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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090103
projectid8bc25582
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Achtzehntes Kapitel

Der Eintritt in die Welt.

In einem prächtigen, von Lichtern strahlenden Saale der Straße Saint-Lazare war eine elegante, schon zahlreiche Gesellschaft versammelt, die sich in Gesprächen erging, die selten vertraulicher Natur, aber desto häufiger pikant und spöttisch waren. Geistreiche Leute mischten zuweilen eine Bemerkung in die Unterredung, während unerschütterliche Schwätzer, die nie etwas Vernünftiges zu sagen wissen, beharrlich das Wort führten. Madame Celival war in der That, wie Sie Monfréville zeichnete: schön, anmuthig, kokett; sie warf von Zeit zu Zeit ihre Augen in den Spiegel, um sich der günstigen Wirkung ihres Putzes zu versichern; sie gab sich mit allen Anwesenden, mit jenem eigenthümlichen Talente einer Frau ab, welche in der Welt zu leben gewohnt ist; reservirte sich jedoch ein zärtlicheres, süßeres Lächeln für ihre Courmacher.

Neben dem Divan, worauf sich die Hausherrin setzte, befand sich eine junge, hübsche, ganz in Gaze und Krepp gekleidete Blondine; Schleier und Schärpen umhüllten sie so, daß kaum ihre reizenden Gesichtszüge durchblickten; ihre ganze Kleidung war weiß und rosa, und dies stand der Dame so gut, daß sie von ferne jenen Gemälden glich, die einen aus Wolken auftauchenden weiblichen Kopf darstellen.

Madame Celival bedankte sich bei der schönen Blondine, daß sie ihr die Gefälligkeit erzeigt habe, trotz ihres leidenden Nervenzustandes, der Soirée beizuwohnen. In einiger Entfernung war ein großer, sehr langer, sehr häßlicher und sehr dürrer Herr mit einem Orden, um dessen Kinn sich ein dünner rabenschwarzer Backenbart zog; sein ebenso glänzender, sorgfältig gewichster, an beiden Enden in die Höhe gedrehter Schnurrbart gab ihm einige Aehnlichkeit mit einer Katze. Wenn man mit ihm sprach, nannte man ihn Oberst.

Ein junger Mann, dessen Haare mit einer Sorgfalt gescheitelt und gelockt waren, wie man sie nur von einer Dame erwarten konnte, und dessen regelmäßige, aber etwas harte Gesichtszüge an jene antiken Köpfe erinnerten, die unsere Historienmaler den Helden des ehemaligen Roms zu verleihen pflegen, stand an einen Kamin gelehnt; er wendete kaum seine Augen von den auf dem Divan sprechenden Damen ab, schien jedoch seine Blicke auf keiner der Damen mehr ruhen zu lassen, als auf der andern.

Bei einem Piano, denn ein Piano darf in keinem Salon fehlen, waren mehrere junge Personen versammelt, die in Albums blätterten oder Notenhefte ansahen; sie waren nicht alle hübsch, aber alle höchst geschmackvoll gekleidet, und in ihrem ganzen Wesen lag so viel bescheidene Anmuth, daß auch die Nichtschönen nicht ohne Reize waren.

Mütter besprachen sich in weiterer Entfernung; die einen waren mit einer Koketterie gekleidet, die noch Anspruch darauf machen zu wollen schien, ihre Töchter zu überstrahlen; die andern mit einfacher, geschmackvoller, für ihr Alter passender Eleganz, die sie nur um so verführerischer machte, wenn sie noch nicht über die Zeit des Gefallens hinaus waren.

Junge Leute flatterten um die jungen Damen herum, andere begnügten sich, kerzengerade stehen zu bleiben, um das Ausgesuchte ihrer Toilette und das Geschmackvolle ihrer Frisur bewundern zu lassen; einige andere hatten sich ein Lächeln angeeignet, welches während des ganzen Abends stereotyp um ihren Mund spielte. Männer vom mittlern Alter unterhielten sich, in der Mitte des Saales stehend; unter ihnen gewahrte man einen Herrn, dessen graue, auf der Stirne schon äußerst dünne Haare auf beiden Schläfen noch reichlich gekraust waren; er hatte edle und geistreiche Gesichtszüge, indessen leuchtete etwas zu Neugieriges, Forschendes aus seinen kleinen Augen, welche, obgleich man auf seinem Antlitze die nahenden Sechzig las, doch eine ganz jugendliche Lebhaftigkeit beibehalten hatten. Dieser Herr sprach unaufhörlich mit vielem Feuer, und war im Stande, während er in einer Ecke des Saales ein Gespräch unterhielt, zu vernehmen, was man etwas entfernter sagte, wodurch er befähigt war, sich in die meisten Unterredungen zu mischen, indem er zu gleicher Zeit mehrere Unterhaltungen über verschiedene Gegenstände mit derselben Leichtigkeit führte, mit welcher Cäsar, zu gleicher Zeit mehrere Briefe in verschiedenen Sprachen diktirte.

Ein anderer Saal, etwas kleiner, als der, worin sich die Damen aufhielten, und in welchen man durch ein kleines, mit bezauberndem Luxus möblirtes Zimmer gelangte, war für die Spiellustigen bestimmt; Whist- und Bouillotte-Tische waren aufgestellt, aber noch hatte Niemand daran Platz gekommen.

Man meldete Herrn von Monfréville und den Marquis Cherubin von Grandvilain. Alle Blicke wandten sich der Saalthüre zu. Die Namen Cherubin und Grandvilain bildeten einen so auffallenden Contrast, daß Jedermann gespannt war, den, der sie trug, zu sehen.

»Herr von Grandvilain!« riefen die jungen Damen. »O! wie häßlich muß der sein ... so kann nur ein bejahrter Mann heißen.«

»Aber man hat auch Cherubin gesagt ... das ist ein jungklingender Name.«

»– Es kann nicht ein und derselbe sein.«

»– Ohne Zweifel sind es Vater und Sohn.«

Während man diese Betrachtungen anstellte, sagte Madame Celival zu den sie umgebenden Personen, aber so laut, daß sie von der ganzen Gesellschaft verstanden werden konnte:

»Herr von Monfréville hat mich um die Erlaubniß gebeten, mir einen jungen, noch nicht in die Welt eingeführten Mann vorstellen zu dürfen, und ich habe ihm solche um so lieber gewährt, als dieser Jüngling, der letzte Sproße einer edeln Familie, wie man sagt, der Theilnahme, die ihm Monfréville schenkt, höchst würdig ist.«

»Ei! vortrefflich!« flüsterte der grauhaarige Herr ... »das ist eine kleine Vorrede zu der Einführung.«

In diesem Augenblick trat Cherubin mit Monfréville in den Saal; trotz all' dem, was ihm sein Mentor gesagt hatte, fehlte es ihm doch sehr an Sicherheit, und die hohe Röthe, welche sein Antlitz überzog, deutete hinlänglich seine Befangenheit an. Aber seine Augen waren so sanft, so schön, seine Züge so zart, seine Physiognomie so interessant, daß ein schmeichelhaftes Gemurmel seine Erscheinung im Saale begrüßte, und sich schon Jedermann zu seinen Gunsten gestimmt fühlte. Nur die jungen Herren, die, um sich bewundern zu lassen, wie Gliedermänner dastanden, schienen die allgemeine Empfindung nicht zu theilen.

»– Er sieht sehr linkisch aus!« sagte einer derselben.

»– Er hat gar keinen Anstand!« sagte ein Anderer.

»– Er gleicht einem als Mann verkleideten Frauenzimmer,« versetzte ein junger Löwe, dessen von Haar und Bart starrendes Haupt einem amerikanischen Urwald glich.

Und Herr Trichet, der Herr mit den grauen Haaren, lächelte mit boshafter Miene und sagte:

»Cherubin! ... ganz richtig! ... Das ist der kleine Page des Grafen Almaviva ... Es fehlt ihm nur noch die Galanterie und die Keckheit seines Namensbruders ... das gibt sich aber bald! ... Man wird sich ein Vergnügen daraus machen, ihn zu bilden.«

Madame Celival empfing den jungen, von Monfréville ihr vorgestellten Mann mit einem reizenden Lächeln, und sprach in jenen schmeichelhaften Worten mit ihm, die den, an welchen sie gerichtet werden, augenblicklich erobern.

Cherubin wollte auf die Artigkeiten dieser Dame antworten, aber er kam nicht zurecht, sondern verwickelte sich in einer Phrase, aus der er sich nicht mehr herauswinden konnte. Glücklicherweise war ihm Monfréville zur Seite, der schnell das Wort ergriff, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen, und Madame Celival hatte zu viel Lebensart, um ihm nicht auch dabei behülflich zu sein. Nach Verlauf einiger Minuten wagte es Cherubin endlich, sich umzusehen, und sagte ganz leise zu seinem Einführer:

»Welch' schöne Frauen sind hier! ... Ach! lieber Freund, darf man sie alle zugleich lieben?« »– Man hat die vollständige Freiheit, sie alle zu lieben, aber ich stehe Ihnen nicht dafür, daß Sie von allen werden geliebt werden.«

»– Die Gebieterin des Hauses ist sehr schön ... sie hat Augen, die ... die einen ... ich kann's nicht ausdrücken ...« »– Drücken Sie sich unter allen Umständen aus!«

»– Die einen betäuben ... trunken machen ... Entschuldigen Sie ... ich finde das rechte Wort nicht ...«

»– Augen, die einen trunken machen, ist nicht so übel gesagt, und ohne es zu vermuthen, haben Sie vielleicht den richtigsten Ausdruck gefunden, denn, gleichwie der Wein uns die Vernunft raubt, so üben die Augen einer schönen Frau dieselbe Wirkung aus. Ich hätte Lust, Madame Celival, was Sie eben von ihren Augen gesagt haben, mitzutheilen; ich wette, es würde ihr schmeicheln.«

»– O! bester Freund, thun Sie das nicht, ich hätte nicht mehr den Muth, diese Dame anzusehen. Hier ist aber ebenfalls eine, uns gegenüber, die auch sehr schön ist ... Diese in weiße und rosenrothe Schleier beinahe vergrabene Blondine ...«

»– Das ist die Frau Gräfin Emma von Baldieri, sie ist in der That hinreißend; sie gleicht einer Sylphide, einer Luftgestalt! Sie hat einen ausgezeichneten Wuchs, kleine Füßchen, kleine Händchen, einen kleinen Mund, kleine Ohren, nur ihre Augen sind groß. Sie ist das Muster einer niedlichen Frau; aber außerordentlich nervös, vaporös und hauptsächlich capriciös; heute werden Sie mit einem zärtlichen Blicke von ihr empfangen, morgen macht sie nicht einmal Miene, Sie zu erkennen; die Huldigungen haben sie verwöhnt. Gräfin Emma ist eine Französin, aber ihr Gatte ist ein Korse ... Jener dicke Herr mit dem starken Backenbart ist es, der an dem Clavier die Scala singt. Er hat eine herrliche Baßstimme, will deßhalb auch immer singen, und scheint sich, obgleich er ein Korse ist, wenig um die seiner Frau zugewendeten Schmeicheleien zu bekümmern.«

Herr Trichet, der ziemlich weit von Monfréville entfernt stand, hatte doch vernommen, was dieser zu Cherubin sagte, er näherte sich beiden Freunden und sprach in scherzendem Tone:

»Ja, ja, der schöne Sänger Valdieri ist nicht sehr eifersüchtig ... man muß ihm aber doch nicht allzu sehr trauen! ... Von diesen Korsen hat man immer eine Vendetta (Rache) zu fürchten ... Und wie steht's mit Ihrer Gesundheit, Herr von Monfréville?«

»– Sehr gut, mein Herr, ich danke Ihnen.«

»– Man hat Sie schon längere Zeit nicht mehr in Gesellschaften gesehen.«

»– Ich war genöthigt, einige Zeit auf meinem Landgut bei Fontainebleau zuzubringen.«

»– Ah! schön, Sie führen diesen Herrn in die Welt ein ... er hätte keinen bessern Führer finden können.«

Cherubin verbeugte sich, wollte einige Worte erwidern, hielt es aber, nachdem er einen Versuch gemacht hatte, für klüger, zu schweigen. Herr Trichet setzte die Unterhaltung fort, als er auf einmal am andern Ende des Saales drei Herren lebhaft mit einander sprechen hörte; alsbald eilte er auf sie zu und rief:

»So ist es nicht ... Sie sind falsch berichtet! Ich kenne diese Geschichte besser als Sie, und will sie Ihnen erzählen.«

Monfréville blickte lächelnd Cherubin an und sagte zu ihm:

»Es ist unnöthig, Ihnen zu sagen, daß dieser Herr, Namens Trichet, das neugierigste, schwatzhafteste Wesen von der Welt ist; er kann keine zwei Personen mit einander sprechen sehen, ohne sich in ihre Unterredung zu mischen, was nicht immer amüsant ist ... Da aber Herr Trichet ein alter, sehr reicher Junggeselle ist, der prächtige Gastmähler gibt, und, abgesehen von seiner Neugier, einigen Geist besitzt und ziemlich gut erzählt, so hat er überall in den Salons sowohl, wie in den Theatern Zutritt.« Cherubin ließ seine Blicke fortwährend auf den im Saale versammelten Personen herumschweifen, als die Thüre aufging und »Herr, Frau und Fräulein von Noirmont« gemeldet wurden.

Eine hoch gewachsene Dame von edler und eleganter Gestalt trat mit einem jungen, vierzehn- bis fünfzehnjährigen Mädchen zuerst ein. Diese Dame, deren Kleidung, obgleich kostbar, doch beinahe von strenger Einfachheit war, schien etwas über dreißig Jahre zu zählen; ihre Züge waren schön, aber ernst; ihre großen, braunen Augen von ziemlich dichten Brauen überschattet, hatten einen unbestimmten, nachdenklichen Ausdruck, der auf die Vermuthung brachte, daß sie oft mit ganz andern Dingen beschäftigt war, als über die sie sprach. Ihr etwas zusammengekniffener Mund verzog sich beinahe nie zu einem Lächeln; schöne, schwarze, lange Flechten standen ihrem kalten, stolzen Antlitz vortrefflich.

In dem jungen Mädchen drückte sich die Lieblichkeit ihres Alters aus; ohne auffallend hübsch zu sein, gefielen ihre Züge durch einen reizenden Ausdruck von neckischer Schelmerei, welche von den strengen Blicken ihrer Mutter öfters in den Schranken gehalten wurde.

Herr von Noirmont, der ihnen folgte, war ein mehr als fünfzigjähriger Mann, sehr groß und etwas vorgebeugt, einige braune Haare bedeckten seine Schläfe, aber die Mitte seines Hauptes war völlig kahl; in seinen Zügen lag Härte, Hochmuth und wenig Anmuth; sie waren jedoch regelmäßig und mußten sehr schön gewesen sein, aber sein starrer Blick, seine rauhe Stimme und seine Einsilbigkeit erweckten weder Freundschaft noch Vertrauen.

Die Ankunft dieser drei Personen schien auf Monfréville einen ziemlich lebhaften Eindruck zu machen; er runzelte die Stirne, zog die Augenbrauen zusammen, und sein Blick verdüsterte sich; bald aber das eben empfundene Gefühl unterdrückend, nahm er wieder die vorige liebenswürdige und heitere Miene an; es war sogar, als ob er sich bestrebte, munterer als vorher zu scheinen.

Herr Trichet, der wieder um Cherubin herumstrich, ermangelte nicht, über die Neuangekommenen seine Bemerkungen zu machen.

»Das ist die Familie Noirmont ...« sagte er, »sie haben ihr Gut in der Normandie verlassen und wohnen jetzt in Paris ... sie müssen auf ihrer Herrschaft schändliche Langweile gehabt haben! ... sie sind nicht heiter! ... Dieser von Noirmont ist trocken, steif, hochmüthig! ... weil er einst Gerichtsbeamter war, könnte man immer noch glauben, er wolle Jemand verurtheilen ... übrigens ist er ein streng rechtlicher Mann ... o! sein Ruf ist verdient, aber liebenswürdig ist er nicht. Seine Frau ist die würdige Genossin ihres Gatten, spricht sehr wenig und lacht niemals ... ich weiß nicht, ob sie Geist hat ... jedenfalls stellt sie ihn nie bloß! ... was ihre Tugend anbetrifft, o! diese ist tadellos! unantastbar, wie die Rechtlichkeit ihres Mannes. Und doch muß Frau von Noirmont, die noch recht hübsch ist, obgleich sie etwa drei bis vierunddreißig Jahre alt sein mag ... ja, für so alt schätze ich sie, in ihrer Jugend hinreißend gewesen sein ... wenn sie nämlich damals zu lächeln vermochte! Ihre Tochter, die kleine Ernestine, ist noch ein Kind ... sie ist artig, hat eine fröhliche, schelmische Miene ... was ein Beweis wäre, daß sie weder dem Vater, noch der Mutter nachschlägt ... das kommt übrigens häufig vor ... Ah! warten Sie doch, Oberst, ich habe die Person, von der Sie sprechen, gekannt ... ich will Ihnen den Vorfall, dessen Sie eben erwähnen, genau mittheilen.«

Mit diesen Worten eilte Herr Trichet zu dem großen Herrn mit dem in die Höhe gedrehten Schnurrbarte, der sich mit zwei Damen unterhielt, und Cherubin bemerkte, sich umwendend, daß Monfréville nicht mehr an seiner Seite war. Als der Jüngling inmitten dieser zahlreichen Gesellschaft allein stand, fühlte er sich ganz verlegen, und verlor den Muth, den ihm die Nähe seines Freundes bisher eingeflößt hatte. Er wollte nicht linkisch und blöde neben dem Kamin bleiben, wo er Aller Augen ausgesetzt war, daher entfernte er sich, hinter einem Lehnstuhl herumschleichend, aus dem Kreise, und kam dann zu einer Fenstervertiefung, wo er aber durch nebenan sitzende Personen abgehalten wurde, weiter zu gehen. Er wollte wieder umkehren, aber Frau von Noirmont und ihre Tochter hatten die vor ihm stehenden Stühle eingenommen und ihm dadurch dergestalt den Rückweg abgeschnitten, daß er sich innerhalb eines ganz engen Raumes eingeschlossen fand, den er, ohne die vor ihm sitzenden Damen zum Aufstehen zu nöthigen, nicht verlassen konnte; da er einer solchen Kühnheit unfähig war, so entschloß er sich, in seiner Ecke zu verweilen, bis es dem Zufall gefallen würde, Montréville herbeizuführen, um ihn aus seinem Gefängniß zu erlösen.

Die vor Cherubin sitzenden Damen vermutheten nicht, daß Jemand hinter ihnen in der Ecke stehe. Die Unterredungen im Saale wurden fortgesetzt; man ging, kam, lachte, spazierte auf und ab. Cherubin allein konnte sich nicht rühren, und wußte nicht, welche Figur er in seinem kleinen Winkel machen sollte. Madame Celival ging mehrmals an den ihn blokirenden Personen vorüber, aber sie bemerkte ihn nicht, was ihm höchst erwünscht kam, denn er hätte nicht gewußt, welche Antwort er der Dame geben sollte, wenn sie ihn gefragt hätte, was er da mache. Auch Monfréville'n bemerkte er wieder im Saale, aber dieser gewahrte die flehenden Blicke nicht, die ihm sein junger Freund zuwarf, und statt sich zu nähern, schien er vielmehr die Gegend, wo Frau von Noirmont saß, zu meiden.

Beinahe eine Stunde verfloß auf diese Weise, der arme Cherubin war todtmüde von immerwährendem Stehen, und langweilte sich in seiner schmalen Ecke entsetzlich. Zwar konnte er hören, was Frau von Noirmont mit ihrer Tochter sprach, aber diese Dame pflegte keiner langen Unterhaltungen, und erwiederte kurz auf die Fragen der jungen Ernestine.

»Mutter,« fragte Fräulein von Noirmont, nachdem ein junges Mädchen eine Romanze gesungen hatte, »erlaubst Du nicht, daß ich auch singe?«

»– Nein, meine Tochter, Du bist zu jung, um Dich allen Blicken auszusetzen und vorzudrängen, und sollst außerdem, wenn es Dein Vater nicht verlangt, niemals öffentlich singen ...«

»– Warum denn, liebe Mutter ...?«

»– Weil mir an einem jungen Mädchen die bescheidene Demuth besser gefällt, als die prunkende Eitelkeit.«

»– Aber warum hältst Du mir dann einen Musik- und einen Sing-Lehrer?«

»– Diese Talente gewähren in der Einsamkeit mehr Nutzen, als im öffentlichen Leben.«

»– Ach, aber ich möchte so gerne, liebe Mutter ...«

»– Genug, meine Tochter!«

Ein Blick der Frau von Noirmont gebot dem jungen Mädchen Schweigen, aber nach wenigen Augenblicken begann sie wieder:

»Man tanzt also hier nicht, liebe Mutter?«

»– Nein ... habe ich Dir gesagt, daß wir auf einen Ball gehen?«

»– O nein, aber zuweilen wird in den Abendgesellschaften getanzt ... dann ist es weit unterhaltender!«

»– Du denkst nur ans Vergnügen und Tanzen!«

»– O! es macht mir so viel Freude, der Vater hat mir versprochen, diesen Winter einen großen Ball zu geben.«

»– Einen großen Ball! ... ach! ich hoffe, daß er diesen Gedanken aufgibt!«

»– Warum denn, ist's Dir nicht recht, liebe Mutter?« »– Schon gut, schweige nur!«

Das Mädchen schwieg mit einer lieblich schmollenden Miene, dann faßte die Mutter lebhaft ihrer Tochter Hand, drückte dieselbe in den ihrigen und sagte in sanfterem Tone mit einem Ausdruck tief gefühlter Wehmuth zu ihr:

»Ich betrübe Dich, Ernestine, Du wirft Deine Mutter deßhalb nicht mehr lieben!«

Statt aller Antwort führte das junge Mädchen die Hand der Mutter zum Munde und küßte sie, indem sie flüsterte:

»O! Du weißt wohl, daß ich Dich liebe ...«

Als sich Ernestine plötzlich umwandte, gewahrte sie Cherubin, der sich beinahe auf keinem Fuß mehr halten konnte. Beim Anblick des jungen hinter ihr stehenden Mannes, welcher eine so sonderbare Figur machte, vermochte die junge Ernestine einen Reiz zum Lachen nur halb zu unterdrücken. Ihr Mutter sagte hierauf:

»Was hast Du denn? ... was kommt Dich an? So lacht man in Gesellschaft nicht, das ist unpassend ...«

Ohne zu antworten, stieß das Mädchen ihre Mutter ein wenig an und stotterte:

»Sieh doch ... den kleinen Herrn ... hinter uns! ...«

Frau von Noirmont wendete sich um und erblickte Cherubin, der ganz außer Fassung, ihr eine tiefe Verbeugung machte. Erstaunt, den Jüngling in die Fenstervertiefung eingesperrt zu sehen, schickte sich Frau von Noirmont an, ihm einen Ausweg zu öffnen ... aber in demselben Augenblicke trat Montréville, der eben seinen Freund, den er vergeblich in den Salons gesucht, entdeckt hatte, auf die Gruppe zu, um ihm aus seinem Gefängniß zu helfen.

Als Frau von Noirmont Monfréville gerade auf sich zukommen sah, schien sie eine krampfhafte Bewegung zu durchzucken, ihr Angesicht blieb aber beinahe unverändert.

»Entschuldigen Sie, Madame,« redete sie Monfréville an, »ich muß Sie um Erlaubniß bitten, diesen jungen Mann herauslassen zu dürfen, der, wie ich mir vorstelle, gewiß schon lange, ohne sich zu rühren, hinter Ihnen steht, aus Furcht, Sie zu stören.«

Statt aller Antwort gab Frau von Noirmont ihrer Tochter einen Wink, aufzustehen, was diese sogleich befolgte, Cherubin benützte den Durchgang schleunig, richtete tausend Entschuldigungen an die kleine Ernestine und entfernte sich hastig mit Monfréville, ohne die außerordentliche Blässe auf dem Angesicht der Frau von Noirmont und die gezwungene Heiterkeit seines Freundes zu bemerken.

»Ich steckte länger als eine Stunde dahinten!« sagte Cherubin leise, seinem Mentor folgend. »Ach! ich war fatal daran! ... welche Qual! ...«

»– Ei! lieber Freund, warum schlüpfen Sie auch in den Ecken herum? ... Hat vielleicht Frau von Noirmont mit Ihnen gesprochen?«

»– Die Dame mit strenger Miene ... welche vor mir saß ... nein, wahrhaftig, Sie hatte mich eben erst bemerkt ... o! in diese würde ich mich nicht verlieben ... obgleich sie sehr hübsch ist! ... denn ich finde ihr Aussehen nicht liebenswürdig ... welcher Unterschied zwischen ihr und den Damen Valdieri und Celival ... diese hier ... und jene dort.«

Während Cherubin seine verliebten Blicke auf den ihm gefallenden Damen herumschweifen ließ, ging Herr von Noirmont von Herrn Trichet, mit dem er gesprochen hatte, weg und begab sich in die Nähe des jungen Marquis, vor dem er sich mit folgenden Worten tief und förmlich verbeugte:

»– Ich vernehme so eben, daß der Sohn des verewigten Herrn Marquis von Grandvilain hier ist, und ich will ihm die Versicherung geben, daß ich entzückt bin, den Sohn eines Mannes zu sehen, welchen ich in jeder Hinsicht achtete und verehrte. Ja, Herr Marquis, ich rechnete Ihren Herrn Vater zu meinen werthen Bekannten ... er war ein sehr galanter Mann, und ich zweifle nicht daran, daß ihm sein Sohn ähnlich sei, hoffe auch, daß er mir die Ehre erweisen wird, mich zu besuchen ... hier ist meine Karte, Herr Marquis, ich schmeichle mir, Sie bald bei mir zu sehen.«

Cherubin verbeugte sich, ganz erstaunt über diese neue Einladung, und erwiderte einige allgemeine Redensarten; aber Herr von Noirmont nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit sich, während er sprach:

»Erlauben Sie mir, daß ich Sie meiner Gattin vorstelle.«

Cherubin ließ es geschehen, mit Beben sah er sich übrigens jener Ecke zuführen, wo er so lange verweilt hatte, diesmal sperrte man ihn aber nicht wieder ein. Herr von Noirmont stellte ihn seiner Frau mit den Worten vor:

»Der Herr Marquis von Grandvilain ... Sohn eines Mannes, von dem ich mir's zur Ehre rechnete, ausgezeichnet worden zu sein.«

Frau von Noirmont, die ihren jungen Gefangenen erkannte, unterdrückte eine Bewegung des Staunens, grüßte Cherubin kalt, schien es aber nicht zu wagen, ihn anzublicken, aus Furcht, abermals Montréville bei ihm zu sehen.

Die kleine Ernestine biß sich in die Lippen, um nicht in ein Gelächter auszubrechen, als sie ihren Vater den vorgestellten jungen Mann Grandvilain nennen hörte.

Endlich war Cherubin wieder frei, er eilte Montréville nach, der ihn fragte:

»Man hat Sie der Frau von Noirmont vorgestellt?«

»– Ja, mein Freund.«

»– Was hat sie zu Ihnen gesagt?«

»– Nichts, sie verbeugte sich sogar sehr kalt gegen mich.«

»– Werden Sie in diesem Hause Besuche machen?«

»Wahrhaftig, ich habe keine Lust dazu; es kommt mir vor, als müsse man sich dort entsetzlich langweilen; dieser Herr von Noirmont ist so streng höflich, daß es einen erstarren macht! ... Ueberdies bin ich nicht verpflichtet, alle Freunde meines Vaters zu besuchen ... sie sind eben nicht von meinem Alter.«

»– Sie geben Ihre Karte bei Herrn von Noirmont ab, dann ist's geschehen; ich denke auch, es sei überflüssig für Sie, in dieses Haus zu gehen. Ach, Madame Celival sucht Sie, sie hat mich vorhin gefragt, was aus Ihnen geworden sei? ... Ich glaube, Sie haben ihre Eroberung gemacht.«

»– Wirklich! ... o! wenn das wahr wäre! ...«

»– Sehen Sie, dort unten ist sie ... sprechen Sie ein wenig mit ihr ...«

»– Was denn?«

»– Was Sie wollen ... Sie wird Ihnen übrigens selbst Stoff zur Unterhaltung geben; seien Sie nicht schüchtern, mein lieber Freund, das wäre nicht das Mittel. Ihr Glück in der Welt zu machen.«

Cherubin nahm sich ungeheuer zusammen und wagte es, sich Madame Celival zu nähern; diese, als sie ihn auf sich zukommen sah, lächelte ihm holdselig zu und gab ihm einen Wink, sich neben sie zu setzen; durch diesen Empfang ermuthigt, ließ er sich neben der schönen Brünette nieder und stotterte einige unmöglich zu verstehende Worte, worauf jedoch Madame Celival antwortete, als ob sie dieselben verstanden hätte.

Eine geistreiche Frau ist, wenn sie will, im Stande, auch dem Schüchternsten Muth einzuflößen, indem sie selbst die Unterredung beginnt und fast allein im Gange erhält. Cherubin fühlte sich kühner und zufriedener mit sich selbst; es war ihm beinahe schon ganz behaglich bei dieser Dame, als sich der unvermeidliche Herr Trichet neben ihnen aufpflanzte und ausrief:

»– Ich weiß nicht, wovon die Rede ist! ... und doch wette ich, daß ich den Gegenstand Ihrer Unterhaltung errathe.« Madame Celival, die über Trichet's Einmischung in ihr Gespräch ziemlich mißvergnügt schien, entgegnete dem alten Junggesellen:

»Sie wollen immer errathen, was man sagt! ... Sie könnten sich leicht täuschen ... Wir wollen sehen, was sagte mir der Herr?«

»– Daß Sie reizend, anbetungswürdig seien ... denn etwas Anderes kann man Ihnen nicht sagen.«

Madame Celival lächelte mit etwas freundlicherer Miene, während Cherubin bis in das Weiße der Augen erröthend ausrief:

»Nein! das habe ich Madame nicht gesagt! ...«

»– Dann haben Sie's gedacht!« erwiderte Herr Trichet, »und das ist das Nämliche.«

Cherubin fand keine Antwort, er schlug die Augen nieder und sah so possierlich aus, daß Madame Celival, die ihn seiner Verlegenheit wegen bemitleidete, aufstand und sagte:

»Ei! mein lieber Trichet, Sie sind ein alter Narr! ... deshalb darf man Ihnen nichts nachtragen.«

Der alte Junggeselle hatte die letzten Worte bereits nicht mehr gehört; er war auf einen am andern Ende des Saales heftig gestikulirenden Herrn zugeeilt, dem er sich das Vergnügen machte, das Wort abzuschneiden; und Madame Celival verließ Cherubin mit einem zugleich liebenswürdigen und zärtlichen Blicke, indem sie sprach:

»Ich hoffe, mein Herr, daß Ihnen mein Haus angenehm sein wird, Sie werden mir solches dadurch beweisen, daß Sie mich recht oft besuchen.«

»Nun!« sagte Monfréville, wieder mit Cherubin zusammentreffend, »es scheint mir, Ihre Angelegenheiten sind in gutem Gang.«

»– Ach, mein Freund! das ist eine herrliche Dame; neben ihr kam es mir sogar vor, als ob ich Geist hätte! ... Ich war noch nie so wohl mit mir zufrieden.«

»– So ist's immer! ... Die Freundschaft eines großen Mannes ist eine Wohlthat der Götter! Aber die Liebe einer liebenswürdigen Frau ist das größte Glück auf Erden! Kommen Sie, Sie spielen nicht und ich auch nicht, es ist Zeit zum Nachhausegehen.«

Hierauf entfernten sich Cherubin und Montréville aus dem Salon, den die Familie Noirmont kurz zuvor verlassen hatte.

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