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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel

Herr Poterne setzt seine Spitzbübereien fort.

Cherubin fand im Café de Paris Darena und zwei junge Dandys, deren Bekanntschaft er im Foyer der großen Oper gemacht hatte. Mit achtzehn Jahren schließt man sehr leicht Verbindungen; man bietet und nimmt seine Freundschaft, wie die gewöhnlichste Sache von der Welt, an; im spätern Leben sieht man oft erst ein, daß man nichts gegeben und nichts empfangen hat.

Die beiden neuen Freunde Cherubins sind nur wenige Jahre älter als er. Der eine, welcher Benedikt Mousserand heißt, läßt sich, ohne seinen Taufnamen zu sagen, weil er ihn für gemein hält, von Mousserand nennen; der andere, welcher Oskar Chopinard heißt, läßt sich dagegen niemals beim Familien-, sondern stets nur beim Vornamen nennen.

Der erste ist ein großer, schlanker, junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, ziemlich hübsch, obgleich seine Augen ausdruckslos und seine Haare, die er blond nennt, roth sind; ein geistloser Schwätzer, der sich einbildet, alle Weiber zu erobern und der bestgekleidete Mann in Paris zu sein.

Der zweite, vierundzwanzig Jahre alt, ist klein, braun, hat eine gelbliche Hautfarbe und wäre beinahe häßlich, wenn nicht die Lebhaftigkeit und der Glanz seiner schwarzen Augen seinem Gesichte Ausdruck verliehen; man könnte ihn für geistreich halten, wenn er nicht die Schwachheit hätte, sich seiner Familie zu schämen und sich zu ärgern, wenn man ihn beim Namen seines Vaters nennt.

Beide Herren sind aus reichen Familien. Der erste ist der Sohn eines Notars aus der Provinz und soll in Paris die Stelle eines Wechselmäklers kaufen; der zweite, dessen Vater ehemals Uhrmacher war, sich aber längst vom Geschäfte zurückgezogen hat, strebt eigentlich nach gar keiner Thätigkeit.

Beide jungen Leute stehen sehr freundschaftlich mit Darena, weil er von Adel ist; er dagegen gleichfalls mit ihnen, weil sie reich sind. So besteht unter der menschlichen Gesellschaft beinahe immer ein Austausch eigennütziger Beweggründe.

»– Kommen Sie doch, Marquis Cherubin,« redete ihn Darena an, »wir erwarteten Sie, das Frühstück ist bestellt ... es wird köstlich sein, ich verstehe mich darauf ...«

»Sie sind etwas spät,« sagte Oskar.

»Er wird einer seiner Geliebten guten Tag gesagt haben,« versetzte der große Mousserand, sich das Kinn streichelnd.

»Meine Geliebten!« entgegnete Cherubin naiv, »o ich habe keine einzige! ...« Darena stieß ihn an den Arm und rief aus:

»Er hat keine einzige! ... ich hoffe, meine Herren, daß Sie so etwas nicht glauben! denn das will so viel heißen, als er hat in jedem Viertel der Stadt eine; er ist schon ein vollkommener Spitzbube in Betreff der Frauenzimmer ...«

Dann fuhr der Graf, Cherubin ins Ohr flüsternd, fort:

»Sagen Sie's doch nicht, daß Sie keine Liebschaft haben! man würde Sie sonst auslachen ... man würde, wie auf ein Wunder, mit Fingern auf Sie deuten ... Sie sind in der That, mein lieber Freund, für achtzehn Jahre weit zurück.«

Cherubin erröthete und beeilte sich, Platz bei Tische zu nehmen. Während des Essens hörte Mousserand nicht auf, von seinen Triumphen zu sprechen; bisweilen aber machte Oskar einige boshafte Bemerkungen hierüber. Darena sagte gar nichts, aber trank, aß und lachte desto mehr über die Gespräche Beider. Cherubin hörte Alles mit dem treuherzigsten Glauben von der Welt an, und ließ nur zuweilen einen Ausruf des Erstaunens hören, wenn ihm die Abenteuer gar zu ungewöhnlich schienen.

»Ja, meine Herren,« sagte der große Blondrothe, »im gegenwärtigen Augenblicke habe ich fünf Geliebten! zwei nicht gezählt, die erst im Beginne sind.«

»Im Beginne von was?« fragte Oskar höhnisch.

»– Beim Teufel, das ist doch gut zu verstehen, das Verhältniß ist im Beginne sich zu entwickeln, und wird im Laufe dieser oder spätestens der nächsten Woche entwickelt sein.«

»Dann hast Du sieben Geliebten! ... gerade wie ein Hahn! ...«

»O! Du scheinst zu lachen, Oskar, es ist aber sehr wahr ... zudem habe ich bisweilen schon mehr gehabt! ...«

»Herr von Mousserand, Sie werden furchtbar!« sagte Darena, »wenn übrigens Ihre Eroberungen hübsch sind, so mache ich Ihnen mein Compliment!«

»Vier davon sind reizend, zwei hübsch und eine leidlich, ich will aber die drei letztern an den Nagel hängen und nur die erste Qualität behalten.«

»Wie ... man kann eine Geliebte aufhängen?« fragte Cherubin mit verwunderter Miene.

»– Ei, Marquis, aus welchem Welttheil kommen Sie denn? Wenn man Sie hört, könnte man glauben, Sie seien ein Neuling in der Liebe ... und doch versichert der Herr Graf, Sie seien sein Zögling ... Das würde ihm keine Ehre machen!«

Darena leerte sein Glas und rief aus:

»Glauben Sie denn unserem jungen Adonis? ... Merken Sie denn nicht, daß er seinen Scherz mit uns treibt? ... er, der einer Schönen nur drei Tage lang treu bleibt ... er führt uns mit seiner treuherzigen Miene hinter das Licht! ... wenn er uns so daran kriegt, so frage ich Sie, wie muß er erst die Frauen aufsitzen lassen?«

»Herr Cherubin ist auf alle Arten begünstigt,« sagte Oskar.

»Er nicht allein!« versetzte der große Mousserand mit selbstzufriedener Miene; »ich sage dies aus dem Grunde, weil ich, bei meiner Ehre, kein Frauenzimmer kenne, das mir widerstanden hätte.«

»O! Dir! das ist kein Wunder,« entgegnete Oskar spöttisch, »Du hast ein solch feuriges Aussehen ... daß sich die Herzen schon an Deinen Haaren entzünden.«

»– Was soll das heißen?« erwiderte der große junge Mann, dessen Wangen die Farbe seiner Haare annahmen. »Willst Du damit sagen, ich habe rothe Haare?«

»– Ich meine, es sei überflüssig, das zu sagen!«

»Ruhig, meine Herren! sind wir etwa hier, um Streit miteinander anzufangen?« fiel Darena ein; »nein, wir sind hier, um zu frühstücken, zu lachen ... tolles Zeug zu sprechen, statt dessen ärgert man sich ... wird übler Laune ... Das ist gar keine Art; und dazu noch der Haare wegen! ... Mein Gott, ich möchte rothe Haare haben, ich wäre entzückt darüber ... Sie sind in Frankreich bei weitem nicht so allgemein, als die braunen und die blonden! ... Und es beweist überdies, daß sie nicht gefärbt sind. Oskar, schenken Sie mir ein, und Sie, Herr von Mousserand, bieten Sie diese Platte herum.«

»Ja, ja!« rief Cherubin aus, »anstatt sich zu erzürnen, sagen Sie mir lieber, was Sie mit Ihren sieben Geliebten treiben.«

»Ei, beim Kuckuk! wahrscheinlich, was Sie mit den Ihrigen auch treiben.«

»– Ich, ja, aber ich ...«

Ein Blick Darena's unterbrach Cherubin, dann fuhr er dennoch fort:

»Ich treibe gar nichts mit den meinigen!«

»– Dann werden sie Ihnen saubere Streiche spielen! ...« »Ich habe,« sagte Oskar, »gegenwärtig eine kleine allerliebste Grisette, der ich alle Wochen eine Haube und alle Monate ein Kleid anschaffe, womit sie höchst zufrieden ist.«

»Ich,« sagte der große Mousserand, »habe unter meinen sieben Geliebten eine Engländerin, die mich sehr viel Geld kostet ... sie ist aber bewundernswürdig! ...«

»– Ist das ein Aufschneider mit seinen sieben Weibern! Er kommt mir vor wie der Blaubart. Führe sie einmal alle miteinander spazieren, dann wirst Du wie ein Institutsvorsteher aussehen.«

»Ich schenke den Frauen nur noch mein Herz!« sagte Darena, »und sie lieben mich weit mehr, seit ich sie auf das reducirt habe.« »– Und Sie, Cherubin, machen Sie Ihrer Schönen wegen viele Thorheiten?«

Cherubin spielte mit seinem Messer, während er stotterte: »Ich ... ich weiß nicht ... es kommt darauf an ...«

»Das muß wahr sein,« versetzte Mousserand, »Sie sind zu verschwiegen; man kann nichts aus Ihnen herausbringen.«

Cherubin, den diese Unterredung in Verlegenheit setzte, zog seine Uhr heraus und gab vor, sich eines Stelldicheins wegen entfernen zu müssen.

Während er auf die Uhr sah, betrachtete sie Oskar Chopinard, der neben ihm saß, aufmerksam.

»Nicht wahr, sie ist sehr hübsch ... sehr flach?« fragte Cherubin, seinem Nachbar die Uhr näher hinhaltend.

Dieser nahm sie in die Hand, betrachtete sie nochmals sehr genau und rief aus:

»Das ist sonderbar! ... gilt's eine Wette? ... halten Sie! lassen Sie mich auch die Kette sehen ... O! beim Kuckuk! die Kette auch ... Ah! es wäre merkwürdig, wenn die Stecknadel ebenfalls ... erlauben Sie, mein lieber Cherubin!«

Und Herr Oskar betrachtete, nachdem er Cherubins Uhr untersucht und die um seinen Hals hängende Kette berührt und gewogen hatte, dessen Brillant-Vorstecknadel ganz in der Nähe.

»Warum betrachten Sie mich denn so?« fragte Cherubin, »was habe ich denn Außerordentliches an mir?«

»Was Sie haben?« entgegnete Oskar; »je nun, Dinge, die ich erstaunt bin, bei Ihnen zu sehen ... bei einem jungen und reichen Manne, wie Sie ... Sie müssen diese Uhr, diese Kette und diese Stecknadel nicht theuer bezahlt haben?«

»– Nein, nicht zu theuer ... fünfundzwanzighundert Franken zusammen; allerdings war es auch ein Gelegenheitskauf.«

»Fünfundzwanzighundert Franken!« entgegnete Oskar, die Hände zusammenschlagend; »dann, mein Freund, sind Sie bestohlen worden ... o! vollständig bestohlen ... Alle drei Gegenstände sind zusammen kaum sechzig Franken werth; die Brillanten sind falsch ... Kette und Uhr von vergoldetem Kupfer.«

»Von Kupfer!« rief Cherubin aus, während Darena zwischen den Zähnen brummte:

»Ach! der Schuft! ... ich habe mir es fast vorgestellt!« »– Es ist unmöglich; der Geschäftsführer des Herrn von Darena hat diese Sachen an mich verkauft ...«

»– Ich versichere Sie, daß ich dessen, was ich behaupte, gewiß bin.«

»Beim Kuckuk!« rief der große Mousserand höhnisch aus, »Oskar muß sich darauf verstehen; sein Vater war Uhrmacher ... Er wurde dabei auferzogen.«

Cherubin blickte Darena an und sagte:

»Wie kann das sein? ... Sie wissen doch, daß Herr Poterne mir diese Sachen besorgt hat.«

Darena schlug mit seinem Glase einen Teller zusammen und schrie:

»Wenn das der Fall ist, so ist Poterne ein elender Tropf, der mich niederträchtig betrogen hat; aber ich zerbreche ihn wie diesen Teller.«

Cherubin zweifelte immer noch. Man verließ die Restauration und trat in den ersten besten Bijouterie-Laden ein. Kaum hatte der Bijoutier die von dem jungen Manne getragenen Gegenstände betrachtet, so sagte er mit sehr artigem, aber etwas spöttischem Tone zu ihm:

»Ach! mein Herr, wie können Sie solche Gegenstände an sich tragen? ... Ich möchte nicht fünfzehn Franken für Alles zusammen geben.«

Cherubin zog seine Kette, Stecknadel und Uhr aus, und warf Alles mit einer Entrüstung, die ihren Grund weniger in seinem Geldverlust, als in dem Verdrusse hatte, betrogen worden zu sein, auf den Boden. Dann gab er dem Juwelenhändler seine Adresse und sagte zu ihm:

»Wollen Sie die Güte haben, und mir morgen dieselben Gegenstände, so wie ich sie bereits zu besitzen glaubte, in schönster Auswahl in mein Haus bringen; Sie werden sich überzeugen, mein Herr, daß ich im Stande bin, ächte Juwelen zu bezahlen.«

Der Bijoutier verbeugte sich, versicherte, daß man zufrieden gestellt werden solle, und man verließ seinen Laden.

»Was Ihren Herrn Poterne betrifft,« rief Cherubin, sich an Darena wendend, aus, »so rathe ich ihm, sich nicht mehr bei mir sehen zu lassen! ...«

Darena, der sich ganz wüthend stellte, nahm Cherubin bei der Hand, schüttelte sie ihm heftig und sagte:

»Mein Freund, ich bin unfreiwillig Schuld an Allem; dieser elende Poterne hat mich wie Sie betrogen ... Ich bin überzeugt, daß er auch mich entsetzlich bestiehlt! ...aber ich werde ihn dafür strafen ... ich gehe zu ihm und schlage ihm den Rückgrat entzwei.«

Mit diesen Worten verließ er die drei jungen Leute hastig und begab sich in der That zu Poterne.

Darena bewohnte damals ein kleines, ziemlich hübsches Logis in der neuen Bredastraße. Dank dem Handel, welchen Poterne mit dem jungen Marquis trieb, und wovon er einen Theil der Erträgnisse wegzog, befand er sich seit einiger Zeit bei Geld; sein Geschäftsführer hatte ein kleines Zimmer über seinem Quartier inne.

»Ist Poterne in meiner Wohnung?« sagte Darena im Vorbeigehen zum Portier.

»In Ihrer Wohnung oder in seiner, Herr Graf, im Hause ist er jedenfalls, ich sah ihn mit dem kleinen Jungen hereingeben, der seit vierzehn Tagen alle Morgen zu ihm kommt.«

»– Ei! ein kleiner Junge kommt alle Morgen zu ihm ... wie alt mag das Kind etwa sein?«

»– Meiner Treu! wohl zehn bis zwölf Jahre alt! ... er hat aber ein sehr schelmisches Aussehen ... ist nicht schön ... übrigens von so pfiffiger Miene, daß er beinahe gefällt.«

Darena ging die Treppe hinauf und sprach zu sich:

»Was mag wohl Poterne mit dem kleinen Jungen vorhaben? ... Ist es vielleicht sein Sohn ... o! nein, ein Mensch, wie der, weiß von keinem Kind ... er müßte ja dafür sorgen; es muß irgend ein Gassenjunge sein, den er zum Auslaufen und Stiefelputzen angenommen hat ... ich glaubte bisher, er besorge das selbst.«

Darena trat in sein Zimmer und ging, als er Poterne nicht fand, eine Stiege höher hinauf; dort pochte er an die Thüre seines Geschäftsführers.

Alsbald ließ sich eine geräuschvolle Bewegung im Zimmer vernehmen, es war, als ob man Stühle umwürfe und Kästen auf- und zuschlöße; endlich ließ sich die hohle, mißtönige Stimme Poterne's folgendermaßen vernehmen:

»Wer ist draußen?«

»– Ei, zum Kuckuk! ich bin's, mach doch auf, alter Spitzbube!«

Poterne schloß die Thüre auf mit den Worten:

»Warum geben Sie sich nicht gleich zu erkennen? ... ich war sehr beschäftigt ... und bin gestört worden ... wenn man nicht weiß, wer draußen ist!«

Darena schaute im Zimmer umher, das ganz in Unordnung war; dann auf Poterne blickend, der aufzuräumen schien, sagte er:

»Du warst nicht allein hier? ... Du hattest einen kleinen Jungen bei Dir ... was Teufels hast Du wieder für Heimlichkeiten mit dem Knaben vor? ... schnell, gib Antwort, ich bin nicht zum Lachen aufgelegt!«

Statt aller Erwiderung fing Poterne an zu schreien:

»He! Bruno, komm, Du darfst Dich zeigen ... mein intimster Freund ist da ... es ist keine Gefahr vorhanden!«

Alsbald öffnete sich ein Schrank, ein kleiner, etwa zwölfjähriger Knabe stieg heraus, wälzte sich auf dem Boden herum und stieß ein widerliches, dem Geschrei der Wilden ähnliches Grinsen aus; das Auffallende seines Wesens vermehrte noch seine sonderbare Kleidung, die aus einem grünlichen, theilweise behaarten Fell bestand, das auch seine Hände und Füße bedeckte, dort in eine Art Krallen auslief, und unten am Rücken mit einem ganz dünnen, aber außerordentlich langen Schwanz endigte; nur sein Gesicht war bloß.

»Was Teufels ist das?« brummte Darena, den kleinen Jungen betrachtend, der auf dem Boden eine Menge Kapriolen und Sprünge machte und ganz gewöhnt schien, auf den Händen zu gehen.

Herr Poterne ließ ein dumpfes Gegrunze hören, als ob er nach innen lachte, und entgegnete:

»– Das ist ein Affe, den ich zurichte.«

»– Ein Affe ... und für wen?«

»– Für unsern jungen Marquis. Ich wollte ihm zuerst einen großen und schönen Affen verkaufen ... hatte aber nicht Lust, Geld dafür auszugeben. Da sah ich an der Straßenecke diesen kleinen Schuhputzer ... der Spitzbube verrichtete alle ihm gegebenen Aufträge sehr pünktlich; ich überzeugte mich von seiner Klugheit und Gewandtheit, und schlug ihm vor, für eine anständige Belohnung den Affen zu machen. Zu diesem Zwecke kaufte ich auch dieses Orangoutang-Costüm, das sehr natürlich ist, Bruno zieht es alle Morgen an und übt sich dann im Springen, Grimassenschneiden u.s.w. ... er macht sich sehr gut und ist bereits possirlicher, als ein natürlicher Affe ... Hier habe ich auch die Larve, bin aber noch nicht fest entschlossen, sie ihm aufzusetzen ... da die Natur im Punkte der Häßlichkeit so viel für ihn gethan hat, so denke ich, wird es hinreichen, wenn ich ihm das Gesicht anstreiche und ihm Haare an die Augenbrauen und das Kinn klebe ... er wird dann schon einen recht stattlichen Affen vorstellen! ... ha! ha! ha!«

Darena sank auf einen Stuhl und konnte sich des Lachens nicht erwehren, während er sagte:

»Das ist entsetzlich! ... das ist abscheulich! ... und doch muß ich darüber lachen ... denn dieser Gedanke, einen Affen zu machen, ist in der That ... Poterne es ist Schade, daß Du eine solche Canaille bist, denn Du hast viel Einbildungskraft ... aber angenommen, Cherubin kaufte diesen falschen Affen, würde sich Herr Bruno dazu verstehen, sein ganzes Leben ein Thier zu bleiben.«

»Durchaus nicht,« entgegnete Poterne, »wenn er einmal im Hause ist, wird er schon einen gelegenen Augenblick abpassen, um Reißaus zu nehmen ... er kann durchgehen, wie er will ... durch einen Schornstein, wenn es Noth thut ... er war Kaminfeger und klettert vorzüglich in den Schornsteinen herum! ... mich geht das dann begreiflich nichts mehr an ... ich verkaufe einen Affen ... man bezahlt ihn mir ... es ist nicht meine Schuld, wenn man ihn durchgehen läßt ... ha! ha! ha!«

Als der Knabe Poterne lachen hörte, that er ein Gleiches, indem er abermals das wilde Geschrei des Affen nachahmte, und auf alle Möbeln des Zimmers hüpfte, um sein Talent noch mehr zu entwickeln.

»Nun,« sagte Darena nach einigem Schweigen; »diesmal sind Deine Erziehungskosten hinausgeworfen, und dieser kleine Schelm kann seinen Affen auf den Boulevards spielen, nur nicht bei unserem jungen Schüler.«

»– Warum denn nicht?«

»– Warum! ... weil Du ein elender Tropf ... ein Betrüger ... ein Dieb bist!«

Herr Poterne betrachtete den Grafen mit einer Miene, welche sagte: »Sie wissen das schon längst, warum scheinen Sie so erstaunt darüber?«

Darena fuhr fort:

»Ich gebe schon zu, daß man meinem jungen Freunde die Sachen, die man an ihn verkauft, etwas theuer anhängt ... weil – Alles wohl erwogen ... jeder Handelsmann seine Waare so theuer als möglich verkauft ... das ist Handel und Wandel, weiter nichts, aber ich dulde nicht, daß man Cherubins Vertrauen mißbrauche und ihn elend betrüge ... wie Sie es gethan, Herr Dieb! ...«

Poterne verdrehte die Augen mit Erstaunen und brummte:

»Ich sehe das große Unglück nicht ein ... ich habe ihm weis gemacht, es seien eingemachte Ananasse ... es sind aber nur Rüben ... das kann ihm jedoch nicht schaden, im Gegentheil ... sie erhitzen weniger.«

»Es handelt sich hier nicht um Rüben ... von dieser neuen Geschichte ist mir nichts bekannt ... Du wirst mir sie nachher erklären! sondern um die Uhr, die Kette und die Stecknadel! ... das Alles ist falsch ... entsetzlich falsch ... und Du warst frech genug, mir ins Gesicht zu behaupten, die Sachen seien achthundert Franken werth! Du Schurke! Du hast mich also auch bestohlen! ...«

»Es ist noch ein Glück, daß diese Kleinodien nicht so viel Werth hatten!« erwiderte Poterne kalt, »denn von den fünfundzwanzighundert Franken, die ich erhielt, haben Sie mir nur fünfhundert zur Befriedigung des Kaufmanns gelassen, und seit damals den Rest nicht nachbezahlt! ...«

»– Weil ich wie eine Ahnung von Deiner Schufterei hatte! ... solchen Pafel, vergoldetes Kupfer an meinen jungen Freund zu verkaufen ... das ist doch infam!«

»– Ei, sagen Sie doch! es kommt mir vor, wie wenn Sie seit achtzehn Monaten gehörig auf Kosten Ihres jungen Freundes lebten ...«

»– Schweig, Poterne, schweig ... ich hätte Lust, Dir die Knochen zu zerschlagen ... und Du verdientest es auch ... sieh, was Du angerichtet hast, weil Du Dich nicht mit einem ehrlichen Gewinne begnügtest, den Du aus den an Cherubin verkauften Gegenständen ziehen konntest, ist Dir jetzt sein Haus verschlossen ... ich hatte Dir eine prächtige Gelegenheit verschafft ... und durch Deine nimmer zu stillende Goldgier hast Du sie eingebüßt ... und in Folge dessen auch mir einen beträchtlichen Schaden zugefügt ... ich zog auch einigen Nutzen aus diesem kleinen Handel ... das war ganz in Ordnung, denn mir verdanktest Du ja die Bekanntschaft mit dem kleinen Crösus ...«

»– Auch einigen Nutzen! ... das heißt, Sie rissen Alles an sich!« brummte Poterne, indem er sein Gesicht abscheulich verzerrte.

»– Noch einmal – schweig ... oder ich halte nicht mehr an mich! wie soll ich in Zukunft meinen Luxus ... meinen Stand aufrecht erhalten? ... ich kann wohl zuweilen Etwas von Cherubin entlehnen ... aber diese Hülfsquelle wird bald versiegen ... auch die gefälligsten Leute werden des Herleihens am Ende müde, besonders wenn man ihnen nie etwas zurückerstattet. Ich wollte meinem jungen Freund unter dem Vorwande, diese Leidenschaft schicke sich für gebildete Leute, Geschmack am Spiele beibringen, aber es war mir unmöglich ... er langweilt sich dabei und überdies hat ihn der Teufel von Monfréville geradezu davor gewarnt. Es bleibt mir also nur noch ein Weg des Heils übrig, meine Angelegenheiten durch Dienste an Cherubin zu poussiren, die Liebe ... wenn ein reicher junger Mann verliebt ist, begeht er tausend Thorheiten für den Gegenstand seiner Liebe ... stehen ihm Hindernisse im Wege, so streut er mit vollen Händen Gold aus, um solche zu besiegen ... und es wäre uns ein Leichtes gewesen, ihm welche entgegenzusetzen. Aber durch ein mir unbegreifliches Mißgeschick hat Cherubin, der, wenn er ein hübsches Gesichtchen sieht, vor Bewunderung aufschreit, der in alle meine vier Tänzerinnen rasend verliebt schien ... der keiner hübschen Grisette begegnet, ohne in Verwirrung zu gerathen, kurz, der sich benimmt, als ob er in das ganze weibliche Geschlecht verliebt wäre, noch nicht das geringste Liebesverhältniß angesponnen, noch keine Geliebte auserwählt. Ich habe ihm zwanzig Mal vorgeschlagen, ihn zu Malvina, zu Rosina oder Feodora zu führen! ... Anfangs war er geneigt, später schlug er's aus und sagte: Ein ander Mal! wir wollen sehen, ich darf nicht! ... und meine Scherze, meine Spöttereien waren nicht im Stande, seine Schüchternheit zu besiegen. So weit bin ich nun; Du siehst ein, daß ich Grund zu der Behauptung habe, Deine Schurkerei habe mich in eine mißliche Lage versetzt.«

Poterne, der Darena aufmerksam zugehört hatte, schien über das eben Vernommene in Nachdenken zu versinken und antwortete endlich:

»Wenn der junge Mann noch kein Liebesverhältniß eingegangen hat, so rührt das wahrscheinlich daher, weil ihm noch kein Frauenzimmer vorgekommen ist, in das er sich wirklich hätte verlieben können ... dazu taugen Ihre Tänzerinnen nicht, die sich einem gleichsam an den Hals werfen ... so verführt man ein ganz frisches Herz nicht, das Täuschungen ... Leidenschaft verlangt ... Seien Sie ruhig, ich werde etwas auffinden, was für ihn und hoffentlich auch für uns paßt ... und ehe er sich's versieht, werde ich ihn in eine romantische, ganz verwickelte Intrigue gezogen haben.«

»– Bedenke, daß Du Dich nicht mehr vor ihm sehen lassen darfst, er ist wüthend auf Dich und einer Deiner empfindlichen Körpertheile könnte sehr leicht nahe Bekanntschaft mit seinem Stiefel machen müssen ... beherzige das!«

»– O! seien Sie getrost, wenn ich mich ihm abermals nähere, so werde ich dafür sorgen, daß er mich nicht erkennt.«

»– Poterne, wenn es Dir gelingt, im Herzen unseres Jünglings eine leidenschaftliche Liebe anzufachen, so gewinnst Du meine Achtung wieder.«

»– Ja, ja, das wird mir gelingen! ... Sie müssen mir aber vor allen Dingen Zeit lassen, ein hübsches Lärvchen aufzufinden ... und mich dann versichern, daß ... Ei, Bruno! ... Bruno! ... wo läufst Du hin, kleiner Schelm? ...«

Während der zwischen Darena und Poterne stattfindenden Unterredung hatte der kleine Knabe, der recht gut begriff, daß es sich nun nicht mehr, wie ihm versprochen worden, darum handle, ihn einen Affen spielen zu lassen, allmählig sein Costüm ab- und seine eigenen Kleider wieder angezogen; nach Beendigung dieser Toilette aber, mit dem Vermuthen, man richte keine Aufmerksamkeit auf ihn, das Affenfell sammt der Maske unter seinen Arm gesteckt und mit demselben so eben das Zimmer verlassen.

»Mein Fell! ... mein Affenfell! Bruno! ...« rief Herr Poterne, ihm auf den Hausgang nachrennend. »Wart', kleiner Lump ... willst Du mir es dalassen.«

Aber Herr Bruno, der Dank dem Unterrichte, den er zu seiner Affenrolle genommen, in gymnastischen Uebungen eine außerordentliche Gewandtheit erlangt hatte, eilte die Treppe so flink hinab, daß er schon ganz unten war, ehe Poterne ein paar Schritte gemacht hatte; dessen ungeachtet setzte dieser seinem jungen Diebe weiter nach, und während Darena über dieses Abenteuer lachend auf sein Zimmer ging, verfolgte Herr Poterne den kleinen Stiefelwichser auf der Straße und schrie:

»Mein Fell! ... mein Fell! ... Haltet den kleinen Schelm fest, der mir mein Fell stehlen will!«

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