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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die gedörrten Pflaumen.

Man erwacht bald, wenn man verliebt ist und ein Rendezvous mit der Dame seiner Gedanken hat; es ist nicht sehr gewiß, daß Cherubin Madame Celival liebte, es ist sogar eher wahrscheinlich, daß er für alle diese Eroberungen nur jenes vorübergehende Verlangen empfand, welches alle junge Männer in der Nähe einer schönen Frau anwandelt, – eine Krankheit, die man oft noch im reifern Alter fühlt, und wovon es sehr angenehm ist, selbst in alten Tagen nicht geheilt zu werden. Aber Cherubin war noch zu unerfahren, um zwischen den Gefühlen, die ihn bewegten, unterscheiden zu können; im gegenwärtigen Augenblicke hielt er sich für sehr verliebt in Madame Celival.

Kaum erwacht, läutete Cherubin. Trotz seines Alters war Jasmin Morgens stets der Erste in seines Herrn Dienste; dieser wies ihn aber diesmal beim Ankleiden zurück und sagte zu ihm:

»Du hast gestern schöne Geschichten gemacht, Jasmin!«

»Was habe ich denn gemacht, gnädiger Herr?« fragte der alte Diener, durch die Mißlaune Cherubins ganz erschreckt.

»Was? Jasmin! Du hast mich in Wohlgerüchen gebadet ... Du hast alle meine Kleider damit benetzt ... ich war ein lebendiges, parfümirtes Kräuterkissen.«

»– Haben der gnädige Herr nicht gut gerochen?«

»– Ei freilich! ich roch nur zu gut! das heißt zu stark! ich stieg den Leuten in den Kopf und – nervenschwache Damen können das nicht ertragen ... Du bist Schuld, daß es einer Dame übel wurde; das war mir sehr unangenehm.«

Jasmin war trostlos; um die gestern begangene Dummheit wieder gut zu machen, schlug er seinem Herrn vor, in alle seine Taschen Kampfer zu stecken, was, wie man ihm gesagt, vortrefflich für die Nerven sei, und wie er denke, das durch die Wohlgerüche verursachte Uebel wieder gut machen werde; aber Cherubin litt es nicht; er verbot Jasmin ausdrücklich, ihn auf irgend eine Weise zu parfümiren; er war aber vorher genöthigt, sich mit dem alten Diener herumzuzanken, um ihn abzuhalten, ihm Kampferstückchen in die Taschen zu praktiziren.

Nach beendigter Toilette versicherte sich Cherubin, daß er nach nichts rieche; und in Erwartung des Augenblickes, wo es Zeit sein werde, sich Madame Celival vorzustellen, beschäftigte er sich zum Voraus mit der schönen Wittwe und überlegte in seinem Kopfe, was er Alles mit ihr sprechen wolle, wobei ihn am Meisten der Gedanke, mit ihr zu frühstücken, in Unruhe versetzte.

»– Wenn man mit einer Dame frühstückt,« sagte er zu sich, »in die man verliebt ist, darf man da essen? ... seinen Appetit gewähren lassen? ... Mein Gott! ich habe vergessen, hierüber Verhaltungsmaßregeln von Monfréville einzuholen ... ich fürchte abermals ungeschickt zu sein ... Was macht man mir übrigens immer zum Vorwurf? zu schüchtern zu sein; wenn ich nicht esse, werde ich ein recht dummes Gesicht machen; gehörig essen und trinken wird mir dagegen Muth und Kühnheit verleihen ... Also! will ich tüchtig essen.«

Die Stunde des Frühstücks kam endlich heran. Cherubin begab sich zu Madame Celival, sein Herz schlug mächtig, als er der Zofe folgte, die ihn ins Boudoir einführte, aber er ermuthigte sich.

»O! das ist mir nun eins,« sagte er zu sich, »diesmal will ich nicht schüchtern sein ... und recht viel essen.«

Das Boudoir der schönen Wittwe war ein reizendes, ringsum mit veilchenblauem Sammet verhängtes Gemach. Ein dicker, weicher Teppich bedeckte den Fußboden, und dreifache Gardinen ließen kaum den Tag durchschimmern.

»Die Frauen lieben gewiß das Dunkel sehr,« dachte Cherubin beim Eintritt in das Boudoir; »aber heute brauche ich keine Verse zu lesen ... und zum Frühstücken sehe ich hier genug ... zudem, denke ich mir ... muß die Dunkelheit kecker machen ... deßhalb verbannen die Damen ohne Zweifel die Helle aus ihren Zimmern.«

Madame Celival erwartete Cherubin; ihr Anzug war einfach, aber ganz darauf berechnet, alle ihre Vorzüge in die Augen springen zu lassen; ihre schönen schwarzen Haare fielen auf beiden Seiten des Gesichts in langen Locken herab, und die hochrothen Bänder auf ihrem köstlichen Häubchen verliehen ihren ohnehin feurigen Augen noch mehr Lebhaftigkeit.

Die verführerische Wittwe empfing Cherubin mit so viel Liebenswürdigkeit, daß ein Anderer als er sich alsbald behaglich gefühlt hätte; er that jedoch sein Möglichstes, um seine Verlegenheit zu überwinden; und das Beste, was er that, war, daß er in Bewunderung vor den Reizen der Dame, der er sich gegenüber befand, stehen blieb.

»Nun, Herr Cherubin,« fragte Madame Celival nach einiger Pause, »wie finden Sie mein Boudoir? ... ohne Zweifel nicht so hübsch, wie das der Gräfin?«

»Doch nein, Madame, doch nein, ich versichere Sie ... das Ihrige gefällt mir eben so gut ... ich finde es sogar schöner ...«

»– O! das sagen Sie nur, um mir zu schmeicheln!«

»– Nur ist eines so dunkel, wie das andere ...«

»– Die Helle thut den Augen wehe, ich hasse sie.«

»– Indessen, Madame, dürfen Sie nicht fürchten, sich sehen zu lassen ... wenn man so schön ist ...«

Cherubin wagte nicht weiter fortzufahren, er war erstaunt, schon so viel gesprochen zu haben; aber Madame Celival, der dieses Compliment ganz natürlich schien, entgegnete lächelnd:

»Wirklich! gefalle ich Ihnen? ... o! aber die Männer machen sich so wenig daraus, Dinge zu sagen, woran sie nicht denken!«

Und mit diesen Worten beugte sich Madame Celival nachlässig auf das Kissen des mit veilchenfarbenem Sammt überzogenen Divans, worauf sie ruhte, und ihr Busen hob sich in die Höhe, als sie Cherubin anblickte, der mit niedergeschlagenen Blicken, schweigend, ohne Muth, sie wieder anzusehen, auf einem Stuhle neben ihr saß.

Als Madame Celival nach einem ziemlich langen Schweigen bemerkte, baß Cherubin dasselbe nicht unterbrechen werde, rief sie aus:

»– Aber ich vergesse unser Frühstück! ... Sie haben vielleicht Hunger?«

»– O, ja, Madame, mich hungert sehr;« antwortete Cherubin schnell.

Madame Celival lächelte, indem sie sprach:

»– Und es scheint, daß Ihnen der Hunger die Sprache nimmt! aber, mein Gott, warum sagten Sie mir das nicht gleich, ich will Sie nicht der Gefahr des Hungertodes aussetzen. Wollen Sie gefälligst an jener Klingel ziehen.«

Cherubin zog die Klingelschnur und die Kammerjungfer trat ein.

»Man soll das Frühstück serviren!« sagte Madame Celival und fügte gegen Cherubin gewendet bei:

»Wir frühstücken hier, weil uns hier Niemand stört; wenn irgend lästige Besuche kommen, so wird man sagen, ich sei nicht zu Hause ... ist Ihnen diese Anordnung recht?«

»– O, ja, Madame, das wird viel hübscher sein!«

Madame Celival lächelte abermals; sie dachte vielleicht auch, ihr tête-à-tête werde noch hübscher werden; das ist jedoch nur eine Vermuthung!

Die Kammerjungfer trug schnell das Frühstück auf und deckte zwei Couverts. Cherubin bemerkte, daß sie neben den mit Speisen beladenen Tisch das Dessert auf einen Gueridon stellte.

Madame Celival entließ die Kammerjungfer mit den Worten:

»Wenn ich etwas brauche, werde ich läuten!«

»Und nun,« sagte die reizende Brünette, dem Jüngling, der sie fortwährend bewundernd betrachtete, die Hand reichend, »nehmen Sie Platz, Herr Marquis, und entschuldigen Sie mich, daß ich Sie so ohne alle Förmlichkeit behandle, es soll aber kein ceremonielles Frühstück sein.«

Das anspruchlose Frühstück der Madame Celival bestand aus einem Gericht Nerac, einem gefüllten Rebhuhn, kleinem Federwildbret mit Pistazien und einer Krebspastete; dann auf dem Gueridon eingemachte Sachen, Zuckerbackwerk und eine Compote von gedörrten Pflaumen als Nachtisch; mehrere Flaschen feinen Weines zeigten an, daß man nicht beabsichtigte, den jungen Tischgenossen bei kaltem Blute zu lassen.

Cherubin hatte neben Madame Celival, die ihm von Allem anbot, aber selbst sehr wenig genoß, Platz genommen; er dagegen aß für zweie. Seit er bei Tische saß, fühlte er sich weniger verlegen, mehr zum Gespräche aufgelegt; er schloß daraus, daß er ganz richtig vermuthet habe, gut Essen und Trinken werde ihm Sicherheit und Muth verleihen; deßhalb nahm er von Allem, was ihm angeboten, und trank Alles, was ihm eingeschenkt wurde.

Madame Celival war sehr munter, sie wußte die Unterhaltung sehr gewandt zu führen, und schien höchst erfreut über die Ehre, die ihr Gast dem Frühstück anthat.

»Wahrhaftig,« sagte sie lachend, »nun wundert es mich nicht mehr, warum Sie vorhin keines Wortes mehr fähig waren und stumm blieben! ... Sie starben ja fast vor Hunger!«

»– Es ist wahr, Madame, ich habe einen gesunden Appetit, und neben Ihnen ... scheint es mir, kann der Appetit nie fehlen.«

»– Ah! ich weiß nicht, ob ich das für ein Compliment halten soll! Es gibt ein Sprüchwort, welches diesen Umstand nicht zu meinem Vortheil deutet.«

»– Welches Sprüchwort, Madame?«

»– Da es Ihnen nicht bekannt ist, mag ich es Ihnen auch nicht mittheilen. Jetzt wollen wir zum Nachtisch übergehen, ich habe Alles in unserer Nähe aufstellen lassen, um nicht erst läuten zu müssen ... wir dürfen nur den andern Tisch vorrücken ... Finden Sie das nicht angenehmer?«

Diese letzten Worte wurden mit einem so zärtlichen Blicke begleitet, daß Cherubin ganz den Kopf verlor; um sich zu erholen, stellte er eiligst den Tisch, an dem gefrühstückt worden, auf die Seite und rückte an dessen Stelle den Gueridon, auf welchem der Nachtisch aufgestellt war, vor den Divan.

Madame Celival, die das Ende des Frühstücks herbeiwünschte, beeilte sich, ihrem Gaste von Allem anzubieten, aber Cherubin betrachtete die Pflaumencompote und fragte:

»Was ist das?«

»Es sind gedörrte Pflaumen ... wie, Sie kennen das nicht?«

»– Mein Gott, nein! Ich sehe es zum ersten Male ... bei meiner Amme wenigstens aß man keine.«

Frau von Celival brach in ein lautes Gelächter aus, während sie sagte:

»Ach! bei Ihrer Amme, das ist herrlich! ... das bon mot ist wunderhübsch! wenn man ihn hörte, könnte man glauben, er sei bis heute bei seiner Amme gewesen.«

Cherubin biß sich in die Lippen, er glaubte eine Dummheit gesagt zu haben, war entzückt, daß man sie für einen Witz hielt, und nahm von den gedörrten Pflaumen, die ihm Madame Celival darbot.

»Nun,« fragte die schöne Wittwe nach einer Weile, »wie schmeckt Ihnen das, was Sie bei Ihrer Amme nie zu essen bekamen?«

»– O! sehr gut, köstlich!«

»– Wollen Sie noch mehr davon?«

»– Recht gerne.«

Madame Celival bediente aufs Neue den Jüngling mit den Pflaumen, der, während er sie aufaß, zu ihr sagte:

»Aber Sie, Madame, Sie nehmen gar nichts?«

»– O! ich ... ich habe keinen Hunger.«

»– Warum denn?«

»– Warum? sonderbare Frage! ... weil die Frauen nicht den Männern gleichen ... sondern wenn ihnen etwas am Herzen liegt ... von ihren Gedanken, ihren Gefühlen leben, und das ihnen genug ist.«

Die letzten Worte wurden mit einem etwas pikirten Tone gesprochen, denn Madame Celival fing an die Entdeckung zu machen, daß Cherubin sehr lange tafle, aber als Dame von Welt und als Wirthin, die ihre Aufgabe kennt, präsentirte sie ihm noch mehrere Platten.

»Ich danke,« sagte Cherubin, »aber ich esse die gedörrten Pflaumen lieber als alles Uebrige.«

»– Nun, so nehmen Sie doch noch mehr davon!«

»– In der That, wenn ich's wagen dürfte ...«

»– Sie werden sich doch nicht geniren! ... das würde mich recht ärgern.«

Cherubin erinnerte sich, daß man in der That nicht schüchtern sein soll, und ihm das geschadet habe. Er legte sich daher von den Pflaumen vor und wiederholte dies nach kurzer Zeit; und da Madame Celival über seine Leidenschaft für die gedörrten Pflaumen sehr lachte und es ihn entzückte, zu ihrer Erheiterung beizutragen, so hörte er nicht eher auf zu essen, als bis keine Pflaume mehr in der Schale war.

Die schöne Wittwe schien sehr erfreut, als sich keine Pflaumen mehr auf dem Tische befanden, und die kaum vernehmbaren Worte: »Es ist ein wahres Glück!« traten über ihre Lippen. Cherubin hörte sie nicht.

Indessen hatte die schöne Frau ihren Stuhl sachte vom Tische weggerückt, trank einige Löffel voll Kaffee, stellte ihre Tasse auf den Kamin und setzte sich wieder auf ihren Divan, indem sie den jungen Mann mit einer zum Herzen dringenden Stimme fragte:

»Nun, werden Sie sich nicht neben mich setzen?«

Es leuchtete Cherubin allmählig ein, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo er sich mit etwas Anderem, als mit gedörrten Pflaumen zu beschäftigen habe; er stand vom Tische auf, machte einige Gänge durchs Zimmer, bewunderte einige hübsche Kupferstiche, die, ohne allzufrei zu sein, doch zur Wollust reizten. Er gerieth vor Psyche und Amor, vor dem Fluß Scamander, vor einer auf ihrem Lager ausgestreckten Odaliske in Extase und setzte sich endlich neben Madame Celival auf den Divan.

»Sie bewundern meine Kupferstiche ...« begann sie wieder.

»– Ja ... all' diese Frauen sind so schön ... besonders jene Odaliske! ...«

»– Der Maler hat sie kaum verschleiert, um uns aber ihre Schönheit bewundern zu lassen, mußte er sie allerdings unverhüllt zeigen ... in der Malerei ist das gestattet ... die Maler haben Privilegien, man verzeiht dem Talente Alles ... auch der Liebe.«

Diese letztern Worte wurden von einem Seufzer begleitet. Cherubin erhob die Augen zu der schönen Wittwe, und nie war sie ihm reizender erschienen, denn ihre Augen glänzten jetzt von einem zugleich lebhaften und doch milden Feuer, und ihr halb geöffneter Mund schien geneigt, auf gar Vielerlei Antwort zu geben. Der Jüngling wagte es, ihre Hand zu ergreifen, die man ihm willig überließ; er bewunderte diese weiche, weiße, zarte und runde Hand, hatte jedoch nicht den Muth, sie zu küssen; aber er drückte sie zärtlich, und statt sie zurückzuziehen, erwiderte ein lebhafter Gegendruck dem seinigen; hiedurch ermuthigt, wollte Cherubin diese Hand zum Munde führen und mit Küssen bedecken, als er plötzlich einen heftigen Schmerz im Unterleib verspürte.

Er blieb wie versteinert.

»Was haben Sie?« fragte Madame Celival erstaunt, daß er ihre Hand in der Höhe behielt, ohne sie zu küssen.

»– Nichts, o! nichts, Madame.«

Und der junge Mann unterdrückte eine Grimasse, welche die Folge einer wiederholten, wenn auch weniger starken schmerzlichen Empfindung war, der jedoch ein Kollern in der Gegend der Eingeweide folgte, welches einem entsetzlichen Ausbruch vorausging.

Cherubin jedoch, ganz von seinen unheimlichen Schmerzen in Anspruch genommen, und über die möglichen Folgen beunruhigt, war bereits nicht mehr bei dem Gespräche und ließ Madame Celivals Hand auf den Divan zurückfallen.

»– Aber was ist Ihnen denn?« flüsterte die schöne Wittwe im Tone des Vorwurfs und der Zärtlichkeit. »Sie scheinen zerstreut, mit andern Gedanken beschäftigt ... sprechen nichts mehr mit mir, wissen Sie, daß das nicht liebenswürdig ist!«

»– Mein Gott, Madame, ich versichere Sie, es ist mir nichts ... Sie irren sich.«

Und Cherubin gab sich alle ersinnliche Mühe, eine abermalige Grimasse zu unterdrücken, er verspürte Zwicken und Drücken im Leibe, das ihn zur Verzweiflung brachte, weil er einsah, daß er die Kolik habe, und um keine Welt Madame Celival ahnen lassen wollte, was ihm fehlte.

Es ist ja doch kein Verbrechen, unwohl zu sein! ... aber wir schwache Sterbliche, die wir uns oft zum Range von Gottheiten erheben wollen, wir erröthen, diesen Unvollkommenheiten der gewöhnlichen Geschöpfe unterworfen zu sein; es gibt besonders Umstände, wo man sehr verlegen ist, zugleich den Anforderungen des Anstands und der Natur Genüge zu leisten. Der arme Cherubin befand sich gerade in diesem Falle; die gedörrten Pflaumen spielten ihm einen recht tückischen Streich.

Madame Celival konnte sich über den Ton des jungen Marquis nicht täuschen; überdies beleidigt, in seinen Blicken weder Zärtlichkeit noch Begierde mehr zu lesen: rief sie nach einer Weile aus:

»– O! gewiß, mein Herr, Sie langweilen sich bei mir ...«

»– Ach, Madame, ich schwöre Ihnen, ich langweile mich nicht ... im Gegentheile ... aber ...«

»– Aber Sie möchten lieber bei Frau von Valdieri sein, nicht wahr?«

»– Nein ... o! nicht dort möcht' ich in diesem Augenblicke sein! ...«

»– Nun, wo möchten Sie denn in diesem Augenblicke sein, mein Herr?«

Cherubin wußte nicht, was er antworten sollte, er unterdrückte gewaltsam einen abermaligen Schmerz, und kalter Schweiß rieselte über seine Stirne; er spielte in diesem Augenblicke eine höchst traurige Figur und sah durchaus keinem Verliebten gleich.

Madame Celival blickte ihn an, biß sich vor Aerger in die Lippen und rief aus:

»Ach! welch' ein sonderbares Gesicht machen Sie doch ... man hat nie etwas Aehnliches gesehen ... ich wenigstens nicht! ... Lassen Sie hören, mein Herr, sprechen Sie ... erklären Sie sich, es ist Ihnen gewiß etwas.«

Und die schöne Wittwe, noch von dem zärtlichen Gefühle bewegt, das in ihrem Innern für Cherubin sprach, rückte ihm näher und wollte ihn bei der Hand fassen, aber er wich rasch zurück, und stotterte mit erstickter Stimme:

»Ach! Madame! ich beschwöre Sie, rühren Sie mich nicht an!«

»Was soll das heißen, mein Herr! Glauben Sie mir sicher, daß ich nicht die geringste Lust habe, Sie anzurühren!« entgegnete Madame Celival, durch das Entsetzen, das sich in den Zügen des jungen Mannes ausdrückte, beleidigt. »Nur, mein Herr, habe ich das Recht, über die üble Laune, die sich Ihrer so plötzlich bemächtigt hat, erstaunt zu sein ... ich glaubte nicht, Ihnen durch den Ausdruck des Vergnügens, den mir Ihr Besuch machte, Schrecken zu verursachen ... Ha! ha! das ist wahrhaftig sehr drollig.«

Statt hierauf zu antworten, erhob sich Cherubin plötzlich und murmelte:

»Vergebung, Madame ... Vergebung ... aber ein Rendezvous, das ich vergessen hatte ... ich muß mich durchaus entfernen ...«

»– Wie, mein Herr, Sie geben ein Rendezvous ... wenn Sie wissen, daß Sie bei mir frühstücken ... Das ist außerordentlich liebenswürdig! ... Sie werden mich nicht überzeugen, daß es so dringend ist, daß Sie sich auf der Stelle entfernen müssen.«

»– O! doch, Madame, doch ... es ist entsetzlich dringend ... ich kann es nicht länger verschieben ... leben Sie wohl, Madame ... adieu!«

Und nachdem Cherubin, seinen Hut suchend, drei Mal wie ein Narr durchs Boudoir gerannt war, erblickte er ihn endlich, ergriff ihn, stürzte nach der Thüre, öffnete sie so heftig, daß er sie beinahe aus den Angeln riß, und jagte durch alle Zimmer, als ob ihm der böse Feind auf der Ferse folgte, während er Madame Celival über die Art seines Weglaufens wie aus den Wolken gefallen zurückließ.

Endlich langte Cherubin zu Hause an, indem er die gedörrten Pflaumen und das ihn bei seinen Liebes-Abenteuern verfolgende Unglück verfluchte.

Gegen Abend kam Monfréville zum Besuche seines Freundes, er war sehr neugierig, zu erfahren, ob sich dieser aus dem letzten Rendezvous besser herausgezogen habe, als aus dem ersten. Als er den jungen Marquis noch blaß und ermattet fand, lächelte er und sprach:

»Ich sehe, daß diesmal Ihr Glück vollständig war, und daß Sie einen großen Sieg davongetragen haben.«

Cherubin blickte seinen Freund mit einer so jämmerlichen Miene an, daß dieser nicht mehr wußte, was er denken sollte. Nachdem Cherubin vorsichtig die Thüre seines Zimmers zugemacht hatte, erzählte er Monfréville, was ihm bei seiner zweiten Liebes-Zusammenkunft begegnet war. Dieser konnte bei der Schilderung des Abenteuers seinen Ernst nicht behaupten; und obgleich Cherubin seine Heiterkeit nicht theilte, brauchte er doch lange, bis er sich wieder zu fassen im Stande war.

»– Sie finden das also sehr lustig?« fragte ihn Cherubin seufzend.

»Meiner Treu, lieber Freund, es ist eine Aufgabe, nicht über die Lage zu lachen, in der Sie sich befanden.«

»– Sie geben zu, daß ich recht unglücklich bin.«

»– Durch Ihre Schuld! wenn man mit einer Dame unter vier Augen frühstückt, so stopft man sich nicht mit gedörrten Pflaumen voll, besonders wenn man, wie sie mir sagten, schon vorher reichlich gegessen hat.«

»– Ich that es, um Muth, um Kraft zu bekommen! ...«

»– Es ist etwas Schönes, was Sie bekommen haben!«

»– Nun! bei einer andern Zusammenkunft mit Madame Celival soll mir so etwas nicht mehr geschehen; da werde ich glücklicher sein!«

»– O! bilden Sie sich nicht ein, ein zweites Rendezvous von der schönen Wittwe zu erhalten! Sie haben es mit ihr wie mit der kleinen Gräfin gründlich verdorben ... Das ist wieder eine Eroberung, auf die Sie von nun an verzichten müssen.«

»– Sie glauben? ... welche Ungerechtigkeit! ... wie, eine Frau sollte aufhören, Jemand zu lieben, weil ihn ein plötzliches Uebelsein befiel?«

»– Nicht deßhalb, sondern weil Sie sich ungeschickt benommen haben.«

»– Was hätten Sie an meiner Stelle gethan?«

»– Ich hätte frei herausgesagt, mein Frühstück bekomme mir schlecht und mache mich ganz krank; dann hätte man Ihre Entfernung entschuldigt und begriffen.«

»– Ach! ich wäre lieber vor Scham gestorben, als so etwas zu sagen!«

»Das ist sehr unvernünftig, mein Freund; bedenken Sie, daß eine Frau Alles verzeiht, außer der Verachtung oder Gleichgültigkeit gegen ihre Reize.«

Cherubin blieb den ganzen Tag traurig; es schien ihm ein gewisses Mißgeschick über seinen Liebschaften zu walten und er fürchtete, es möchte ihn immerfort verfolgen. Aber am nämlichen Abend kam Darena noch in sein Hotel, um ihm das Ergebniß seiner Schritte bei der schönen Polin mitzutheilen.

»Triumph!« schrie Darena, auf die Schulter des jungen Marquis klopfend, »es geht gut, mein Freund! ... Ihre Angelegenheiten schreiten tüchtig vorwärts.«

»Haben Sie ein Rendezvous für mich ausgewirkt?« fragte Cherubin, beinahe mit erschrockener Miene.

»– Noch nicht! das geht, beim Teufel, nicht so schnell, als Sie glauben; diese junge polnische Gräfin wird streng gehütet, sie ist von Kammerfrauen und Cerberussen umringt.«

»– Ist es eine polnische Gräfin?«

»– Ja, die Gräfin Globeska, Gattin des Grafen Globeski ... eines sehr angesehenen Mannes! ... der sein Vaterland wegen Hochverrats fliehen mußte ... und eifersüchtig ist, wie ein Drache! das ist ein Kerl, der von nichts spricht, als seine Frau zu erdolchen, wenn sie nur eines ihrer Haare einem Manne gäbe!« »– Entsetzlich!«

»– Das schadet durchaus nichts! die Frauen fürchten sich nicht im geringsten vor dem Erstechen, im Gegentheile, sie bieten dieser Gefahr sogar Trotz. Ich ließ Ihren Brief in die Hände der schönen Globeska gelangen ... das war eine schwierige Aufgabe; da mußte ich das Gold mit vollen Händen ausstreuen ... ich habe aber auch ausgestreut und sogar noch entlehnt, weil ich nicht genug hatte ... ich weiß, daß Sie mir's zurückerstatten werden, und dachte zum Voraus, daß Sie meine Freigebigkeiten im Interesse Ihrer Liebe nicht tadeln würden.«

»– O! ganz im Gegentheil, mein lieber Darena, ich danke Ihnen dafür; hat mir aber diese schöne Polin nicht auch ein Wörtchen der Erwiderung geschrieben?«

»– Nein, sie hat Ihnen nicht geschrieben ... vielleicht schreibt sie schlecht französisch ... das ist bei einer Ausländerin zu entschuldigen, aber die Frauen sind sehr eigenliebig, sie fürchten, man verhöhne sie, wenn sie einen Schreibfehler machen, kurz, die reizende Globeska hat mündlich geantwortet, und was sie sagte, wiegt alle Liebesbriefe auf.«

»– Was sagte sie denn?«

»– Sie sagte zu ihrer Zofe, die ich verführt ... das heißt, durch die Macht des Goldes bestochen habe: »›Thue diesem jungen Franzosen, der mir schreibt, zu wissen, daß ich seine Leidenschaft theile ... seit ich ihn gesehen, träume ich ... selbst wenn ich nicht schlafe ... nur von ihm.‹«

»– Das hat sie gesagt! ach! welches Glück ...«

»– Lassen Sie mich doch vollenden: »›ich bin an einen Tyrannen gebunden, den ich verabscheue ... dieser Franzose soll Mittel zu meiner Entführung schaffen, dann bin ich bereit, ihm zu folgen ... und stürze mich in seine Arme.‹« – Nun! was sagen Sie dazu? glücklicher Lovelace ... der haben Sie einmal schön den Kopf verdreht! ...«

»Ja, mein Freund, ich bin sehr glücklich ... denn ich fühle, daß mir diese junge Frau besser gefällt, als alle andern ... in ihrer Nähe wird es mir wohler sein, als bei all' diesen Damen der großen Welt ... die mich immer einschüchtern.«

»– Es wird Ihnen ganz wohl bei ihr sein, ich stehe dafür! ... die Polinnen sind sehr ungezwungen?«

»– Aber sie sagt mir, ich solle sie entführen ... darf das sein? ist es erlaubt, eine Frau zu entführen?«

»– O, wie kindisch sind Sie! vor allen Dingen fragt man dazu nicht um Erlaubniß ... und Sie sehen ja, daß sie es selbst will; seien Sie getrost! ich nehme die Entführung auf mich, das soll meine Sache sein.«

»– Mein lieber Darena, wie viele Verbindlichkeiten bin ich Ihnen schuldig.«

»– Nur muß ich wissen, wohin ich Ihre Schöne führen soll ... Sie werden selbst einsehen, daß es weder schicklich noch klug wäre, sie vor den Augen Ihrer Leute ... in dieses Hôtel zu bringen ...«

»– O! gewiß ... aber wo sie sonst hinführen?«

»– Nichts leichter ... man darf nur ein kleines Haus ... in der Umgegend ... im Weichbilde von Paris ... an einem abgelegenen, stillen Orte miethen ... wollen Sie mir das gleichfalls übertragen?«

»– O! ja, ich bitte Sie darum. –«

»– Es ist abgemacht ... ich werde eines miethen ... und wenn es nicht möblirt ist, Möbeln hinschaffen lassen ... geben Sie mir Geld ... dazu braucht man nicht wenig ...«

Cherubin eilte an seinen Schreibtisch, langte Bankbillete heraus und überreichte sie Darena mit den Worten:

»– Nehmen Sie! hier sind zweitausend ... dreitausend Franken ... ist's genug?«

»– Ja ... Ach, geben Sie mir lieber gleich viertausend ... damit ich nicht zu kurz komme. Jetzt lassen Sie mich machen. Vor allen Dingen werde ich mich nach einer passenden Wohnung umsehen und sie zum Empfang Ihrer Infantin herrichten lassen; dann werde ich einen günstigen Augenblick erspähen; sobald derselbe gekommen ist ... die Dame entführen ... und Sie abholen; Sie haben dann nur noch die Früchte Ihres Sieges zu pflücken ... das ist gewiß angenehm.«

»– Herrlich.«

»– Aber vor Allem nur kein Wort von dieser Sache zu Monfréville, oder ich ziehe mich zurück.«

»– Sei'n Sie ruhig! es ist abgemacht.«

»– Wenn Ihre Schöne aus den Händen ihres Tyrannen befreit ist, so werde ich in Ihr kleines Asyl eine feine Mahlzeit bringen lassen ... eine Dame muß doch nach ihrer Ankunft Etwas zu sich nehmen können.«

»Ja, mein Freund ... bestellen Sie ein Essen ... Ach! aber nur keine gedörrten Pflaumen dabei ... ich bitte Sie dringend! keine gedörrten Pflaumen! denn ich verabscheue sie.«

Darena blickte Cherubin erstaunt an und antwortete:

»Seien Sie unbesorgt; Ihr Abscheu vor den gedörrten Pflaumen war mir nicht bekannt ... man behauptet jedoch, sie seien sehr gesund ...«

»– Wenn ich welche auf dem Tische sehe, laufe ich sogleich davon ...«

»– Nun, beruhigen Sie sich ... ich werde ausdrücklich befehlen, daß keine aufgetragen werden.«

Der Graf verließ seinen jungen Freund, nachdem er die Bankbillete eingeschoben hatte, und Cherubin dachte in seinem Sinne:

»Das ist diesmal eine Eroberung, die mir nicht entgehen und mich für alle verlorenen entschädigen wird.«

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