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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Einundzwanzigstes Kapitel

Das erste Rendezvous. Die Wohlgerüche.

Cherubin befolgte Darena's Rath; er schrieb ein sehr verliebtes, aber sehr schüchternes Billet an die junge Frau, welche er im Theater gesehen hatte; am Morgen nach dem im Cirkus zugebrachten Abend begab sich Darena frühzeitig zu seinem Freunde: er traf ihn am Schlusse seiner zärtlichen Epistel.

»Schreiben Sie der schönen Fremden?« fragte Darena, sich in einen Lehnstuhl werfend.

»– Ja, mein Freund, ich habe so eben meinen Brief beendigt ... den Sie mir zu überliefern versprochen haben.«

»– O beim Kuckuk! kann man mit Gold nicht Alles ausrichten? weichen nicht alle Hindernisse vor ihm? ... man besticht Bediente ... Mägde ... Kammerfrauen ... Thürhüter ... Ich werde verschwenderisch austheilen.«

Mit diesen Worten klopfte der Graf an all' seine Taschen, die aber keinen Klang von sich gaben.

»– Um aber Gold austheilen zu können, muß man welches haben, und ich mache eben die unangenehme Entdeckung, daß meine Taschen leer sind.«

Cherubin holte mehrere Rollen aus seinem Schreibtisch, überreichte sie Darena und sagte zu ihm:

»Hier ist, mein Freund, hier ... sparen Sie es nicht ... belohnen Sie Alle, die meiner Liebe dienen werden, reichlich.«

»– Sie brauchen mir das nicht anzuempfehlen; ich werde als Ihr Bevollmächtigter den Großartigen ... den Buckingham spielen! ... Sie sind ja reich, und wenn Ihr Reichthum nicht zur Erfüllung Ihrer Wünsche angewandt würde, so wäre es nicht der Mühe werth, ihn zu besitzen. Ist Ihr Billet recht feurig?«

»– Ich glaube, es ist sehr anständig ...«

»– Anständig! Davon handelt es sich nicht, mein lieber Freund ... Lassen Sie einmal sehen, lesen Sie mir vor, was Sie geschrieben haben, damit ich mich überzeuge, ob es gut ist.«

Cherubin nahm den Brief und las:

»Madame ich bitte recht sehr um Entschuldigung, daß ich mir die Freiheit nehme, an Sie zu schreiben, aber ...«

Das schallende Gelächter Darena's unterbrach Cherubin, der brummte:

»Warum lachen Sie? ... ist es nicht recht?«

»– Ha! ha! ha! das ist zum Entzücken naiv ... man könnte glauben, ein Neffe wolle seiner Tante zum Namensfeste gratuliren ... Nur weiter!«

Cherubin fuhr fort:

»Aber ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn ich das Vergnügen haben könnte, Ihre Bekanntschaft zu machen ... Meine Familie ist bekannt ... Ich habe Zutritt in die besten Gesellschaften und ...«

»Genug! genug!« schrie Darena aufstehend.

»–So geht's nicht, mein theurer Freund! Sie sind nicht auf dem rechten Wege!«

»– Finden Sie dieses Schreiben zu kühn?«

»– Im Gegentheil! nicht kühn genug! ... Man würde Sie verhöhnen, wenn man das läse.«

»– Bedenken Sie doch, es ist das erste Mal, daß ich einen Liebesbrief schreibe, und ich weiß nicht, wie man dergleichen abfaßt.«

»– Nehmen Sie die Feder wieder auf und schreiben Sie was ich Ihnen diktiren werde.«

»– Ganz gut, das ist mir lieber.«

Cherubin setzte sich wieder an den Schreibtisch, und Darena diktirte:

»– Mehr als angebetetes Weib! Ich brenne, ich vertrockne, ich verschmachte!! ... Ihre Augen sind die Flamme, Ihr Lächeln der Blasbalg, mein Herz der entzündete Holzstoß! Sie haben mein ganzes Wesen in Brand gesteckt ... Ein Wort der Liebe, der Hoffnung, oder ich stehe für nichts mehr, oder ich tödte mich zu Ihren Füßen, vor Ihren Augen, in Ihren Armen! ... Spott! Betrug! Verdammniß! wenn Sie nicht antworten!«

Cherubin hielt inne und sagte:

»Mein Gott, lieber Graf, das ist ja aber Alles entsetzlich!«

»– So muß es sein.«

»– Dann muß ich Ihnen frei gestehen, daß ich aus diesem Schreiben durchaus nicht klug werde.«

»– Das ist gerade das Schöne! diese unklare Sprache deutet bereits auf den beginnenden Liebesparoxismus, wenn man's verstünde, würde es keinen Eindruck machen.«

»– Warum schreibt man nicht ganz einfach, wie man spricht?«

»– Weil, wie ich Ihnen sage, drei Viertheile der Frauen, die sich durch Einfachheit und Natürlichkeit schwerlich verführen ließen, außer sich gerathen, wenn man sich stellt, als habe man aus Liebe zu ihnen den Kopf verloren. Verlassen Sie sich auf mich ... dieses Billet wird Ihnen das Herz der reizenden Polin erobern. Unterzeichnen Sie und übergeben Sie es mir!«

Cherubin gehorchte.

»Apropos!« sagte Darena, den Brief übernehmend, »sprechen Sie von diesem Abenteuer nichts mit Ihrem Herrn von Monfréville.«

»– Warum nicht?«

»– Weil vor allen Dingen eine Intrigue mit so bedeutenden Personen, wie diese Polen, aufs Geheimnißvollste betrieben werden muß! Monfréville ist sehr neugierig, sehr unverschwiegen ... er würde die schöne Frau sehen wollen und Alles verderben.« »– Aber Sie irren sich, Herr von Monfréville ist weder neugierig noch unverschwiegen ... er ist im Gegentheil ein sehr vernünftiger Mann, der mir nur gute Rathschläge gibt.«

Darena biß sich in die Lippen, als er sah, daß er sich vergebens bemühen würde, die gute Meinung, die Cherubin von Monfréville gefaßt hatte, zu zerstören; er fuhr in spöttischem Tone fort:

»Der vernünftige, der tugendhafte Monfréville!!! ... Indessen war er es nicht immer. ich erinnere mich einer Zeit, wo er der leichtsinnigste Mensch war ... und man nur von seinen Liebesabenteuern sprach ... es sind jetzt allerdings fünfzehn bis sechzehn Jahre seit jener Zeit ... Nun, ein junger Ausschweifling, ein alter Betbruder, sagt das Sprüchwort ... Ich zum wenigsten habe mich nicht geändert, wie ich heute bin, war ich stets, und will auch so bleiben ... das ist mir lieber ... Kurz, mein Freund, ich wiederhole Ihnen, wenn ich mich dazu hergebe, Ihnen in Ihrer Liebschaft mit der jungen Polin beizustehen, so geschieht es nur aus Freundschaft für Sie, aber Sie werden begreifen, daß mich die mindeste Rücksichtslosigkeit in Verlegenheit bringen würde; ich verlange Geheimhaltung, oder mische mich nicht darein.«

Cherubin schwur, gegen Jedermann von seiner neuen Eroberung zu schweigen, und Darena versprach, sobald er ihm etwas mitzutheilen hätte, wieder zu kommen.

Darena hatte kaum das Hotel seines jungen Freundes verlassen, als Jasmin vor seinem Herrn erschien. Der alte Diener machte eine wichtige, geheimnißvolle Miene und schien zugleich durch seinen Auftrag geschmeichelt zu sein; er näherte sich auf den Zehenspitzen, als ob er fürchtete, gehört zu werden, trat dicht auf seinen Herrn zu, über den er beinahe stolperte, weil er, sich gegen ihn vorbeugend, das Gleichgewicht verlor, und sprach mit zugleich wichtiger und komischer Miene zu ihm:

»Gnädiger Herr ... es ist ein Frauenzimmer da ... die uns zu sprechen wünscht ... das heißt Sie zu sprechen wünscht ... wenn Sie allein sind.«

Cherubin konnte sich nicht enthalten, über das drollige Aussehen seines alten Dieners und die pfiffige Miene die er bei seiner Meldung anzunehmen trachtete, zu lachen.

»– Wer ist das Frauenzimmer, Jasmin, kennst Du sie?«

»– Ja, gnädiger Herr, ich habe sie erkannt ... ich sah sie schon im Vorzimmer ihrer Gebieterin, zu der Sie bisweilen gehen.«

»Wie?«

»–Ganz gewiß, es ist eine Kammerjungfer ... o! sie kommt nicht von freien Stücken ... ihre Herrschaft schickt sie ... das kenne ich ... es kamen ihrer viele zu Ihrem seligen Herrn Vater vor seiner Verheirathung ... sie standen öfters in einer Reihe hintereinander in unserem kleinen Salon ... Ha! ha! ... ich trieb mit all' diesen Kätzchen meine Possen.«

»– Nun, und wer schickt diese Kammerjungfer ...?«

»– Habe ich es dem gnädigen Herrn noch nicht gesagt? ... die Frau von Baldieri.«

»– Die schöne Gräfin! ... ei, laß sie doch gleich eintreten, Jasmin!«

Cherubin war sehr neugierig, zu erfahren, was Frau von Baldieri von ihm wollen könnte. Jasmin holte die Kammerjungfer, ein großes, starkes, zwanzigjähriges Mädchen von lebhafter Gesichtsfarbe und einem recht hübschen Aeußern, die, wie es schien, nicht in Verlegenheit gerieth, wenn sie in das Zimmer eines Herrn treten mußte. Nachdem sie der alte Diener bei seinem Herrn eingeführt hatte, wollte er beim Weggehen (da er sich ohne Zweifel in die Zeiten von Cherubin's Vater versetzt glaubte) sachte die Taille der schönen Kammerjungfer umfassen, aber er glitschte mit dem Fuße aus und war, um nicht zu fallen, genöthigt, sich an Derjenigen zu halten, die er nur hatte liebkosen wollen; glücklicherweise war die Zofe fest auf den Beinen und zur Unterstützung des alten Dieners stark genug, dem sie, während er sich beschämt entfernte, ins Gesicht lachte.

Sobald Jasmin hinausgegangen war, zog die Kammerjungfer ein kleines, wohlduftendes Briefchen aus der Schürze, überreichte es dem jungen Marquis und sagte:

»Die gnädige Frau hat mich beauftragt, dieses dem Herrn Marquis mit der Bitte zu übergeben, mir sogleich die Antwort darauf zuzustellen.«

Cherubin zitterte vor Vergnügen, als er das Billet in die Hände nahm, und während sich die Zofe bescheiden zurückzog, las er mit Eifer das Schreiben der schönen Frau, welches folgende Worte enthielt:

»Sie sind nicht liebenswürdig: seit mehren Tagen vermißt man Sie; um sich mit mir auszusöhnen, müssen Sie mir heute Vormittag einen Augenblick schenken und mir Ihre Meinung über einige jüngst an mich gelichtete Verse sagen; ich erwarte Sie um ein Uhr.«

Cherubin kannte sich nicht mehr vor Freuden, er las das liebliche Bittet noch einmal durch und sagte zu der Kammerjungfer:

»– Mademoiselle, ich nehme die Einladung Ihrer Gebieterin mit dem größten Vergnügen an ... ich werde mich um ein Uhr bei ihr einfinden ... o! ich werde nicht fehlen.«

»Der gnädige Herr wollen also nicht schriftlich antworten?« fragte die Kammerjungfer.

Cherubin zögerte und ging auf den Sekretär zu; er fühlte wohl, daß es vielleicht passender wäre, diese Gelegenheit zu benützen, um der schönen Dame einige angenehme Dinge zu schreiben; aber er erinnerte sich, daß Darena ihm kaum erst gesagt hatte, er verstehe keinen Liebesbrief zu schreiben, und da er fürchtete, einige Schnitzer zu machen, so warf er die Feder bei Seite und rief aus:

»Nein! gewiß ... ich habe keine Zeit zum Schreiben ... überdies habe ich Ihrer Gebieterin viel zu viel mitzutheilen ... ich wüßte nicht, womit ich anfangen sollte ... überbringen Sie ihr nur die Versicherung, daß ich nicht auf mich warten lassen werde.«

Die Kammerjungfer lächelte, machte einen niedlichen kleinen Knix und schien der Erwartung, daß ihr der junge Mann etwas in die Tasche spazieren lassen und von ihrer Wange einen Vorschuß auf das nehmen werde, was er von ihrer Herrschaft zu erwarten habe; als sie jedoch sah, daß hiervon nichts geschah, zuckte sie unmerklich die Achseln, entfernte sich, hütete sich aber Wohl, bei der Rückkehr durch's Vorzimmer dem alten Diener zu nahe zu kommen, der wiederholt geneigt schien, sie in die Gefahr des Fallens zu bringen, und sagte beim Hinausgehen zu sich:

»Der Diener ist zu alt! aber der Herr zu jung!«

Cherubin schwamm im Entzücken: das Billet der Frau von Baldieri machte ihn die schöne Polin ganz vergessen; im neunzehnten Jahre denkt man gewöhnlich nur an das Glück der Gegenwart; eine Liebe, die sich gerade darbietet, verjagt diejenige, von der man nur träumte; man braucht nicht immer neunzehn Jahre alt zu sein, um dies zu erfahren; aber kann man wohl alle diese Gefühle, die sich so schnell nacheinander ersetzen, Liebe nennen?

Cherubin blickte auf seine Uhr, sie zeigte auf halb zwölf; um ein Uhr soll er bei Frau von Valdieri sein, er wollte sich zu diesem Zwecke besonders sorgfältig kleiden. Er läutete Jasmin und seinem andern Jockey, ließ sich, ohne zu wissen, welchen er anlegen wollte, mehrere Anzüge bringen, kämmen, frisiren, Locken brennen, stand jeden Augenblick auf, um vor einen Spiegel zu rennen, und befahl seinem alten Diener, wohlriechende Wasser auf sein Taschentuch zu gießen; Jasmin leerte mehrere Flacons darüber aus, lächelte schelmisch und brummte:

»Was habe ich gesagt! unser Liebesglück fängt an ... Nun wollen wir aber tolle Streiche machen! ... wir sind hübsch genug dazu! ...«

Wahrend des Ankleidens dachte Cherubin an die schöne Dame, mit der er sich zum ersten Male allein befinden sollte; er war unruhig, besorgt, wie er sich mit ihr unterhalten solle; dieses Stelldichein erfreute ihn sehr, aber er bedauerte, daß Monfréville nicht zugegen war, um von ihm zu erfahren, wie man sich mit einer Dame der großen Welt, die Einen zum Versevorlesen einladet, benehmen müsse.

Es war zu spät, Monfréville um Rath zu fragen, denn die Stunde des Stelldicheins rückte herbei. Cherubin hatte seine Toilette beendigt und bemerkte nicht, daß ihn Jasmin mit Wohlgerüchen durchtränkt hatte; sein Frack roch nach Rosenöl, seine Weste nach Patchouli, sein Taschentuch nach eau de Portugal und seine übrigen Kleidungsstücke zum Ueberfluß noch nach Moschus. Er betrachtete sich noch einmal, fand nichts an sich auszusetzen, stieg in sein Tilbury und hielt bald vor dem Hause der Gräfin.

Die Kammerjungfer führte ihn ein, und statt in den Salon, geleitete sie ihn diesmal durch mehrere geheime Gänge zu einem köstlichen Boudoir, wo ein so mildes, geheimnißvolles Licht herrschte, daß man kaum darin sehen konnte. Nach einigen Augenblicken gewöhnte sich jedoch das Auge an dieses Zwielicht, und Cherubin erblickte die schöne Gräfin halb auf einer Causeuse liegend, die in einer kleinen, mit Vorhängen versehenen, alkovartigen Vertiefung stand.

Cherubin verneigte sich tief, indem er sprach:

»Vergebung, Madame ... ich hatte Sie nicht gleich wahrgenommen, es ist so dunkel hier.«

»Finden Sie?« entgegnete die schöne Emma, sich zierend. »Ich liebe das volle Tageslicht nicht, es greift mir die Augen an. Es ist recht liebenswürdig, Herr Cherubin, daß Sie einwilligten, mir einige Augenblicke zu opfern ... Sie, der Sie überall so gesucht sind.«

»– Madame, es ist ein großes Vergnügen für mich, und ich, ich ... zwar stehe ich Ihnen nicht dafür, daß ich Verse gut lese ... Ich habe keine Uebung darin.«

Die Gräfin lächelte und winkte ihm, sich neben sie zu setzen. Cherubin fühlte sich außerordentlich ängstlich, als er in diesen köstlichen kleinen Schlupfwinkel eindrang und sich auf der keineswegs breiten Causeuse niederließ, wodurch er genöthigt war, ganz dicht an die darauf Sitzende zu rücken.

Ein Augenblick des Schweigens herrschte dann; die Gräfin, welche sich durch Cherubins Aengstlichkeit und Verwirrung geschmeichelt fühlte, entschloß sich gegen ihre Gewohnheit, die Unterhaltung zuerst wieder anzuknüpfen.

»– Wie finden Sie mein Boudoir?«

»– Sehr hübsch, Madame, aber um Verse zu lesen ... scheint es mir etwas dunkel hier.«

Die liebliche Dame machte eine kleine Bewegung mit dem Kopfe und versetzte:

»Gefällt Ihnen das Boudoir der Madame Celival besser als dieses?«

»– Das Boudoir der Madame Celival? ich war nie dort, Madame; es ist mir unbekannt.«

»– O! Sie lügen!«

»– Ich versichere Sie, Madame ...«

»– Sie lügen! indessen tadle ich Sie nicht darum; Verschwiegenheit ist die erste Bedingung, welche man in der Liebe fordern muß ...«

»– Verschwiegenheit ...«

»– O! Sie thun zum Entzücken naiv ... ich lasse mich jedoch von dieser ehrlichen Miene nicht täuschen ... Aber mein Gott! ... es herrscht hier ein Parfüm oder vielmehr eine Mischung von Wohlgerüchen ... Haben Sie Rosenöl an sich?«

»– Rosenöl? ... ich weiß nicht ... es ist möglich ... Ist es Ihnen unangenehm? ...«

»– Ich habe so reizbare Nerven ... doch das wird vorübergehen.«

Die schöne Gräfin lehnte sich einen Augenblick zurück, hielt ihr Taschentuch vor das Angesicht und stieß einen tiefen Seufzer aus.

Cherubin blickte sie an und wagte nicht, sich zu rühren. Wiederum trat ein längeres Schweigen ein; der Jüngling wollte eine Masse Dinge sagen, wußte aber nicht, wie er sich ausdrücken sollte, und flüsterte endlich:

»Ihr Herr Gemahl befindet sich wohl, Madame?«

Die schöne junge Frau brach in ein lautes, dem Anschein nach etwas erzwungenes Lachen aus, während sie entgegnete:

»Ja, mein Herr, ja; mein Gemahl singt ... wenn er nur musiciren kann, das ist sein Höchstes. Mein Gott! ... es riecht auch nach Patchouli ... nach Moschus ... Ach! das verursacht mir Schwindel!«

Und, war es nun die Wirkung des Schwindels oder irgend eine andere Ursache, die junge Frau beugte sich halb über Cherubin her, so daß ihr Kopf beinahe den des jungen Mannes berührte, der sich nur noch ein klein wenig hätte nähern dürfen, um sie in seine Arme zu schließen und zu küssen. Er aber fühlte sich beim Anblick eines reizenden Mundes, so nahe bei sich, daß ihn dessen lieblicher Hauch streifte, dergestalt ergriffen, daß er außer Stand war, sich zu rühren, und endlich stotterte:

»Madame ... ich glaubte, Ihnen Verse vorlesen zu sollen ...«

Die kleine Gräfin erhob plötzlich den Kopf und stützte ihn auf die entgegengesetzte Seite der Causeuse, während sie mißlaunig erwiderte:

»Ach, Gott! mein Herr, Sie haben ein Gedächtniß! ... Nun gut! nehmen Sie das vor Ihnen liegende Album ... und lesen Sie!«

Cherubin nahm ein auf einem Lehnstuhl befindliches Album, öffnete es und sah Zeichnungen, Verse, Bildnisse, kurz Alles, was man in dem Album einer schönen jungen Frau finden kann; nachdem er einen Augenblick geblättert hatte, wandte er sich gegen die Gräfin und fragte sie mit schüchternem Tone:

»Was soll ich Ihnen vorlesen, Madame!«

»– Ei! mein Gott! ... was Sie wollen, das ist mir sehr gleichgültig! ...«

Cherubin schlug das Album von Neuem auf und las zufällig:

»Verse, schöne Gräfin, wünschen Sie
Von mir in Ihr Album zu erhalten!
Wohl ich weiß, daß Sie zur Poesie
Selbst vermöchten himmlische Gewalten,
Doch zu dichten, braucht man Phantasie
Und kein Bild will sich in mir gestalten.
Aber darum wund're ich mich nie,
Wenn Sie selbst so nahe um mich walten.«

»Ach! das ist von dem närrischen Herrn Dalbonne! ...« murmelte Madame Valdieri, sich ungeduldig auf der Causeuse herumbewegend. »Der macht lauter solche Verse ... er betet alle Weiber an! ... und Sie, Herr Cherubin? ... sind Sie auch so? ...«

»Ich? Madame!« entgegnete Cherubin verlegen, »o! ... nein ... ich ... ich ... doch ich fahre fort:

Geschichte einer Maus.«

»– O! das ist viel zu lang.«

Die schöne Emma, der es ohne Zweifel nicht darum zu thun war, die Geschichte einer Maus in ihrer Länge vorlesen zu hören, und welche sich von Cherubin verspottet glaubte, faßte einen äußersten Entschluß; sie streckte sich auf der Causeuse aus und stöhnte:

»Ach! ich kann es nicht mehr aushalten ... diese Gerüche greifen meine Nerven an ... ich fühle mich unwohl! ...«

Cherubin stieß einen Schrei des Entsetzens aus, ließ das Album auf den Boden fallen und betrachtete die reizende Blondine, welche, obgleich sich unwohl fühlend, die anmuthigste Lage angenommen hatte, die eine Kokette nur erfinden kann, und deren halb geschlossene Augen von einem Ausdrucke strahlten, der keine ernstliche Gefahr verkündete. Aber statt Alles dieses zu bewundern, stand Cherubin auf, rannte im Zimmer umher, suchte nach Riechfläschchen, indem er ausrief:

»Ach! mein Gott! ... Sie werden ohnmächtig ... und ich bin Schuld daran ... ich bin trostlos darüber ... ich will Leute herbeirufen ...«

»O nein, mein Herr, schnüren Sie mich lieber auf!« flüsterte die Gräfin mit einem Seufzer.

»– Sie aufschnüren ... aber das kann ich ja nicht ... wenn Sie indessen ... glauben ...«

Und Cherubin näherte sich jetzt der jungen Frau, um ihrem Auftrage Folge zu leisten; und diese, als sie ihn sich über sie herbeugen sah, schloß ihre Augen ganz, weil sie vermuthete, daß ihm das mehr Muth machen, und er sich besser zu betragen wissen werde; aber als Cherubin die völlig geschlossenen Augen der Gräfin bemerkte, machte er einen Satz rückwärts, eilte an eine Klingel und zog mit Heftigkeit die Schnur, während er schrie:

»Sie verliert ihre Besinnung ganz! wie ungeschickt bin ich! da die Wohlgerüche an mir das Uebelbefinden der Frau von Valdieri verursacht haben, so wird sie, so lange ich anwesend bin, sich nicht erholen können ...«

Die Kammerjungfer trat, ganz verwundert über das plötzliche Läuten, ein, Cherubin deutete auf ihre auf der Causeuse ausgestreckte Gebieterin und sagte:

»Kommen Sie, eilen Sie schnell der Frau Gräfin zu Hülfe ... ich mache mich aus dem Staube, die Wohlgerüche, die ich an mir habe, sind an ihrem Uebelbefinden Schuld, deßhalb darf ich nicht in ihrer Nähe bleiben ... sagen Sie ihr doch, wie sehr ich das Vorgefallene bedaure!«

Damit nahm Cherubin seinen Hut, entfernte sich schnell aus dem Boudoir und ließ die Kammerjungfer und die schöne junge Gräfin, deren Augen nun vollkommen offen standen, voller Staunen zurück.

Cherubin kam, Jasmin verwünschend, der einen wahren Parfümerieladen aus ihm gemacht hatte, nach Hause zurück. Er fand Monfréville, der auf ihn wartete, und erzählte ihm das eben Begegnete.

Als der junge Marquis zu sprechen aufgehört hatte, betrachtete ihn Monfréville mit einer eigentümlichen Miene und sagte:

»Mein lieber Freund, ich war stets aufrichtig gegen Sie, ich muß Ihnen also gestehen, daß Sie sich in dieser ganzen Geschichte wie ein Einfaltspinsel benommen haben!« »– Wie ein Einfaltspinsel!« schrie Cherubin.

»– Ja, so einfältig als möglich; wenn Sie eine junge schöne Frau allein in ihrem Boudoir aufnimmt, so geschieht's, um sich die Cour machen ... und nicht um sich vorlesen zu lassen ... die Verse waren nur ein Vorwand! ...«

»– Glauben Sie? ... mein Gott, der Gedanke kam mir auch ... aber ich wagte nicht mir zu erlauben ... wenn es ihr nur nicht übel geworden wäre!«

»– Ei! da wurde Ihnen ja erst der Sieg recht angeboten ... Wie? eine reizende Frau fordert Sie auf, sie aufzuschnüren, und Sie läuten ihrer Kammerjungfer ... Ach! mein armer Cherubin ... wenn dieses Abenteuer bekannt wird, wird es Ihnen in der Welt viel schaden!«

»– Mein Gott! Sie bringen mich zur Verzweiflung ... ich wußte ja nicht ... o! ich will meinen Fehler wieder gut machen, vor allen Dingen werde ich, wenn ich wieder zu der schönen Emma ins Boudoir kommen darf, höchstens einen Wohlgeruch über mich gießen lassen und dann ... sehr unternehmend sein.«

»– Ich wünsche die Wiederherstellung Ihres guten Einvernehmens mit der Gräfin, aber ich zweifle daran.«

»– Warum denn?«

»– Weil sich bei den Frauen ... bei den koketten Frauen besonders ... eine versäumte Gelegenheit nie wieder hereinbringen läßt. So möchte ich darauf wetten, daß Frau von Valdieri nie mehr mit Ihnen sprechen und Ihnen nie wieder ein Rendezvous geben wird.«

»– Glauben Sie? wenn ich aber eines von ihr verlange?«

»– So wird Sie es verweigern.«

»– O! das kann ich nicht glauben! wie? weil ich fürchtete, ihr durch meine Gegenwart beschwerlich zu fallen!«

»– Armer Cherubin! welches Kind sind Sie noch ... aber, halten Sie, lassen Sie uns diesen Abend zu Madame Celival gehen, die kleine Gräfin kommt dort gewöhnlich hin, wenn wir sie antreffen, werden Sie gleich sehen, ob ich Recht habe.«

Cherubin nahm den Vorschlag an; ungeduldig erwartete er den Abend, denn er brannte vor Begierde, Frau von Valdieri zu begegnen; er war der Ueberzeugung, Monfréville täusche sich, und konnte nicht glauben, daß man ihn schlecht aufnehmen werde, weil er sich von dieser Dame, die seine Wohlgerüche belästigten, entfernt hatte.

Die Stunde zur Gesellschaft schlug; Monfréville holte seinen jungen Freund ab, und beide begaben sich zu Madame Celival. Die Salons hatten sich schon gefüllt, aber die schöne Gräfin war nicht zugegen, und Cherubin, der sie suchte und, so oft die Thüre aufging, eintreten zu sehen hoffte, hatte eine unruhige, zerstreute Miene, welche Madame Celival nicht entging; die lebhafte Wittwe machte ihm deßhalb Vorwürfe und suchte ihn an sich zu fesseln, als endlich Frau von Valdieri mit ihrem Gemahl erschien.

Nie war die kleine Gräfin geschmackvoller, anmuthiger, koketter gekleidet gewesen; niemals hatte sie einen ihre Reize mehr hervorhebenden Anzug getragen; man konnte meinen, sie habe, um sich für das ihr im Laufe des Tages Begegnete zu rächen, geschworen, diesen Abend noch mehr Eroberungen als gewöhnlich zu machen.

Alle Männer umgaben schmeichelnd die reizende, eben eingetretene Frau; Cherubin sprach kein Wort, aber er konnte nicht aufhören, Emma zu betrachten, und dachte bei sich selbst:

»Und diesen Morgen ... saß ich neben ihr ... wir waren allein in ihrem Boudoir ... sie legte beinahe ihr Haupt auf meine Schulter ... und ... ach! ich glaube, Monfréville hat Recht ... ich war sehr einfältig.«

Cherubin wartete, bis die Gräfin die Huldigungen, welche Jeder einer schönen Frau darzubringen sich beeifert, empfangen hatte; als Frau von Valdieri nicht mehr von Andern umringt war, benützte er einen Augenblick, sich ihr zu nähern, und sagte in einem fast vertraulichen Tone zu ihr:

»Nun, Madame, befinden Sie sich diesen Abend besser? ... hatte Ihr Unwohlsein keine Folgen?«

Die kleine Gräfin warf einen verächtlichen Blick auf Cherubin und entgegnete ihm spöttisch:

»Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen, mein Herr!«

»– Sie wissen nicht, was ich sagen will? diesen Morgen wurde es Ihnen doch ...«

Die Gräfin stand, dem Anscheine nach ohne Cherubins Worte zu beachten, auf, und setzte sich neben eine Dame, mit der sie, nach dem häufigen Gelächter, welches dabei zu vernehmen war, eine sehr heitere Unterredung begann.

Der Jüngling blieb, wie versteinert, stehen; dann setzte er sich in eine Ecke und sprach vor sich hin:

»Welcher Ton ... welcher Blick! ... man könnte glauben, sie kenne mich nicht mehr.«

Monfréville, der an einem Spieltische Platz genommen hatte, konnte nicht zum Troste seines Freundes herbeikommen; und Cherubin saß ziemlich lange unbemerkt auf der Seite, als sich eine Hand sanft auf seine Schulter legte, und eine eindringende Stimme ihm beinahe ins Ohr sagte:

»Was treiben Sie da? ... schmollen Sie? ... Es scheint mir, Frau von Valdieri behandle Sie heute Abend nicht gut?«

»– Sie sind's, Madame?«

»– Habe ich nicht recht gerathen? ... Sie haben sich mit der kleinen Gräfin gezankt?«

»– Ich! ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie sich irren ... ich stehe nicht so vertraut mit dieser Dame, um ...«

»– Sie sind verschwiegen; ... das ist lobenswerth ... und wird Ihnen bei den Damen nützen.«

»Nun!« dachte Cherubin, »über diesen Punkt sind, wie es scheint, alle Frauen einig; Madame Celival sagt mir ungefähr dieselben Dinge, wie die Gräfin.«

Die schöne Wittwe ließ sich einen Augenblick neben Cherubin nieder, indem sie ihm ganz leise ins Ohr flüsterte:

»Sie müssen einen recht schlimmen Streich begangen haben, daß man Sie so behandelt ... Sie nicht mehr ansieht?«

»– Ich, Madame? ich schwöre Ihnen, ich habe gar nichts begangen!«

»– Und das sagt er mir mit einer so aufrichtigen Miene, man könnte ihn für einen kleinen Heiligen halten!«

»– Man hat mich zum Beispiel gefragt, ob Ihr Boudoir hübscher wäre, als ... das ihrige? ... Ich habe gesagt, ich wisse es nicht; dann hat man mir auch vorgeworfen, ich lüge ... und Sie sehen doch wohl, daß ich die Wahrheit sprach.«

»– Ei! man hat Sie gefragt, ob mein Boudoir schöner sei!« versetzte Frau von Celival mit etwas beleidigter Miene. »Sie geben folglich zu, daß Sie in das ihrige kommen ... Ach! diese kleine Gräfin! ... wahrhaftig, ich finde sie sehr neugierig, zu fragen, ob Sie das meinige gesehen haben! ... und Sie haben mit Nein geantwortet?«

»– Es scheint mir, Madame, daß ich nicht ja sagen konnte; das wäre eine Lüge gewesen.«

»Ah! er ist erstaunlich mit seinen Scrupeln ... als ob in der Welt nie gelogen würde ... aber Sie wissen doch, daß man zuweilen dazu gezwungen wird, daß es oft unvermeidlich ist? ... Uebrigens sollen Sie auch mein Boudoir kennen lernen, damit Sie dieser Dame, wenn Sie wieder von ihr befragt werden, darauf dienen können ... finden Sie sich morgen zum Frühstück bei mir ein ...«

»– Ah! Madame! welche Güte ...«

»– Wollen Sie kommen? wird man es Ihnen gestatten?«

»– Ob man mir es gestattet? bin ich denn nicht mein eigener Herr?«

»– Vielleicht ... also morgen um zwölf Uhr erwarte ich Sie ... wir werden in meinem Boudoir frühstücken, damit Sie hinlänglich Zeit haben, mit ihm bekannt zu werden ... und der Frau Gräfin sagen können, was Sie davon halten.«

»O! ich wette zum Voraus, daß es hübscher und nicht so dunkel, wie das ihrige ist!«

Madame Celival lächelte, legte sanft ihre Hand auf die Cherubins und entfernte sich, ihm leise zuflüsternd:

»– Auf morgen!«

Cherubin, entzückt über das neue Rendezvous, vergaß bald Frau von Valdieri's Verachtung; er wurde wieder munter, faßte frischen Muth und suchte Monfréville beim Spiele auf, dem er ins Ohr flüsterte:

»Mein Freund, ich habe ein anderes.«

»– Was für ein anderes?«

»– Ein anderes Rendezvous in einem Boudoir auf morgen.«

»– Mit derselben Person?«

»– Nein, mit Madame Celival.«

»– Wie glücklich Sie sind! sorgen Sie aber, daß Sie sich besser herausziehen, als aus dem ersten.«

»– O! seien Sie ruhig! dieses Mal werde ich mich nicht mit Wohlgerüchen besprengen! ... Spielen Sie noch lange?«

»– Ja ... wir haben so eben diese Whist-Partie angefangen ... ich werde wenigstens zwei Robber machen.«

»– Goddam! so verlasse ich Sie! ich gehe schlafen.«

»– Sie können doch unmöglich schon müde sein?«

»– Frau von Valdieri sieht mich immer so spöttisch an, ich will lieber nach Hause gehen.«

Cherubin verschwand aus den Salons und kehrte ganz mit dem Gedanken an Madame Celival und das ihm von ihr auf morgen gegebene Rendezvous beschäftigt, in sein Hôtel zurück.

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