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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebenzehntes Kapitel

Rathschläge eines Freundes.

In sein Haus zurückgekehrt, ließ Cherubin Jasmin vor sich kommen und sagte zu ihm:

»– Wenn Herr Poterne es noch einmal wagte, sich hier sehen zu lassen, so befehle ich Dir, ihn zur Thüre hinauszuwerfen und ihm sogar, wenn Dir's gefällt, durch den Portier einige Stockstreiche geben zu lassen ... Du darfst ihn aber nicht selber schlagen, weil Du zu alt bist und am Ende Du die Prügel bekommen könntest.«

Jasmin stieß einen Jubelschrei aus und rief:

»Was! in Wahrheit, gnädiger Herr? ... und ohne ihm den Affen abzunehmen?«

»O! ich verbiete Dir vor allen Dingen, ihm auch das Geringste abzunehmen.« Dann erzählte Cherubin seinem alten Diener, was ihm begegnet war.

»Sehen Sie, gnädiger Herr, daß dieser Poterne ein nichtswürdiger Schurke ist ... ich war's überzeugt ... das sogenannte indische Eingemachte ... ließ ich Mamsell Turluretten versuchen ... es hat ihr den ganzen Unterleib aufgetrieben, und er ist seitdem ... noch nicht recht im Gange. Ich fürchte sehr, daß Alles, was Sie von diesem Poterne gekauft haben, Ihrer Uhr gleicht! ... Und dieser Herr Darena, dessen Geschäftsmann er ist! ... Hm! ...«

»– Darena war noch weit aufgebrachter über diesen Menschen, als ich ... er wird ihn halb todtschlagen. Auch er wurde von ihm betrogen; er ist unschuldig.«

»– Gleichviel, mein lieber Herr, ich achte Ihren andern Freund, Herrn von Monfréville, weit mehr. Ach! welcher Unterschied! er erborgt nicht Ihren Schneider ... hängt Ihnen nichts an ... und hetzte Ihnen nicht seinen sogenannten Intendanten auf den Hals.«

Cherubin lächelte über Jasmins Bemerkungen, aber nicht der leiseste Gedanke stieg in ihm auf, daß Darena Mitwisser von Poterne's schändlichen Handlungen sein könnte; Cherubins Herz war zu offen, zu vertrauensvoll, um solche List und Treulosigkeit zu argwöhnen, und er hätte nicht an den niederträchtigen Betrug Poterne's geglaubt, wenn er ihm nicht so klar bewiesen worden wäre.

Was Herrn Gerundium anbetrifft, der die eine Hälfte seiner Zeit im Bette, die andere bei Tische zubrachte und Abends Mamsell Turluretten Verse von Voltaire oder Racine vorlas, die er selbst in der Frühe gemacht haben wollte, so rief er, als er Poterne's schlechte Handlung erfuhr, aus:

»Dieser Mensch hat das fünfte Buch Mosis nicht gelesen, wo es heißt: non furtum facies! ... oder hat er es schlecht übersetzt.«

Einige Tage nach dieser Begebenheit besuchte Monfréville, kaum vom Lande zurückgekommen. Cherubin sogleich; beim Anblick der Jagdhunde, der Papageien, der Schildkröte, Stöcke, gothischen Vasen und aller sogenannten merkwürdigen Gegenstände, womit das Hotel seines jungen Freundes angefüllt war, stieß er einen Schrei, der aber kein Schrei der Bewunderung war, aus, und sagte zu Cherubin:

»Ei, mein Gott, welchen Einfall hatten Sie, all' diese Geschichten zu kaufen ...«

»Das sind lauter Gelegenheitskäufe ... man versicherte mich, das Alles sei wunderschön! ...«

»– Wunderschön! All' das ist abscheulich ... ganz geschmacklos ... ohne allen Werth ... Ihre Papageien sind alte Weibchen, Ihre Hunde elende Bastarde, die ich nicht zum Hühnerhüten halten möchte! sogar Ihre Stöcke sind nichts, als gewöhnliche lackirte Stecken; das ist kein ächter Bambus ... das war nie ein spanisches Rohr ...«

Was habe ich gesagt?« rief Jasmin aus. »Dieser Poterne war ein elender Spitzbube ... der uns immer Nasen drehte ... wie mit den Kleinodien ... Gnädiger Herr! erzählen Sie doch dem Herrn die Geschichte mit der Uhr.«

Cherubin theilte Monfréville das Vorgefallene mit.

»– Seit ich weiß, daß Sie diese Sachen von Poterne gekauft haben, wundere ich mich über nichts mehr! ... Kommen Sie immer noch mit Darena zusammen?«

»Ja wohl,« entgegnete Cherubin. »Er war im höchsten Grad entrüstet über das Betragen seines Geschäftsführers, und hat mir nachher gesagt, daß er ihn durchgeprügelt und aus dem Hause gejagt habe.«

Monfréville entschlüpfte ein fast unmerkliches Lächeln, dann nahm er Cherubin bei der Hand und sprach:

»Mein Freund, Sie sind noch sehr jung ... und können die Welt noch nicht kennen; diese Kenntniß der Welt, welche man, wenn man nicht in der frühen Jugend schon einen starken Beobachtungsgeist besitzt, nur durch Erfahrung und Gewohnheit erlangt, verursacht uns mehr Leid als Annehmlichkeit! ... denn die Menschen sind selten, was sie scheinen wollen; die Offenherzigkeit wird in der Gesellschaft nicht als eine Tugend geschätzt, sondern man würde im Gegentheil den, der seine Meinung, auf die Gefahr hin, die Eigenliebe oder die Empfindlichkeit eines Andern zu verletzen, frei heraussagte, entweder für einen Dummkopf oder für einen Grobian halten; dagegen findet man Leute – die nur schöne Reden und schmeichelhafte Worte im Munde führen – liebenswürdig und kümmert sich keineswegs darum, ob sie auch denken, was sie sprechen. Jeder handelt in der Welt, wie er von seinen Interessen oder Leidenschaften angetrieben wird, und Denjenigen, welche am meisten Staat mit ihrer Tugend, Ehre und Redlichkeit machen, darf man gerade am wenigsten trauen; denn wirklich tugendhafte und rechtschaffene Leute finden es ganz natürlich, so zu sein, und halten es für höchst überflüssig, sich dessen zu rühmen. Ich habe Ihnen dieses nicht früher gesagt, weil ich Ihnen nur ungern jene Täuschungen raube, die uns beim Eintritt ins Leben umgeben und den Reiz der Jugend ausmachen, aber ich nehme zu viel Antheil an Ihnen, als daß ich mich nicht bemühen sollte, Sie vor den Schlingen zu schützen, die man Ihnen legen könnte.«

»Wie, Herr von Monfréville,« versetzte Cherubin mit betrübter Miene, »darf man Niemand in der Welt trauen?«

»– Das will ich nicht behaupten ... ich will keinen Menschenfeind aus Ihnen machen, Gott soll mich davor bewahren! aber ich rathe Ihnen, vorsichtig in der Wahl Ihrer Freunde zu sein.«

»– Herr Gerundium hat mir oft gesagt, wenn man gelehrt werde, habe man nichts zu fürchten, denn ein Gelehrter könne nie betrogen werden, da er ja mehr wisse, als andere Leute.«

»– Ich weiß nicht, ob Ihr Hofmeister in seinen Wissenschaften stark ist, in der Kenntniß des menschlichen Herzens wenigstens ist er es nicht. Außerdem kann man sehr gelehrt sein, ohne einen Funken Geist zu haben, wovon alle Tage Beweise geliefert werden; endlich lassen sich die geistreichsten Menschen am leichtesten hintergehen, was ohne Zweifel von der Vorsehung zur Entschädigung der Dummköpfe so gefügt wurde.«

»– Also hegen Sie die Ueberzeugung, daß man mich hintergehen will?«

»– Sie sind jung, reich und haben sehr wenig Erfahrung. Es gibt eine Menge Leute, welche diese Umstände zu ihrem Vortheil werden ausbeuten wollen. Was ich Ihnen hier sage, ist betrübend ... Sie werden aber später einsehen, daß ich Recht hatte.«

»– Wurden Sie oft hintergangen, Herr von Monfréville?«

Diese naive Frage nöthigte Monfréville ein Lächeln ab, er seufzte indeß, als er entgegnete:

»Wie jeder Andere, mein Freund ... glauben Sie mir, hängen Sie sich nicht so sehr an Darena ... ich rede ungern Uebles von meinem Nächsten ... aber je mehr ich den Grafen beobachte, desto mehr sehe ich ein, daß seine Bekanntschaft nicht recht für Sie taugt.«

»– Er ist jedoch sehr liebenswürdig, unterhaltend und geistreich!«

»– Ich weiß es wohl, und das macht ihn eben um so gefährlicher ... er hat gewiß schon Geld von Ihnen entlehnt, nicht wahr?«

»– Ja ... einige Male ...«

»– Er wird es Ihnen nie zurückgeben.«

»– Sie glauben? ...«

»– Ich bin's überzeugt; ... er wird Sie zum Spielen auffordern? ...«

»– Ja, er hat mir oft den Vorschlag gemacht.«

»– Das ist die verheerendste Leidenschaft ... Er ist selbst ein Spieler ... und hat sich dadurch ruinirt. Wenn man so weit gekommen ist, so sucht man auch häufig Andere zu ruiniren; denn um die Mittel zur Befriedigung seiner Leidenschaft zu finden, ist ein unglücklicher Spieler zuweilen nicht sehr wählerisch und sucht sich oft auf sehr rücksichtslose Weise Geld zu verschaffen, und auf diesem Punkte ist Darena angelangt.«

»– Da Sie eine so schlechte Meinung von Darena haben, wie kommt es, daß er zu Ihren Freunden gehört ... warum haben Sie ihn mit nach Gagny gebracht?«

»– Ihre Bemerkung ist ganz richtig, aber in der Welt benutzt man das Gute eines Menschen und kümmert sich zu wenig um seine Fehler. Darena besitzt einen geehrten Namen und kann sich, wenn er will, sehr gut betragen, er hat sogar gefällige, gewinnende Manieren; mehr verlangt man in der Gesellschaft nicht; aber ich wiederhole es Ihnen, bei einem Freunde muß man noch andere Dinge finden können.«

»– Und den Frauen, mein lieber Monfréville, den Frauen? ... muß ich diesen auch mißtrauen? ... Ach das wäre Schade! ... es ist so was Hübsches um ein Frauenzimmer!«

»– Mit den Frauen ist's ein Anderes! Im Allgemeinen sind die Männer zu flatterhaft, um in der Wahl ihrer Liebschaften besonders große Ansprüche machen zu können, und in dieser Beziehung sind solche Verbindungen ungefährlich ... Was liegt daran, wenn man sich in eine Kokette verliebt, in ein Frauenzimmer von mehr als zweideutigem Ruf, in eine Schauspielerin, die sich über Einen lustig macht? ... Diese Liebe wird bald von einer andern verdrängt werden, die ihrerseits ebenfalls bald wieder vergessen sein wird! ... Der Ruf eines Mannes wird dadurch nicht gefährdet! ... Im Gegentheil, je mehr Sie Glück machen, je mehr werden sich die Damen geschmeichelt zeigen, Ihre Eroberung machen zu können; dies macht ihrer Eigenliebe mehr Ehre, als ihrem Herzen.«

»– Wie? um den Damen zu gefallen, muß man sie hintergehen?« rief Cherubin, Monfréville mit ungläubiger Miene betrachtend, aus, ... »es ist ihnen also einerlei, ob man sie vergißt, sie verläßt ...«

Monfréville erblaßte, seine Stirne verfinsterte sich, erschlug lange die Augen nieder und antwortete erst nach mehreren Augenblicken:

»Es gibt Frauen, welche die Unbeständigkeit nicht verzeihen ... das sind aber gewöhnlich nicht die, die uns am meisten lieben! denn die wahrhafte Liebe macht nachsichtig ... sie verzeiht, wenn man nur reuevoll zu ihr zurückkehrt. Sehen Sie, Cherubin, der gescheidteste Mann versteht die Frauenherzen nicht ... Man hat viel darüber gesprochen; Keiner war der Ansicht des Andern. Tertullian behauptet, der Teufel sei nicht so boshaft, wie ein Weib, und Confucius sagt, die Seele eines Weibes sei das Hauptwerk der Schöpfung. Cato behauptet, Weisheit und Vernunft seien mit dem weiblichen Charakter unvereinbar, und Tibull schreibt, die Liebe der Frauen führe uns zur Tugend zurück. Welcher Meinung soll man nun folgen? ... Indessen komme ich mir in diesem Augenblick wie Ihr Hofmeister vor, der Sie unaufhörlich mit seiner Gelehrsamkeit quält. Ich schließe, lieber junger Freund, indem ich Ihnen sage, daß das beste Mittel glücklich zu sein darin besteht, sich nicht fest an Jemand anzuschließen. Lieben Sie alle Frauen! ... dann wird Ihr Leben im Schooße des Vergnügens und der Freude hinfließen ... Wenn Sie aber nur eine lieben, so müssen Sie sich für wenig Glück auf viel Leid gefaßt machen!«

»– Ich soll also alle Frauen lieben! ... O! mehr verlange ich gar nicht! ... Ich verliebe mich in alle, die ich sehe ... wenn sie nämlich hübsch sind! ...«

»– Es scheint mir jedoch, als hätten Sie noch kein Verhältniß angesponnen ... Mir ist keine Liebschaft von Ihnen bekannt.«

»– Nein ... weil ... ich es nicht über das Herz bringen kann, einer Frau zu sagen, daß ich sie liebe ... Wissen Sie, daß dazu viel Keckheit gehört! ...«

»– Ha! ha! ... das ist die Folge Ihres sechzehnjährigen Aufenthalts bei Ihrer Amme! ... Sie müssen diese Schüchternheit ablegen, die Ihnen besonders bei dem schönen Geschlechte eher nachtheilig, als vortheilhaft wäre. Sie haben achtzehn Jahre zurückgelegt, es ist Zeit, daß Sie die Welt aufsuchen und sich zeigen. Nicht mit Grisetten und Theater-Figurantinnen müssen Sie die Schule Ihrer Liebe beginnen! ... Es steht Ihnen etwas Besseres zu Gebote; in der hohen Gesellschaft, in die ich Sie einführen will, werden sich tausend Frauen Ihre Eroberung streitig machen, und dabei werden Sie wenigstens Ehre einlegen. Sie müssen nun auch etwas Anderes kennen lernen, als die Theater, Kaffee- und Gasthäuser in Paris; in den Salons lernt man Bildung, und ich werde Sie in solche führen, wo Sie Gelegenheit haben, sich die Manieren der guten Gesellschaft anzueignen. Mit Ihrem Namen werden Sie überall Aufnahme finden. Die Saison der Soiréen ist eingetreten. Madame Celival hat ihre Reunionen eröffnet, die höchst glänzend sind. Man trifft die auserlesenste Gesellschaft der Stadt bei ihr; ich werde Sie derselben vorstellen.«

Cherubin bebte beim Gedanken, in die Welt zu treten; er fürchtete, verlegen, linkisch und wortlos zu sein; aber Monfréville ermuthigte ihn, versprach, sein Führer zu sein, und in seiner Nähe zu bleiben, und der Jüngling willigte endlich ein, sich in die Soirée der Madame Celival führen zu lassen.

Der Tag rückte für Cherubin, der noch nie in einer Soirée gewesen war, und den schon der Gedanke, sich in einer so großen Gesellschaft zu befinden, wo er den Blicken und Beobachtungen Aller ausgesetzt sei, im Innersten erschütterte, sehr schnell herbei.

»Was soll ich sprechen? ...« war Cherubins Hauptsorge, daher ging er, während er auf Monfréville's Ankunft harrte, zu Herrn Gerundium, ihn um Rath zu fragen, was ein junger Mann, der zum ersten Mal in Gesellschaft komme, zu sagen habe.

Herr Gerundium lernte eben Lafontain'sche Verse auswendig, die er nachher Mamsell Turluretten als sein eigenes Produkt vortragen wollte.

Der Hofmeister war nicht in die Haushälterin verliebt, er fand sie für sich zu entwickelt und strebte überdies nach einem andern Ziele; aber Mamsell Turlurette hatte neben ihren andern Verrichtungen auch das Departement des Confects, der Liköre, der eingemachten Früchte unter sich, und Herr Gerundium war nach all' diesen Süßigkeiten sehr lüstern.

Als der Hofmeister seinen Zögling in sein Zimmer treten sah, war er ganz erstaunt; seit sie sich in Paris befanden, war es das erste Mal, daß ihn Cherubin aufsuchte; er bildete sich ein, daß er den abgebrochenen Faden seiner Studien wieder anknüpfen wolle, und sagte daher zu dem Marquis:

»Mein edler Zögling, Alles ist bereit ... Ich harre Ihrer stets ... Ich habe Auszüge aus der Geschichte, der Mythologie und der Geologie für Sie gemacht ... Ich beschäftige mich fortwährend mit Ihnen. Da Sie gegenwärtig Unterricht im Pantoffelspiel nehmen, so forsche ich in Plutarchs berühmten Männern nach dem Ursprung dieser Uebung ... Ich finde zwar den Kampf mit dem Streithandschuh, den Faustkampf und den Wettkampf, aber das Pantoffelspiel konnte ich noch nicht finden ...«

»Ich danke Ihnen, Herr Gerundium,« entgegnete Cherubin, »davon handelt es sich nicht. Diesen Abend wird mich Herr von Monfréville in die große Welt einführen ... Er behauptet, es sei nothwendig, daß ich hingehe und den Ton der guten Gesellschaft annehme; er mag Recht haben, und ich versprach, mich hinführen zu lassen. Aber was spricht man in einem solchen Cirkel? ... Wie muß man sich benehmen? ... redet man unbekannte Personen an? ... Ich dachte, Sie, der Sie so vielerlei wissen, werden mich darin unterrichten können ... bisher war ich nur im Schauspiel, in Concerten, Kaffeehäusern ... und muß Ihnen gestehen, daß ich mich sehr fürchte, in Gesellschaft ein dummes Gesicht zu machen.«

»Dumm!« rief Herr Gerundium, »das ist unmöglich, Sie vergessen, daß Sie mein Schüler sind ... Sie sind im Horaz und Virgil nicht so bewandert, wie ich, es sind Ihnen aber manche Stellen daraus bekannt ... diese wenden Sie an, wenn Sie mit Männern sprechen. Gegenüber von Frauen ist's etwas Anderes; bei diesen bedienen Sie sich jener bildlichen, ausschmückenden Redensarten ... vergleichen Sie die eine mit Venus, die andere mit Diana, Juno oder Hebe, und Sie werden sicher ein auffallendes Glück machen. Inzwischen will ich Sie, wenn's Ihnen recht ist, begleiten, mich hinter Sie stellen und Ihnen einblasen.«

Cherubin hielt es für überflüssig, sich von seinem Hofmeister in Gesellschaft begleiten zu lassen; er setzte voraus, Monfréville werde Wort halten und nicht von seiner Seite gehen. Dieser kam auch zur bezeichneten Stunde, um seinen jungen Freund abzuholen.

Monfréville war höchst geschmackvoll gekleidet; seine schlanke, wohlgeformte Taille umschloß ein sehr passender Frack, den er mit äußerster Eleganz trug. Beim Anblick seiner jugendlichen Gestalt, seiner schönen braunen Haare und seines noch reizenden Angesichts hielt man den beinahe vierzigjährigen Mann kaum für einen Dreißiger.

Cherubin, der nach der neuesten Mode gekleidet war, hatte in seinem Wesen noch etwas von jener Schwerfälligkeit, die man auf dem Lande beibehält; da er übrigens einen sehr guten Wuchs und ein liebliches Gesicht hatte, so glich sein linkisches Benehmen oft der naiven Koketterie eines Schülers.

Man stieg in den Wagen, und Monfréville sagte zu seinem jungen Freunde:

»Ich führe Sie in der großen Welt ein. Um aber eine Schüchternheit abzulegen, die Ihnen schaden könnte, müssen Sie nie vergessen, daß Sie aus eben so gutem Hause sind, wie alle Anwesenden, und daß Ihr Reichthum und Stand Sie unabhängig macht. Wenn man diese Ueberzeugung haben kann, mein lieber Cherubin, so tritt man in der Welt mit vieler Sicherheit auf; es gibt sogar Leute, die deren zu viel haben. In Ermangelung der Vorzüge, welche Sie besitzen und die nicht Jedermann haben kann, würde ein Philosoph zu sich sagen: Warum sollte ich mich durch den Titel dieses oder das Vermögen jenes Menschen einschüchtern lassen? ... sind sie nicht Alle Menschen wie ich? Denken wir uns all' diese so stolzen, so eiteln Leute im Costüme unserer Ureltern im Paradiesgarten, nehmen wir ihnen ihre Orden, ihre Diamanten, ihre reichen Kleider, in welchen oft ihr ganzes Verdienst liegt ... würden Sie mir dann imponiren? ... Nein, wahrhaftig nicht; wahrscheinlich würden sie mich zum Lachen bringen und weiter nichts. Mein lieber Freund, es braucht nur einige Reflexionen dieser Art, um sich ganz ungenirt in der höchsten Gesellschaft zu befinden.«

»Sie flößen mir Muth ein,« sagte Cherubin, »mit den Männern werde ich dann lateinisch sprechen und bei den Damen Vergleichungen mit Venus, Diana, Phöbe anstellen ... so hat mir Herr Gerundium gerathen.«

»– Wenn Sie sich dem Spotte preisgeben wollten, wäre das das sicherste Mittel ... ich vermuthete längst, Ihr Hofmeister sei ein Dummkopf, jetzt bin ich es überzeugt.«

»– Aber mein Gott, was soll ich sagen ... wenn man mit mir spricht?«

»– Antworten auf das, was man Sie fragt.«

»– Aber wenn ich nichts zu antworten weiß ... wenn mir nichts einfällt.«

»– Dann schweigen Sie. Man ist nie dumm in der Welt, wenn man zu schweigen weiß; es gibt sogar Leute, die ihrem Schweigen ihren Ruf als geistreiche Männer verdanken.«

»– Aber gegenüber von Damen, wenn ich schöne sehe ... die mir gefallen?«

»– Sagen Sie ihnen das mit den Augen; sie werden Sie sehr gut verstehen.«

»– Wenn ich sie aber kennen lernen ... ihnen den Hof machen will?«

»– Dann sagen Sie, was Ihnen in den Kopf kommt ... nur suchen Sie nicht den Geistreichen zu spielen, dadurch würden Sie sehr langweilig werden.«

»– Wenn mir aber nichts in den Kopf kommt ...« »– So bleibt Ihnen immer ein Hülfsmittel im Schweigen und Liebäugeln: es gibt viele Leute, die dabei stehen bleiben ...« »– Wie ist aber die Dame, zu der Sie mich führen ...?« »– Ach! in der That, ich muß Ihnen eine Schilderung von ihr machen: Madame Celival ist ungefähr sechsunddreißig Jahre alt, aber noch sehr hübsch; eine interessante Brünette, deren Augen voll Ausdruck sind; sie hat eine wunderschöne Taille und herrliche Formen; es liegt etwas Verführerisches, Wollüstiges in ihrem Wesen, das alle Männer anzieht. Außerdem ist Madame Celival kokett und soll gegen die, welche für sie schmachten, nicht ausnehmend grausam sein. Dies sagt man sich jedoch nur im Vertrauen; sie ist übrigens ganz unabhängig ... Wittwe eines Generals ... o! aber eines wirklichen Generals, der existirt und ihr ein schönes Vermögen ohne Zugabe von Kindern hinterlassen hat. Sie werden begreifen, daß es der hübschen Wittwe nicht an Anbetern fehlt ... doch jetzt aufgepaßt, wir sind an Ort und Stelle!«

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