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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Neunzehntes Kapitel

Die Gräfin von Globeska.

Es war neun Uhr Abends, und zwei Männer, die zu warten und zu beobachten schienen, gingen in der Straße Grenetat auf und ab, der eine von der Mitte derselben bis an den Brunnen, der die Ecke der Straße Saint-Denis bildet; er trug einen langen Oberrock, der sich fest an seine Taille schloß, und bis zu dem Kinn zugeknöpft war; er hatte ganz das Wesen eines Stutzers und strohgelbe Handschuhe an; wenn er aber an einem hell erleuchteten Laden vorüber kam, so bemerkte man, daß sein Rock abgeschabt und an manchen Orten befleckt und seine strohgelben Handschuhe nicht mehr von erster Frische waren. Dieser Herr rauchte eine Cigarre mit der ganzen Grazie eines Stammgastes von Tortoni.

Der zweite in einen alten nußbraunen Rock gehüllt, den wir schon kennen, hatte einen runden Hut auf dem Kopfe, der so nieder und dessen Ränder so breit waren, daß man ihn von Ferne für einen Köhlerhut hielt. Dieser machte nur einige Schritte und zwar vor einem Hause mit einem sehr dunkeln Hausgange, dessen Thüre offen stand – bis zu zwei oder drei Häusern Wetter, wobei er aber den Hausgang, wenn er sich von ihm entfernte, nicht aus den Augen verlor.

In diesen zwei Personen hat man Darena und seinen würdigen Freund, Herrn Poterne, bereits erkannt.

Seit sein Geschäftsmann nicht mehr in Verbindung mit dem jungen Marquis von Grandvilain stand, war Darena's Glanz sehr gesunken; da die erübrigten Gewinnste in sehr kurzer Zeit von ihm aufgezehrt worden waren, so war er wieder in jenen Zustand verfallen, den er sein » nobles Pech« nannte, den dagegen Herr Poterne mit dem Ausdruck » komplete Schmiere« bezeichnete.

Allerdings stand Darena die Börse seines jungen Freundes noch zuweilen offen, aber durch allzuhäufige Anwendung dieser Hülfsquelle fürchtete er es mit Cherubin gänzlich zu verderben; denn der junge Mann hatte trotz seiner natürlichen Gutmüthigkeit einen gesunden Verstand, der ihn fühlen ließ, was sich nicht schicke, und Darena wollte sich das Haus Grandvilain nicht vollständig verschließen.

»Ei was! hält mich das Vieh von Poterne für einen Narren,« sprach Darena, an der Straßenecke stillstehend, um die Asche von feiner Cigarre abzustoßen. »In der Straße Grenérat Schildwache zu stehen ... wo es immer so kothig ist! ... beim Teufel, das ist mir zu ländlich! ... ich sollte jetzt im Foyer der großen Oper sein! ... Ach! ich vergesse stets, daß mein Anzug etwas windig ist! ... welche abscheuliche Cigarre! ... pfui! ... man findet nichts Gutes in diesem Stadtviertel hier!«

Darena warf den Rest seiner Cigarre weg, ging wieder zurück, blieb neben Poterne stehen, der sich an einen Eckstein lehnte, die Augen fast auf den dunkeln Gang gegenüber gerichtet, und stieß ihn mit dem Ellbogen indem er zu ihm sagte:

»Werden wir noch lange hier bleiben, alter Kater? weißt Du, daß mich das teufelmäßig zu langweilen anfängt.«

»Wenn man ein Unternehmen glücklich zu Ende bringen will, so muß man Geduld haben,« antwortete Poterne, ohne die Augen abzuwenden.

»Glücklich zu Ende bringen! ... ich glaube nicht, alter Schelm, daß das Ende Deiner Unternehmungen ein besonder glückliches sein wird; aber warum läßt die Dirne so lange auf sich warten? ... Weiß sie denn nicht, daß Du da bist? ... Nun, Poterne, gib Deinem Freunde Antwort!«

Poterne kehrte sich hastig um und sagte mit leiser Stimme: »Vor allen Dingen bitte ich Sie inständig, nennen Sie meinen Namen nicht ... es ist unnöthig, daß die Kleine meinen wahren Namen wisse, sie könnte ihn aus Vergeßlichkeit oder Dummheit aussprechen, und dann würde mein ganzer Plan ins Wasser fallen! ...«

»– Wenn Du nur selbst darein lägest! ... aber halt, laß einmal hören, was Du ausersonnen hast ... damit ich sehe, ob es vernünftig ist ... denn diesen Morgen habe ich nicht auf Dein Geschwätz gehört.«

»– Die Sache ist ganz einfach: wir wollen versuchen, den jungen Cherubin verliebt zu machen, um ihn in einen Handel hineinzuziehen, der uns Gewinn bringen muß.«

»– Ach ja, denn obgleich » das Gold ist nur Chimäre,« so weigern sich doch alle diese Flegel von Schneidern, mir ohne diese Chimäre Kleider zu machen!«

»– Um unsern Adonis recht ins Feuer zu jagen, müßte vor allen Dingen ein recht hübsches Mädchen gefunden werden.«

»– Ganz richtig, wer einen Hasenpfeffer essen will, muß vorher einen Hasen haben.«

»– Ich habe gefunden, was wir brauchen ... hier in diesem Hause, im dritten Stocke, hinten hinaus ... ist eine Rose ... eine wahre Rose!«

»– Eine Rose in diesem häßlichen Hause ... und hinten hinaus ... ich fürchte sehr, daß Deine Rose nur eine Hagebutte ist!«

»– Sie werden alsbald selbst urtheilen können ... um diese Zeit gehen die Arbeiterinnen von ihrem Geschäfte ... ich wundere mich selbst, daß sie noch nicht kommen.«

»– Was treibt sie denn, diese Purpurrose?«

»– Sie macht italienische Strohhüte.«

»– Ach! vortrefflich; und ist sie solid?«

»– Ach! ich halte sie nicht gerade für eine Vestalin, aber sie sieht ganz ehrbar aus; sie betet einen kleinen Landsmann von ihr an, der genöthigt war, als gemeiner Infanterist abzuziehen, und ihr ganzes Glück bestände darin, so viel zusammenzusparen, daß sie ihn, wenn er wieder heimkehrt, heirathen könnte; auch hört sie nicht auf all die jungen Leute, die ihr jeden Abend nachlaufen, denn sie weiß wohl, daß es nur Taugenichtse sind, die sie nicht in Stand setzen werden, sich mit ihrem kleinen Landsmann häuslich niederzulassen.«

»– Bravo! das junge Mädchen hat herrliche Grundsätze; wie hast Du ihre Bekanntschaft gemacht? ... Zahltest Du ihr eine Portion gesottene Kastanien?«

»– Nein, ich vertheidigte sie gegen einen jungen Friseur, der, um ihr den Arm zu bieten, sie stets zu weit unten anfaßte ...«

»– Diese Friseur's sind verfluchte Bösewichter, dahin führt die Gewohnheit, im Haare zu arbeiten ... und was hast Du dieser Rosenknospe für Vorschläge gemacht?«

»– Vor allen Dingen habe ich mich für eines edlen Polen, einen Grafen von Globeski, ausgegeben.«

»– Schuft! der sich erlaubt, den Titel eines Grafen anzunehmen! ... weiter!«

»– Dann sagte ich zu dem Mädchen, sie könne, wenn sie wolle, durch mich eine hübsche Summe Geldes verdienen ... Da sie Anfangs glaubte, ich sei verliebt in sie, so entgegnete sie mir, ich sei ihr zu häßlich.«

»Gut, diese Freimüthigkeit gefällt mir.«

»– Hierauf beruhigte ich die Kleine mit der Versicherung, daß es sich nicht um mich handle, sondern um einen sehr hübschen jungen Mann ... den wir aus Familiengründen in sie verliebt machen möchten.«

»– Alle Achtung vor den Familiengründen! ... fahre fort.«

»Meine schöne Arbeiterin schien mir keine lebhafte Einbildungskraft zu haben, trotz dem begriff sie mich so halb und halb. Sie ist aus dem Elsaß, heißt Chichette Chichemann ... und hat einen etwas fremdartigen Accent ... der jedoch nicht unangenehm ist und den man für polnisch ausgeben kann, und zwar um so mehr, als diese Sprache der deutschen viel gleicht. Kurz, ich habe diesen Abend ein Rendezvous mit ihr, wir führen sie in ein Kaffeehaus und werden dort über unser Vorhaben einig; Sie werden sich überzeugen, daß sie außerordentlich hübsch ist und zum Täuschen unschuldig und jungfräulich aussieht. Wenn sie als polnische Gräfin gekleidet sein wird, muß sich der junge Marquis unfehlbar wahnsinnig in sie verlieben.«

»– Wir wollen's hoffen und darum schnell handeln, denn Monfréville führt Cherubin jetzt in die große Welt, unsere wahrhaften Marquisinnen und Gräfinnen werden den Jüngling schön finden, und er sich seinerseits auch m eine dieser Damen verlieben ... und wenn einmal sein Herz gefangen wäre ...«

»– So wären wir um unsere Mühe betrogen!«

»Ah bah! wenn Deine Kleine wirklich schön ist ... kann uns das nicht stören; im Herzen eines Mannes gibt es immer wieder ein Plätzchen für eine neue Liebe ... mit achtzehn und einem halben Jahre hätte ich alle fünf Welttheile geliebt! ... Doch Achtung, ich glaube, die kleine Heerde naht sich.«

In der That kamen mehrere junge Mädchen mit kleinen Häubchen und bescheidenen Schürzchen aus dem dunkeln Gange heraus: zu einigen gesellten sich alsbald junge Leute, die ebenfalls auf ihre Heimkehr geharrt hatten. Andere gingen allein. Darena und Poterne, die auf der entgegengesetzten Seite der Straße standen, ließen alle Arbeiterinnen an sich vorbei gehen; die letzte endlich hüpfte leicht über die Gosse und eilte auf Poterne zu, der sich Mühe gab, seine Stimme so angenehm als möglich zu machen, indem er zu ihr sagte:

»Sie haben mich erkannt, Fräulein Chichette?«

»– Ach! ich will's doch glauba ... Sie säha aus wie a Kohlabrenner mit Ihrem Hut! ...«

Darena schlug ein lautes Gelächter auf, die junge Nähterin stand stille und fragte:

»– Ach; isch Eener bei Ihna, Meßje Globeski? ...«

»– Ja, einer meiner vertrauten Freunde, dem die Leitung der mit Ihnen besprochenen Angelegenheit anvertraut ist ... Wir werden irgendwo die Sache miteinander besprechen.«

»Ja, mein liebes Kind,« sagte Darena, den Arm des jungen Mädchens auf den seinigen legend, »wir wollen bei einem Punsch mit einander schwatzen ... lieben Sie den Punsch?«

»– Io freilich! sähr!« entgegnete die Elsaßerin, Darena anblickend.

»Vortrefflich, ich sehe schon, wir werden uns gegenseitig verstehen! ... Ich bin etwas minder häßlich, als jener Herr, reichen Sie mir daher Ihren Arm, ich werde Ihnen weniger Schrecken einjagen. Ist hier in der Nähe ein etwas anständiges Kaffeehaus? ... Wir wollen in die Straße Saint-Denis hinüber ... Ich habe Sie noch nicht betrachtet; man hat mir gesagt. Sie seien reizend ... Ich muß mich aber selbst davon überzeugen. Ah! gut, dort ist gerade eine Apotheke.«

Darena zog die kleine Arbeiterin zu einer Apotheke hin, stellte sie vor eine jener blauen Kugeln, die eine matte Helle auf die Straße werfen, blickte sie an und rief aus:

»– Sehr hübsch! ... ah! meiner Treu! recht lieblich! ... Wenn sie beim Schein der Glaskugel so vorteilhaft aussieht, wie wird sie sich erst beim vollen Lichte ausnehmen. Ach! siehe dort ein Kaffeehaus, wir wollen hineingehen.«

Die Herren traten mit Fräulein Chichette ins Kaffeehaus; sie wählten in der Ecke des Saales einen Tisch, um ungestörter mit einander sprechen zu können, und Darena befahl dem Kellner:

»Eine Bowle Punsch mit Rhum! ... so gut Ihr ihn machen könnt.«

Poterne verzog das Gesicht und sagte leise zu Darena:

»Die Kleine hätte sich mit Bier begnügt ... Es war unnöthig, sich ...«

»– Was soll das heißen? Du stinkst wieder vor Geiz, Poterne! ... Du weißt, daß ich das nicht leiden kann.«

»– Nennen Sie mich doch nicht Poterne! ...«

»– Dann schweig' und langweile mich nicht mit Deinen einfältigen Einwürfen.«

Fräulein Chichette hatte an dem Tische Platz genommen und schien sich nicht im mindesten um das Gespräch der sie begleitenden Herren zu bekümmern. Die Elsaßerin mochte etwa zwanzig Jahre alt sein. Sie war sehr klein, aber von einer höchst angenehmen Fülle: ein rundes Angesicht, braune, nicht sehr große, aber schöne, von regelmäßig geformten, nicht sehr dichten Augenbrauen überragte Augen; ein kleiner Mund, hübsche Zähne, ein kleines rundes Kinn mit einem niedlichen Grübchen, etwas volle Wangen und eine über all das ausgegossene Frische vollendeten in ihr das Bild eines reizenden Landmädchens; übrigens hatte sie keine edle Physiognomie, keinen Ausdruck in ihrem Blicke ... immer dieselbe Ruhe und dasselbe Lächeln.

Darena betrachtete die Elsaßerin abermals genau und sagte leise zu Poterne:

»Sie ist hübsch ... frisch wie eine Rose ... sieht sittsam ... sogar dumm aus ... das kann aber für Unschuld gelten. In der That, Du hast einen wahren Fund gethan; wenn das in schönen Kleidern steckt, so ist unmöglich, daß sich Cherubin nicht in sie verliebte. Ah! da kommt der Punsch ... wir wollen trinken ... trinken Sie, kleine Chichette ... Die Elsaßerinnen haben sonst einen guten Zug im Halse.«

Fräulein Chichette lächelte, nahm ein Glas und sagte:

»– Ach jo! ich trink gärn!«

»– Ihr Accent ist sehr derb!« brummte Darena. »Indeß gleichviel, es ist eben polnisch, damit basta, darüber sind wir einig ... Kellner, bringen Sie doch Makaronen! Sie sehen doch, daß eine Dame bei uns ist, und vergessen die Makaronen! ... Haben Sie keine! ... Wenn man keine hat, so macht man welche!«

»– Man läßt so eben holen, mein Herr!«

»– Gut! Geben Sie uns unterdessen Spritzkuchen, Pfefferkuchen ... oder was Sie sonst bei der Hand haben.«

Während dieser Unterhaltung stieß Poterne erstickte Seufzer aus. Endlich brachte man ein Körbchen, welches Darena vor die junge Nähterin stellte und sich selbst dergestalt mit Spritzkuchen vollstopfte, als ob er nicht zu Mittag gegessen hätte. Als Poterne dies sah, entschloß er sich auch in das Körbchen zu langen, und fraß alle Pfefferkuchen auf. Darena sagte mit komischem Ernste zu ihm:

»Sie sehen nun ein, Graf Globeski, daß ich wohl daran that, diese Kleinigkeiten kommen zu lassen. Aber jetzt wollen wir von Geschäften sprechen und zur Hauptsache übergehen:

»Fräulein Chichette, Sie haben das hübscheste Gesichtchen, welches man in Paris und im Umkreise finden kann. Wir möchten einen jungen Mann recht toll in Sie verliebt machen ... Das wäre eine Kleinigkeit; aber wir wollen zugleich, daß sich seiner Liebe Hindernisse entgegenstellen sollen; warum? ... das kann Ihnen gleichgültig sein, die Hauptsache ist nur, daß Sie genau befolgen, was man Ihnen sagt. Vor allen Dingen sind Sie die Frau des Herrn Grafen Globeski ... folglich die Frau Gräfin Globeska! Das ist polnischer Gebrauch: die Männer nehmen ein i die Frauen ein a an.«

»– O! nä, ich will mäne kläna Londsma nähma! ich hab's ihm versprocha!«

»– Potz Donnerwetter, es ist ja bloß zum Schein, Sie sollen ja nur Komödie spielen.«

»– Ach! jo! jo! ... zum Spaß! ... do will ich's schon.«

»– Sie sind also die Gräfin Globeska, eine geflüchtete Polin, und Ihr Mann hier ... dieser häßliche Herr, ist entsetzlich eifersüchtig; kapiren Sie das recht gut. Man wird Ihnen schöne Kleider geben, das kann Ihnen nicht unangenehm sein ... und Sie werden einige Tage ... die Nächte ausgenommen ... mit diesem Herrn zusammenwohnen, Alles jedoch mit Ehren und Anstand.«

»– Ah! jo! jo!«

»– Und wenn der junge Mann recht verliebt ist, so können Sie ihn, wenn es Ihnen Freude macht, auch lieben, was überdies der Mühe werth wäre! denn er ist ein wunderhübscher Bursche ... Sie werden die hübschen Bursche nicht hassen?«

»– Nä! nä!«

»– Und dafür bekommen Sie fünfundzwanzig Napoleons'dor, oder mit andern Worten, fünfhundert Franken ...«

Poterne gab Darena einen Stoß, und flüsterte ihm ins Ohr:

»Das ist zu viel! das ist zu viel! sie hätte es für zwei oder drei Louisd'or gethan ...«

Darena fuhr fort:

»– Ja, dafür bekommen Sie fünfhundert Franken ... sechshundert sogar! wenn die Angelegenheit gut von Statten geht ... ich bürge Ihnen dafür ... und der Herr hier wird sie ausbezahlen ... hm, ist's so recht?«

»– Ah! jo! jo!«

»– Sackerlot!« sagte Darena, sich umwendend, »die kommt mir dümmer vor. als ein Heerde Gänse! ... Doch! das ist gleich! die Liebe ist blind, sie hat auch das Recht, taub zu sein ... Laßt uns trinken! Kellner, noch eine Bowle!«

»– Aber ... aber ...«

»– Schweigen Sie, Graf Globeski! Sie brauchen nicht mehr zu trinken ... dürfen aber dessen ungeachtet bezahlen.«

Die zweite Bowle wurde aufgestellt; die Elsaßerin bekam noch mehr Farbe, ihre Augen fingen an sich zu beleben, und Darena rief aus:

»Ei! der Kuckuk! wenn sie Cherubin so sähe ... welche Feuersbrunst würde sie anfachen ... Graf Globeski, Sie sorgen dafür, daß Chichette Morgen Abend wieder solche Augen hat ... Und hängen ihr zu diesem Ende einen kleinen Spitz an.«

»Mit was ... mit Himbeersaft?« brummte Poterne, sich schnäuzend.

»– Achtung! Da man im Schauspielhause am leichtesten Bekanntschaft macht, so wird der Graf von Globeski seine Gemahlin Morgen Abend ins Schauspiel ... in den Cirkus führen; das ist das Lieblings-Theater der Fremden.«

»Es sei,« sagte Poterne, »wir gehen in den Cirkus, und werden uns auf den zweiten Rang des Amphitheaters begeben.«

»Warum nicht lieber gleich aufs Paradies! ... Sie jammern mich, Globeski! Nein, Sie gehen in den ersten Rang und nehmen eine Loge ...«

»– Aber ...«

»– Keine aber ... Die Frau Gräfin muß ausgezeichnet schön gekleidet sein!«

»– Man wird sein Möglichstes thun.«

»– Und Sie, Graf, werden ebenfalls Ihr Möglichstes thun, einer gewissen Canaille Namens Poterne so wenig wie möglich ähnlich zu sehen ...«

»– Damit hat es keine Gefahr.«

»– Wir werden uns hinter euch in eure Loge setzen. Die Gräfin Globeska wird dann meinen jungen Freund mit ihren glühendsten Blicken in den Grund bohren ... Sie verstehen mich, Kleine?«

»-O! jo! jo! ...«

»– Und besonders sich nicht merken lassen, daß sie mich kennt.«

»O! Jo! jo!«

»– Der Graf wird in einem Zwischenakte die Loge ohne seine Gemahlin verlassen ... und diese während dessen auf die Schmeicheleien meines jungen Freundes antworten ... sie darf nicht viel sprechen, damit ihr keine Dummheit entfährt, aber sie muß zärtlich und leidenschaftlich sein.«

»– O! jo! jo!«

»– Nach dem Schauspiel wird der Graf seine Frau wegführen, und wir ihm folgen ... er wird einen Wagen nehmen, und wir ihm fortwährend folgen ... das Uebrige gibt sich von selbst. So ist's ausgemacht, wohlverstanden. Der Punsch ist ausgetrunken ... Zahlen Sie jetzt Graf, und kommen Sie!«

Poterne bezahlte mit Seufzen, Darena nöthigte ihn sogar, dem Kellner sechs Sous Trinkgeld zu geben, dann verließ man das Kaffeehaus. Mamsell Chichette wohnte in der Straße Saint-Denis; man begleitete sie bis an ihr Haus, aus dem sie am andern Tage keinen Schritt zu thun, sondern Herrn von Globeski zu erwarten versprach; hierauf strich Darena noch ins Palais-Royal und Poterne legte sich ins Bett.

Darena hatte seine Maßregeln zum Voraus ergriffen, er wußte, daß Monfréville am folgenden Tag zu einem großen Mittagessen eingeladen, und Cherubin somit unabhängig war; er hatte ihn in der Frühe gesehen und zu ihm gesagt:

»Morgen will ich den Abend mit Ihnen zubringen ... Sie dürfen um meinetwillen wohl einmal einen Abend auf Ihre großen Damen verzichten! ... Sie kommen gar nicht mehr aus den Salons heraus ... man reißt sich um Sie ... Monfréville weicht nicht mehr von Ihrer Seite, aber meine Freundschaft verlangt auch ihre Rechte, und da ich ... für den Augenblick ... ich habe zuweilen solche Zeiten! ... keine Gesellschaft besuche, so wollen wir ins Theater gehen.«

Cherubin hatte den Vorschlag angenommen. Indessen fand er allmählig Geschmack an den großen Soiréen; die liebenswürdige Aufnahme, der er sich überall erfreute, heilte ihn nach und nach von seiner Schüchternheit; Madame Celival zeigte sich liebenswürdiger gegen ihn, als gegen Andere, was mehrere Herren zu ärgern schien, besonders den Obersten mit dem Katzenkopfe und den schönen jungen Mann mit dem Römergesichte.

Das war noch nicht Alles: die göttliche, so launige, so nervenschwache, so vaporöse Gräfin Valdieri, welche die ihr dargebrachten Huldigungen wie aus Gnade aufnahm, hatte zuerst gehofft, daß der Marquis Cherubin die Zahl ihrer Anbeter ohne weiteres vermehren würde; aber der Jüngling hatte sich damit begnügt, sie von sehr ferne zu bewundern, und diesmal kam ihm seine Schüchternheit vortrefflich zu Statten; die kleine Gräfin empfand einen heftigen Verdruß über diese vermeintliche Gleichgültigkeit, denn in unsern Tagen läßt sich nicht voraussetzen, daß die jungen Männer schüchtern seien; und als Frau von Valdieri bemerkte, daß Cherubin sich häufig mit Madame Celival unterhielt, spannte sie alle Segel auf, um ihr diese neue Eroberung zu entreißen; bei den Frauen führt der Aerger oft zur Liebe, und ein Anderer, als Cherubin, würde den aus dieser Eifersucht entstehenden Vortheil klug benützt haben.

Die schöne Gräfin hatte den jungen Marquis zu ihren Abendgesellschaften eingeladen, Herr von Valdieri, als gefälliger Gatte, seine Bitten mit den ihrigen vereint, und Cherubin besuchte die dünstereiche Emma, welche sich in seiner Nähe sehr liebenswürdig zeigte und ihre Nervenleiden zu vergessen schien.

Ferner war in einer nicht weit von seinem Hause entfernten Straße ein ziemlich hübscher Leinwandladen, und in diesem befand sich unter mehreren stets auf dem Comptoir arbeitenden Mädchen eine Blondine mit etwas gerötheten Augen, die eine kleine aufgestülpte Nase à la Roxelane und eine sehr aufgeweckte Miene hatte. Diese fand, wenn Cherubin vorbeiging, immer eine Gelegenheit, an der Thüre zu stehen und ihm zuzulächeln, oder unter irgend einem Vorwand einen Augenblick auf die Straße hinaus zu gehen; und mehrmals hatte sie, dicht an dem Jüngling vorübergehend, mit gesenkten Blicken zu ihm gesagt:

»Ich gehe alle Abend um neun Uhr aus ... wenn Sie mich sprechen wollen, so warten Sie einmal Abends an der Straßenecke auf mich, ich heiße Celanire.«

Endlich war Cherubin mehrmals Mamsell Malvina begegnet, die zwar nicht mehr als Schweizerin gekleidet, aber doch sehr anziehend in ihrem kleinen rosafarbenen Bibi-Hute, ihrem etwas kurzen Kleide und ihrer schwarzseidenen Echarpe war, die sie äußerst vorteilhaft anzuziehen wußte; sie hatte den jungen Mann gestellt, ihm glühende Blicke zugeworfen, und zu ihm gesagt:

»Sie wollen mich also nicht besuchen, Herr Cherubin? wissen Sie, daß das sehr unrecht, und daß es eine Undankbarkeit von Ihnen ist, meine Bekanntschaft so zu vernachlässigen ... Sie kennen meine Adresse, kommen Sie einmal zum Frühstück zu mir ... ich stehe spät auf ... aber ich erlaube Ihnen, sich schon sehr frühe einzufinden.«

Cherubin befand sich somit unter dem Kreuzfeuer mehrerer Eroberungen, als Darena, dem es gelungen war, sich wieder einen bessern Anzug zu verschaffen, ihn abholte und in den Cirkus auf dem Boulevard des Tempels führte.

Unterwegs erzählte der junge Mann Darena alle seine Erlebnisse, und dieser sagte, nachdem er ihm aufmerksam zugehört hatte, zu ihm:

»Es scheint mir, lieber Freund, daß Sie ein wahrer Faublas sind, alle Frauenzimmer beten Sie an! und Sie?«

»– Ich ... o! ich bete sie auch an! ...«

»– Also lieben Sie Madame Celival?«

»– Ich glaube, ja ... ich finde sie sehr verführerisch.«

»– Und die schmachtende Gräfin von Valdieri? ...«

»– O! »... die gefällt mir auch bedeutend.«

»– Und die Grisette ... daß heißt die Leinwandhändlerin?«

»– Finde ich allerliebst.«

»– Und Malvina ... die so hübsche Rädchen schlägt?«

»– Sagt meinem Geschmack vollkommen zu.«

»– Wohlan, denn ... wie weit haben Sie es bei diesen Damen gebracht? ... Unter Männern, beim Kuckuck, macht man aus solchen Dingen kein Geheimniß! ...«

»– Wie weit ich's gebracht habe? ich ... ich habe es gar nicht weiter gebracht ...«

Darena schlug ein ungeheures Gelächter auf, das Cherubin sehr verdroß, und fuhr endlich fort:

»Dann, mein Lieber, sind Sie selbst Schuld, weil Sie nicht wollten! und hieraus schließe ich, daß diese Frauenzimmer alle wenig Eindruck auf ihr Herz gemacht haben. Uebrigens begreife ich das ... Eroberungen in den Salons ... Grisetten ... Tänzerinnen ... haben nichts Pikantes an sich! ... oft finden wir durch Zufall weit interessantere Begegnungen ... aber da sind wir bereits vor dem Theater des Cirkus.«

Cherubin nahm Billete, – ein Geschäft, welches ihm Darena stets überließ, und sie traten in den Saal.

»Hier haben wir einen guten Platz,« sagte Cherubin, sich beim Eingang der Vorbühne niederlassend. Aber Darena, der eben die gesuchten Personen in einer Loge bemerkt hatte, entgegnete seinem jungen Freunde:

»In einer Loge wäre es besser ... außerdem auch schicklicher, kommen Sie ... in diese zum Beispiel.«

Und Darena ließ sich die Loge, worin er Poterne und Fräulein Chichette Chichemann entdeckt hatte, aufmachen.

Um diese beiden Personen zu erkennen mußte man Darena's scharfen Blick haben und besonders von ihrer Anwesenheit überzeugt sein, denn sie waren vollständig verkleidet; besonders war Poterne bis zur Unkenntlichkeit verwandelt.

Darena's intimer Freund hatte seine struppigen Haupthaare zum Opfer gebracht und sie so kurz abschneiden lassen, daß er einem vom Hundescheerer zurückkommenden Pudel glich, er hatte eine grüne, auf beiden Seiten mit grünem Taffet verhängte Brille auf die Nase gesetzt und außerdem Werg in seinen Mund gestopft, wodurch seine hohlen Wangen fortwährend bausbäckig aussahen. Die Veränderung war vollständig; ein Paletot mit Schnüren, der bis ans Kinn zugeknöpft war und ihm beinahe die Cravate ersparte, kleidete den vorgeblichen Grafen von Globeski ziemlich passend.

Was Fräulein Chichette betrifft, so hatte diese ein abgetragenes, rosaseidenes Kleid und einen großen mit Pelz verbrämten Kragen an, auf dem Kopfe trug sie ein kleines, grünes Sammetbarett mit Eicheln und Schnüren von derselben Farbe, die ihr übers linke Ohr herabhingen. Ihre Toilette war nicht frisch, aber ihr rundes Angesicht unter dem Barett noch hübscher, und das Staunen, welches sie darüber empfand, sich so geputzt zu sehen, verlieh ihren Augen einen beinahe reizenden Ausdruck.

Darena übersah das mit einem Blicke und sprach zu sich:

»Dieser niederträchtige Poterne hat ihr diesen Anzug auf dem Trödelmarkt gekauft! zum Glück ist die Kleine wunderhübsch, und wenn mein junger Cupido da nicht Feuer fängt, so wird in mir die Vermuthung rege, daß in seiner Organisation etwas Unvollkommenes liegen muß.«

Poterne stieß Fräulein Chichette mit dem Knie an, und bezeichnete ihr durch einen Blick den jungen Mann, der sich hinter sie gesetzt hatte; die angebliche Polin wandte sich um, lorgnettirte Cherubin, und sagte dann leise:

»Er isch gor oartig ... fascht wie main Landsmann!«

Cherubin seinerseits betrachtete die vor ihm sitzende Dame und flüsterte Darena zu:

»Mein Freund, sehen Sie doch einmal diese schöne Frau an!«

Darena sah vor, schien von Verwunderung ganz ergriffen und antwortete Cherubin:

»Ich kann Sie versichern, daß ich noch nichts Vollkommeneres gesehen habe ... die Frische der Rose und das Blendende der Lilie! ... das ist eine Perle! ... in ihrem Alter hätte ich den Mond angepackt, um diese Frau zu besitzen!«

Cherubin schwieg, beschäftigte sich aber weit mehr mit der jungen Frau im Sammet-Barett, als mit dem Stück, welches gespielt wurde; Fräulein Chichette ihrerseits drehte sich, der ihr gegebenen Weisung getreu, jeden Augenblick um, Cherubin zu betrachten; dies dauerte sogar hie und da so lange, daß Poterne sie stoßen mußte, indem er ihr mit leiser Stimme sagte:

»Genug ... Sie gehen zu weit ... man könnte am Ende glauben, Sie hätten sich auf den Boulevards eingeübt! ...«

Nach einiger Zeit sprach Darena zu seinem jungen Freunde:

»Es scheint mir vortrefflich zu gehen ... Ihre Angelegenheiten mit dieser Rosenknospe rücken rasch vor.«

»– Ja ... in der That ... sie sieht mich oft an ... Ich weiß nicht, ob ich hoffen darf ...«

»– Wie? Sie wissen nicht! was Teufels verlangen Sie denn von einer Dame beim ersten Zusammentreffen noch mehr, als daß sie Ihnen Ihre Liebesblicke zurückgibt? ... und zwar, mit sehr hohen Zinsen! ... Sie haben Ihre Eroberung gemacht ... das ist augenscheinlich ... Ah! Sie sind glücklich ... ich glaube, es ist eine Fremde ... Dieser Mann ist kein Franzose; das muß ihr Gemahl sein ...!«

»– Sie glauben ...?«

»– Uebrigens sieht er sehr vornehm aus.«

»– Finden Sie?«

»– Ich meine, das springe in die Augen.«

In einem Zwischenakte verfehlte Herr Poterne nicht, allein hinauszugehen, dann verließ Darena die Loge auch, sagte aber vorher noch zu Cherubin:

»Das ist eine herrliche Gelegenheit, ein Gespräch anzuknüpfen ... versuchen Sie es keck!«

»– Glauben Sie, daß ich es wagen darf ...«

»– Ich stehe Ihnen dafür, daß es die Dame auch wünscht ... abgesehen davon kann man nicht leicht häßlicher sein, als der Herr, der sie begleitet, und sie wäre nicht seine Frau, wenn sie ihn nicht betrügen würde!«

Cherubin, der mit der hübschen Dame, für die sein Herz schon loderte, allein zurückgeblieben war, besann sich, wie er die Unterhaltung beginnen sollte; indessen warf sie ihm Blicke zu, die ihn lebhaft zum Sprechen aufforderten, und begleitete sie sogar mit einem zärtlichen Lächeln, so daß er endlich Muth faßte:

»– Lieben Sie das Schauspiel, Madame?«

»– Jo, min Här!«

»Besuchen Sie es oft?«

»– Nä, min Här; ober vor däm ging ich öfters mit miner Kußihnä hin.«

Cherubin horchte hoch auf, und suchte zu verstehen; Fräulein Chichette fuhr fort:

»– Mine Kußihnä ging gor so gärn in d'Comäde.«

»– Ah! Sie wollen ohne Zweifel von einer Cousine sprechen?«

»– Jo, jo, mine Kußihnä.«

»– Ist der Herr, der Sie begleitet ... Ihr Herr Gemahl?«

»– Och jo ... der Gros Globs ... Globsnie ... och! holten Sie! ... jetzt hob ich sine Nome vergessa! ... bin ich ober a Vieh! ...«

»– Sie sind demnach keine Französin, Madame?«

»– O! nä ... ich bin aus dem Elsa ... nä, ich bin anderswo her! Ich hobs ober auch wieder vergäßa! ...ich bin ä rächtes Vieh!«

Fräulein Chichette sprach das Alles so wunderlich aus, und ließ ihre Blicke dabei so oft auf Cherubin ruhen, daß der junge Mann die Zusammenhangslosigkeit ihrer Worte gar nicht beachtete sondern mehr und mehr für die schöne Fremde entbrannte.

»Gefallen Sie sich jetzt in Paris, Madame?«

»– O jo, ich gefalle mir scho, besonders heut ... ober ich dänke fortwährend an mine kläne Londsma! ...«

»– Ach! Sie vermissen Ihr Vaterland?«

»– Jo! ich möcht'n scho wieder säha!«

»– Sie lieben Ihr Vaterland ... Das finde ich ganz natürlich! ...«

»– O! jo ... er stäht jätzt unterm Märlätär.«

Hier verstand Cherubin nichts mehr, aber Poterne kehrte zurück, was für Fräulein Chichette, die ganz aus ihrer Rolle gefallen war und nichts wie Dummheiten schwatzte, ein Glück war.

Darena kam gleich darauf auch wieder zurück; er fragte Cherubin, ob er seine Angelegenheiten mit der hübschen Frau gefördert habe?«

»– Ja, wir sprachen zusammen ... es schien ihr ganz erwünscht ... Sie haben sich nicht geirrt, der Herr ist ihr Mann; sie ist fremd, und hat einen seltsamen Accent.«

»– Es sind Polen, wie ich im Foyer erfahren habe ...«

»Sie scheint ihr Vaterland sehr zu lieben, sie bedauert es sehr und spricht immer davon, auch erwähnte sie, wenn ich sie recht verstanden, des Militärs!«

»Nun natürlich ... sie ist eine Polin und da wird ihr das russische Militär stark zugesetzt haben ... Haben Sie schon ein Rendezvous mit ihr ausgemacht? ...«

»– Ein Rendezvous, o! so weit waren wir noch nicht! ...«

»Womit unterhielten Sie sich denn? ... Bei einer Frau, die Ihretwegen toll ist! und Sie mit den Blicken verzehrt! ...«

»Sie glauben? ... Welches Glück! ... sie ist so hübsch ... und ihre Aussprache so angenehm ...«

»– Ja, der polnische Accent klingt entsetzlich lieblich.«

»– Ich bin ganz verrückt in sie, mein Freund.«

»– Sie haben Recht, es wäre eine Sünde, dieser alten Raupe ihre Rosenknospe nicht zu entführen!«

»– Entführen! Wie! Sie glauben, daß man sie entführen ...«

»Still! lassen Sie mich nur machen, ich will die ganze Sache leiten.«

Das Schauspiel ging zu Ende. Herr Poterne setzte seinen regenschirmartigen Hut auf und nahm die schöne Chichette beim Arme. Trotz dem, daß diese sich in ihrem Anzug sehr unbequem fühlte, war sie doch im Stande, ihre rechte Hand hinter sich zu halten.

Darena und sein Begleiter folgten den Polen, die sich zurückzublicken hüteten, auf der Ferse. Darena nötigte fast Cherubin, die Hand anzufassen, welche die Dame gefällig nach hinten auf ihre Taille stützte, und der junge Mann wurde scharlachroth, als er seinem Freund ins Ohr flüsterte:

»Ach! ... sie hat mir die Hand gedrückt! sie drückt sie noch immerfort!«

»– Beim Kuckuk! ... was habe ich Ihnen gesagt?« versetzte Darena. »Die Sympathie ... ich glaube, daß ihr für einander gemacht seid.«

Und indem er dieses sagte, gab Darena Poterne einen heftigen Fußtritt, um ihn voranzutreiben, und um Fräulein Chichette zu bestimmen die Hand Cherubins fahren zu lassen, denn es schien, als ob sie dieselbe fortwährend festhalten wollte.

Die vorgeblichen Fremden stiegen in einen Fiaker, Cherubin und Darena nahmen ein Cabriolet und ließen es dem Fiaker nachfahren, der vor einem sehr bescheidenen Hôtel garni der alten Tempelstraße Halt machte.

»Ganz gut,« sagte Darena, »wir wissen nun, wo sie wohnen, das genügt für heute Abend. Morgen schreiben Sie ein feuriges Billet an die Polin, ich nehme es auf mich, ihr dasselbe ohne Vorwissen ihres Mannes in die Hände zu spielen, und ich stehe Ihnen dafür, daß sie darauf antworten wird.«

Nachdem zwischen den Herren Alles abgemacht war, begab sich Cherubin nach Hause, und Darena verließ ihn, sich innerlich über den Erfolg seiner List beglückwünschend.

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