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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Zwanzigstes Kapitel

Louise in Paris.

Obgleich in den Strudel der großen Welt geworfen, obgleich Gegenstand der Koketterie mancher Frauen, um deren Eroberung man ihn beneidete, und ungeachtet der Liebesblicke der Grisetten und der ihm angebotenen Rendezvous der Loretten hatte Cherubin doch das Dorf und jene kleine Louise, die Gespielin seiner Kindheit, nicht ganz vergessen.

Oft sprach er davon, nach Gagny zu gehen, um seine gute Nicolle wieder zu sehen und zu umarmen; oft beauftragte er Herrn Gerundium, sie zu besuchen, um ihm Nachricht von ihr zu bringen, indem er diesen Aufträgen kleine Geschenke für die Dorfbewohner beifügte und ihm besonders empfahl, sich nach Louisens Schicksal zu erkundigen. Der Hofmeister besorgte jedoch diese Aufträge nur zur Hälfte: er ging nach Gagny, überbrachte die Geschenke und betrachtete mit gierigen Blicken die junge, jeden Tag sich verschönernde Louise, dann kam er zurück und meldete seinem Zögling, daß seine ehemalige Gespielin immer noch in der Bretagne sei, wo es ihr so sehr gefalle, daß sie gar keine Lust mehr habe, zu Nicollen zurückzukehren.

Indessen hatte Cherubin noch am Vorabend des Tages, wo er mit Darena im Cirkus gewesen war, davon gesprochen, nach Gagny zu gehen, und Herrn Gerundium bestimmt erklärt, die Woche dürfe nicht ablaufen, ohne daß er seine Amme gesehen und umarmt habe.

Darüber war der Hofmeister sehr unruhig geworden und hatte bei sich gedacht:

»Wenn der Herr Marquis nach Gagny geht, so trifft er die kleine Louise und merkt sofort, daß ich ihn belogen habe. Er ist im Stande, mich aus seinen Diensten zu jagen, denn trotz seiner gewöhnlichen Sanftmuth hat er zuweilen Augenblicke, wo er außerordentlich heftig ist. Es käme mir nicht gelegen, eine Stelle zu verlieren, wo ich fünfzehnhundert Franken, freie Wohnung in einem schönen Hotel, Kost (und zwar was für eine) und Pflege habe, und nichts dafür zu thun brauche, als zu schlafen, zu essen und der Maschine Turlurette Verse vorzulesen; außerdem ist anzunehmen, daß, wenn mein Zögling diese junge Louise wieder sieht, auch seine Neigung für sie wieder rege werden wird ... und das wäre ebenfalls meinen Plänen entgegen; denn diese Kleine hat in meinem Innern eine wahre Gluth angefacht ... Meine Absichten sind rechtschaffen, ich will sie zur Frau nehmen, sie der Ehre meines Namens theilhaftig machen ... Aber zum Heirathen muß man einiges Vermögen haben ... Wenn ich noch zwei Jahre beim Marquis bleibe, so kann ich mir etwas zusammensparen, denn ich kann beinahe mein ganzes Einkommen auf die Seite legen; es handelt sich jetzt nur darum, die kleine Louise in Sicherheit zu bringen, damit sie mir nicht weggeschnappt wird.«

Herr Gerundium sann den ganzen Tag hierüber nach, und Abends versank er deßhalb in tiefe Gedanken an der Seite der guten Turlurette, die ihn in Weingeist eingemachte Früchte (womit sie vorzüglich umgehen konnte) versuchen ließ; während er sich eben an der dritten Zwetsche labte, trat Jasmin, der alle Tage schwerfälliger wurde, aber nichts desto weniger sehr übel darüber gelaunt war, daß sein Herr einen jungen Jockey angenommen hatte, ins Zimmer der Haushälterin und fragte:

»Kennen Sie zufällig eine Kammerjungfer, die im Augenblick keine Stelle hat?«

»Warum, Herr Jasmin?« fragte Turlurette wieder.

»– Ach, letzthin wartete ich auf meinen Herrn, der in einer Gesellschaft war ... Er verbietet mir's zwar immer ... aber diesmal war sein kleiner Jockey krank ... ich benützte die Gelegenheit und holte ihn Abends mit seinem Cabriolet ab ... ich habe sogar zwei Buden über den Haufen gefahren ... aber es gibt Leute, die einem nicht aus dem Wege gehen.«

»– Nun, Herr Jasmin?«

»– Nun, während ich mich mit den im Vorzimmer anwesenden Dienern unterhielt ... was lange währte ... denn man verläßt gegenwärtig die Gesellschaften erst so spät ... kurz, da war einer darunter, der sagte:

»– Wir suchen eine Kammerjungfer für unser Fräulein ... ihre Frau Mutter ist gegenwärtig auf einige Zeit aufs Land gegangen. Der gnädige Herr wollte seine Tochter bei sich behalten ... und die frühere Kammerjungfer mußte man fortschicken ... weil man entdeckt hatte, daß sie sich zuviel mit einem Wichser abgab ... und da der gnädige Herr sehr streng ist ... so war man bald mit ihr fertig, deßhalb suchen wir eine andere Kammerjungfer.«

»– Hierauf schlug ich ihm eine Person vor, die ich kenne, und die sehr viel versteht; als ich aber sagte, daß sie sechzig Jahre alt sei, erwiderte man, dann sei es nicht mehr der Mühe werth, sie zu schicken. Die Leute sind sonderbar heutzutage, sie wollen nichts als Kinder zur Bedienung.«

»Ich kenne Niemand, der eine Stelle sucht,« entgegnete Mamsell Turlurette.

Herr Gerundium, welchem keine Silbe von dem, was Jasmin erzählt, entgangen war, nahm sodann das Wort mit einer scheinbar ziemlich gleichgültigen Miene.

»Und wer sind die Leute, die eine Kammerjungfer brauchen? ... Da ich viele Bekanntschaften in Paris habe, so könnte ich vielleicht Jemand einen Gefallen erweisen, wenn ich ihm diesen Platz verschaffte; aber ehe ich mich in die Sache mische, muß ich vor allen Dingen, das werden Sie wohl begreifen, überzeugt sein, daß es bei empfehlungswerthen Leuten ist.«

»– O! was das anbetrifft, Herr Gerundium, dürfen Sie beruhigt sein!« entgegnete Jasmin. »Es ist in einem der achtbarsten Häuser ... bei Herrn von Noirmont, einem ehemaligen Gerichtsbeamten ... einem Manne, der nie lacht ... und keinem Hühnchen etwas zu Leide thun würde ... Er war ein Freund des seligen Herrn Marquis von Grandvilain, des Vaters von unserem gegenwärtigen Herrn ...«

»– Und woraus besteht die Familie?«

»– Aus Herrn von Noirmont, seiner Gemahlin und ihrer fünfzehnjährigen Tochter, einer Köchin, einem Bedienten für den Herrn und einer Kammerjungfer, die eben gesucht wird.«

»– Ist der Bediente jung?«

»– Ja ... derselbe, mit dem ich gesprochen habe ... Er ist erst sechsundfünfzig Jahre alt, sieht aber sehr gesetzt aus.«

Herr Gerundium lächelte und fuhr fort:

»Ist es ein Haus, wo man viele Gesellschaften empfängt ... Bälle gibt ... sind es Leute, die ihr Leben in varietate voluptas hinbringen?«

»– Nein, nie Bälle ... noch wohlufdas, wie Sie sagen. Die Dame liebt die Gesellschaft nicht, und Herr von Noirmont bringt sein Leben in seiner Bibliothek zu. Auch will unser junger Marquis nicht hingehen, obgleich er eine Einladung erhalten hat ...«

»– So! er hat von dort eine Einladung erhalten?«

»– Ja, aber ich hörte ihn Morgens beim Ankleiden sagen: Ich habe keine Lust in dieses Haus zu gehen; man muß sich entsetzlich darin langweilen.«

»– Sind Sie überzeugt, daß Herr Cherubin das gesagt hat?«

»– Ja, und Herr von Monfréville hat ihm sogar geantwortet:«

»Sie thun wohl daran; es ist ein Haus, worin sich nichts Angenehmes für Ihr Alter findet.«

Herr Gerundium rieb sich die Hände und fragte nichts weiter. Tags darauf begab er sich, nachdem er sich Herrn von Noirmonts Adresse verschafft hatte, in dessen Haus, verlangte den Bedienten zu sprechen, und gab vor, vom alten Jasmin geschickt zu sein, der eine Kammerjungfer für Fräulein von Noirmont wisse.

Jasmin war der Nestor der Dienerschaften; seine Empfehlung galt Alles, und die eines so ernsten Mannes, wie Herr Gerundium zu sein schien, konnte die gute Meinung, welche man von ihrer Schutzempfohlenen hegte, nur vermehren.

Der junge, sechsundfünfzigjährige Bediente (wie Jasmin gesagt hatte) erwiederte dem Hofmeister, da die gnädige Frau verreist sei, und der gnädige Herr sich nie um häusliche Angelegenheiten bekümmere, so hänge die Wahl einer andern Kammerjungfer nur von ihm ab; er nehme die Person, welche der ehrenwerthe Herr Jasmin ihm zuzuweisen die Güte habe, mit vollstem Vertrauen an, und wünsche nur, daß sie so bald als möglich kommen möchte.

Des Gelingens von dieser Seite sicher, bedankte sich Herr Gerundium, versprach, das junge Mädchen bald zu bringen und begab sich unverzüglich nach Gagny zu Frau Nicollen.

Die Anwesenheit des Schullehrers verbreitete immer Heiterkeit in der Landleute Wohnung; denn er brachte Neuigkeiten aus Paris, und man konnte mit ihm unausgesetzt von Cherubin sprechen.

Nachdem er Louisens und Nicolle's Fragen, die sich vor allen Dingen nach der Gesundheit des Gegenstandes ihrer Liebe erkundigten, beantwortet hatte, wandte sich Herr Gerundium an das junge Mädchen und sagte zu ihr:

»Ihretwegen, mein schönes Kind, bin ich heute hauptsächlich nach Gagny gekommen, denn ich beschäftige mich mit Ihrer Zukunft ... Ihrem Schicksale ... Sie sind siebzehn Jahre alt ... groß, und sowohl leiblich als geistig ausgebildet: darunter verstehe ich, daß Sie einen frühreifen Verstand haben; dann haben Sie auch durch Ihre Theilnahme an den Stunden, die ich meinem Zögling gab, viel gewonnen; Sie lesen und schreiben ganz passabel, und sprechen sogar ziemlich correkt ... überdies sind Sie geschickt mit der Nadel, und scheinen mir zu allen Verrichtungen Ihres Geschlechtes tüchtig; nicht wahr, Mutter Nicolle?«

»Ja, das ist wahr,« antwortete die gute Frau mit staunendem Blicke. »Was wollen Sie denn mit unserer Louise anfangen, wollen Sie auch eine Herzogin aus ihr machen ...«

»– Nein, nicht ganz, aber ich wiederhole es Euch, ich will für ihre Zukunft sorgen ... wenn Louise in diesem Dorfs bliebe, was wäre ihr Schicksal? Sie hat keine Eltern, kein Vermögen, sie müßte es als ein Glück betrachten, wenn sie irgend ein roher Bauer heirathen wollte.«

»O! nie! nie! ...« rief Louise aus, »ich will mich niemals verheirathen.«

»Aber, mein Gott, liebes Kind,« versetzte Nicolle, »Du weißt ja, daß wir Dich nicht zwingen, und Dich nie aus unserem Hause stoßen werden ...«

»Das ist Alles ganz gut,« fuhr Gerundium fort; »aber wenn Louise eine gute Stelle in Paris in einem angesehenen Hause fände, wo sie sich etwas ersparen ... und später eine gute Heirath treffen könnte ... so wäre dies, wie mir scheint, nicht zu verachten.«

»– In Paris!« rief Louise mit einem Freudenschrei aus. »O! ja, ja! ich will nach Paris! welches Glück! ... wie zufrieden würde ich sein ... nicht wahr, liebe Mutter, Du erlaubst es?«

»Wie, mein Kind? Du willst mich ebenfalls verlassen?« sagte Nicolle traurig; aber Louise küßte sie mehrmals und rief aus:

»Aber bedenke doch, daß er dort ist ... wenn ich dieselbe Stadt mit ihm bewohne, denke ich, daß ich ihn bisweilen sehen ... ihm begegnen werde ... und dieser Gedanke allein erweckt in mir den Wunsch, nach Paris zu gehen ... Nicht wahr, Herr Gerundium, man begegnet ... man sieht sich, wenn man an einem und demselben Orte mit einander wohnt ... und ich könnte ihn sehen, wenn ich in Paris wäre?«

»Wen ... könnten Sie sehen?«

»– Ach! Cherubin ... den Herrn Marquis ... von wem sonst soll ich denn sprechen, als von ihm?«

Der Hofmeister begriff, daß nur die Hoffnung, Cherubin zu sehen, das junge Mädchen bewog, seinen Vorschlag mit Freuden aufzunehmen, er hütete sich wohl, sie zu enttäuschen, und antwortete:

»Ganz gewiß hat man, wenn man in einer Stadt mit einander wohnt, mehr Aussicht, einander zu sehen, als wenn Eines im Süden und das Andere im Norden weilt; ... oder wenn Sie lieber wollen, Eines per fas und das Andere nefas ist. Wohlan, jugendliche und interessante Louise, was ich für Sie suchte, habe ich gefunden; in einem der ersten Häuser ist Ihnen eine Stelle als Kammerjungfer angeboten ... und wenn ich sage: Kammerjungfer, so heißt das so viel als Gesellschafterin! und wenn ich sage Gesellschafterin, so heißt das so viel als Gespielin und Freundin eines jungen, fünfzehnjährigen Fräuleins, das ebenso liebenswürdig als gutartig sein soll ... der ganze Unterschied zwischen euch besteht darin, daß Sie ihr beim Ankleiden behülflich sein müssen ... sie aber Ihnen nicht ... aber unter Freundinnen kommt das alle Tage vor; die eine besorgt Alles und die andere geht spazieren. Außerdem bekommen Sie schöne Kleider ... die spazierengehende Freundin gibt der sie ankleidenden Freundin gewöhnlich alle Kleider und Tücher, die sie nicht mehr will; überdies verdienen Sie Geld, was nie ein Schaden ist, denn mit Geld erlangt man Gold, und Gold ist das reinste Metall ... wenn kein Zusatz mehr dabei ist. Nun antworten Sie, was halten Sie von meinem Vorschlag?«

»– O! ich nehme ihn mit Freuden an ... wenn meine zweite Mutter einwilligt! ...«

»– Meiner Treu! liebes Kind,« sagte Nicolle, »wenn Du so gerne nach Paris gehst, will ich mich nicht widersetzen; abgesehen davon, denke ich, Herr Gerundium, welcher Schulmeister im Dorfe war, werde Dir nichts vorschlagen, was nicht zu Deinem Wohle gereicht ...«

»– Ihr seid so vernünftig wie Aesopus, Frau Nicolle, obgleich Ihr nicht bucklig seid! ich will dieser puella formosa nur eine glückliche Zukunft bereiten ... und die Folge wird es Euch beweisen.«

»Und Herr Cherubin?« fragte Louise, die nicht mehr bloß Cherubin zu sagen wagte, wenn sie von ihrem Geliebten sprach ... »weiß er, was Sie mir vorschlagen? ... ist's ihm recht, wenn ich nach Paris gehe?«

Herr Gerundium kratzte einen Augenblick an der Nase und entgegnete dann mit Zuversicht:

»Ob er es weiß? Natürlich ... er wünscht sehr, daß Ihnen mein Anerbieten genehm sei.«

»– O! dann darf ich nicht zögern, nicht wahr, liebe Mutter? ich willige ein, mein Herr, ich gehe, sobald Sie nur wollen ... ich bin bereit.«

»– Dann wollen wir sogleich gehen.«

»– Was!« rief Nicolle aus, »Sie wollen es sogleich mit fortnehmen, das theure Kind?«

»– Es muß sein, Frau Frimousset, es bewerben sich gar Viele um die Stelle, die ich ihr verschaffen will, wenn wir lange zögern, so könnte sie einer Andern übertragen werden. In Paris wimmelt es nicht von guten Plätzen, ich muß sie also heute noch vorstellen, und die Sache ins Reine bringen.«

»O! ja, liebe Mutter, laß mich fort ... ich weiß wohl, daß es Dir Kummer macht, mich nicht mehr um Dich zu haben ... und ach! mir auch ... Dich zu verlassen ... aber auf der andern Seite bin ich so glücklich, mich ... Herrn Cherubin ... nähern zu dürfen ... überdies wünscht er, daß ich nach Paris komme ... man darf ihn nicht erzürnen ... Aber ich werde Dich besuchen, o! ich werde es nicht machen wie er! ich werde das Dorf ... und Diejenigen, welche Elternstelle an mir vertraten, nicht vergessen!«

Nicolle küßte zärtlich das junge Mädchen und sagte zu ihr:

»– Geh, mein Kind ... ich bin nicht Deine Mutter ... ich habe keine Gewalt über Dich ... aber auch wenn ich solche hätte, würde ich mich Deinem künftigen Glücke nicht widersetzen ... aber komm wenigstens zuweilen zu mir ... Man wird sie doch nicht daran hindern, Herr Gerundium?«

»– Nein, gewiß nicht! ... sie genießt, unter der Bedingung, dieselbe nicht zu, mißbrauchen ... einer anständigen Freiheit. Auf! schöne Louise, machen Sie Ihr Gepäck zusammen ... nehmen Sie nur das Nöthigste mit ... die Holzschuhe können Sie da lassen, Sie tragen, wo Sie hinkommen, keine ... Sputen Sie sich, ich warte auf Sie.«

Louise beeilte sich, ein Päckchen Kleider zusammen zu machen; sie war so betroffen, so betäubt von dem Geschehenen, daß es ihr vorkam wie ein Traum; ihr Herz hüpfte vor Freuden bei dem Gedanken, nach Paris zu gehen; aber nicht an die Vergnügungen der großen Stadt dachte sie, nicht nach schönen Kleidern und einem gemächlichern Leben sehnte sie sich, nein, sie hatte bei dieser Reise nur Eines vor Augen: daß sie mit Cherubin an einem und demselben Orte wohnen werde.

Während Louise ihre Zurüstungen zur Abreise traf, nahm Herr Gerundium die Amme bei Seite und sprach in ernstem, eindringlichem Tone zu ihr:

»Jetzt, tugendhafte Nicolle, muß ich Euch ein Geheimniß enthüllen ... der Grund, warum ich Louisen nach Paris führe, ist besonders der, sie den Verführungen zu entreißen, denen man sie aussetzen wollte, um ihre Tugend zum Falle zu bringen und die Blume ihrer Unschuld zu pflücken ... in zwei Worten erzähle ich Euch die Thatsache: Euer Säugling Cherubin ist in Paris ein großer Verführer geworden, nichts darf ihm widerstehen ... letzthin erinnerte er sich Louisens, der Gespielin seiner Kindheit, und er rief aus: sie muß jetzt reizend sein! ich will sie zu meiner Maitresse machen ...«

»Ach! mein Gott! ist das möglich!« rief Nicolle mit großen Augen. »Mein kleiner Cherubin ist so ausschweifend geworden!«

»– Wie ich die Ehre habe, Euch zu versichern, in Paris wird man, wenn man Vermögen hat, bald, was sie einen Löwen nennen, und Löwe wird in diesem Sinne mit Verführer übersetzt.« »– Cherubin ein Löwe! er, der sonst ein Lamm war!«

»Ich wiederhole Euch, in Paris gibt's keine Lämmer mehr. Kurz, ich war überzeugt, daß Ihr Eure Hand nicht zum Verderben Eurer Adoptivtochter reichen und billigen würdet, daß ich dieses Kind vor den Schlichen der Verführung schütze.«

»O! Sie haben sehr wohl daran gethan, Herr Professor, ich billige es vollkommen.«

»Deßhalb sagt nur, wenn Cherubin Louisen besuchen wollte, zu ihm, sie sei schon lange bei einer Eurer Verwandten in der Bretagne und gefalle sich dort sehr.«

»– Einverstanden! das werde ich ihm antworten! ... mein Gott! Cherubin ein Verführer! deßhalb hat er auch das Dorf ganz vergessen!«

Louisens Päckchen war bald gemacht; sie setzte ihren kleinen groben Strohhut auf, dessen Form zwar nicht elegant war, worunter aber ihr Gesichtchen reizend hervorblickte.

Sie warf sich in Nicolle's Arme und flüsterte ihr ins Ohr:

»Wenn ich ihn sehe, will ich ihm sagen, es sei abscheulich, daß er Dich nicht besucht.«

Nicolle bedeckte Louisen mit ihren Küssen und sprach zu ihr:

»Vergiß' auch nicht, mein Kind, daß wenn Du dort vielleicht Langeweile hättest, wenn es Dir nicht nach Wunsch ginge ... Du stets eine Heimath bei uns finden wirft und wir Dich jederzeit wieder mit Freuden im Hause aufnehmen werden.«

Herr Gerundium machte diesem Abschied ein kurzes Ende, indem er die Jungfrau beim Arme nahm; Jakob war wie gewöhnlich in der Schenke, Louise warf also noch einen letzten Blick auf ihre Adoptivmutter und entfernte sich mit Herrn Gerundium, der die Auslage für eine kleine Chaise gemacht hatte, um das junge Mädchen um so schneller nach Paris zu bringen.

»Meine schöne Freundin, ich muß Ihnen einige vorläufige Anweisungen, hinsichtlich des in Ihrer Stelle zu beobachtenden Betragens ertheilen. Vor allen Dingen antworten Sie, wenn man Sie fragt, was Sie verstehen, kecklich: Alles!«

»– Alles? dann würde ich ja lügen, mein Herr, denn ich weiß nur sehr wenig.«

»– Aber Sie werden das Uebrige bald lernen: Sie sind sehr verständig, begreifen deßhalb leicht; es ist, als ob Sie Alles schon wüßten. Thun Sie, wie ich Ihnen sage, es ist nothwendig, um Vertrauen einzustoßen; in der Welt muß man sich nie das Ansehen geben, als ob man an sich selbst zweifle. Außerdem werden Sie begreifen, daß Sie nicht von dem jungen Marquis Cherubin sprechen und sagen dürfen, Sie seien mit ihm auferzogen worden. Die Welt ist böse! Man könnte Allerlei glauben ... man darf mit seinem Rufe nicht scherzen.«

»– Wie so, mein Herr ... was könnte man glauben? ist es ein Unrecht, seinen Milchbruder zu lieben?«

»– Milch hin, Milch her! ... Sie sollen mich besser verstehen: mein edler Zögling will nun nicht mehr wissen lassen, daß er bis zum sechzehnten Jahre bei seiner Amme blieb ... das genirt ihn gewaltig ... dann werden Sie aber auch einsehen, daß ein Marquis nicht mehr der Freund einer ... Kammerjungfer sein kann. Wenn Sie von ihm sprächen, könnte er darüber erröthen.«

»Erröthen! ...« rief Louise aus, ihre Augen mit dem Taschentuche bedeckend. »Was! der Herr ... Cherubin würde vor meiner Freundschaft ... vor meiner Bekanntschaft erröthen! Oh! seien Sie ruhig, mein Herr, ich werde nicht von ihm sprechen ... niemals seinen Namen in den Mund nehmen ...«

– Das ist ganz recht; o Flavia ... nein, Sie sind nicht blond! ... Nun, weinen Sie deßhalb nicht ... denn was ich Ihnen sage, verhindert nicht, daß sich der Marquis fortwährend für Sie interessirt, und auch ich ... Ich sage für heute nicht mehr, junge Louise, aber seien Sie nur immer brav und tugendhaft ... lachen sie nicht mit den jungen Leuten, wenn sie sich zweideutige Scherze gegen Sie erlauben wollten ... kratzen Sie solchen Unverschämten lieber die Augen aus ... denn Sie müssen sich fleckenlos erhalten, wie das heilige Osterlamm, bis ... aber motus! ich will noch nicht weiter gehen!«

Louise hörte nicht mehr auf Herrn Gerundium, sie dachte an Cherubin, der jetzt über ihre Bekanntschaft nur erröthen würde, und dieser Gedanke vergällte ihr alle Freude, die sie über ihre Reise nach Paris empfunden hatte.

Indessen fuhr das Gefährt in die Stadt ein; Herr Gerundium befahl dem Kutscher, sie in die Vorstadt Saint-Honoré zu führen, und Louise rief aus:

»Ist das in der Nähe von Herrn Cherubins Wohnung?«

»– Nicht sehr fern davon, meine Liebe, da wir aber einmal in Paris sind, so gibt es überhaupt keine Entfernung mehr, denn die Wagen zu sechs Sous führen Einen in allen Stadtvierteln herum, man braucht nicht einmal seinen Weg zu wissen, was für Fremde äußerst bequem ist.«

Die Chaise hielt vor einem schönen, von Gerundium dem Kutscher bezeichneten Hause, ganz nahe bei der Concordia-Straße. Der Hofmeister ließ Louisen absteigen, ging in seiner Galanterie sogar so weit, daß er ihr Gepäck tragen wollte, und sprach dann zu ihr:

»Folgen Sie mir, es ist in diesem Hause im zweiten Stock, eine prächtige Wohnung ... es sind sehr vornehme Leute ... wie prächtig diese Treppe gewichst ist! das ist etwas Anderes als unsere baufälligen Dorfhäuser, die mit Koth gefirnißt sind!«

Mit diesen Worten glitschte der Hofmeister zwei Stufen hinab, und brach beinahe seine Nase auf der gewichsten Treppe ab, was vielleicht eine Strafe des Himmels wegen seiner Undankbarkeit gegen das Dorf war; glücklicherweise hielt er sich noch an dem Geländer und brummte:

» Ne quid nimis! ... man hat zu viel Wachs aufgetragen!«

Louise folgte Herrn Gerundium etwas zitternd und ganz verschämt bei dem Gedanken, daß sie sich jetzt fremden Personen vorstellen und allein inmitten dieser ihr so unbekannten Welt bleiben solle. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und rief die Erinnerung an Cherubin zu Hülfe.

Comtois (so hieß der Bediente des Herrn von Noirmont) empfing Herrn Gerundium, als er seinen Schützling vorstellte. Der Anblick Louisens konnte nur zu ihren Gunsten sprechen, und der Kammerdiener zeigte ein beifälliges Lächeln, als er sagte:

»O! die Mamsell scheint ganz, wie wir es wünschen ... sie hat eine sanfte Miene ... sieht nicht leichtsinnig aus ... ich bin überzeugt, daß sie unserem jungen Fräulein Ernestine gefallen wird, die mir mehrmals wiederholte: .»›Besonders, Comtois, wünsche ich eine junge Kammerjungfer, denn, wenn ich eine alte bekäme, wäre ich nicht so keck, ihr Befehle zu ertheilen, oder vor ihr zu lachen! ...‹« Sie ist gar munter, unser Fräulein! etwas lebhaft, launenhaft ... aber in ihrem Alter ist das ganz natürlich ... übrigens deßhalb gar nicht böse ... Wenn sie ein wenig aufgeregt und zornig war, so bittet sie uns nach, her um Entschuldigung ... Das ist bei den Herrschaften selten zu treffen!«

»Dieser Kammerdiener ist sehr redselig!« sagte Herr Gerundium, sich schnäuzend, zu sich.

Nachdem Comtois Louisen noch einmal mit zufriedener Miene betrachtet hatte, fuhr er fort:

»Ich will die Mamsell sogleich vorstellen ... Ei! wie heißen Sie?«

»Louise, mein Herr,« antwortete die Jungfrau schüchtern.

»– Louise, ganz gut ... das ist Ihr Taufname ... und Ihr Familienname ... zuweilen wünscht man gerne zu wissen ...«

Das junge Mädchen erröthete und schlug die Augen nieder, ohne zu antworten, aber Herr Gerundium sagte schnell entschlossen:

»Louise Frimousset ... Frimousset ist der Name ihrer Eltern.«

Louise warf einen Blick auf den Hofmeister, dieser hatte jedoch eine ernste Miene angenommen, welche auszudrücken schien, daß es unpassend wäre, ihn zu widerlegen, und er nach reiflicher Ueberlegung diese Antwort gegeben habe; das junge Mädchen schwieg, und Comtois versetzte darauf:

»Frimou ... Frimousse ... Friquet ... das ist ein komischer Name, es ist übrigens bloß deßhalb, daß man ihn auch weiß; denn hier, das begreifen Sie wohl, wird man die Mamsell stets beim Vornamen rufen. Ich werde Sie also vorstellen. Wenn die gnädige Frau da wäre, so würde ich Sie natürlich allererst zu ihr führen, sie ist aber seit vierzehn Tagen verreist; sie besucht eine kranke Tante ... sie wollte ihre Tochter mitnehmen, aber der gnädige Herr wünschte Fräulein Ernestinen bei sich zu behalten ... denn er liebt, trotz seiner ernsten Miene, seine Tochter außerordentlich ... er versagt ihr nie etwas! ... ich sah ihn selbst schon oft gegen die gnädige Frau böse werden ... weil, wie er behauptete, sie zu hart mit ihr spreche ... sie nicht gehörig liebe ... aber zur Gerechtigkeit muß ich bekennen, daß sich der gnädige Herr irrt! ... ich bin überzeugt, daß die gnädige Frau ihre Tochter sehr liebt. Das ist übrigens wahr, daß sie kaum mit ihr spricht ... ihre Liebkosungen kalt erwidert ... aber Jedermann hat Tage, wo er mehr oder weniger guter Laune ist ...«

Herr Gerundium schnäuzte sich sehr lange und dachte:

»Will denn das Geplapper nie aufhören?«

Dann sprach er zu Comtois:

»Verzeihung, ehrenwerther Diener ... wenn ich Sie unterbreche; aber ich halte es für überflüssig, der Vorstellung unserer Louise beizuwohnen, da Sie mir sagten, die Sache sei abgemacht; deßhalb verabschiede ich mich von Ihnen, indem ich Ihnen noch anempfehle, über dieses Kind so sorgsam zu wachen, als ob es Ihre eigene Nichte wäre.«

»Beruhigen Sie sich! die Mademoiselle ist in einem guten Hause ... ich bin ganz gewiß, daß sie sich nicht unglücklich darin fühlen wird.«

»So leben Sie denn wohl, Louise ... leben Sie wohl ... Ich werde öfters kommen, mich nach Ihnen zu erkundigen und Nachrichten über Sie einzuziehen, kurz, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren ... Sie werden beständig mein Zweck ... mein Ziel ... mein Polygon sein!«

Die Jungfrau reichte Herrn Gerundium, der sie küssen zu wollen schien, die Hand und sagte halblaut zu ihm:

»Nicht wahr, mein Herr, Sie sagen ihm, daß ich in Paris bin, und daß ich nicht zögerte, hierher zu kommen, weil es sein Wunsch war ... daß es mich aber recht verdrießt, ihn gar nicht zu sehen, und daß mein einziger Wunsch ...«

»Ich werde Alles sagen, was mir zu sagen meine Pflicht auflegt,« versetzte Herr Gerundium, seine Zähne zeigend, obgleich er dieses Mal keine Lust zu lächeln hatte, dann sich schnell umwendend, grüßte er Comtois und ging. Der Kammerdiener geleitete ihn bis zur Thüre, und Herr Gerundium flüsterte ihm da noch ins Ohr:

»Das junge Mädchen ist hübsch und die Männer entsetzlich liederlich in Paris ... ich habe wohl nicht nöthig, Sie aufzufordern, über ihre Unschuld zu wachen und sie nicht mit den Wichsern verkehren zu lassen.«

»Mein Herr,« entgegnete ihm Comtois mit etwas trockenem Tone: »man empfängt hier nur rechtschaffene Leute, und bei uns wird kein junges Mädchen verdorben! Wenn die letzte Kammerjungfer leichtsinnig war, so waren wir nicht daran Schuld, übrigens hat man sie ... sowie den erwähnten Wichser ... sogleich entlassen.«

»Ihre Antwort zerstreut alle Wolken, die mein Firmament hätten verdunkeln können. Leben Sie wohl, rechtschaffener Comtois, ich wiederhole Ihnen die Versicherung meiner Hochachtung.«

Herr Gerundium hatte sich entfernt; Comtois kehrte zu Louisen zurück, die nachdenklich im Vorsaale stehen geblieben war; er winkte ihr, ihm zu folgen, schritt durch einen Salon, öffnete die Thüre eines andern Gemachs und hielt auf der Schwelle, wo er sagte:

»Gnädiges Fräulein ... da ist die Kammerjungfer, die ich für Sie erwartete ... sie ist so eben gekommen.«

Eine Stimme aus dem Innern antwortete sogleich:

»O! sie soll kommen ... sie soll schnell eintreten! ... ich erwarte sie mit Ungeduld.«

Comtois ließ Louisen, die zitternd und ohne die Blicke zu erheben, eintrat, vorangehen; bald aber fühlte sie sich ermuthigter, als sie die junge Ernestine ausrufen hörte:

»O! wie hübsch sie ist! ... ah, sie gefällt mir sehr; kommen Sie näher, Mademoiselle; o! fürchten Sie mich nicht ... ich bin nicht schrecklich! ... nicht wahr, Comtois ... ich sehe nicht strenge aus ... nicht wie die Mutter! ... deßhalb ist aber die Mutter doch gut ... und der Vater auch ... wie heißen Sie?«

»– Louise, gnädiges Fräulein.«

»– Wie alt sind Sie?«

»– Siebzehn Jahre.«

»– Siebzehn Jahre! ... ei! wie groß und stark Sie sind ... ich bin fünfzehn Jahre alt ... bin aber etwas klein für mein Alter ... nicht wahr?«

Louise mußte lächeln, und als sie die Augen auf ihre künftige Gebieterin erhob, durchdrang sie ein freudiges Gefühl beim Anblick dieses jungen, niedlichen, kindlichen Wesens, dessen blaue und schelmische Augen gerade mit einem Ausdruck von Wohlwollen auf ihr ruhten, der auf der Stelle alle Furcht verjagte, die sie bei ihrem Eintreten empfunden hatte.

»Nicht wahr, ich bin für fünfzehn Jahre sehr klein?« wiederholte Ernestine, nachdem Louise sie angesehen hatte.

»– Sie haben noch lange Zeit zu wachsen, gnädiges Fräulein.«

»– O! ja ... das tröstet mich! ... Haben Sie schon in Paris gedient?«

»– Nein, Fräulein, ich komme eben aus meinem Dorfe ... ich habe noch nirgends gedient ... und werde deßhalb Anfangs sehr ungeschickt sein, aber ich verspreche Ihnen, auf Alles, was Sie mir sagen, genau Achtung zu geben ... damit ich desto schneller lernen und Sie um so bälder befriedigen kann ...«

Die kleine Ernestine hüpfte und tanzte im Zimmer herum; sie nahm Louisen bei der Hand, drückte dieselbe und rief aus:

»O! was Sie so eben sagten, ist ganz gut! ... ich fühle, daß ich Sie recht lieb gewinnen werde ... jetzt schon liebe ... denn man gefällt mir entweder sogleich oder niemals! ... Sie werden mich auch lieben, nicht wahr?«

»– Gnädiges Fräulein; das ist ein Leichtes, Sie sehen so gütig aus!«

»– Ah, Comtois, ich bin recht zufrieden ... hat aber Louise auch ihr Gepäck mitgebracht, alle ihre Sachen bei sich ... kann sie gleich dableiben?«

»– Ja, Fräulein,« antwortete Louise, »ich habe meine Effekten bei mir und kann sogleich bei Ihnen bleiben ... wenn Sie die Güte haben wollen, mich zu behalten.«

»– Ganz gewiß werde ich Sie nicht mehr fortlassen ... Comtois, Du richtest ihr Zimmer ein; Du weißt, das kleine hinter dem meinigen ... sorge dafür, daß ihr nichts mangelt ... daß Alles hinein kommt, was hineingehört ...«

»– Seien Sie ganz ruhig, gnädiges Fräulein!«

»– Ich werde zudem selbst noch nachsehen, ob Alles in Ordnung ist!«

Dann fuhr die junge Ernestine mit komischer Würde fort:

»– Ach! darum muß ich während der Abwesenheit der Mutter Alles überwachen ... und sie einstweilen ersetzen ... geh', Comtois, trage die Effekten Louisens in ihr Zimmer, ich will sie unterdessen meinem Vater vorstellen ... ist er in seinem Kabinet?«

»– Ja gnädiges Fräulein.«

»Kommen Sie, Louise ... beben Sie nicht! ... Er sieht etwas strenge aus, aber er ist nicht böse.«

»–Wenn ich Ihrem Herrn Vater mißfallen würde?« flüsterte Louise mit furchtsamer Miene, »– wenn er mich zu jung für Ihre Dienste fände?«

»– O! fürchten Sie nichts, sobald ich meinem Vater sage, daß Sie mir gefallen, schickt er Sie gewiß nicht mehr fort.«

Die junge Ernestine ging durch das Schlafzimmer ihrer Mutter, dann durch ein zweites kleines und sagte, während sie an die Thüre eines dritten klopfte:

»Ich bin's, Papa!«

Worauf die trockene Stimme Herrn von Noirmonts entgegnete:

»Nun, was gibt's denn schon wieder?«

Die liebliche Schelmin öffnete die Thüre zu dem Arbeitszimmer ihres Vaters, streckte nur den Kopf hinein und fragte:

»– Bist Du beschäftigt? ich möchte Dir gerne Jemand vorstellen ...«

»– Wen?«

»– Eine Kammerjungfer, die man für mich gedungen hat ... und die so eben gekommen ist.«

»– Mich einer Kammerjungfer wegen zu stören! ... gehen mich diese Kleinigkeiten etwas an? wahrhaftig, Ernestine, Du mißbrauchst meine Güte.«

Ach! lieber Vater, ärgere Dich nicht! da aber die Mutter abwesend ist, mußt Du schon die Kammerjungfer sehen ... ich kann das Hans nicht ganz allein führen!«

Herr von Noirmont versetzte mit sanfterem Tone:

»Wohlan denn, zeige sie mir ... wo ist sie? ... beeile Dich!«

Ernestine ließ Louisen eintreten; diese schlug die Augen nieder und fing an zu zittern, weil Herrn von Noirmonts Stimme bei weitem nicht so sanft war, als die seiner Tochter.

Nachdem Herr von Noirmont das junge, ihm vorgestellte Landmädchen einige Zeit betrachtet hatte, sagte er:

»Wie alt sind Sie?«

Ehe Louise antworten konnte, rief das Fräulein aus:

»Sie ist siebzehn Jahre alt; nicht wahr, mein Vater, sie ist recht groß für ihr Alter ... und recht artig? o! sie gefällt mir sehr ... sie heißt Louise, sie hat noch nicht gedient ... das ist mir aber lieber ... dann kann ich sie nach meinem Kopfe bilden!«

Herr von Noirmont unterdrückte mit Mühe ein durch die Worte seiner Tochter hervorgerufenes Lächeln und sagte:

»Ich finde dieses Mädchen fast zu jung für Deine Dienste ...«

»– Aber warum denn, lieber Vater, ganz im Gegentheil, sieh doch, wie gesetzt sie ist ... außerdem sage ich Dir ja, daß ich sie bilden will ... und Comtois hat sehr gute Auskunft über sie erhalten.«

»Nun ... wenn sie Dir gefällt ... woher sind Sie?«

»– Von Gagny, gnädiger Herr,« antwortete Louise zitternd.

»Gagny ... ach! das ist ganz in der Nähe von Paris ... Ihre Eltern find Landleute ohne Zweifel ...«

Louis« stotterte mit kaum vernehmlicher Stimme:

»Ja, gnädiger Herr.«

»– Und statt ihre Tochter bei sich zu behalten, schicken sie dieselbe nach Paris in Dienst! ...nun! ... weil's auf dem Lande so gebräuchlich ist! ... da soll mir noch Einer kommen und die ländlichen Sitten loben. Uebrigens scheinen Sie ein rechtschaffenes junges Mädchen, und ich will hoffen, daß Ihr Betragen Ihr Gesicht nicht Lügen strafen wird. Auch kenne ich Comtois und verlasse mich auf seine Klugheit ... geht, geht! ...«

Herr von Noirmont winkte, ihn allein zu lassen, aber seine Tochter eilte auf ihn zu und küßte ihn; dann ging sie schnell mit Louisen weg und sagte, während sie die Thüre des Studirzimmers zumachte:

»Jetzt ist's geschehen, ich wußte Wohl, daß es von selbst gehen würde.«

Hierauf führte Ernestine Louisen in ein recht hübsches kleines Zimmer, das für sie eingerichtet war; das liebenswürdige Kind sah nach, ob der neuen Kammerjungfer nichts abgehe, kurz, zeigte ihr so viel Theilnahme, daß Louise, die lebhaft davon gerührt wurde, dem Himmel dankte, sie in dies Haus geführt zu haben.

Der erste Tag wurde mit Verhaltungsmaßregeln zugebracht, die Ernestine Louisen ertheilte, und da diese nicht zu lügen wußte, so gestand sie ihrer jungen Herrschaft offen, daß sie in ihrem Amte noch sehr unerfahren sei und aller Nachsicht bedürfe. Ernestine wiederholte mit Nachdruck, sie werde sie schon bilden, sie dürfe sich deßhalb keine Sorgen machen.

In Herrn von Noirmonts Hause servirte gewöhnlich, wenn nicht große Gesellschaft zum Mittagessen geladen war, der Bediente bei Tische; der Dienst der Kammerjungfer beschränkte sich sonach auf die beiden Damen; man mußte sie ankleiden helfen, und außerdem stets für sie oder das Haus arbeiten.

Louise konnte sehr gut nähen; sie war thätig, flink und lernte bald, was man ihr zeigte, außer diesem lehrte sie die kleine Ernestine sticken, Straminnähen und tausend kleine weibliche Arbeiten, wovon man im Dorfe nichts weiß, die man aber in Paris verstehen muß.

Louise machte reißende Fortschritte und Ernestine sagte zu ihrem Vater:

»O! wenn Du wüßtest, wie zufrieden ich mit meiner Kammerjungfer bin! ...«

»Sie ist also sehr geschickt?« fragte Herr von Noirmont.

»– Geschickt, ja ... Sie konnte aber gar nichts ... ich habe sie Alles gelehrt ...«

»– Wie, das junge Mädchen wußte nichts?«

»– Was thut's! ... was ich ihr zeige, versteht sie in zwei Tagen besser, als ich selbst ... O! ich bin überzeugt, die Mutter wird mich darüber beloben.«

Die bescheidene und ernste Miene Louisens erwarb ihr am Ende auch Herrn von Noirmonts Wohlwollen, der sich mit weniger rauhem Tone an sie wandte. Comtois war entzückt über seine neue Tischgenossin, und die Köchin hörte nicht auf, ihre außerordentliche Sanftmuth zu preisen; was Ernestinen betrifft, die zuweilen ungeduldig wurde und schrie, wenn sich die Kammerjungfer beim Ankleiden ungeschickt bewies, so kam das Fräulein einen Augenblick darauf wieder zu ihr her, küßte sie und bat sie, über ihre Lebhaftigkeit nicht böse zu werden.

Kurz, jeder neue Tag vermehrte die Anhänglichkeit, welche sie für Louisen empfand, und diese wäre in ihrer gegenwärtigen Lage glücklich gewesen, wenn sie das Andenken Cherubins nicht fortwährend verfolgt hätte; aber sie verlor allmählig die Hoffnung, ihn in Paris zu sehen, denn bei Herrn von Noirmont kam sie selten aus dem Hause, und wenn es der Fall war, so geschah es nur, um einige Einkäufe in benachbarten Läden für ihr Fräulein zu machen. Drei Wochen war Louise in Ernestinens Diensten, als diese zu ihr sagte:

»Endlich wird die Mutter zurückkehren! ... der Vater sagte mir so eben, daß sie in drei Tagen hier sein werde ... es ist ein Glück, denn nun ist sie seit beinahe sechs Wochen abwesend und ich bin verstimmt, sie so lange nicht zu sehen. O! welches Glück, wenn sie wieder da ist, dann fehlt mir nichts mehr ... Sie wird Dich auch lieben, die Mutter; ich bin gewiß, sie wird ebenfalls sehr zufrieden mit Dir sein.«

Louise antwortete nicht, aber sie fühlte sich erschüttert und konnte sich keine Rechenschaft von der sonderbaren Bewegung geben, die sie durchdrang, als man ihr verkündete, sie werde Frau von Noirmont sehen.

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