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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Alte Neuvermählte.

Es war im Jahr achtzehnhundert und achtzehn, ich will nicht sagen glückseliger Erinnerung, weil ich mich nicht entsinne, ob dieses Jahr gesegneter war, als ein anderes; wahrscheinlich war es gesegnet für gewisse Leute und das Gegentheil für viele andere; denn bisweilen, häufig, ja fast immer erzeugt dieselbe Ursache zwei entgegengesetzte Folgen, das heißt, was dem Einen Glück bringt, das bringt dem Andern Unglück.

Doch so war es von jeher und wird ohne Zweifel so sein bis ans Ende der Zeit ... wenn überhaupt die Zeit je ein Ende nehmen wird ...

Die Natur gefällt sich in Gegensätzen, Contrasten ... ich kann nicht errathen warum; was mich indeß nicht hindert, zu glauben, daß sie Recht hat; denn die Natur thut jeder Zeit vollkommen, was sie thut.

Es war also im Jahr achtzehnhundert und achtzehn.

In einem alten Hôtel der Vorstadt St. Germain, gelegen ... ich weiß nicht mehr in welcher Straße, – das thut auch nichts zur Sache, – war eine zahlreiche Gesellschaft versammelt; man tanzte, man vergnügte sich, oder that wenigstens so; denn man ist nicht immer, was man zu sein scheint; kurz, man beging feierlich eine Hochzeit. Es war die des Herrn Marquis von Grandvilain mit Fräulein Amenais Dufoureau.

Es befand sich dort ein auserlesenes Orchester, wobei man indeß keine Klapphörner hörte, weil dieses Instrument damals noch nicht auf unsern Bällen vorherrschte; die Gesellschaft war gleichfalls auserlesen; man tanzte mit jenem Anstande, jenem Ernste, jener schönen Haltung, um derentwillen der französische Tanz nicht ergötzlich ist, und das Sprüchwort erzeugte, daß das heiterste Volk der Erde am wenigsten heiter tanze.

Allerdings hat sich seit jener Zeit ein gewisser, bei weitem ungebundenerer Tanz aus der Kneipe in die Maskenbälle eingeschlichen und von da in einige Salons eingeschmuggelt, – ein Tanz, der reizend wäre und wirklich einen Charakter hätte, wenn nicht die meisten, welche ihn ausführen, die Grazie mit der Posse und die Ungezwungenheit mit der Frechheit verwechselten. Dieser Tanz indeß hatte sich nicht auf die Hochzeit des Herrn Marquis von Grandvilain verirrt.

Auch versetzte der Bräutigam die Tänzerinnen nicht in Athem; er lief nicht von einer zur andern, um sie aufzufordern und ihnen die Hand zu bieten. Nachdem er den Ball mit seiner Gemahlin eröffnet hatte, warf er sich in einen ungeheuren Lehnsessel und begnügte sich, von da aus den Andern zuzusehen, wobei er den Damen zulächelte und den Takt mit dem Kopfe schlug.

Ohne Zweifel seid ihr über das Betragen des Bräutigams erstaunt und möchtet schon den Grund davon kennen; euer Erstaunen wird aufhören, wenn ich euch bemerke, daß Herr von Grandvilain an seinem Vermählungstage in sein neunundsechzigstes Jahr trat.

Daß einer in solchem Alter nicht mehr zu denjenigen rasend leidenschaftlichen Tänzern gehört, welche nicht vom Platze weichen, zu jenen Cavalieren, welche auf sechs Quadrillen zum Voraus engagiren, begreift sich leicht.

Vielleicht werdet ihr noch einwenden, daß in diesem Falle der Herr Marquis für den Ehestand auch nicht jünger war als für den Ball ... daß es eine Narrheit sei, sich im neunundsechzigsten Jahre zu verheirathen!

Je nun, was wisset ihr davon? ... ist es euch schon begegnet? und wäre es selbst eine Narrheit: was ist denn Schlimmes an den Narrheiten, wenn sie uns glücklich machen? Die närrischsten Leute sind zuweilen die weisesten.

Laßt uns heirathen, so lange wir Lust dazu haben, und tanzen, so lange wir können.

Cato lernte mit sechzig Jahren tanzen. Plato hielt eine Lobrede auf den Tanz, und man weiß es ja, daß der König David Bockssprünge vor der Bundeslade her machte ... Das war, ich gebe es zu, eine seltsame Manier, Glauben und Frömmigkeit auszudrücken; ich nehme daher gerne an, daß David zum mindesten jenen Tanz nicht kannte, von welchem ich kaum erst sprach.

Um auf den Bräutigam zurückzukommen, so verdiente der Marquis von Grandvilain seinen großen bengelhaften Namen nicht, denn er war von mittlerem Wuchse und feiner Taille; einst durfte man ihn sehr wohlgestaltet nennen; noch immer blieb ihm ein hübsches Bein und für einen Mann, der ein Weib nimmt, genugsam Wade.

Sein etwas schöpsenartiges Angesicht ermangelte weder des Adels noch der Anmuth; seine Züge waren regelmäßig, seine einst sogar äußerst schönen Augen hatten einen liebenswürdigen Ausdruck beibehalten; sein Lächeln endlich war immerhin noch leidlich schalkhaft. Man sieht, dieser Herr war keineswegs so mittellos, als man nach seinen Jahren vermuthen könnte, und daher sehr zu entschuldigen, daß er auf seine Heirath gedacht hatte, um diese schönen Sachen zweckmäßig zu verwenden.

Amenais Dufoureau, welche sich mit Herrn von Grandvilain vermählt hatte, trat eben in ihr vierundvierzigstes Jahr, und war bis dahin Jungfrau geblieben!

Jungfrau! ... begreifet ihr die ganze Bedeutung dieses Wortes! ... es bezeichnet euch ein ganz frisches Herz, eine ganz frische Seele, eine ganz frische Liebe und Reize – ganz frisch, wie alles Uebrige! ... eine Jungfrau von vierundvierzig Jahren und eine Blume, die noch nicht gepflückt ist ... aber großer Gott! welch' eine Blume, und welche Zeit hat sie gehabt, in Samen zu schießen! ...

Was mich betrifft, so gestehe ich in aller Demuth, daß ich zehn verheirathete Frauen dieses Alters einer Blume vorziehen würde, die man so lange am Stängel gelassen hat.

Wahrscheinlich dachte der Herr Marquis von Grandvilain nicht wie ich ... Die Meinungen sind frei, und wenn wir Alle die gleichen hätten, so wäre dies höchst langweilig; denn dann genößen wir nicht mehr das Vergnügen, uns zu streiten und zu zanken.

Herr von Grandvilain hatte Fräulein Amenais Dufoureau schon im Jahre achtundneunzig kennen lernen ... Damals war sie erst vierundzwanzig Jahre alt; es läßt sich voraussetzen, daß da ihr Herz wenigstens eben so frisch war, wie im vierundvierzigsten, gewiß ist aber, daß ihr Angesicht frischer war.

Zu jener Zeit war Amenais ein ziemlich hübsches Frauenzimmer; fein, schlank, beweglich, ihre schwarzen, hervortretenden Augen strahlten von Gesundheit und Lebhaftigkeit, ihr etwas großer Mund öffnete sich oft zum Lachen, um zwei Reihen der schönsten, tadellosesten Zähne sehen zu lassen; kurz, obgleich ihre Nase etwas dick, ihre Stirne etwas niedrig und ihre Farbe etwas braun war, konnte Fräulein Dufoureau doch für eine äußerst angenehme Person gelten.

Herr von Grandvilain, der zu jener Zeit neunundvierzig Jahre zählte und sich noch für einen jungen Mann ansah, weil er die Neigungen und den Charakter eines solchen noch immer beibehielt, hatte in den Gesellschaften Amenais kennen gelernt und ihr die Cour gemacht; aber mit jenem Leichtsinne eines an Eroberungen gewöhnten Mannes, jener Sicherheit eines Roués, der nie Grausame gefunden hat; endlich mit jenem Selbstbewußtsein eines Marquis, der einem unbedeutenden Bürgermädchen viel Ehre zu erweisen meint, wenn er einen Blick auf sie fallen läßt.

Fräulein Dufoureau war in der That nur von einfachem Bürgerstande; ihre Eltern, ehrliche Handelsleute, waren gestorben und hatten ihr fünfzehnhundert Livres Einkünfte und sehr gute Grundsätze hinterlassen.

Die fünfzehnhundert Livres Einkünfte waren freilich ein geringes Besitzthum; aber im Vereine mit der Tugend und Unschuld dieses Fräuleins bildeten sie ein Heirathsgut, welches gewisse junge, sehr reiche Damen höchst verlegen wären, ihren Gatten darzubieten.

Herr von Grandvilain, immer noch stolz und prächtig, umflatterte die Blume von vierundzwanzig Jahren.

Fräulein Amenais fand den Marquis sehr liebenswürdig; sie fühlte sich geschmeichelt durch seine Auszeichnung und ließ ihn sogar merken, daß ihr Herz seine schönen Worte nicht gleichgültig aufnehme. Aber als es ihr klar wurde, daß er keineswegs daran dachte, sie zur Marquisin zu machen, wies sie ihn stolz zurück mit der Frage:

»Mein Herr! für was halten Sie mich?«

Der Marquis, über diesen Widerstand geärgert, entfernte sich, eine Arie aus »Blasius und Babette« trillernd, welches damals eine neue komische Oper war; und die Opern der damaligen Zeit enthielten Melodien, welche man behalten konnte und sogar auf den Straßen sang.

Andere Zeiten! andere Musik! ...

Herr von Grandvilain wendete seine Liebesblicke, seine Sehnsucht, seine Anbetung und sein Herz nach andern Richtungen.

Fräulein Amenais Dufoureau verbarg ihren Gram, ihre Seufzer und ihre Glut in der Tiefe ihrer Seele.

Seht, wie glücklich die Männer sind! ... wenn ihnen eine Frau wiedersteht, so eilen sie zu andern; ... und es gelingt ihnen stets, einer Liebe los zu werden, welche sie jedem hübschen Gesichtchen anbieten. Gleich jenen Leuten, deren Taschen vollgestopft von Geld sind, und die sagen:

»Ich kaufe was ich will ... ich werde vom Schönsten und Besten erhalten, denn ich bezahle baar!«

Die rechtschaffenen Frauen hingegen sind genöthigt, Kredit zu verlangen; sie versprechen zwar allerdings ihre Liebe, wollen sich aber nicht dazu verstehen, sie gleich abzugeben.

Sechs Jahre verstrichen, in deren Laufe der Marquis, unaufhörlich von Eroberung zu Eroberung flatternd und sein Leben im Schooße des Vergnügens hinbringend, die arme Amenais Dufoureau, welche ein sehr friedliches, sehr bescheidenes Leben führte und selten die Gesellschaften besuchte, wo Herr von Grandvilain zu treffen war, nicht mehr sah.

Nach Verlauf dieser Zeit veranlaßte ein ländliches Fest in der Umgegend von Paris ein Zusammentreffen dieser beiden Personen, die sich nicht mehr aufgesucht hatten. Der Marquis fand, daß Fräulein Amenais immer noch anmuthig war und Amenais konnte einige Seufzer nicht unterdrücken, welche andeuteten, daß die Vergangenheit noch nicht gänzlich vergessen sei.

Herr von Grandvilain zeigte sich auf's Neue liebenswürdig und suchte sie auf's Neue zu verführen; er dachte, die Blume von dreißig Jahren werde sich leichter pflücken lassen, als die vierundzwanzigjährige. Aber er täuschte sich; er stieß auf dieselbe Tugend, denselben Widerstand, und doch verbarg man ihm nicht, daß er geliebt sei; allein man wollte Marquisin werden und sich nur seinem Gatten hingeben.

Unser Verführer zog sich abermals zurück. Er reiste und blieb sechs Jahre von Frankreich entfernt. Als er zurückkam, war er viel weniger flatterhaft und leichtsinnig; sein äußerer Anstand immer noch ausgezeichnet, aber seine Bewegung langsam und schleppend. Indessen hielt sich der Marquis, obgleich er nun einundsechzig Jahre zählte, fortwährend für sehr verführerisch. Es gibt Personen, die nicht alt werden wollen; sie haben vollkommen Recht; aber dann hat die Zeit Unrecht.

Herr von Grandvilain sah Amenais Dufoureau wieder; sie war immer noch Jungfrau, obgleich sie sechsunddreißig Frühlinge, ohne die andern Jahreszeiten zu rechnen, hinter sich hatte ... (Man muß nämlich immer nur nach Frühlingen zählen, das erhält das Aussehen jugendlich.) War sie unverheirathet geblieben, weil sie keinen Mann gefunden hatte, oder weil sie ihr Herz dem Marquis aufbewahren wollte? – Wir sind zu galant, um nicht zu glauben, daß es aus dem letztern Grunde geschehen sei, und der Marquis wird wohl ebenso gedacht haben, weil es seiner Eigenliebe schmeichelte.

Amenais war nicht mehr so schlank, so hübsch gewachsen, wie mit vierundzwanzig Jahren; allein sie war noch ziemlich frisch, und ihr Blick hatte, was er an Lebhaftigkeit verloren, an Zärtlichkeit gewonnen. Herr von Grandvilain, der stets mit Vergnügen die einzige Frau, die er nicht besiegt hatte, wiedersah, fing von Neuem an, der Blume von sechsunddreißig Jahren die Cour zu machen.

Er war indeß nicht glücklicher; dies läßt sich leicht erklären. Nachdem man die Kraft gehabt hatte, ihm zu widerstehen, als er noch jung und hübsch gewesen, war es sehr unwahrscheinlich, daß man sich ihm ergeben werde, als er alt und abgelebt war. Herr von Grandvilain, noch immer stolz und anspruchsvoll, zog sich, mit dem Schwure, nimmer wiederzukehren und mit dem Vorsatze, seine Huldigungen anderwärts anzubringen, nochmals zurück.

Armer Verliebter! Sechzig Jahre vorbei und noch mit der Einbildung gestraft, flatterhaft sein zu können. Die Gelegenheiten, Amenais zu vergessen, boten sich nicht mehr dar ... Die Zeit verfloß, ohne Zerstreuungen zu bringen; alle Damen wurden für den Marquis ebenso grausam, wie Fräulein Dufoureau, und unser alter Verführer dachte bei sich:

»Es ist erstaunlich, wie das schöne Geschlecht sich ändert! ... Die Damen haben kein so empfindsames Herz mehr wie ehemals!«

Endlich entschloß sich der Marquis, zu Amenais zurückzukehren; sie ging ihrem vierundvierzigsten Frühling entgegen, und Herr von Grandvilain sprach in seinem Sinne:

»Wenn ich noch mehr Frühlinge abwarte, wird es eher einem Winter ähnlich sehen. Ich meinerseits trete in das Alter, wo man solid wird ... Fräulein Dufoureau ist nicht von Adel, aber sie ist tugendhaft ... Es sind nun zwanzig Jahre, daß sie mich liebt; das verdient eine Belohnung ... ich will sie heirathen.

Und unser neunundsechzigjähriger Verliebter bot endlich dem Fräulein, die er zwanzig Jahre früher hätte heirathen können, die Hand an.

Als der Marquis dem Fräulein Amenais seine Hand, sein Herz und seine neunundsechzig Jahre antrug, hatte sie gute Lust, ihm zu entgegnen:

»Uns jetzt noch heirathen! es ist kaum der Mühe werth!«

Indessen willigte sie doch ein, und deßhalb feierte man im Jahre achtzehnhundert und achtzehn die Hochzeit des alten Liebespaares im Hôtel des Herrn von Grandvilain.

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