuweilen lästig zu sein; sie antwortete trocken und nahm ihre Liebkosungen mit Kälte auf. Louisens Dienste hatte sie, seit sie ihr Zimmer hütete, unter dem Vorwand, sie bedürfe ihrer nicht, beständig verweigert.

Die arme Louise war darüber ganz traurig und sagte zu Ernestinen:

»Ihre Frau Mutter weist meine Dienste zurück ... und gestattet nicht, daß ich ihr Zimmer betrete, ach! gnädiges Fräulein, ich fürchte, ihr Mißfallen erregt zu haben ... sie ist vielleicht unwillig, ein Mädchen im Hause zu haben, dessen Eltern man nicht kennt.«

Ernestine bemühte sich, sie zu trösten und erwiderte:

»Du irrst Dich ... warum soll denn die Mutter etwas gegen Dich haben ... nein, das Uebelbefinden ist daran Schuld ... ihr Nervenleiden ...macht sie traurig ...und reizbar ... mich selbst stößt sie jetzt, wenn ich sie küsse, zurück ... und küßt mich nicht wieder ... das thut mir auch recht wehe, aber dessen ungeachtet bin ich überzeugt, daß mich die Mutter liebt.«

Bei diesen Worten zerfloß das liebe Kind ebenfalls in Thränen, worein auch Louise die ihrigen mischte, denn sie wußte ihr keinen andern Trost zu geben.

Endlich hatte sich Frau von Noirmont entschlossen, ihr Zimmer zu verlassen, und kam in den Salon; das erste Mal, als Louise sie wieder sah, brannte sie vor Begierde, sich nach dem Stande ihrer Gesundheit zu erkundigen, aber sie wagte es nicht; der Blick ihrer Gebieterin schien den ihrigen zu meiden, und sie zeigte nicht mehr das frühere Wohlwollen gegen sie.

Von nun an schalt Frau von Noirmont sie bei der geringsten Veranlassung ärgerlich und unmuthig aus; gab ihr oft in einer Minute zehnerlei widersprechende Befehle; das arme Mädchen verlor den Kopf, wurde ängstlich, wußte nicht mehr, was sie thun sollte, und Ernestine blickte ihre Mutter mit erstaunter, kummervoller Miene an, als sie ihren Schützling so behandelt sah.

Zuweilen aber schien es, als ob eine außerordentliche Veränderung mit dieser sonderbaren Frau vorginge; nachdem sie Louisen rauh und heftig behandelt hatte, und nun das betrübte Antlitz des armen Mädchens sah, so änderten sich ihre Züge, ihre Augen wurden feucht, folgten allen Bewegungen Louisens, und sie rief sie dann mit sanfter, herzlicher ... sogar zärtlicher Stimme zu sich; das junge Mädchen kehrte alsbald freudig, eifrig zurück ... aber schon hatte ihre Gebieterin wieder ihre strenge Miene angenommen und gab ihr mit einer Geberde das Zeichen, sich zu entfernen, während sie mit abstoßendem Tone murmelte:

»Was wollen Sie? ... ich habe Sie nicht gerufen.«

So verflossen einige Wochen. Eines Morgens sagte Frau von Noirmont, dem Anscheine nach noch sorgenvoller als gewöhnlich, zu ihrer Tochter, als diese sie zu küssen kam:

»Ich bin entschlossen, Deine Kammerjungfer nicht zu behalten; ... das junge Mädchen taugt zu gar nichts ... man muß sie fortschicken ... und ihr zwei bis drei Monate mehr bezahlen, als man ihr schuldig ist ... unterrichte sie hievon ... und veranlasse sie, wieder in ihr Dorf zurückzugehen ... ich glaube, es war ein großes Unrecht von ihr, in Paris einen Platz zu suchen ... gib Dir keine vergebliche Mühe, mich von meinem Entschlusse abzubringen, er steht fest.«

Ernestine war trostlos, sie liebte Louisen zärtlich, und es hätte ihr einen wirklichen Kummer verursacht, sie entlassen zu müssen; aber ihre Mutter hatte sich in einem so ernsten, so bestimmten Tone ausgedrückt, daß die arme Kleine keine Antwort wagte, sondern schwieg, seufzend die Augen niederschlug und sich entfernte, um den traurigen Auftrag zu erfüllen, den die Mutter ihr ertheilt hatte.

Beim Weggehen aus ihrer Mutter Zimmer begegnete Ernestine Herrn von Noirmont, der auf sie zukam und sie beim Anblick ihrer gramvollen Miene, indem er sie küßte, fragte:

»Was hast Du denn, liebe Tochter ... man könnte glauben, Du habest geweint?«

»– O! es ist nichts, lieber Vater ...«

»– Ernestine, Du weißt, daß ich weder Ausflüchte noch Geheimnisse leiden kann, sag' mir auf der Stelle, was Dich diesen Morgen so traurig macht!«

»– Wohlan ... lieber Papa, die Mutter will Louisen fortschicken ... die arme Louise, unser Kammermädchen ... die ich so lieb habe, und die so sanft ist ... aber die Mutter liebt sie nicht mehr ... sie behauptet, Louise tauge zu gar nichts ... und doch arbeitet sie so gut wie sonst und näht wie ein Engel; ... da es aber die Mutter haben will, so werde ich sie davon unterrichten ...«

»– Gehe nicht zu ihr, liebes Kind, es ist unnöthig, Louise bleibt im Hause.«

»– Aber, lieber Papa, da die Mutter gesagt hat ...«

»– Aber ich sage Dir das Gegentheil und bin allein Herr hier.«

Ernestine schwieg, denn ihr Vater hatte eine strenge Miene angenommen, die bei ihm einen unabänderlichen Entschluß anzeigte. Dann begab sich Herr von Noirmont zu seiner Gemahlin und sprach in kaltem, aber imponirendem Tone zu ihr:

»Madame, Sie sind sehr launenhaft, man bemerkt dies daran, wie Sie zuweilen Ihre Tochter behandeln, aber Sie dehnen Ihre üble Stimmung bis auf arme Dienstboten aus, und das kann ich nicht zugeben. Die junge Louise, die als Ernestinens Kammermädchen in unsere Dienste trat, ist rechtschaffen und klug, und ihr Benehmen so tadellos wie ihre Sitten; ich halte es für schwierig, wieder eine ähnliche zu finden, und Sie wollen sie fortschicken, Madame? ... Sie wollen, daß ich eine brave Person aus dem Hause jage, weil sie Ihnen ohne allen Grund nicht mehr gefällt; ... weil Sie Ihrer phantastischen Laune wegen schlimmer als jemals zu bedienen sind! Nein, Madame, das darf nicht geschehen; die Gerechtigkeit geht mir über Alles! ... und dieses junge Mädchen bleibt im Hause, weil es eine Ungerechtigkeit wäre, sie fortzuschicken!«

Frau von Noirmont erwiderte kein Wort; sie beugte das Haupt und schien niedergeschmettert.

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